Der Bund subventioniert Coronaviren-Flüge aus Risiko-Ländern

Jean-Pierre Schiltknecht © zvg
Jean-Pierre Schiltknecht / 13. Jul 2020 - In Flugzeugkabinen gelten weder Abstandsregeln noch eine Pflicht von Passagier-Adresslisten für ein nachträgliches Tracing.

Red. Der diplomierte ETH-Ingenieur Jean-Pierre Schiltknecht war langjähriger KMU-Unternehmer in der Messtechnikbranche. In seinem Gastbeitrag kritisiert er, dass die Swiss anders behandelt wird als die übrigen Unternehmen und Betriebe. Der Swiss werde sogar ein risikoreicher Milliardenkredit nachgeschossen ohne die Möglichkeit, Corona-Regeln durchzusetzen.

Es fällt auf, dass der Bundesrat in all seinen Bemühungen um die Corona-Bewältigung den Luftverkehr als Hauptverantwortlichen für die globale Virenverbreitung von der Mitverantwortung systematisch ausgeschlossen hat. Es ist ein folgenschwerer Widerspruch, der Lösungen an der Quelle der Pandemie-Verbreitung verunmöglicht. Mit allen Mitteln bis zum Lockdown kämpft der Bundesrat gegen die Corona-Pandemie und spricht im gleichen Atemzug Rettungsgelder für die Lufthansatochter Swiss und damit für die Aufrechterhaltung der Viren-Nachschubkette per Flugzeugkurier.

  • Paralysiert von einer mächtigen Luftverkehrslobby hat der Bundesrat seine bei jeder Gelegenheit wiederholten eigenen 2- bis 1,5-Meter-Abstandsregeln beim Luftverkehr der Lobby-Guillotine von Lufthansa und Swiss geopfert.
  • Die Empfehlungen der europäischen Agentur für Flugsicherheit EASA für leere Mittelsitze und Sitzreihen wurden in den Wind geschlagen.

Nicht genug damit: Der Bundesrat hat der Swiss staatliche Hilfsgelder zugesprochen und sich damit in eine höchst fragwürdige Gläubigerposition hineinmanövriert, ohne sich das Recht auszubedingen, übergeordnete Pandemie-Schutzmassnahmen im Flugverkehr vorzuschreiben, welche die wirtschaftlichen Interessen der Swiss auch nur ansatzweise einschränken könnten.

Naive Quarantänevorschriften für ankommende Passagiere

Vor diesem Hintergrund erscheinen die naiven Quarantäneerwartungen an ankommende Flugreisende aus den 29 vom BAG bezeichneten Hochrisikoländern als lächerliche und zahnlose Alibiübung.

Die Fluggesellschaften sind nicht einmal in der Pflicht, den Tracingstellen Passagierlisten zu liefern. (Nur schon die Ankündigung von Passagierlisten als Basis von Quarantänekontrollen mit griffigem Bussenreglement hätte ihre Wirkung.)

Der Appell an die Eigenverantwortung in der Quarantänefrage ist in den sozialen Medien innert kürzester Zeit zur Farce für Quarantäne-Umgehungen mutiert. Chaos und Hilflosigkeit total.

Die Konsequenz der Quarantäneliste für Hochrisikoländer kann nur die Unterbindung von Flügen aus diesen Ländern sein. Wie effizient sich eine solche Massnahme auf die Pandemieentwicklung eines Landes auswirkt, kann am Beispiel Norwegen nachverfolgt werden.

Beispiel Norwegen

Am 14. März lagen in Norwegen die Fallzahlen pro 1 Million Einwohner mit 185 um 17 Prozent höher als in der Schweiz. Dann wurden in Norwegen alle Flughäfen geschlossen. Innerhalb einer Woche sank dieser Anteil schlagartig um mehr als die Hälfte und stabilisierte sich bis heute bei rund 40 Prozent des Schweizer Wertes.

Die mehr als Halbierung der Pandemiebetroffenheit von Norwegen durch Unterbrechung der Virennachschubkette Luftverkehr gilt es in ihrer ganzen Dimension zu erkennen, will man die Corona-Pandemie in den Griff bekommen.

Volle Langstreckenflieger zum Beispiel aus Brasilien oder USA mit unkontrollierter Einreise nach vielen Stunden Flugzeit auf engstem Raum ohne Social-Distancing im Ansteckungshotspot Flugzeugkabine sind eine verantwortungslose Zumutung für die Bevölkerung der Schweiz und eine unberechenbare Gefahr für die einheimische Wirtschaft.

Eine wissenschaftliche Fallstudie der Universität Atlanta1 für ein Mittelstrecken-Flugzeug kommt zum Schluss, dass die Ansteckungs-Wahrscheinlichkeit auf elf Nachbarsitzen eines infizierten Flugpassagiers über 80 Prozent beträgt. Eine Studie der Purdue University2 spricht von einem sehr hohen Risiko für eine Kreuzkontamination sogar durch Aerosole, noch bevor die Luft gereinigt wird.

Wenn die Swiss die abstandslose Flugzeugkabine damit zu rechtfertigen versucht, dass ihr kein Fall bekannt sei, bei dem sich jemand im Flugzeug angesteckt habe, dann fehlt es an verantwortlicher Stelle wohl an fachlichem Grundwissen über die Corona-Ausbreitungs- und Erkennungsmechanismen.

Wenn ein Passagier im Flugzeug angesteckt wird, dann verlässt er dieses wegen der 2- bis 14- tägigen Inkubationszeit unerkannt. Nur eine überwachte Quarantäne, wie sie zum Beispiel in Australien in einem Quarantänehotel gehandhabt wird, könnte bei Einreise die Ausbreitung in der Schweiz verhindern, wobei eine Zuordnung auf den Ansteckungsort Flugzeug wegen der grossen Bandbreite der Inkubationszeiten gar nicht möglich ist. Auch deshalb ist der Umkehrschluss der Swiss eine gefährlich irreführende Schönfärberei des Virenhotspots Flugzeugkabine.

Die glorifizierende Darstellung der Flugzeugkabine als quasi ansteckungsfreie Zone aufgrund klinisch reiner Belüftung geht ins gleiche Kapitel, denn die Kontaminierung der Kabinenluft durch Virentröpfchen beim Niesen und Husten erfolgt unabhängig von der Luftqualität.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Ansteckung über Aerosol-Atempartikel im Nanobereich, die sich trotz Belüftung über lange Zeit durch Verwirbelung in der Kabine verteilen können.

Ausführliche Informationen und eine hervorragend anschauliche Video-Animation über die Risiken für Flugreisende hat die NZZ publiziert.

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Dieser Beitrag erschien zuerst auf Inside Paradeplatz.

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FUSSNOTEN

1 Vicki Stover Hertzberg und sein Fly Healthy Research Team, Emroy Universität Atlanta. FAZ- Artikel: Grippe auf Reisen (aktualisiert am 29.3.2018)

2 Prof.Yan Chen, NZZ 4.7.20 Corona im Flugzeug: So gross ist das Ansteckungsrisiko im Flugzeug wirklich. Animations- Video mit Prof. Yan Chen./font>

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4 Meinungen

Die Grenzschliessungen stellten ein grosses Problem dar - wie sind sie und die dadurch verursachten Schäden und das damit verbundene Leid zu rechtfertigen, wenn der BR jetzt in der zweiten Welle den Flugverkehr von jeglicher Kontrolle und jeglichen Vorsorgemassnahmen befreit? Nach wie vor scheint niemand ernsthaft nach den Verantwortlichen für die fehlenden Pflichtlager an Desinfektionsmitteln und Schutzmaterial zu suchen. Auch wenn das Krisenmanagment schwierig ist, muss man feststellen, dass die Politik einmal mehr versagt hat, dass der BR seinen Pflichten nur sehr mangelhaft und nicht in konsistenter Weise nachgekommen ist. Mit den viel zu schnellen Öffnungen und Lockerungen, den einseitigen Massnahmen und der lächerlichen und zahnlosen Quarantänepflicht für Einreisende werden wir bald soweit sein, wie Schweden. Im Luftverkehr war eine Strukturbereinigung längst überfällig, diesen wie den übrigen öV als heilige Kuh zu verhätscheln, ist ein krasser Fehlentscheid. Die Zeche wird wie immer das Volk zahlen, in jeder Hinsicht.
Urs Lauper, am 13. Juli 2020 um 13:06 Uhr
Herr Schiltknecht hat 100% recht.
Die Bevorzugung des Luftverkehrs sollte gestoppt werden.
Die Subventionierung sollte abbgebaut, nicht noch mehr ausgebaut, werden.
Eigentlic sollte man dem Luftverkehr sogar noch inen Teil der Corona-Kosten in Rechnung stellen, ist er doch ein Hauptverantwortlicher dieser Pandemie.
Vera Kehrli, am 13. Juli 2020 um 13:28 Uhr
Jean-Pierre Schiltknecht liegt völlig richtig mit seiner Kritik. Ob diese zuständigenorts zur Kenntnis genommen und dann auch entsprechend gehandelt wird, wage ich zu bezweifeln. Die Flugverkehrslobby im Parlament wird alle Hebel in Bewegung setzen, um jegliche Massnahmen zur Behebung dieses offensichtlichen Missstands zu sabotieren. Leider !
René Edward Knupfer-Müller, am 13. Juli 2020 um 14:33 Uhr
Na ja, ich sehe das etwas anders. Am Samstag flog ich von Zürich nach Punta Cana. Auf dem ganzen Flug galt ein Maskenobligatorium. Sowohl die Passagiere als auch die Besatzung trug während des ganzen Fluges eine Maske. Und ich erinnere mich noch gut an den Aufruf des Bundesrates, dann eine Maske zu tragen, wenn der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. Somit hat die Fluglinie also alles richtig gemacht. Zudem fragte ich einen Flugbegleiter, ob ich informiert werde, falls unter den Fluggästen ein Coronafall auftreten würde. «Auf jeden Fall» war seine Antwort. Es wurden also die Sicherheitsvorschriften eingehalten und es ist kein Problem, ein Tracking zu machen. Auch sagte der bekannte Virologe Prof. Dr. Streeck in der Sendung von Markus Lanz im ZDF, dass es nicht eine wissenschaftliche Studie gebe, die eine Verbreitung der Coronaviren durch Aerosole belegen würde. Und auf den von Jean-Pierre Schiltknecht erwähnten Flügen in Norwegen gab es eben genau keine Maskenpflicht. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass ich das Fliegen für sicher halte. Auch wenn das Fliegen mit Maske alles andere als angenehm ist.
Reto Derungs, am 13. Juli 2020 um 22:11 Uhr

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