Wenn der Herr Professor antwortet …

Christian Müller © aw
Christian Müller / 16. Aug 2019 - Wer profitiert von der Zuwanderung? Immer nur die Zuwanderer selbst? Und was ist mit den Ärzten aus Deutschland?

«‹Zuwanderer sollten Eintrittspreis für die Sozialwerke zahlen›». So lautete eine Headline in den CH Media-Blättern (Aargauer Zeitung, Luzerner Zeitung, u.a.) vom 12. August. Die Redaktion hatte bei Professor Christoph Schaltegger von der Universität Luzern zum Thema Arbeitslosenkasse «nachgefragt».

Die Zuwanderer sollen sich in unsere Sozialwerke «einkaufen» müssen? Und was umgekehrt mit dem Faktum, dass die Schweiz massiv davon profitiert, dass die Ausbildung vieler gut qualifizierter Zuwanderer von deren Herkunftsländern finanziert worden ist?

Also hat auch Infosperber «nachgefragt», bei eben diesem Professor Christoph Schaltegger, mit der Bitte um eine «zitierfähige» Antwort. Und er hat geantwortet. Lesen Sie selbst:

Frage 1: Können Sie die Mehr-Kosten der Schweiz für die Sozialleistungen der Zugewanderten pro Jahr in Franken quantifizieren?

Die Antwort: Laut dem jüngsten Observatoriumsbericht zum Freizügigkeitsabkommen des SECO beziehen Zugewanderte aus dem EU-Raum in der ALV und der Sozialhilfe mehr Leistungen als sie beitragen. In der AHV und der IV ist das Verhältnis umgekehrt. Die Aussagekraft dieser auf ein Jahr beschränkten Betrachtung ist jedoch eingeschränkt, weil die zukünftigen Ansprüche der Zugewanderten nicht berücksichtigt werden. Heute sind die meisten davon im Erwerbsalter. Es wäre also denkbar, dass sich die Verhältnisse ändern. Die bisher berechneten Fiskalbilanzen zur Migrationswirkung zeigen, dass der Saldo gegenüber der Schweiz je nach Herkunftsland oder -region positiv (z.b. nördlicher EU-Raum) oder negativ (europäische Nicht-EU-Länder) sein kann. Dabei werden Sozialleistungen mit Steuern verrechnet. Dies ist aus meiner Sicht zwingend, denn Migration verursacht jeweils nicht nur Kosten, sondern auch Erträge für die Bevölkerung im Einwanderungsland. Das gilt natürlich auch für das Auswanderungsland.

Frage 2: Können Sie die Einsparungen der Schweiz im Bildungsbereich durch den ‹Import› von gut ausgebildeten Fachleuten quantifizieren? (Hier gibt es ja zumindest Schätzungen.)

Die Antwort: Migration führt zu einer stärkeren Durchmischung der Bevölkerung und kann über verschiedene Kanäle zu Produktivitätsgewinnen für alle beitragen. Probleme entstehen allerdings bei öffentlichen Leistungen, die allen zugänglich sind: Diese werden von der ansässigen Bevölkerung finanziert und stehen dann den Migranten teilweise ‹zu billig› zur Verfügung. Das gilt grundsätzlich für öffentliche Ausgaben wie Sicherheit, Verkehr, Gesundheit, Bildung oder die Sozialhilfe, weil die Grösse der Bevölkerung einen Einfluss darauf hat. Das heisst, die Kosten verbleiben zu einem Teil jeweils im Auswanderungsland (bspw. Bildung) und entstehen zum Teil im Einwanderungsland (bspw. Sozialstaat). Solange der Wanderungssaldo im Verhältnis zur Bevölkerung einen geringen Anteil ausmacht, sind die durch die Migration verursachten Kosten vernachlässigbar. Dies gilt für bevölkerungsreiche Länder im Besonderen. Für kleine Länder ist der Effekt allerdings nicht unproblematisch. Dies gilt sowohl für einen stark negativen als auch für einen stark positiven Wanderungssaldo: in diesen Fällen sollte der «externe Effekt» der Migration internalisiert werden dürfen. Dies kann im Falle der Zuwanderung durch Zutrittspreise und Nutzungsgebühren geschehen und im Fall von Abwanderung durch eine Wegzugssteuer oder ähnlichem.

Frage 3: Wären Sie einverstanden, dass die Schweiz den Herkunftsstaaten der Zugewanderten die Ausbildungskosten zurückerstattet, also zum Beispiel Deutschland für die in der Schweiz arbeitenden Leute im Medizinalbereich?

Die Antwort: «Ich hätte absolut Verständnis dafür, dass Länder, die von einem starken «brain-drain» ihrer Hochqualifizierten betroffen sind, bei diesen eine Wegzugsteuer verlangen. Da v.a. die hochqualifizierten Migranten von der Migration profitieren, sollten sich diese Nutzniesser an den verbleibenden Kosten (bspw. für die Bildung) im Herkunftslands beteiligen. Die Schweiz muss sich deswegen nicht an ausländischen Bildungsinstitutionen finanziell beteiligen, da die ansässige Bevölkerung auch nicht Hauptnutzniesser der hochqualifizierten Zuwanderung ist, sondern die Zuwanderer selbst. Umgekehrt sollte es bei den Bedarfsleistungen sein: Diese haben die Migranten im Herkunftsland mitfinanziert und sollten diesen Zugang im Sinne des Heimatlandprinzips ins Zuwanderungsland mitnehmen dürfen, ohne dass sie sofort Zugang zu den Bedarfsleistungen im Einwanderungsland erhielten.»

Frage 4: Sind Sie damit einverstanden, dass international tätige Konzerne wie z.B. Glencore in der Schweiz von den niedrigen Steuern profitieren, in Afrika und Lateinamerika aber mithelfen, die dortigen Arbeiter zu Tiefstlöhnen arbeiten zu lassen, de facto sie ausbeuten?

Die Antwort: «Ich bin auf diesem Gebiet nicht Experte und kann mich daher nicht dazu äussern.»

Soweit die «zitierfähige Antwort». Professor müsste man sein …

Statt eines Kommentars unsererseits ein Zitat aus einem Artikel in der NZZ vom 6.4.2019:

«Besonders die Schweiz darf sich zu den Nutzniessern des deutschen Ärzte-Exports rechnen. Jeder fünfte Arzt in der Schweiz wurde in Deutschland ausgebildet. Gegenwärtig arbeiten etwa 6500 Mediziner aus Deutschland in der Schweiz, vorwiegend in Spitälern. Die Ausbildung dieser Ärzte hat den deutschen Steuerzahler etwa 250 000 Euro pro Person gekostet. Insgesamt hat die Schweiz damit Humankapital im Wert von rund 1,9 Milliarden Franken importiert. Sie spart damit beachtliche Ausbildungskosten; Deutschland dagegen hat mit seinem ‹brain drain› das Nachsehen.»

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3 Meinungen

@Christian Müller: was wollen Sie uns sagen? Meine Fähigkeiten des Zwischen-den-Zeilen-Lesens sind da etwas überfordert... was hat die Frage 4 mit dem Thema «Zuwanderung in die Sozialwerke» zu tun? Weshalb müsste man Professor sein? Wieso steht die zitierfähige Antwort in Anführungszeichen? Sprechen Sie Klartext!
Rene Kernen, am 16. August 2019 um 23:13 Uhr
@Martin Sauser: Wenn Sie mich als «Linken» bezeichnen, bin ich Ihnen nicht böse: Ich bin tatsächlich der Meinung, dass es neben dem überhandnehmenden Egoismus vieler Leute wieder etwas mehr Solidarität brauchte. Wenn Sie mich aber als «neoliberal» bezeichnen, dann gehen bei mir alle roten Lämpchen an. Es ist in meinen Augen genau der Neoliberalismus, der die Kluft zwischen Reich und Arm immer grösser werden lässt und dafür sorgt, dass das Geld aufwärts fliesst. Wahrscheinlich muss ich wieder einmal direkt über den Neoliberalismus schreiben, um sichtbar zu machen, wo ich zuhause bin. Sie können aber auch im Infosperber-Suchfeld oben rechts das Wort Neoliberalismus eingeben, dann kommen etwa 70 Artikel, davon etliche auch von mir. Danke für Ihr Interesse und freundliche Grüsse, Christian Müller
Christian Müller, am 18. August 2019 um 19:40 Uhr
@Martin Sauser: Schön, dass Sie mich auf Ihrer Website «Der Geist ist leer» (nomen est omen) immerhin noch als «Lieber Herr Müller» ansprechen. Dass Sie mich dort am «neoliberalen» Projekt EU aufhängen wollen, zeigt mir, dass Sie einen etwas gar schweizerisch engen Blickwinkel haben. Die EU wurde gegründet, um die immer wiederkehrenden Kriege zwischen Deutschland und Frankreich zu vermeiden. Dass sich die EU heute in wirtschaftlicher Hinsicht weitgehend neoliberal gibt, ist höchst bedauernswert. Aber die Schweiz verzichtet ja freiwillig darauf, in Brüssel mitzureden, und sie beschränkt sich darauf, alles freiwillig mitzumachen. Aber das ist ein anderes Thema. – Wir müssen uns nicht gegen politische Zusammenschlüsse wehren, die zur Überwindung des Nationalismus gegründet worden sind, wir müssen uns gegen die globalen Konzerne wehren, die Kleinstaaten einfach überrennen. Aber da Sie offensichtlich die Gefahr des Nationalismus – Ursache der meisten Kriege auf dieser Welt –nicht erkennen wollen, verzichte ich gerne auf weitere Diskussionen. Ich ziehe es vor, mit Leuten zu diskutieren, die die Geschichte der letzten 200 Jahre einigermassen auf dem Bildschirm haben. Mit freundlichem Gruss, Christian Müller
Christian Müller, am 20. August 2019 um 04:44 Uhr

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