In diesem Koscher-Supermarkt in Paris wurden vier jüdische Geiseln ermordet © ard

In diesem Koscher-Supermarkt in Paris wurden vier jüdische Geiseln ermordet

Die stille Duldung des Antisemitismus

Jürg Müller-Muralt / 24. Jan 2015 - Der Antisemitismus wird unverfrorener, speziell in Frankreich. Die ganz grosse Solidarität für die jüdische Bevölkerung bleibt aus.

Islamfeindlichkeit und ihre Ursachen sind seit langer Zeit ein mediales Dauerthema. Nicht mit gleicher Regelmässigkeit auf dem journalistischen Radar ist der Antisemitismus. Er ist der ganz gewöhnliche Skandal mitten in den europäischen Gesellschaften. Thematisiert wird er üblicherweise erst dann, wenn der israelisch-palästinensische Konflikt wieder einmal Schlagzeilen liefert und antisemitische Hetze Hochkonjunktur hat; zum Beispiel während des Gaza-Krieges vom Sommer 2014. Doch die israelische Politik, an der es viel zu kritisieren gibt, dient dabei häufig bloss als Vorwand für den Antisemitismus als verbreitetes gesellschaftliches Krebsübel. Und er ist nicht nur ein Phänomen einzelner Milieus, er ist milieuübergreifend – und in seiner «milden» Variante gesellschaftlich breit akzeptiert.

Charles Lewinsky: ein «Skandal»

Gut auf den Punkt gebracht hat das der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky: «Ich ärgere mich über die Tatsache, dass man in unserem Land, das Werte wie Gleichberechtigung und Toleranz doch so hochhält, ein jüdisches Gemeindehaus in einen Hochsicherheitstrakt verwandeln muss. Und ich ärgere mich über mich selber, weil ich mich ganz allmählich an diesen Skandal gewöhne. Damit man mich nicht falsch versteht: Im Verhältnis zu unseren Nachbarländern ist die Situation bei uns noch harmlos. Aber man stelle sich den Aufruhr vor, wenn ein katholisches oder protestantisches Gemeindehaus auf diese Weise gesichert werden müsste. Bei einer jüdischen Einrichtung schaut die Öffentlichkeit weg. ‚Na ja, es sind halt Juden. Es wird schon seinen Grund haben, dass sie sich schützen müssen‘» (SonntagsZeitung, 27.07.2014).

Gewalt verdoppelt

Eben: In der Schweiz ist die Lage nicht dramatisch, im Vergleich etwa zu Frankreich. Dort war die Ermordung von vier jüdischen Geiseln in einem Supermarkt im Nachgang zum Anschlag auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» nur ein weiterer Akt in einer langen Serie von antisemitischen Verbrechen der letzten Jahre. Die Zahl unterschiedlichster Übergriffe hat sich 2014 im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt. Mordanschläge auf Jüdinnen und Juden, brennende jüdische Geschäfte, Davidsterne und Schmierereien an Häusern und Briefkästen, Angriffe auf Synagogen häufen sich in beängstigender Weise, von menschenverachtender Rhetorik im Internet ganz zu schweigen. Nicht nur die Anzahl der Überfälle hat zugenommen, sondern auch die Brutalität.

Das alte Giftgemisch

Der Antisemitismus ist heute gerade unter Jugendlichen aus muslimischen Familien stark verbreitet. Vor allem die Nachfahren nordafrikanischer Immigranten in Frankreich gelten als besonders empfänglich für Judenhass. Der Nahostkonflikt dient dabei als Rechtfertigung, als «Inspiration». Die anti-israelische Grundhaltung wird eins zu eins auf «die Juden» übertragen. Zudem spüren die jungen Muslime, dass sie Bürger zweiter Klasse sind. Sie haben ihre maghrebinischen Wurzeln verloren und sind nie richtig in Frankreich integriert worden. Doch ihr Judenhass ist nur vermeintlich neu, er bedient sich meist der immer gleichen alten und vor allem auch europäischen Vorbilder. Es gibt Varianten, unterschiedliche Aspekte und verschiedene soziale, politische, religiöse, nationalistische und rassistische Ausprägungen; aber das giftige Gemisch enthält immer die ähnlichen unsäglichen Vorurteile und Stereotypen. Denn der christliche Antijudaismus ist eine uralte Geschichte, der lange vor dem rassistisch geprägten Antisemitismus sein Unwesen trieb.

Die historische Schuld des Christentums an der Entstehung des Antisemitismus in Europa ist unbestritten. Doch wie steht es mit dem Islam? Der französische Soziologe und Antisemitismus-Forscher Michel Wieviroka, Forschungsdirektor an der École des hautes études en sciences sociales, antwortet in der deutschen «tageszeitung» (taz) wie folgt: «Das ist sehr verschieden. In der islamischen Welt hatten Christen wie Juden stets das Recht zu existieren. Die Differenzen mit dem Islam sind mehr religiöser Natur, sie betreffen die Auslegung der heiligen Schriften oder den Vorwurf an die Juden, nicht konvertieren zu wollen. Traditionell wurden die Juden in der islamischen Welt als Religion toleriert, aber in sozialer Hinsicht wurden sie als ‚Dhimmi‘, als untergeordnete Menschen behandelt. Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts hat sich mit dem Beginn der Massenkommunikation und mit der Gründung von Israel alles dramatisch verändert.»

Front National: antisemitische Mobilisierung

Der sozusagen importierte, islamische Judenhass hätte wohl nie jene Bedeutung, wenn er nicht auf den Nährboden des latenten oder phasenweise auch wieder militanten ursprünglichen Antisemitismus in Europa fiele. Interessanterweise hat vor zehn Jahren eine Studie in Frankreich ergeben, dass sich die antisemitische Gewaltbereitschaft der extremen Rechten verringert habe und jene der jungen Einwanderergeneration gestiegen sei. Nun kommen aber französische Forscher der Denkfabrik Fondapol in einer neuen Studie vom November 2014 zu einem etwas anderen Schluss: Sie orten einen hartnäckigen Bodensatz antisemitischer Einstellungen.

Im Fokus steht der Front National (FN). Die Gründer des FN waren meist deutlich antisemitisch orientiert. «Mit der Annäherung an die Thesen des Holocaustleugners Faurisson hat der FN in Frankreich für den Antisemitismus eine Bresche geschlagen und trägt somit eine enorme historische Verantwortung», sagt auch Michel Wieviorka. Die FN-Chefin Marine le Pen drängt mit aller Kraft in die gesellschaftliche und politische Mitte und versucht, auch bezüglich Rassismus und Antisemitismus, ihre Partei aus der Schusslinie zu nehmen. Doch Dominique Reynié, Studienleiter der Denkfabrik Fondapol, sagte bei der Präsentation der Untersuchung gemäss einem Bericht des Deutschlandfunks: «Wir haben es mit einer Partei zu tun, die antisemitische und rassistische Wähler auf spektakuläre Weise mobilisiert.» Die französische Gesellschaft sei zwar nicht generell antisemitisch durchsetzt, sagt Reynié, aber es gebe antisemitische Zonen, und zwar bedeutende: «Den Front National, die Muslime, je stärker sie ihre Religion praktizieren, aber auch einen Teil der Linken, die Linksfront, und schliesslich soziale Netzwerke und die Video-Plattformen im Internet.»

Wenig Solidarität mit Juden

Es ist sicher so, wie diese jüngste Studie zur Lage in Frankreich sagt: Der militante, aggressive Antisemitismus ist kein allgemeines gesellschaftliches Problem, sondern in einigen, allerdings wichtigen gesellschaftlichen Sektoren stark verbreitet. Das heisst allerdings nicht, dass der Rest der Gesellschaft die Hände in Unschuld waschen kann – weder in Frankreich noch anderswo in Europa. Denn das grosse Problem ist die wachsende Gleichgültigkeit antisemitischen Äusserungen, Haltungen oder gar Gewaltakten gegenüber. Der gigantische Aufschrei, die gewaltige Solidaritätsdemonstration nach dem Anschlag auf «Charlie Hebdo» waren richtig, wichtig und bitter nötig; die Meinungs- und Pressefreiheit ist das zentrale Element einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft. Aber die Gewissens-, Glaubens- und Religionsfreiheit auch. Und am meisten gefährdet ist heute in weiten Teilen Europas – ausgerechnet! – die Glaubensfreiheit der Jüdinnen und Juden. Man hat bisher, auch nach schlimmen antisemitischen Anschlägen, keine vergleichbaren massiven Solidaritätswellen mit jüdischen Gemeinschaften gesehen. Für die Juden wäre der entschlossene Rückhalt durch die Gesellschaft vielleicht wichtiger als der deprimierende Polizeischutz vor den Synagogen und jüdischen Einrichtungen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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11 Meinungen

Ich weiss immer noch nicht genau, was der Autor unter «antisemitisch» meint. Wie sagte doch Arafat, «ich Antisemit ?"

Von den Muslimen verlangen viele, dass sie sich von der buchstabengetreuen Interpretationen und deren simplizistischen exzessiven Auswüchse z.B. der IS-Leute distanzieren. Das Amalgam IS = Muslim = Terrorist ist latent in den meisten westlichen Länder vorhanden. Kann es da erstaunen, wenn Netanjahu mit Israel und Staatsterror gleichgesetz wird, eine Distanzierung westlicher jüdischer Mitbürger aber nur ganz leise, wenn überhaupt geflüstert wird. Das Amalgam Staatsterror und Judentum ist hier nicht mehr weit entfent.

Die manichäische Dichotomie zw. Gut und Böse ist nicht zuletzt eine US-Instrumentalisierung menschlicher Archetypen. Als Europäer sollten wir uns einer etwas nuancierteren Betrachtungsweise bemühen und auch das Wort «Antisemitismus» nicht unbedacht in den Mund nehmen.
Josef Hunkeler, am 24. Januar 2015 um 11:34 Uhr
Guten Tag zusammen
Die stille Duldung, der Vernichtung von Kleinbetrieben..
Die stille Duldung, dass das Anglo-Amerikanische Finanzsystem unsere Regierung mitregiert...
Die stille Duldung, dass die Schere reich und arm weiter auseinadergeht...
Die stille Duldung, dass in der Schweiz mehr Menschen Suizid machen als das es Verkehrstote gibt...
Die stille Duldung, dass aus perspektivelosigkeit in Basel pro Jahr über 200 junge Menschen suizid begehen, mit Abschiedsbriefen ähnlichen Inhaltes.... z.b. aus einem Brief: In dieser Welt, voll von Konkurrenzdenken, Buhlen, belohnung und bestrafung, Armut und Gier, kann ich nicht, und will ich nicht leben, ich will kein Blut an meinen Händen haben....
Die stille Duldung, dass 92% des Weltkapitales in den Händen von 1 % der Weltbevölkerung ist, und diese mit dem horten des Kapitales und Rohstoffen eine künstliche Armut, Inflation und viel Elend erzeugen, und deshalb jeden Tag 100'000 Menschen verhungern, und Völker unter diesem Leidensdruck gegen einander aufgehetzt werden können in Kriege (Siehe Ukraine)
Die stille Duldung, dass all diese Gegebenheiten von globaler Ungerechtigkeit, niemals wirklich relevant in den Mainstreammedien klar und deutlich kommuniziert werden, den Reuters regiert mit....
Die stille Duldung, das es von allem genug gäbe für alle, aber nicht für jedermanns Gier....
Die stille Duldung, dass eine Imperium sich in der ganzen Welt unter Kriegsandrohung und Sanktionen bedienen kann wie es ihr gerade passt....
Beatus Gubler, am 24. Januar 2015 um 12:07 Uhr
Ich entschuldige mich für meine Schreibfehler, meine Tastatur ist hinüber....
Beatus Gubler, am 24. Januar 2015 um 12:09 Uhr
Da der Staat Israel sich als jüdischer Staat bezeichnet und stets als solcher Anerkennung einfordert ist die Gleichsetzung von Juden und Israel naheliegend und verständlich. Die Kritik an der Israelischen Politik wird so zur Kritik «der Juden». Sollte sich Israel entschliesen, sich als säkularer Statt zu definieren, als israelischer Staat, könnte dies solche Gleichsetzungen vermeiden helfen.
Hermann K.J. Fritsche, am 24. Januar 2015 um 13:11 Uhr
@ Herr Fritsche.
Danke, sehr gutes Argument, mit dem ich übereinstimmen kann.
Religion und Politik sollten auseinander gehalten werden.
Beatus Gubler, am 24. Januar 2015 um 14:53 Uhr
Vielleicht ist der Preis unseres Fortschritts und Standards, den wir auch der Unterdrückung und Ausbeutung verdanken und dadurch Entwicklungen in andren Ländern eher gebremst haben. Nun beklagen wir, dass diese nicht den gleichen Stand erreicht und beispielsweise nicht zur Aufklärung oder Säkularisierung in der Lage waren und weiterhin mystisch-religiöse Strategien zur Bewältigung von Lebenswirklichkeiten brauchen. Wie schwierig es ist Religion und Politik zu trennen, sehen wir auch in unserem Staat und in anderen europäischen Ländern und besonders im fundamentalistischen Amerika.
Hermann K.J. Fritsche, am 24. Januar 2015 um 15:04 Uhr
@ Herr Fritsche.
Danke, wieder sehr gute Argumente, mit welchen ich übereinstimmen kann. Ich habe einen anthroposophischen Hintergrund. Auch dort ist dies immer wieder ein Thema. Ich würde den Fortschritt jedoch weniger stark auf die Ausbeutung und Unterdrückung zurück führen. Die Unterdrückung und Ausbeutung schwächerer Ethnien hat unseren, vor allem den geistig/moralisch/seelischen Fortschritt, eher behindert. Einige wenige der hochentwickelten Zivilisationen haben sich ganz einfach dreist auf Kosten schwächerer Ethnien ihre privaten Taschen gefüllt mit dieser Ausbeutung. Dies um ganz oben in der Liga der plutokratisch Veranlagten mit zu spielen. Das stark belastete Gewissen der Imperien wird auf lange Sicht sich seinen Tribut holen. Wir sehen dies schon jetzt in den Usa. Jeder vierte Amerikaner glaubt dem Staat gar nichts mehr, schämt sich für das gebaren der eigenen Nation. Umweltzerstörung, Kriegstraumatisierte welche vom Staat im stich gelassen werden mit einer Blechmedallie, ein von dem Blut getränkter Boden der fast ausgerotteten Indianer, u.s.w. Letztendlich, auch wenn es lange dauern kann, fällt früher oder später das was man gesät hat, auf die Ursache zurück. Wenn die US Wirtschaft kollabiert, wird es auch die Supermilliardäre mitreissen, da man Geld und Gold nicht Essen kann. Schon heute staut sich im Volk weltweit eine noch nicht deutlich sichtbare Wut, welche eines Tages ausbrechen wird. Auch in Israel ist die Obdachlosigkeit und Armut immens.
Beatus Gubler, am 24. Januar 2015 um 15:32 Uhr
@Gubler. Einverstanden; unserer «Fortschritt» ist leider vorwiegend technisch und der geistige hinkt weit hinterher. Es zeigt aber auch, dass Gewalttätigkeiten in welcher Form auch immer, stets noch Herrschaften sichert. Wenn die Armut nur gross genug ist, werden die Menschen apolitisch und sind nur noch auf Überleben (verständlicherweise) konzentriert.
Hermann K.J. Fritsche, am 24. Januar 2015 um 15:39 Uhr
@Herr Fritsche
Ja, da muss ich Ihnen recht geben, daran hatte ich nicht gedacht. Es ist wirklich sehr komplex und es sind sehr viele Zusammenhänge mit einzubeziehen.
Beatus Gubler, am 24. Januar 2015 um 17:35 Uhr
Der Regisseur Peter Zadek sagte mal :Die Opfer wurden zu Tätern...
Peter Zadek war Jude - ein Antisemit?
Kolomojskij und Poroschenko (beide Juden) sind ukrainische Kriebstreiber mit USA- und EU-Gnaden-und Finanzierung.
Mein Mann ist Ukrainer mit jüdischer Mutter - ein Antisemit?
Ich bin gegen die Bankendiktatur von Goldman Sachs.
Bin ich, die ich H.Heine, K.Tucholsky, L.Feuchtwanger, A.Wagenstein, K.Wolf (alles Juden) tief verehre und schätze, Antisemitin?
Elisabeth Tymoshenko, am 25. Januar 2015 um 13:49 Uhr
Wollen wir als Menschheit überleben und in Friede miteinander leben müssen wir alle Glaubens Fehden beenden.
Und wie erreichen wir dies am besten ?
Indem dass wir Religionen international definitiv als «PRIVAT SACHE» deklarieren (es hat zu viele Götter, die vertragen sich gegenseitig nicht mehr ...), und die Staaten definitiv davon befreien.

Israel ist demnach nur noch ein „Staat im vorderem Orient“ und kein Jüdischer Staat mehr !
Frau Carmey Bruderer, am 27. Januar 2015 um 01:42 Uhr

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