Fällander Tagebuch 12 © zvg
Schwarzes Schaf © SVP

Wenn Identitäten an gestopften Gänselebern hängen

Jürgmeier / 28. Jul 2017 - Die Jugend wird immer dümmer. Das «Böse» vereint die Zerstrittenen. 20 Schüsse für ein Sturmgewehr, sonst geht die Schweiz unter.

10. Mai 2017

Der Tagesanzeiger meldet: «2017 haben 2044 Kinder die Prüfung [gemeint ist die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium im Kanton Zürich] bestanden. Das sind 51 Prozent jener Schülerinnen und Schüler, die angetreten sind. 2016 waren 52 Prozent erfolgreich, 2015 sogar noch fast 55 Prozent.» Wird unsere Jugend, was mein Physiklehrer schon vor rund fünfzig Jahren beklagte, immer dümmer und dümmer?

Nein, Schüler und Schülerinnen, die mit der gleichen Prüfungsleistung letztes Jahr noch in den Hallen der künftigen «Elite» willkommen geheissen worden wären, hätten diesen Frühling den Brief mit dem verräterischen «Es tut uns leid, aber…» erhalten. Denn: «Die sinkende Erfolgsquote bei den Langzeitgymnasien ist gewollt… Der Zürcher Regierungsrat hat aus Spargründen gefordert, dass weniger Schülerinnen und Schüler das Langzeitgymnasium besuchen sollen.» Und weil sich die Exekutive nicht auf die zunehmende Debilisierung der Jugend verlassen wollte und konnte, haben die Kantonsschulen «die Kriterien für die Aufnahmeprüfung verschärft».

So deutlich wurde es noch selten gemacht, dass (auch) der Markt, nicht (nur) die Leistung der einzelnen Schülerin das Prüfungsresultat bestimmt. Das zu wissen, verhilft dem Betroffenen natürlich nicht zu einem Ticket in den akademischen Himmel, aber es könnte ihn vor dem Glauben an die eigene «Dummheit» schützen. Die Vorstellung, das Opfer willkürlicher Leistungsmassstäbe zu sein, einfach nur Pech mit dem Jahrgang gehabt zu haben, wäre doch schon fast tröstlich.

29. Mai 2017

Gestern Abschluss des G7-Gipfels in Taormina, Sizilien. Zum ersten Mal mit Donald Trump. Wirklich zusammengefunden haben The big Seven der Industrienationen nur in einem – im Kampf, im Krieg gegen den Terrorismus. IS & Co. als grosse Vereiniger. Sonst gilt, was der Spiegel schreibt: «Statt G7 müsste es heissen: einer gegen die G6.» Was der G7 der IS, ist der G6 der aktuelle US-Präsident – das verbindende «Böse».

Das eigentliche Problem ist nicht der Trumpel, das wirklich Beklemmende ist, dass das US-amerikanische Wahlvolk beziehungsweise -system ihn zu einem der mächtigsten Männer der Welt gemacht hat. Aber so ist Demokratie – jede und jeder, Durchschnittsneurotikerin oder Psychopath, kann Präsident. Jede eher nicht. Was einem und einer ernsthaft Angst machen müsste – dass auch in Demokratien das KeineMachtfürniemand nicht Realität geworden, sondern die Macht sich in wenigen Händen konzentriert und nach starker Führung gerufen wird.

Wo einer oder eine befehlen kann, dass Grenzen geschlossen oder geöffnet werden, dass das Klima kein Problem sei, dass der Handel befreit oder begrenzt wird, dass Hunderttausende losmarschieren und Raketen abgeschossen werden – da muss uns Angst und Bange werden.

30. Mai 2017

Eine Enkelin geboren. Kaum die Nabelschnur durchschnitten, hat sie schon einen Namen, einen eigenen.

L.

Was wird sie sehen,
Wenn sie die Augen öffnet?

Was wird sie verstehen,
Wenn sie hinhört?

Welche Wege wird sie gehen,
Wenn sie gehen lernt?

Wem wird sie widersprechen, wem nach
Dem Mund reden, wenn sie zu sprechen beginnt?

Unter welchen Bäumen wird sie stehen,
Wenn sie stehen bleibt?

Wie hoch wird sie steigen müssen,
Wenn sie die Gletscher sehen will?

Wie viel Begeisterung wird ihr zufallen,
Wenn sie merkt, dass sie gemeint ist.

In welcher Welt wird sie leben,
Wenn sie vom Baum der Erkenntnis isst?

In welchen Häusern wird sie Schutz suchen,
Wenn sie es mit der Angst zu tun bekommt?

An welchem Smartphone die Finger blutig machen,
Wenn sie das Streicheln des Touchscreens beherrscht?

Vor welchen Gefahren wird sie fliehen,
Wenn sie rennen kann?

Welchen höheren Gewalten wird sie zum Opfer fallen,
Wenn sie nicht schnell genug ist?

Wird sie in einem der regelmässig prophezeiten Kriege sterben,
oder wird ihr die Gemütlichkeit der Vorgeborenen zufallen?

10. Juni 2017

In Zeiten von Globalisierung und Migration werden gerne längst vergangene nationale sowie regionale Identitäten beschworen. Je häufiger Paare sich scheiden lassen, desto mehr wollen, «Ehe für alle», den «Bund fürs Leben» eingehen, umso aufwendiger wird der «schönste Tag des Lebens», Polterorgien inklusive, gefeiert. Je unsicherer etwas ist, desto höher wird es gehalten. Da können selbst tierschützerische Bemühungen soziale Identitäten bedrohen. «Importstopp für Gänseleber? Jetzt übertreiben die Genussfeinde.» Ist heute im Bund zu lesen. Der Chef persönlich, Patrick Feuz, hat in die Tasten gegriffen und ist für die fett gestopfte Gänseleber auf die Barrikaden geklettert. «In der Romandie», weiss er, «ist die Foie gras eine kulinarische Tradition. Man isst sie seit Jahrhunderten, sie gehört zu Festen und ja, zur Identität.» Wegen so einem unter zweifelhaften Umständen erzeugten Leberstückchen – das bei Thomas Widmer im Tagesanzeiger eine «Mundekstase» auslöst, was ihm «eine Allianz von Mitte-links-Politikern und Bauern» verbieten will – droht die «gewachsene Identität» der Welschschweiz zu zerfallen.

Um die nationale, die eidgenössische Identität steht es nicht besser. Die ist gefährdet, weil die Schweiz europäisches, also fremdes Waffenrecht übernehmen und, beispielsweise, Sturmgewehre künftig nur noch mit einem 10-Schuss-Magazin ausgerüstet werden sollen. Das versetzt «die Schützen», so der Blick am heutigen Tag der bedrohten Identitäten, «in Aufruhr». Bürgerliche Politiker und sogar Politikerinnen wollen für das 20-Schuss-Magazin schlimmstenfalls «ein Ende von Schengen» riskieren. Denn das Schiessen, hält SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann fest, «gehört zur Schweiz wie die Schoggi, der Käse und die Berge». Und die lassen wir uns ja auch nicht nehmen. Für den obersten Berner Schützen, Werner Salzmann, nebenbei SVP-Nationalrat, gehört «die Waffe zum Schweizer als Zeichen seiner Freiheit». Die Schweizerin hat es ja generell nicht so mit der Freiheit. Und der Präsident des Schweizer Schiesssportverbandes, Luca Filippini, wird den Chef des bernischen Regionalvereins am 3. Juli unterstützen. Er definiert «die Waffe» als «Symbol des mündigen Bürgers» (Tagesanzeiger). Ohne 20-Schuss-Magazin im Sturmgewehr keine Freiheit und keine Demokratie. So schnell geht die Schweiz unter.

Am 30. Juni wird Arena-Moderator Jonas Projer eins ums andere Mal fast verzweifelt fragen, was denn unser Schweizersein ausmache, welche eidgenössischen Gebräuche und Eigenheiten Fremde übernehmen müssten, wenn sie hierzulande als integriert gelten wollten. Und erntet nur Gestammel. Pünktlichkeit, fällt es schliesslich jemandem ein. Projer legt das Resultat ethnologischer Feldforschung der Arena-Redaktion in Form eines Altpapierbündels auf den Tisch. Das ist Schweiz. Ein deutscher Migrant verweist auf «die Urtugenden halt», relativiert den eidgenössischen Sonderfall aber umgehend: «Die nehmen auch andere Völker für sich in Anspruch.» La Suisse n’existe pas. Und so bleibt an diesem Freitagabend als letzte Hoffnung – Andreas Glarner. Aber der redet lieber über den Islam, und als er sich schliesslich doch noch dunkel an die gestellte Frage erinnert, meint er: «Vielleicht ist es wichtiger zu sagen, was es nicht ist. Es ist keine Handschlagverweigerung.» Womit wir schon wieder beim Islam wären. Und eigentlich auch beim Judentum. Aber das sagt er nicht, der SVP-Mann für klare Ansagen in Asyl- und Migrationsfragen. So wie Mann sein bedeutet, nicht Frau sein, heisst Schweizer Sein – nicht Araber, nicht Russin, nicht Deutscher, nicht Afrikanerin, nicht US-Amerikanerin, nicht unschweizerisch sein. Unschweizerisch ist alles, was nicht schweizerisch ist nicht unschweizerisch ist nicht schweizerisch.

Das bekannte SVP-Plakat – auf dem unter dem Motto «Sicherheit schaffen» ein schwarzes Schaf aus dem roten Feld mit weissem Kreuz bugsiert wird und auf eidgenössischem Boden drei weisse Schafe zurückbleiben – suggeriert, die Schweiz werde durch Ausschaffung krimineller Ausländer in «Mein Zuhause» verwandelt, und zu Hause, unter seinesgleichen, sei der Mensch sicher vor Gewalt und Bedrohungen schlechthin. Die multikulturelle Empörung ob der vielfältig verwendeten Metapher des schwarzen Schafes lenkt vom eigentlichen Skandalon ab. Dass sich auf dem SVP-Plakat im Schweizerländchen nur noch weisse Schafe tummeln, nachdem das schwarze Schaf ohne Schweizer Pass ausgeschafft ist, dass unterstellt wird, verbriefte Schweizerinnen und Schweizer seien allesamt weisse Schafe – das ist die rassistische Denkfigur.

19. Juni 2017

Ich schwimme zu einer Zeit im Greifensee, in der mich höchstens ein paar vereinzelte Fischer, noch seltener Fischerinnen, stören (und umgekehrt). Sie riegeln mit ihren Ruderbooten die Bucht ab, und Hündelerinnen – die natürlich auch Männer sein können – schleudern das Stöckchen für ihre Lieblinge in mein Privatbassin. Die Meermöwe lässt sich nicht vertreiben und balanciert immer noch auf der ersten Boje, als ich vom äussersten Punkt zurückkomme. Erinnerung an Usedom. Ostsee. «Da müssen wir auch wieder mal hin.» Sagt S. Sagt dasselbe zu AtlantikZermattEngadinDänemarkHamburg. Wie viele Ferien noch? Gibt es Ferien von LiebeskummerMigräneArmutFluchtKrieg? Wie manchmal noch den Koffer packen? Wie viele Leben noch? In diesem Leben?

Auf dem Rückweg vom See komme ich, wie immer, an der Villa mit Park und Gartenpavillon vorbei. «Super für eine Sommerparty.» Fand N., solange sie noch bei uns wohnte. Aber nie lernte sie die Tochter oder den Sohn des Hauses kennen. Auf der Wiese dahinter ein Dröhneler. Mit ängstlichem Blick verfolge ich die Bahnen dieser modischen Fluggeräte. Was, wenn sie den Männerhänden entkommen, die sie steuern. «Bubi schpille, Bubi xund.» Spottet S. jeweils. Und tatsächlich – noch nie habe ich eine Frau mit Drohne gesehen. Drohnenzone –Zufluchtsort in harten Zeiten für starke Männer?

Zum Beispiel neben dem Anwesen, das in unseren dreizehn Fällander Jahren vermutlich höchstens während total zwei Monaten bewohnt war. Und womöglich war es häufig nur der Gärtner, der die Fenster öffnete, Sonne und Wind durch ungenutzte Räume flanieren liess, während er, wie er das regelmässig tut, den Rasen mähte, Bäume und Sträucher zurückschnitt. Die Herrschaften störten ihn nie bei der Arbeit, die sie ihm, vermutlich, gut bezahlen.

Haben sie die Villa als Alterssitz erstanden, mussten dann aber auf direktem Weg ins Pflegeheim, oder sind sie längst gestorben, und die Erben können sich bis heute nicht über Nutzung oder Verkauf einigen? Hat sich ein älteres Paar das Haus gekauft, weil‘s ihm der Blick auf den See, das Vrenelisgärtli, ins Naturschutzgebiet, das wir Neu-Afrika nennen, und auf die Erdhaufen des Maulwurfs in der Wiese nebenan angetan, sich dann aber aus gesundheitlichen Gründen entschieden, den Sommer auf den Malediven, den Winter in Zermatt zu verbringen? Ist der Besitzer in den Bergen abgestürzt, seine Leiche nie gefunden worden, vermisst ihn niemand, weil Steuern und andere Abgaben pünktlich per Dauerauftrag überwiesen werden? Hat sich die junge Eigentümerin auf einer Grönlandreise verliebtverlobtverheiratet und dem Gärtner eine Lebensstelle verschafft? Kommt sie selbst nur einmal im Jahr zurück, um ihren Geburtstag am Greifensee zu feiern? Und sonst steht das Haus, das wahrscheinlich drei Familien Platz böte, einsam vor sich. Ein alter Mann trinkt seinen Fusel, schläft seinen Rausch auf einer Bank beim Bahnhof Stettbach aus, am Tag und wahrscheinlich auch in Sommernächten. Zum nächsten COOP wäre es in der «freien» Villa mit Seeblick allerdings deutlich weiter.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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