Mehrere Studien zeigen: Kinder von Immigranten sind besonders innovativ © HP
Sie schaffen Jobs, sie nehmen Jobs weg © Social Europa

Flüchtlinge – sind sie Jobkiller oder Profiteure?

Christian Müller / 16. Sep 2017 - Die Argumente gegen die Zuwanderung sind – abhängig von den Ländern – ganz unterschiedlich. Es lohnt sich, näher hinzuschauen.

Man weiss es: Mittel- und Osteuropa, insbesondere Ungarn, Polen, Tschechien und die Slowakei, wollen keine Flüchtlinge aus Syrien und anderen Kriegsländern im Nahen Osten und aus Afrika aufnehmen.

Zwei aufmerksame Beobachter, der emeritierte Wirtschaftsprofessor aus Cambridge Robert Rowthorn und der tschechische Publizist David Růžička, machen auf etwas aufmerksam, was bisher kaum ein Thema war: Die Argumentation dieser mittel- und osteuropäischen Länder ist total widersprüchlich. Sie argumentieren einerseits mit der These, die Flüchtlinge würden den eigenen Staatsbürgern die Jobs wegnehmen und dadurch mehr inländische Arbeitslose verursachen. Und sie argumentieren andererseits, die Flüchtlinge kämen eh nur, um vom ausgebauten Sozialsystem in Europa zu profitieren, sie suchten, wie es gelegentlich sogar heisst, nur die «Hängematte», um dank unseren Sozialsystemen nicht arbeiten zu müssen.

Ein klarer Widerspruch

Beides zusammen kann nicht sein: Ein Flüchtling, der nur kommt, um hier auf Staatskosten in der Hängematte zu liegen, nimmt keinem den Arbeitsplatz weg. Und umgekehrt: Ein Flüchtling, der einen Job sucht und findet, lebt nicht von der Sozialhilfe des Staates. Der ungarische Premierminister Viktor Orban zum Beispiel, so schreiben die beiden Beobachter, vertrete die Jobkiller-Behauptung, seine Regierung habe 2015/16 für mehr als 50 Millionen Euro Anti-Immigrations-Werbung gemacht, inkl. Plakate, auf denen die Einwanderer gewarnt wurden, den Einheimischen ihre Jobs wegzunehmen. Umgekehrt die tschechischen Politiker Andrej Babiš (Ex-Stv.-Ministerpräsident), Milan Chovanec, Innenminister, oder auch Ex-Präsident Václav Klaus, sie schilderten die Flüchtlinge alle als Profiteure des europäischen Sozialsystems, und für Staatspräsident Miloš Zeman seien sie eh alle «nur» Muslime...

Genauere Untersuchungen hätten nun ergeben, dass der Flüchtlinge wegen kaum Jobs verloren gegangen sind, dass im Gegenteil Immigranten im Wettbewerb um Jobs schon der Sprache wegen deutlich härtere Bedingungen haben – und im Endeffekt durch mehr Innovation und Unternehmergeist sogar Jobs geschaffen haben. Dabei verweisen die beiden Autoren auf eine US-amerikanische Studie, gemäss der 40 Prozent der neueren Firmen von Immigranten und/oder deren Kindern gegründet wurden. «Sieben der zehn wertvollsten Marken der Welt sind von Immigranten oder deren Kindern gegründet worden», konstatiert diese Studie wörtlich, und: «Viele der grössten amerikanischen Marken haben ihren Ursprung bei einem Gründer, der Immigrant oder das Kind eines Immigranten war, darunter Apple, Google, AT&T, Budweiser, Colgate, eBay, General Electric, IBM und McDonald's, um nur einige zu nennen.» (Die Studie kann unten als PDF eingesehen und heruntergeladen werden.)

Zu ähnlichen Resultaten kommen auch Untersuchungen in Deutschland, wie auf der Website Gründerszene nachzulesen ist.

Was wissen die Flüchtlinge über die einzelnen Länder?

Mittlerweile gibt es auch differenzierte Untersuchungen darüber, wie die Flüchtlinge ihre Destination auswählen. Die meisten Flüchtlinge haben von den Arbeitsmarkt-Bedingungen in den verschiedenen europäischen Ländern keine Ahnung. Am ehesten noch orientieren sie sich an den – oft falschen – Informationen der Schlepper, und viele versuchen einfach, dahin zu kommen, wo Verwandte oder Bekannte aus ihrer Heimat schon ein sicheres Zuhause gefunden haben.

Der Originalartikel von Robert Rowthorn und David Růžička (in englischer Sprache), erschienen auf Project Syndicate und Social Europe, ist nicht ganz einfach zu verstehen, weil darin auf die Katze des Physik-Nobelpreisträgers von 1933, des Zürcher Physik-Professors Erwin Schrödinger (1887-1961) angespielt wird – und wer kennt schon «Schrödingers Katze»? Für Leute allerdings, die sich beruflich mit dem Flüchtlingsproblem beschäftigen, sind diese Untersuchungen eine wertvolle Ergänzung. Und sie machen deutlich, wie Argumente gegen die Einwanderung oft an den Haaren herbeigezogen werden.

So denkt man in den europäischen Ländern über die Flüchtlinge: sie schaffen Jobs – oder sie vernichten Jobs. Eine weitere sehr interessante Grafik zur Frage «Woher kommen sie? Wohin gehen sie?» findet sich im Originalartikel auf Social Europe.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Immigranten schaffen neue Arbeitsplätze (Studie aus den USA)
Mehr Firmengründungen durch Migranten in Deutschland (KfW Research)

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9 Meinungen

Interessanter Artikel! Gibt es denn überhaupt Gründe welche gegen die Zuwanderung sprechen? Interessant wäre noch zu wissen wieviele grosse Firmen in den USA von Indianern geschaffen wurden.
Albert Deucher, am 16. September 2017 um 11:59 Uhr
Der Bericht ist sehr aufschlussreich, obwohl ich zwei Tatsachen vermisst habe:
1. Die Asylkosten werden gemäss der Eidgenössischen Finanzverwaltung im Jahr 2018 vermutlich auf 2,4 Milliarden Franken ansteigen. Vor wenigen Jahren lagen diese Kosten noch deutlich unter einer Milliarde.
2. Gemäss dem Wirtschaftshistoriker Tobias Baumann von der Universität Zürich haben Länder mit einem grossen Anteil von Immigranten wie z.B. die USA ein schlechtes Sozialsystem, Länder mit ursprünglich geringer Immigration wie z. B. Schweden hingegen ein sehr gut ausgebautes (so dass die Arbeitslosenversicherung nicht obligatorisch ist). Als Folge einer zunehmenden Immigration wird ein Sozialsystem immer schlechter.

Das sollte uns zu denken geben.
WErner Zumbrunn, am 16. September 2017 um 12:17 Uhr
Die meisten Immigranten nehmen niemand einen Job weg, weil sie schwer integrierbar sind, die Sprache nur mühsam lernen und in vielen Fällen über Jahre hinweg von Beiträgen des Sozialsystems leben. Es hat zwar immer Migration gegeben und diese war und ist wünschenswert. Sie muss jedoch gesetzlich geregelt sein und diese Gesetze müssen streng eingehalten werden, notfalls mit polizeilicher Repression. Das ist es, was in der EU in Zukunft unvermeidlich sein wird. Das werden viele Leute nicht gern hören, die an unser Mitgefühl mit der Armut der periphären Länder appellieren, Aber der Glaube, man könne die Ungerechtigkeit des ungleich verteilten Reichtums auf der Welt durch massenhafte Migration lösen, ist ein Irrtum. Es gibt ein paar Milliarden Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Es macht also global-ökonomisch keinen Unterschied, ob Europa zehn, zwanzig oder fünfzig Millionen aufnimmt: An dem ökonomischen Problem ändert sich damit wenig. Hingegen würde die massenhafte Aufnahme von Immigranten in den europäischen Gesellschaften starke soziale Widerstände und Konflikte hervorrufen. Dem gilt es Rechnung zu tragen
Helmut Scheben, am 16. September 2017 um 12:41 Uhr
@Albert Deucher: Seltsame Argumentation! Finden Sie den Völkermord an der amerikanischen Urbevölkerung in Ordnung, weil er den Weg ebnete für eine viel «fortschrittlichere» Zivilisation?
Daniel Heierli, am 16. September 2017 um 12:51 Uhr
Herr Heierli damit meinte ich, dass in Amerika ausser den Ureinwohnern alle Zuwanderer sind. Bei uns hier sind vermutlich auch 99% Zuwanderer, kommt immer darauf an ob die letzte Eiszeit oder die letzte Jahrhundertwende als Masstab genommen wird. Eine Statistik ist die beste Möglichkeit das zu Beweisen was ausgesagt werden soll.
Albert Deucher, am 16. September 2017 um 13:04 Uhr
@Albert Deucher: Was mein Punkt ist: Migration hat es immer gegeben, aber es war nicht immer für alle eine erfreuliche Angelegenheit. Für die Urbevölkerung Amerikas war z.B. die Einwanderung der Europäer eine Katastrophe.
Auch mir ist bekannt, dass letztlich alle Menschen aus Afrika in die ganze Welt migriert sind, und im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder weiter gezogen sind. Geschwindigkeit und Ausmass dieser Bewegungen sind aber nicht nebensächlich.
Daniel Heierli, am 16. September 2017 um 13:33 Uhr
Herr Müller vermischt im Artikel 2 Arten von Zuwanderung, die von Wirtschaftmigranten und die von Flüchtlingen. Während für die ersten Nachfrage auf dem Schweizer Arbeitsmarkt besteht (die Gründe lassen wir mal beiseite), haben Flüchtlinge aus Afrika (Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge) aufgrund ihrer ethnischen und sozialen Herkunft geringe Chancen, auf dem Arbeitsmarkt Fuss zu fassen, Beispiel Eriträer, fast 90% der Flüchtlinge aus diesem Land sind nach 5 Jahren noch nicht integriert und leben auf Kosten der Sozialhilfe. Gründe dafür sind fehlende kulturelle Kompatibilität, fehlende berufliche Qualifikaton und teilweise fehlender Integrationswillen. Leute, die aus Ländern kommen, wo man von der Hand in den Mund lebt, was für viele afrikanische Länder zutrifft, sind zufrieden, wenn ihre elemantaren Bedürfnisse gedeckt sind, ein Dach über dem Kopf und genug zu essen. Die Motivation für Integretion fehlt oft. Dass osteuropäische Länder sich sträuben, ist nachvollziehbar, aber nicht entschuldbar.

Die Willkommenskultur von Frau Merkel wird schwierig und muss sich noch beweisen, wie die Ereignisse seit 2015 zeigen. Die Erfolge von rechtsnationalen und rechtsextremen Parteien sind nicht zuletzt darauf zurückzuführen, siehe SVP in der Schweiz oder AfD in Deutschland.

Die Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten ist nicht primär Aufgabe von Europa, sondern die reichen Staaten Saudiarabien, VAR, Kuwait usw. wären gefragt, diese weigerrn sich, ihre Glaubensbrüder aufzunehmen.
Alois Amrein, am 16. September 2017 um 22:12 Uhr
Wie Daniel Heierli richtig sagt, hat es Migration immer gegeben, aber es war und ist nicht immer eine für alle erfreuliche Angelegenheit. Ich finde es beispielsweise oft eine ausgesprochen unerfreuliche Angelegenheit, die fast einzige Einheimische in einem öffentlichen Verkehrsmittel zu sein. Kürzlich war ich in Südeuropa in den Ferien, und am langen Strand befanden sich fast ausschliesslich einheimische Familien. Das fand ich sehr sympathisch. Aber man darf es nicht laut sagen.
Ruth Obrist, am 19. September 2017 um 14:26 Uhr
Gerade als junger Schweizer mit Migrationshintergrund frage ich mich oft wo die Geschichte der Immigranten und Immigrantinnen in den Schweizer Schulzimmern bleibt.
Besonders der wirtschaftliche Wert solcher Zuwanderungsepisoden. Seien wir ehrlich.
Das ganze Theater wiederholt sich doch ständig. Sei es mit Italienern, Portugiesen, Ex-Jugoslawen usw. Manchmal, so habe ich den Eindruck, fürchtet sich eine träge und dekadente Schweizer Gesellschaft vor dem Mut, dem Willen und der Disziplin jener, die dem tiefsten Sumpf des Elends entkamen. Es ist schon schmerzhaft für das nationale Ego, wenn man erkennen muss, dass Herkunft keine Leistung ist und nicht zum Wohlstand legitimiert. Verkauft die Schweiz weiter ihre humanitären Werte, verliert sie tatsächlich ihre nationale Identität und dies nicht durch Menschen mit Hoffnungen und Zielen im Gepäck, sondern durch Ignoranz.
Sonam Ledergerber, am 19. September 2017 um 15:33 Uhr

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