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Synes Ernst: Spiel-Experte

Der Spieler: Bestehende Spielideen mit hohem Potenzial

Synes Ernst. Der Spieler / 09. Nov 2019 - Verlage pflegen bewährte Konzepte. Ein Trend, der an der Spiel’19 in Essen deutlich zu beobachten war.

Millionen von Menschen sind schon durch diese stattliche Liegenschaft gestreift. Sie alle versuchten, herauszufinden, wer unter sechs Verdächtigen Dr. Schwarz, den Hausherrn, umgebracht haben könnte, mit welcher von sechs möglichen Tatwaffen und in welchem der insgesamt neun Räume. Die Villa Neubrunn ist Schauplatz des weltweit bekanntesten Deduktionsspiels «Cluedo». Dieses feiert heuer seinen 70. Geburtstag, was Hasbro, der das Spiel seit 1991 produziert, zum Anlass nahm, den beliebten Klassiker aufzufrischen. Dazu kooperierte der US-Spielzeug-Multi mit dem Internetportal Houzz, einer internationalen Plattform von Experten für Wohn-Design und Innenarchitektur. Auf deren Homepage wird derzeit ein Entwurf der Stardesignerin Ann Lowengart präsentiert, der bei einer Umfrage in der Houzz-Community am meisten Stimmen erhalten hat – das neue Badezimmer im renovierten «Cluedo», das gemäss Angaben von Hasbro im Januar 2020 auf den Markt kommen wird.

Vom Karten- zum Brettspiel

Damit folgt Hasbro einem Trend, der jüngst an der Spiel’19, mit über 200 000 Besucherinnen und Besuchern weltweit grössten Publikumsmesse für Gesellschaftsspiele, deutlich zu beobachten war. Dass nämlich vor allem grössere Verlage vermehrt ihre bestehenden Spielideen und -konzepte pflegen und weiterentwickeln. Dabei kommen nicht unbedingt externe Designer zum Zug wie im Fall von «Cluedo». Vielmehr sind in der Regel die ursprünglichen Autorinnen und Autoren beteiligt (was bei einem 70-jährigen Spiel nicht mehr so gut möglich ist …), die bei dieser Gelegenheit gerne demonstrieren, was auch noch in der Grundidee ihres Spiels steckt.

Ein schönes Beispiel dafür ist die neue Brettspiel-Variante des witzigen Kartenspiels «6 nimmt!» von Wolfgang Kramer (Verlag Amigo Spiele). Statt mit Karten wird jetzt mit kleinen Plättchen gespielt, die nach dem bisherigen Prinzip auf ein Brett gelegt werden. Das Spielbrett mit seinen verschiedenen Feldern schafft neu die Möglichkeit, dass man mit dem Ablegen Aktionen auslösen kann. So wird «6 nimmt!» zum einen dynamischer, zum andern taktischer, was auch ein anderes Spielgefühl vermittelt. Taktischer bedeutet auch, dass man nicht nur wie bis anhin Minuspunkte kassieren muss, sondern auch Pluspunkte sammeln kann. Mit dieser Weiterentwicklung konnte Kramer zum 25-Jahr-Jubiläum des Spiels auch einen alten Wunsch realisieren: «6 nimmt!» einen positiveren Touch zu geben.

Erweiterungen oder neues Spiel?

Das grosse «Catan»-Jubiläum – 1995 ist «Siedler von Catan» erschienen – wirft seine Schatten voraus: Bereits jetzt hat der Kosmos-Verlag eine vom Erfolgsautor Klaus Teuber selber komplett überarbeitete Ausgabe von «Catan – Sternenfahrer» auf den Markt gebracht. Neu sind Optik, Mechanik und Figuren.

Ebenfalls zu einem Jubiläum, seinem 20. Geburtstag, bringt der Verlag alea/Ravensburger das 2011 veröffentlichte strategische Aufbauspiel «Die Burgen von Burgund» von Stefan Feld in einem neuen Design und – den Gesetzen des internationalen Marktes gehorchend – unter dem englischen Titel «The Castles of Burgundy» heraus. Bereits in den vergangenen Jahren hatte der Verlag das Spiel mit Erweiterungen weiterentwickelt, die jetzt alle in der neuen Ausgabe enthalten sind.

Erweiterungen hatte der Verlag Hans im Glück ursprünglich auch für sein erfolgreiches Strategiespiel «Auf den Spuren von Marco Polo» (erschienen 2015) geplant. Bei der Entwicklung in der Redaktion und in Zusammenarbeit mit den beiden Autoren Daniele Tascini und Simone Luciani entstand jedoch mit der Zeit ein völlig neues Spiel mit veränderter Karte, neuer Route, neuer Ware, neuen Charakteren, neuer Schlusswertung: «Marco Polo II – Im Auftrag des Khan».

Auf Erweiterungen verzichtet auch Next Move bei seinem erfolgreichen Legespiel «Azul», das 2018 mit dem Titel «Spiel des Jahres» ausgezeichnet wurde. Nachdem im vergangenen Jahr mit dem eigenständigen «Die Buntglasfenster von Sintra» das «Azul»-Thema weitergedreht worden ist, folgt jetzt «Azul – Summer Pavilion». Beibehalten hat der Autor Michael Kiesling den raffinierten Mechanismus bei der Auswahl der bunten Teile. Total anders ist hingegen das Ablegen der Steine. In Gesprächen mit Kritikerkollegen, die «Summer Pavilion» schon kennen, habe ich gehört, dies sei das beste unter den drei «Azuls». Bin gespannt.

Blick in die digitale Welt

Bei der Weiterentwicklung bestehender Spielkonzepte beschränken sich die Verlage nicht nur auf Ideen aus dem eigenen Haus. Mitunter fördert der Blick über die Grenze der analogen Gesellschaftsspiele hinaus in die digitale Welt Interessantes zutage. So haben an der Spiel’19 mit Ravensburger und Kosmos gleich zwei führende Verlage Umsetzungen von erfolgreichen PC- und Videospielen präsentiert.

Ravensburger bringt zum 10-Jahr-Jubiläum von «Minecraft» das meistverkaufte aller Videospiele unter dem Titel «Minecraft: Builders & Biomes» als strategisches Brettspiel auf die Wohnzimmertische. Welches die Herausforderungen bei der Transformation von einem digitalen zu einem analogen Spiel sind, beschreibt der Autor Ulrich Blum in einem Interview wie folgt: «Brett- und Computerspiele verhalten sich ja ein bisschen wie Theater und Kino. Beide scheinen erst mal das Gleiche zu machen, doch bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass beide ihre ganz eigenen Stärken und Schwächen haben. Sich auf die Stärken des Mediums zu konzentrieren und nicht zu versuchen, die Stärken des anderen Mediums zu kopieren, führt dabei am ehesten zum Erfolg. Bei Minecraft war es von vornherein klar, dass ich niemals den Detailgrad oder die Vielseitigkeit des Spiels auf den Tisch übersetzen kann. Stattdessen habe ich nach den Kernprinzipien des Spiels gesucht und vor allem nach den Emotionen, die diese beim Spieler auslösen. Doch selbst mit dieser Maxime im Kopf war der erste Prototyp noch vollkommen überfrachtet. Es folgte ein stetiges Wegnehmen, Vereinfachen und Verschlanken. Bis ich irgendwann bei dem gelandet bin, was jetzt ‹Minecraft: Builders & Biomes› ist.»

Bei Kosmos schliesslich ist die Brettspieladaption von «Cities Skylines» von Rustan Hakansson erschienen. Im Unterschied zur digitalen Vorlage ist das Brettspiel kooperativ. Als Team entwickeln die Teilnehmenden ihre Stadt gemeinsam. Es sind also, wie in der realen Welt, Absprachen untereinander nötig, um eine gute Entwicklung zu ermöglichen.

Nicht nur ökonomische Überlegungen

Verlage würden primär aufgrund von ökonomischen Überlegungen handeln, wird vor allem dann kritisiert, wenn Erweiterungen auf den Markt kommen, die unter dem Niveau der jeweiligen Grundspiele liegen. Diese Kritik mag zum Teil berechtigt sein. Auf der anderen Seite aber ist es zu begrüssen, wenn Verlage ihre erfolgreichen Produkte aktualisieren und weiterentwickeln. Denn es ist ein Weg, um gute Ideen in unserer schnelllebigen Zeit neuen Generationen von Spielerinnen und Spielern zugänglich zu machen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Spielekritiker für das Ausgehmagazin «Apéro» der «Luzerner Zeitung». War lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied, in dieser Funktion nicht mehr aktiv an der Juryarbeit beteiligt.

Weiterführende Informationen

Hier geht es zum Interview mit Ulrich Blum
Der Spieler: Dossier mit allen Beiträgen

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