Die Physikerin Sabine Hossenfelder fährt im «Spiegel»-Interview dem Cern hart an den Karren © -

Die Physikerin Sabine Hossenfelder fährt im «Spiegel»-Interview dem Cern hart an den Karren

Teilchenphysik: Eine Physikerin spricht Klartext

Kurt Marti / 11. Aug 2018 - Während die Schweizer Medien brav über den neusten milliardenteuren Cern-Ausbau berichten, liefert der «Spiegel» handfeste Kritik.

Mitte Juni kündigte das Teilchenforschungszentrum Cern in Genf den nächsten Ausbau des unterirdischen, 27 Kilometer langen Beschleuniger-Tunnels an: Rund eine Milliarde Euro soll der Ausbau kosten, der laut pathetischer Cern-Medienmitteilung «ein neues Kapitel schreiben» und «eine Brücke in die Zukunft bauen» soll.

Auch beim Namen darf der Superlativ nicht fehlen: Der bisherige Beschleuniger «Large Hadron Collider» (LHC), übersetzt «Grosser Hadron-Beschleuniger), wird zum «High Luminosity Large Hadron Collider» (HiLumi-LHC), übersetzt «Hohe Leuchtkraft Grosser Hadron-Beschleuniger».

Die Schweizer Medien lieferten kritiklose Berichterstattung zum neusten Miliarden-Coup des Cern. Ganz anders der «Spiegel», der eine Woche vorher ein Interview mit der Physikerin Sabine Hossenfelder publizierte, die mit den Teilchenphysikern hart ins Gericht ging:

«Die meisten theoretischen Physiker, die ich kenne, studieren inzwischen Dinge, die noch niemand je gesehen oder gemessen hat. Sehr gern postulieren sie auch neue Teilchen, um ihre gedachten Weltmodelle aufzuhübschen.»

Auch dem Cern fährt die 41-jährige Physikern, die am «Frankfurt Institute for Advanced Studies» arbeitet, hart an den Karren:

«Wir betreiben … etliche Teilchenbeschleuniger, darunter den gewaltigen Large Hadron Collider in Genf. Trotzdem haben wir seit vier Jahrzehnten kaum mehr Daten gewonnen, die uns etwas Neues sagen könnten.»

Und weiter in der Kritik am Grössenwahn:

«Wenn der eine Detektor nichts findet, ruft man eben nach einem grösseren, der noch tiefer in die Materie hineinspäht. Auch vom Genfer Ringbeschleuniger hatten viele Kollegen sich Belege für dunkle Materie oder Supersymmetrie erhofft. Ebenfalls vergebens. Das hindert sie aber nicht, weiter ihren Spekulationen nachzusteigen und auf den nächstgrösseren Riesenbeschleuniger zu hoffen.»

Hossenfelder zeigt konkret auf, wie absurd die Forschung am Cern vor sich geht:

«Vor drei Jahren zeigte sich am Teilchenbeschleuniger in Genf ein kleiner Ausschlag in den Messdaten. So etwas kommt häufiger vor, im Moment wird auch wieder eine rätselhafte Datenreihe diskutiert. Damals hätte das mit viel Glück die Spur eines neuen Teilchens sein können … Acht Monate später war der Traum vorbei – der verdächtige Befund erwies sich als zufällige Schwankung in der Statistik. Aber da waren schon mehr als 600 Artikel erschienen, die das angebliche Signal erklärten. Und die populärsten Arbeiten wurden rasch hundertfach zitiert. Bei einem solchen Ausstoss können die Massstäbe für Qualität nicht mehr stimmen.»

Hossenfelder zeigt auf, dass die Physiker mit ihren Theorien eine Inflation von Teilchen bewirken und nennt nur die neusten Exemplare: Wimps, Wimpzillas, Simps, Prönonen, Sfermionen, Axionen, Flaxionen, Erebonen, Inflatonen, Unparticles. Es gebe «Zehntausende Aufsätze», die diese Teilchen genau beschreiben, aber «keiner dieser Partikel wurde je gesehen». Und sie folgert: «Die überwiegende Mehrzahl dieser Arbeiten ist komplett nutzlos.»

Und was passiert, wenn die postulierten Teilchen nicht auftauchen, wollte der Spiegel von Hossenfelder wissen, und erhielt folgende Antwort:

«Zuerst müssen Sie erklären, warum Ihr postuliertes Teilchen noch nirgendwo aufgetaucht ist. Es sollte also exakt so beschaffen sein, dass unsere grössten Apparate es gerade nicht mehr entdecken können … Regel Nummer zwei: Sie müssen begründen, warum man das Teilchen bald finden sollte, sagen wir, in zehn Jahren. Denn wenn es noch tausend Jahre sind, reissen Sie niemanden vom Hocker.»

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9 Meinungen

Skandal! Die Wissenschaft sucht nach Teilchen, die «noch nie jemand gesehen oder gemessen hat». Dafür wissen wir doch schon lange, dass wir nur nach Dingen suchen sollen, die wir auch sehen können.
Thomas Gabathuler, am 11. August 2018 um 11:47 Uhr
Ob Schweizer Medien oder Spiegel, verstehen tun sie von der Materie beide nichts! Auch der Physiker David Lindlay schrieb schon 1993 «The End of Physics». Es ist verständlich, dass Physiker wie Lindlay und Hossenfelder ob der Komplexität der Materie in Frust geraten. Eine verständliche ehrliche Haltung!
Aber man soll den klügsten Menschen die Fantasie nicht verbieten. Der Bau des HLC im CERN kostet 10 Mal weniger als das, was die Grossbanken in der Finanzkrise verspekuliert haben.
Die Gravitationswellen, die Einstein vor 100 Jahren postulierte sind erst 2016 von tausenden von hart arbeitenden Physikern nachgewiesen worden. Nur die wohl Unbescheidensten von ihnen erhielten den Nobelpreis.
Den jungen Talenten das Forschen und Denken verbieten? Welche Krämerrechnung!
Walter Schenk, am 11. August 2018 um 12:38 Uhr
Es ist garnicht so einfach unserem Schöpfer über die Schulter zu schauen. Dieser hat alles aus dem Nichts erschaffen. Es gibt nur eine Erde für uns, wo wir unsere Aufnahmeprüfung innerhalb einiger Jahrzehnte für die Ewigkeit absolvieren. 100 Milliarden Galaxien hat er geschaffen, und jede einzelne hat eine Aufgabe für uns hier auf Erden. Diese wurden doch nicht geschaffen damit wir nachts einen schönen Sternenhimmel bewundern können.
Schauen wir uns nur die Vielzahl der Blumen und die Schönheit dieser in ihren Farben an, da sind viel mehr Geheimnisse der Schöpfung zu entdecken als in den Tunneln für die Teilchenbeschleuner.
Wir müssen uns vielmehr beschäftigen mit der Frage: Was ist Leben und warum leben wir. Der Mensch hat 75 Billionen Zellen und in jeder einzelnen Zelle laufen mehr Prozesse ab als im ganzen Weltall, wenn es dort ausserhalb der Erde kein Leben geben würde.
Michael Peuser
São Paulo/Brasilien
Wir müssen viel mehr Respekt vor unserem Schöpfer haben.
Michael Peuser, am 11. August 2018 um 12:39 Uhr
Im CERN finden zahlreiche technische Entwicklungen und technologische Innovationen statt, die später in der Industrie Anwendung finden. Das berühmste Beispiel ist das Internet, ein CERN-Erzeugnis aus den 90er Jahren. Fortschritte in der Grundlagenforschung öffnen möglicherweise unerwartet neue Wege, die einen grossen Einfluss auf die Gesellschaft haben können. Dies ist aber nicht planbar. Deshalb kann die Grundlagenforschung nicht ihrer «Effizienz» gemessen werden.
Dr. Jean-Marc Suter, Physiker
Jean-Marc Suter, am 11. August 2018 um 13:07 Uhr
Sabine Hossenfelder ist doch bloss neidisch. Wo genau forscht sie? Weder in Jülich noch im CERN...
Egal. Hauptsache wieder mal in der Presse.

Grundlagenphysik ist per se nutzlos. Wissenschaftler erforschen, was noch niemand erforscht oder erkundet hat. Dazu brauchts Maschinen, Methoden und intelligende Menschen (MMM). Und viel Geld. Man prüft und verwirft Thesen und Axiome, postuliert Wechselwirkungen oder Teilchen, findet sie oder auch nicht.
Egal. Hauptsache die Neugier wird befriedigt.

Und die Geldgeber erhoffen sich Grundlagen. Wofür eigentlich? 3x dürfen sie raten: Waffen, Energiegewinnung, Marktbeherrschung. Darum geht's letztlich.

Insofern sind wir froh, gibt's viele Rückschläge beim Forschen und hat das Gottesteilchen noch nicht vermehren und nutzen können. So schaufeln wir uns wenigstens nichts selber das schwarze Loch in dem wir verschwinden könnten.
Peter Müller, am 11. August 2018 um 13:30 Uhr
@Gabathuler - Sie belieben wohl zu scherzen? Oder ist es Ihnen tatsächlich ernst mit Ihrer Aussage? Man muss leider vermuten, dass es Ihnen wohl dabei so ernst ist wie dieser Scherzkeksin Frau Hossenfelder. Wo soll man den auch nur einen Funken eines logischen Denkens in Ihrem zweiten Satz finden, der da lautet: «Dafür wissen wir doch schon lange, dass wir nur nach Dingen suchen sollen, die wir auch sehen können."
Wenn Sie es doch bereits sehen können, erübrigt sich jedes Suchen (da es ja gefunden ist). Es gab eine Zeit, zu der weder ein Atom, noch z.B. die weit entfernten Galaxien, oder von mir aus auch (für Europäer) Amerika usw. gesehen (sic) wurden. Folgt daraus, dass danach nicht hätte gesucht/geforscht werden sollen? Natürlich nicht! Ihr Computer, Smartphone usw. haben Sie, weil Dinge ergründet wurden, die niemand je zuvor gesehen hatte!

Zu Frau Hossenfelder: Sie mag ja eine ordentliche Physikern sein, ganz offensichtlich hat sie keinen blasser Schimmer davon, was uns die Wissenschaftsgeschichte und -theorie aufzeigt! Ja vermutlich weiss sie nicht einmal, dass es diese Wissenschaftsgebiete (die sich mit der Erkenntnisgewinnung beschäftigen) überhaupt gibt. Nur so erklärt sich - halbwegs -, wie es kommen kann, dass sie sich so unbedarft über etwas äussert, von dem sie a) nichts versteht, und das b) klar nicht im Bereich ihrer Kernkompetenz (Physik) angesiedelt ist. Dass dies dem Spiegel-Journalist nicht auffällt, sollte uns leider nicht sonderlich verwundern ...
Stan Kurz, am 11. August 2018 um 23:32 Uhr
Man könnte diesen gewähnten Teilchen genau so gut, etwa schon angefangen beim Periodensystem der Elemente, hierarchische und anthropomorph-personale Eigenschaften zuweisen, welche denen von Göttern, ja von ganzen Göttersippen und -familien gleichen, und dann deren Treiben und Abenteuer sich ausdenken und erspinntisieren.
Nichts anderes würde damit betrieben, als letztendlich darauf zu kommen, daß der Mensch es ist, der sie sich ausdenkt.

Denn man kann keine andere (externale) Erkenntnis erwarten und/oder erhoffen, als diejenige, die man selbst zustande bringt.

Teilchenphysik ist nicht weiter, als Mythologie in neuem Gewandt, gewebt aus Begrifflichkeiten, aus welchen jeglicher Wirklichkeitsinn möglichst verbrannt ist.
Gerheart Bandorf, am 12. August 2018 um 11:03 Uhr
@Gabathuler Dann erklären Sie uns jetzt noch, wo Sie den Sauerstoff, ohne den Sie keine 2 Minuten leben können, letztmals gesehen haben. Und auch gleich noch, warum wir Menschen heute einigermassen wissen, was Sauerstoff ist.
Walter Schenk, am 12. August 2018 um 12:15 Uhr
@Thomas Gabathuler

Ersetzen Sie «Sehen» durch Wahrnehmung, dann stimmt zumindest schon mal die Richtung.^^
Und selbstverständlich sind Vorstellungen, selbst Einbildungen und Haluzinationen, Wahrnehmungen mit auc entsprechenden Auswirkungen. Zumindest für denjenigen, der sie hat, - und (leider) auch für diejenigen, die entsprechenden Vorstellungen kraft eines argumentum ad verecundiam konditioniert werdend ausgesetzt sind. Es ist das die Methode theokratischer Strukturen von je her.
Und Frau Hossenfelder zeigt zurecht auf, wie Wissenschaft im Begriff ist Glaubensinhalt resp. zum reinen Vorstellungsinhalt zu werden.
Gerheart Bandorf, am 13. August 2018 um 14:23 Uhr

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