Kniend überreicht Papst VI. dem (Meta)-Physiker Stephen Hawking im Jahr 1975 die Pius XI.-Medaille © vatikan

Hawking und der Vatikan: Eine metaphysische Liebesbeziehung

Kurt Marti / 30. Mär 2018 - Der verstorbene Physiker Stephen Hawking gab sich als Anti-Metaphysiker und Atheist. Doch der Vatikan weiss es besser.

Vier Päpste hat der weltberühmte Astrophysiker Stephen Hawking getroffen. Als Letzter erfüllte Papst Franziskus im November 2016 seinen Wunsch, den Pontifex Maximus im Vatikan zu besuchen.

«Sie berührten einander an den Händen»

Eindrücklich schildert Marcelo Sánchez Sorondo, der Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, in seinem Nachruf in der «Zeit» dieses Treffen: «Papst Franziskus ging auf ihn mit großer Zuneigung zu. Sie berührten einander an den Händen, einmal mehr ein Symbol der Begegnung von Wissenschaft und Glauben sowie der Liebe und der Barmherzigkeit,...»

Vierzig Jahre zuvor ging der damalige Papst Paul VI. vor dem Physiker sogar auf die Knie (siehe Foto oben) und überreichte ihm die Pius-XI.-Medaille der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften. Akademie-Kanzler Sorondo spricht im erwähnten Nachruf ehrfürchtig von einem «wundervollen Beispiel für die Partnerschaft von Wissenschaft und Glauben».

1986 wurde Hawking von Papst Johannes Paul II. in die Päpstliche Akademie der Wissenschaften aufgenommen und 2012 segnete Papst Benedikt XVI. den Physiker «mit dem Zeichen des Kreuzes auf der Stirn», wie Sorondo in seinem Nachruf nicht ohne Stolz erwähnt. Er erinnere sich noch «genau daran, dass Stephen sehr bewegt war und dem Papst mithilfe seines Sprachsynthesizers antwortete, er sei gekommen, um die Beziehung zwischen Glauben und Wissenschaft zu vertiefen».

Mit dem Kreuz-Zeichen auf der Stirn hatte der Papst den Physiker symbolisch den Fängen der Gottlosigkeit und des Relativismus entrissen. Der Vatikan und Stephen Hawking, das ist eine metaphysische Liebesbeziehung, obwohl der Physiker sich gelegentlich widerborstig zeigte. Doch der Vatikan kannte Hawkings wahre Gestimmtheit besser als er selbst.

Mathematische Spielereien jenseits der Messbarkeit

Hawking bemühte sich stets, seine Gläubigen auf eine falsche Fährte zu locken. Provokativ rief er in seinem Buch «Der grosse Entwurf» gleich auf der ersten Seite aus: «Die Philosophie ist tot» und meinte damit natürlich auch die Metaphysik, die ein wichtiges Teilgebiet der Philosophie ist und zu der ja auch die Religion gehört. Gleichzeitig prahlte er damit, dass die Physik die letzten Fragen nach dem Ursprung von Raum, Zeit, Materie und Energie endgültig beantworten könne.

Hawkings Weg führte dabei über komplizierte, mathematische Konstrukte, namentlich die String-Theorie, die M-Theorie und die Multiversum-Theorie. Dabei ist die Rede von «Wurmlöchern», von «p-Branen» und von «elf Raumzeitdimensionen», deren «verschiedene Aufwicklung» verschiedene Naturgesetze zulassen.

Doch das sind alles abenteuerliche, mathematische Spielereien jenseits der Messbarkeit, also Metaphysik. Völlig losgelöst von wissenschaftlichen Kriterien und in ekstatischer Spekulation folgert Hawking daraus, das Universum sei «quantenmechanisch aus dem Nichts erschaffen worden» und folglich brauche es keinen Gott (siehe Infosperber: Wahlverwandtschaften von Cern und Vatikan). Man ersetze das «Nichts» durch «Gott» und es wird klar, wieso der Vatikan so grossen Gefallen am vermeintlich verlorenen Sohn hatte.

Hawking hatte sich auf der mathematischen Leiter in die Metaphysik verstiegen. Dabei hielt er sich an die gütige Empfehlung von Papst Benedikt XVI., der in seiner Regensburger Rede über «Glaube und Vernunft» (2008) von einer «Ausweitung unseres Vernunftbegriffs und -gebrauchs» durch «die Überwindung der selbstverfügten Beschränkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare» sprach.

Auf den Spuren von Thomas von Aquin

Die Medien sind grösstenteils auf Hawkings falsche Fährte hereingefallen und vor Ehrfurcht vor dem Genie im Rollstuhl erstarrt. Einzig der Kanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, Marcelo Sánchez Sorondo, hat in seinem Nachruf in der «Zeit» Hawkings Zauber als das entlarvt, was es ist: Metaphysik, die mit der katholischen Lehre bestens verträglich ist.

Völlig zu Recht bemerkte Sorondo, dass sich Hawkings mit der Behauptung, das Universum sei «quantenmechanisch aus dem Nichts erschaffen worden», einer «metaphysischen Argumentation» geöffnet habe.

Doch damit nicht genug der metaphysischen Annäherung. Sorondo verglich Hawkings Argumentation sogar mit jener des katholischen Kirchenlehrers Thomas von Aquin (1225-1274). Wenn Hawkings sage, es gebe «keine Singularität und kein einzelnes Ereignis, das als Schöpfung identifiziert werden könnte», so erinnere ihn das an Thomas von Aquin, der «eine ähnliche Position vertreten» habe, «dass nämlich der zeitliche Beginn der Schöpfung nicht durch menschliche Vernunft bewiesen werden könne und dass Christen ihn nur durch Glauben annehmen.»

Wenn Hawking über «10500 verschiedene Arten, Extradimensionen aufzuwickeln» fabuliert («Der grosse Entwurf», S. 142), dann liegt er exakt in der Tradition jener, die den Kopf darüber zerbrachen, wieviele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben.

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keine

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Der Vatikan und die Katholiken

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3 Meinungen

Hawking und alle anderen, die sich mit der Entstehung des Universums befassen, gehen eben an den Rand des Wissens, das die Wissenschaft bis heute erarbeitet hat.
Es gibt nun mal keine empirisch gestützte Antwort auf die Frage, was vor dem Urknall war und warum damals das Universum entstanden ist. Um darüber eine Theorie zu entwickeln, die sich später testen lässt, muss man wohl sehr kreativ sein. Da ist es überhaupt nicht abwegig, über eine Vielzahl von Raumzeitdimensionen zu spekulieren oder über Paralleluniversen, in denen andere Naturgesetze gelten als in unserem. Wenn man Angst vor dieser Art Metphysik hat, bringt man die Wissenschaft zum Stillstand.
Markus Mauchle, am 30. März 2018 um 18:33 Uhr
"meinte damit natürlich auch die Metaphysik, die ein wichtiges Teilgebiet der Philosophie ist und zu der ja auch die Religion gehört.» «abenteuerliche, mathematische Spielereien jenseits der Messbarkeit, also Metaphysik."
Das ist eine populäre, aber in der Philosophie wohl nicht mehrheitsfähige Vorstellung davon, was Metaphysik sei. Religion ist Religion, also eine mehr oder weniger glaubensgestützte kulturelle Praxis. Religionsphilosophie macht diese Praxis zum Thema, gehört also zur Kulturphilosophie. Metaphysik ist nach Aristoteles die Untersuchung des Seienden als Seienden, also Ontologie. Gott kommt darin vor (metaphysischer Theismus) oder auch nicht, z.B. weil er nicht zum Seienden gehört (Plotin u.a.). Für die Ontologie braucht man u.a. Logik oder Modaltheorie, Mereologie oder Kausalitätstheorie. Nützlich macht sie sich z.B. in der Geographie oder in der Informatik. In keinem Fall basiert Metaphysik auf Mathematik, ob ernste oder Spielerei. Wenn man in katholischen Schulen lernt, dass Metaphysik und Religion ungefähr dasselbe seien und das auch noch in Hinblick auf Mathematik, dann sollte man sich von dieser Fehlinformation emanzipieren und sie nicht durch vermeintlich kritische Angriffe noch befestigen.
Brigitte Hilmer, am 30. März 2018 um 22:24 Uhr
Der allergrösste Teil dieser ganzen Wissenschaften um die Entstehung und Struktur «unseres» wie auch wohl unzähliger paralleler Universien, bleibt immerzu nur Metaphysik, also weder durch Messungen, noch durch wiss. Experimente beweisbare Vorgänge. Einzelne Details scheinen sich manchmal zu klären aber auch dies bleibt eher Wunschdenken, als zweifelsfreie wissenschaftliche Erkenntnis.

Man weiß hier natürlich nie, wieweit es zu Assoziationen und Ideenschübe kam, die sich hinterher nie wirklich offenbaren. Vielleicht wurde die «Raum-Zeit-Krümmung» indirekt bereits vom Kirchengelehrten Thomas v. Aquin (1225-1274) angestossen, als er ein profanes praktisches Problem beim Essen und natürlich auch Bücherlesen, sehr eigenwillig löste. Der gewaltige Umfang vom Bauch des Kirchengelehrten, erschwerte ihm alles sitzende Tun am Tisch. Sowohl das Lesen von Büchern, das Trinken von Wein, als auch das Essen-Einnehmen der Mahlzeiten.

Doch sorgte offenbar so ein unerklärlich bleibender Geistesblitz, lange vor der offiziellen Theorie der «Raum-Zeit-Krümmung» für die verblüffende Lösung. Thomas von Aquin ließ einfach vom Tisch, ein bogenförmiges Stück heraussägen. So daß der Tisch nunmehr an die Formlinie des Bauches angrenzte. So konnte der kluge Kirchenlehrer ab dann in dieser «Kuhle», natürlich nun viel bequemer am Tisch Lesen, Trinken und Speisen.

Daraus kann man nun die Erkenntnis gewinnen, daß damals auch katholische Kirchenlehrer, durchaus alltagstaugliche Einfälle haben konnten.
Werner Eisenkopf, am 31. März 2018 um 14:39 Uhr

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