Pekingese: Lebte früher ausschliesslich am chinesischen Kaiserhof © Lily.M/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0

Pekingese: Lebte früher ausschliesslich am chinesischen Kaiserhof

Chinesen sind auf den Hund gekommen

Peter G. Achten / 30. Aug 2017 - In China sind Hunde als Haustiere immer beliebter. Die rasante Vermehrung wird in den dicht besiedelten Grossstädten zum Problem.

Jedes Jahr macht dieselbe Geschichte vom grossen Hunde-Fressen und vom grausamen Hunde-Schlachten in Yulin weltweit Schlagzeilen (vgl. «Gegrillter Hund als Festschmaus» auf Infosperber). Westliche Medien illustrieren ihre Storys mit auflage- und klicksteigernden Schock-Bildern, und die Tierschützer schreien auf.

Zwar empfahl der grosse Philosoph Mengzi vor rund 2500 Jahren den gelegentlichen Verzehr von Hundefleisch, doch der Ursprung der kulinarischen Hundegeschichte liegt nicht in China, sondern in Korea. Gewiss, noch heute gilt in wenigen Regionen Chinas sowie in Vietnam und Korea Hundefleisch als Delikatesse. Das aber sind Ausnahmen. Die Europäer freilich sollten gar nicht so empört tun. Auch im «zivilisierten» Westen ass man Hundefleisch – auch in ländlichen Gegenden der Schweiz. Es ist gar nicht so lange her, da wurde zum Beispiel im Appenzellerland, in der Innerschweiz oder im Rheintal des «Menschen bester Freund» mit Genuss verzehrt.

Zu Maos Zeiten waren Hunde und Katzen als Haustiere aus chinesischen Grossstädten verbannt. Aus hygienischen Gründen. Erst zu Beginn der 1990er-Jahre begannen die ersten Städte zögerlich das Halten von Haustieren wieder zu erlauben. Tierbesitzer brauchten dazu eine nicht eben billige Bewilligung, und die Tiere mussten gegen Tollwut geimpft sein. Wie so oft, war die Hauptstadt Peking auch in dieser Sache ein Vorreiter. Je nach Stadtbezirk waren Grösse und Rasse der Hunde genau geregelt. Innerhalb der Dritten Ringstrasse beispielsweise waren nur kleinere Hunde zugelassen. So konnte ich meine Dackel-Dame Meimei problemlos auf dem nächsten Polizeiposten registrieren lassen.

Behörden sorgen sich um Sicherheit und Hygiene

Zu Beginn des Jahrtausends wurden in Peking bei einer Einwohnerzahl von rund 12 Millionen Menschen etwa 100‘000 Hunde gehalten. Heute kommen auf 22 Millionen Einwohner 1,5 Millionen registrierte Hunde. Schätzungen gehen gar von zwei bis drei Millionen Vierbeinern aus. Vor allem ältere Menschen und der wachsende Mittelstand sind inzwischen zu richtigen Haustier-Fans geworden. Die einen halten sich einen Hund oder eine Katze, weil die Tiere in den unwirtlichen Grossstädten etwas emotionale Wärme schenken, für andere sind sie – ähnlich wie Autos und Auslandreisen – einfach nur ein Statussymbol.

Auf die explosive Vermehrung von Hunden und Katzen in den Städten haben jetzt die Behörden in ganz China mit neuen Restriktionen reagiert. Damit sollen Sicherheit und Hygiene verbessert werden. In der südöstlichen Millionenstadt Hangzhou sind zum Beispiel ab September nur noch 34 Rassen mit einer maximalen Schulterhöhe von 45 Zentimetern und einer maximalen Länge von 60 Zentimetern erlaubt. In der Hafenstadt Qingdao wiederum ist seit Anfang Juli nur noch ein Haustier pro Haushalt erlaubt. Auch hier gibt es Einschränkungen bei den Hunderassen.

Die Südprovinz Guangdong (Kanton) meldet bei einer Bevölkerung von 100 Millionen Menschen sage und schreibe 150 Millionen registrierte Haustiere. Das viel grössere Problem sind jedoch die nicht registrierten Tiere. Überall werden Hunde- und Katzenhalter deshalb aufgerufen, ihre Haustiere anzumelden. Damit ist auch eine Tollwut-Impfung verbunden. Denn, wie Reklamationen landauf landab zeigen, beissen Hunde nicht selten zu. Tollwut hat im vergangenen Jahr je nach Statistik zwischen 590 und 2000 Todesopfer gefordert.

Nur das Beste ist gut genug

Wie viele Hunde es in ganz China gibt, ist statistisch nicht erfasst. Hingegen weist die Statistik aus, dass sich die Haustierhalter nicht lumpen lassen, wenn es ums Wohl ihrer Lieblinge geht. Die Vierbeiner werden verwöhnt, gehätschelt und herausgeputzt. Im vergangenen Jahr gaben Hunde- und Katzenhalter in China 122 Milliarden Yuan oder umgerechnet rund 17 Milliarden Schweizer Franken für ihre Lieblinge aus. Ökonomen schätzen, dass sich diese Ausgaben bis ins Jahr 2020 jedes Jahr um happige zwanzig Prozent erhöhen werden.

Wie ich beim Gassi-Gehen mit meiner Dackel-Dame Meimei immer wieder von chinesischen Mit-Gassi-Gehern höre, ist für den Hund nur das Allerbeste gut genug: ein wärmendes Mäntelchen für den Winter, Gummischuhe für die arg strapazierten Pfoten bei Regenwetter, eine rosa Schleife für die niedliche weisse Promenadenmischung… Frau Chen hat ihrem Pekingesen gar ein Pullöverchen gestrickt. Aus Kaschmir-Wolle, notabene. Der Hunde-Boom mit allen zuweilen grotesken Nebenerscheinungen hat aber durchaus auch positive Auswirkungen: Der Tierschutzgedanke hat in China in den letzten Jahren merkbar an Akzeptanz gewonnen. Dank den Hunden geht es jetzt auch anderen Tieren endlich etwas besser.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Peter Achten berichtet seit Jahrzehnten als Korrespondent aus China.

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