Alex Gorsky, CEO des Pharmakonzerns Johnson & Johnson © JNJ
--- © HP
--- © cc
--- © HP

Firma kriminell – CEO kassiert 25 Millionen

Urs P. Gasche / 23. Sep 2015 - Alex Gorsky war Marketingchef, als sein Konzern wegen Korruption, Schmiergeldern und Marketingschwindel Milliardenbussen zahlte.

Der Pharmakonzern Johnson & Johnson hatte kriminelle Machenschaften eingestanden und in einem Vergleich mehr als zwei Milliarden Dollar Bussen und Entschädigungen bezahlt. Es ging um das Psychopharmaka Risperdal, mit dem Johnson & Johnson bis heute weltweite Umsätze von über 30 Milliarden Dollar erzielte. Insgesamt zahlte J & J wegen Risperdal im Laufe der Jahre rund sechs Milliarden Bussen und Entschädigungen, wie Steven Brill für Huffington Post ausrechnete. Das sei ein Klacks, kommentierte die «New York Times», denn J & J habe allein in den USA mit Risperdal 18 Milliarden Dollar Gewinn erzielt. «Obwohl der Konzern erwischt wurde, zahlte sich das kriminelle Verhalten aus – für den Konzern und auch für die Manager.»

Bericht von Steven Brill auf Huffington Post

Marketing-Chef befördert und belohnt

Während der Zeit der wiederholten kriminellen Machenschaften war Alex Gorsky verantwortlich für das Marketing. Nachdem der Pharmakonzern die kriminellen Handlungen zugab, wurde Gorsky zum CEO befördert. Letztes Jahr verdiente er nach Angaben der «New York Times» 25 Millionen Dollar. Weder Gorsky noch der Konzern wollten die Beförderung und das Gehalt gegenüber der «New York Times» begründen.

Konzern-Sprecher Ernie Knewitz habe lediglich betont, dass Risperdal als Antipsychotika «nützlich» sei.

Tatsächlich ist Risperdal ein bewährtes Medikament bei Schizophrenie von Erwachsenen. Aber dieses Patientensegment war J & J zu klein. Der Konzern brauchte 1994 für seine Aktionäre einen «Blockbuster», d.h. ein Medikament mit mindestens einer Milliarde Umsatz pro Jahr, als Ersatz für einen früheren Blockbuster, dessen Patent abgelaufen war.

Deshalb erweiterte J & J die Indikation von Risperdal für Seniorinnen und Senioren, die an Demenz leiden, sowie für Kinder mit autistischen Symptomen. Das Problem: Bei Älteren kommt es häufiger zu Hirnschlägen, bei Jugendlichen zu wachsenden Brustdrüsen (Gynäkomastie).

Eine konzerninterne Studie deckte auf, dass Risperdal bei 5,5 Prozent aller Knaben und männlichen Jugendlichen zu Brustvergrösserungen führt. Doch J & J hielt diese Studie unter Verschluss, wie interne Dokumente beweisen.

Die unabhängige Cochrane Collaboration kam 2006 zum Schluss, dass Risperdal nur in schweren Fällen von Schizophrenie zur Anwendung kommen sollte.

Doch in der Schweiz erlaubt Swissmedic noch heute das Verschreiben von Risperdal an Jugendliche und an über 65-Jährige. Bei letzteren weist die Behörde darauf hin, dass Risperdal die Mortalität erhöht.

Zitat der FDA

Und vor dem Verschreiben an Jugendliche ab 5 Jahren mit «autistischen Störungen» oder mit «Störungen des Sozialverhaltens, oppositionellem Trotzverhalten oder anderem sozial störendem Verhalten» sollten Ärzte eine «sorgfältige Risiko-Nutzen-Analyse» machen, empfiehlt Swissmedic. Wie sie das tun sollen, bleibt offen.

Krankenkassen müssen Risperdal vergüten. Eine Hochrechnung der Helsana-Umsätze auf die ganze Schweiz ergibt für das Jahr 2014 180'000 verschriebene Packungen für fast 15 Millionen Franken zu Lasten der Grundversicherung. Über 20'000 Patientinnen und Patienten erhielten dieses Antipsychotikum. Das sind kaum weniger als die Jahre zuvor.

Ärzte geschmiert, Kickbacks bezahlt

Um mit Risperdal Milliarden zu verdienen, zahlte Johnson & Johnson Ärzten in den USA «Beratungshonorare». Mit Krankenversicherungen vereinbarte der Konzern, beim Verwenden von Risperdal, das im Vergleich zu herkömmlichen Antipsychotika viel teurer war, den Aufpreis zu teilen: Ein klassisches Kickback-System.

Als die US-Medikamentenbehörde FDA Risperdal für über 65-Jährige noch nicht freigegeben hatte, stellte J & J eine Verkaufstruppe zusammen, die ausschliesslich Seniorinnen und Senioren anvisierte. Als die FDA auf erhöhte Todesfälle aufmerksam machte, machte J & J ihr Senioren-Marketing munter weiter. «Es ging um immense Summen und die FDA zeigte keine Zähne», schreibt die «New York Times».

Eine ähnliche Marketing-Strategie lancierte J & J, um Kinderärzte für Risperdal zu gewinnen. Mit Erfolg: Schon im Jahr 2000 betrafen 20 Prozent der Verschreibungen Kinder und Jugendliche. Drei Jahre später lancierte J & J eine «Zurück zur Schule»-Kampagne.

Im Jahr 2004 übertrafen die weltweiten Umsätze mit Risperdal die Grenze von 3 Milliarden-Dollar.

Hohe Bussen, aber noch höhere Gewinne

«Wenn sich die Kriminalität eines Konzerns auszahlt» titelt «New York Times»-Kolumnist Nicholas Kristof seinen Kommentar: «Solange die verantwortlichen Manager nicht belangt werden und solange sich kriminelles Verhalten für Konzerne lohnt, verlieren wir alle.» Im Folgenden – unvollständig –, was J & J in den jüngsten Jahren in Kauf nahm (Umsatz 2014: 74 Milliarden Dollar):

  • 2013: Busse von $2.2 Mrd wegen Schmiergeldern (=Korruption) und Marketingfehlverhalten (Risperdal).
  • 2013: 11 Mio Euro Busse wegen kartellistischen Absprachen in der EU.
  • 2012: 181 Mio Dollar wegen Marketingfehlverhaltens
  • (Risperdal)
  • 2012: 0,6 Mio Dollar wegen fehlerhaften Hüftimplantaten.
  • 2011: 70 Mio Dollar Busse wegen Korruption
  • 2010: 81 Mio Dollar wegen Marketingfehlverhaltens (Topamax)
  • 2010: 258 Mio Dollar wegen Marketingfehlverhaltens (Risperdal)

---

Siehe auch:

Peter C. Gøtzsche «Pharmafirmen lügen und sind kriminell», 15.11.2014

Peter Christian Gøtzsche: «Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität», 21.11.2014

Infosperber-Dossier: Die Politik der Pharmakonzerne

---

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor vertritt noch bis Ende Jahr die Prämienzahlenden und PatientInnen in der Eidgenössischen Arzneimittelkommission.

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

5 Meinungen

Das kranke Justizsystem der USA lässt nichts anderes erwarten. Unter dem Titel Globalisierung wird das auch in Europa aktuell, dank der unfähigen Politelite. Zudem dehnen die USA ihre Justiz direkt in europäische Länder aus, ich erinnere an die amerikanisch-jüdische Erpressung Mitte der 90er und an die Aufgabe des Bankgeheimnisses durch Bundesrat und Parlament in der Schweiz oder was von ihr noch übrig bleibt.
Ulrich Hertig, am 23. September 2015 um 16:23 Uhr
@Hertig. Ihren Eintrag kann man kaum anders verstehen, als dass Sie den Pharmakonzern in Schutz nehmen wollen. Was soll denn falsch daran sein, dass die US-Justiz das kriminelle Vorgehen büsst? Was sollen die Bussen für Delikte in den USA damit zu tun haben, dass sich die US-Justiz in andern Fällen nach Europa ausdehnt?
Urs P. Gasche, am 23. September 2015 um 18:18 Uhr
Gratuliere zum Artikel! Es geht wirklich nicht um die amerikanische Justiz, sondern letztendlich um eine zwingend nötige Verlässlichkeit im Gesundheitssystem. Wie soll man Vertrauen gewinnen in eine Medizin, die sich nicht scheut milliardenschwere Bussen in Kauf zu nehmen, nur um noch größere Gewinne zu realisieren. Ich kann als Apotheker nur bezeugen, dass diese Praktiken leider stimmen und uns allen ein Vermögen kosten, ohne dass wir dabei gesünder werden.
Silvio Ballinari
Silvio Ballinari, am 23. September 2015 um 18:49 Uhr
"Tatsächlich ist Risperdal ein bewährtes Medikament bei Schizophrenie von Erwachsenen.» – Ich muss solchen Sätzen widersprechen, weil es sonst niemand tut, oder fast niemand. Risperdal und andere Neuroleptika sollten nicht als Medikamente bezeichnet werden. Wer dieses Zeug schluckt geht durch die Hölle. Und die meisten Ärzte können nicht damit umgehen. Aber den Status den diese Produkte haben ist kaum wegzukriegen. Pharmakritiker nennen die Psychiatrie zu Recht ein Paradies der Pharmaindustrie. Das hat einerseits mit der Unantastbarkeit der Psychiatrie in Bezug auf ihre Wischiwaschi-Diagnosen (Dr. Hell (Ex-Burghölzlichef) höchstpersönlich stellte die Schizophrenie als solches in Frage, ich selber habe dazu schon lange die nicht gefragte Meinung, dass hierbei sehr wichtigtuerisch pseudowissenschaftliche Begriffe benutzt werden, um einen ebenbürtigen Platz in der Medizin zu sichern) und Behandlung (nicht mal Ärzte wissen wie/warum 'es' wirkt) zu tun. Kaum ein Laie, Patient wagt sich aber diesen 'Experten' entgegenzustellen oder sind (Behörden, Angehörige) froh sich mit diesem 'Problem' nicht befassen zu müssen. Anderseits sind die armen Schlucker oft psycho-sozial Geschwächte, die in (geschlossenen) Kliniken, Alters- oder Kinderheimen sitzen. Wer sich wehrt, wird unter Umstände zwangsbehandelt. Ich kann da nur sagen: Horror! Einer, der sogar von der SAMW medizinisch-ethisch mit den jetzt zur Vernehmlassung stehenden Richtlinien 'Zwang in der Medizin' aufrechterhalten wird.
Eliane Schneider, am 23. September 2015 um 18:51 Uhr
Herr Gasche, natürlich nehme ich die Firma nicht in Schutz. Aber der Bonus an den Verantwortlichen sollte verboten sein. Wenn Sie die imperiale Machtausdehnung der USA durch ihre Justiz nicht sehen habe ich nichts mehr zu sagen. So viel ich verstehe wird die US-Justiz in dem noch nicht abgeschlossenen Handelsvertrag mit der EU weiter ausgedehnt.
Ulrich Hertig, am 23. September 2015 um 19:32 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.