Ungarn: Judenfeindlichkeit von Regierungsseite

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Felix Schneider / 09. Apr 2018 - NZZ springt Ungarn gegen die EU bei und wettert gegen arabischen Antisemitismus. Vom staatlichen Antisemitismus in Ungarn kein Wort

Ende letzter Woche hing Budapest noch voller antisemitischer Plakate. Zu sehen ist auf diesen Plakaten der in Ungarn geborene Financier und Philanthrop George Soros, der die Kandidaten der Oppositionsparteien umarmt. Die Parole auf dem Bild lautet: «Stoppt die Soros-Kandidaten!».

Orban, einst selbst Empfänger eines Soros-Stipendiums, führt seit längerem eine Kampagne gegen Soros. «We are fighting an enemy that is different from us» hat Orban, so berichtet die bekannte israelische Zeitung «Haaretz», auf einer Wahlveranstaltung in Budapest gesagt und den Feind so charakterisiert: «Not open, but hiding; not straightforward but crafty; not honest but base; not national but international; does not believe in working but speculates with money; does not have its own homeland but feels it owns the whole world

(Nicht offen, sondern hinterrücks; nicht gradheraus, sondern schlau; nicht ehrlich, sondern feige; nicht national, sondern international; kein anständiger Arbeiter, sondern ein Spekulant; hat keine Heimatgefühle, sondern fühlt sich in der ganzen Welt zu Hause.)

Das ist ein perfektes und vollständiges Verzeichnis aller Attribute der jüdischen Weltverschwörung. Das ist Antisemitismus pur. Und zwar von Regierungsseite.

«Geschmäckle»

Auf diesem Hintergrund hat die Publikationsstrategie der «Neuen Zürcher Zeitung» mehr als nur ein «Geschmäckle». Sie stinkt. In seiner Sonntagspredigt vom 7. April diagnostiziert Chefredaktor Eric Gujer, «Brüssel» sei «erpicht darauf, an den Osteuropäern ein Exempel zu statuieren» und findet, dass «Polen und die Ungarn selbst entscheiden müssen, ob sie die autoritäre Demokratie eines Jaroslaw Kaczynski oder Viktor Orban auf Dauer ertragen wollen» (NZZ 7.4.18, S.1). Vom staatlichen Antisemitismus in Ungarn kein Wort.

Dafür, zwei Tage zuvor, wieder einmal der Politologe Bassam Tibi: «Ich will hier nicht die Flüchtlinge anklagen. Sie können nichts dafür. Sie wurden im Orient zu Antisemiten erzogen.» (NZZ 5.4.18). Tibi hat natürlich recht, wenn er darauf hinweist, dass es einen arabischen Antisemitismus gibt und dass in Westeuropa die Gefahr besteht, ihn zu verharmlosen. Sein Erweckungsfeldzug zugunsten der Deutschen und gegen den Islam verleitet ihn aber zu den abenteuerlichsten Aussagen («10 Prozent der Muslime in Deutschland sind beruflich und gesellschaftlich eingegliedert. 90 Prozent leben in Parallelgesellschaften»). Dazu gehört, dass er den Anschein zulässt, der Antisemitismus sei in Europa primär ein Import aus muslimischen Kulturen. Der Berliner würde sagen: Hättste gerne, wa?

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Keine.

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Offene/verdeckte Judenfeindlichkeit

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3 Meinungen

Ungarn hat gewählt, die Hoffnungen vieler Journalisten aus D und CH wurden zerstört, die Sache ist gegessen.
Nun warten wir mal gespannt auf einen fundierten Artikel, welche die zunehmende Zahl jüdischer Auswanderer in Frankreich erklärt. Aber ohne FN Bashing, das wäre zu banal.
Tim Meier, am 10. April 2018 um 08:28 Uhr
Benjamin Netanjahu wird sich über Ihren Artikel sicher freuen. Schliesslich ist es ja das Ziel der Ultra-Zionisten, jede Kritik an Handlungen eines Juden, oder des Staates Israel, als Antisemitismus darzustellen und strafbar zu machen. Die entsprechenden Vorbereitungen für Gesetze dazu sind in USA, GB und Kanada schon sehr, sehr weit gediehen.

Zur Weiterbildung würde ich Ihnen die Dokumentation von Al Jazeera zu diesem Thema wärmstens empfehlen:

https://www.aljazeera.com/investigations/thelobby/

Gerechterweise muss man sagen, dass das porträtierte Vorgehen von jeder Interessengruppe genau so angwendet wird, so sie über die nötigen Finanzen dafür verfügt. Ein Lehrstück!
Elisabeth Heer, am 10. April 2018 um 14:51 Uhr
Weder in infosperber.ch, noch in einer der diversen Zeitungen, noch im Fernsehen, habe ich bisher auch nur eine ansatzweise «neutrale» Berichterstattung zu der ungemein komplexen Thematik «Soros-Ungarn-Orban» gesehen. Orban darf man getrost als «korrupt» ansehen, doch ist Soros dann «noch korrupter» anzusehen. Übliche Schwarz-Weiss-Gut-Böse-Schubladen passen hier nur für Schlechtinformierte+Naive.

Hätte Orban aber auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, nicht die Grenzen der «Balkanroute» zugemacht, wären Deutschland und Österreich bald am Rande eines Chaos getaumelt, mit unüberschaubaren Folgen für Recht und Ordnung in den Ländern. Nur die Schweiz wäre zunächst noch besser drangewesen.

Das sind die nüchternen Tatsachen, ungeachtet aller persönlichen Meinungen und Betroffenheiten zur Flüchtligsthematik. Es ist daher nicht mal absurd, es für möglich zu halten, daß eine spätere deutsche Bundesregierung NACH Frau Merkel, sogar Herrn Viktor Orban, dafür noch das «Bundesverdienstkreuz am Bande» verleihen könnte.
Werner Eisenkopf, am 11. April 2018 um 02:45 Uhr

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