«Wir sind Brüder und Schwestern»: Kampala, die Hauptstadt von Uganda © Michele Sibiloni
Kampala ist keine reiche Stadt © BR

So werden Flüchtlinge in Uganda aufgenommen

Christian Müller / 29. Dez 2017 - Die meisten afrikanischen Flüchtlinge flüchten in ein Nachbarland: Eine 20'000-Einwohner-Stadt nimmt 200'000 Flüchtlinge auf.

Red. Kann eine Kleinstadt mit 20'000 Einwohnern 200'000 Flüchtlinge aufnehmen? Nicht in Deutschland oder in der Schweiz, im armen Uganda aber schon. Dort gibt es keine Lager: Flüchtlinge bekommen Land zugewiesen, dürfen arbeiten und sich frei bewegen: Das ist weltweit einzigartig.

Marc Engelhardt berichtet über diese Situation auf der deutschen Infoplattform Migazin:

Die heisse Luft flirrt, nur eine einzelne Platane spendet ein bisschen Schatten. Und doch stehen die mehr als 200 neuen Flüchtlinge ganz ruhig da in ordentlichen Reihen, während Godfrey Moyengo sie willkommen heisst. «Es gibt keine Wassertanks, keine Schule, kein Krankenhaus extra für Flüchtlinge, ihr nutzt die gleichen Ressourcen wie die Einheimischen», hallt Moyengos Stimme scheppernd durch ein Megafon. «Bald seid ihr auch für eure eigene Nahrung verantwortlich – wir geben Euch Land, Saatgut und Geräte.»

Moyengo schwitzt, als er fertig ist. Diese Rede hat der Vizekommandeur der Flüchtlingssiedlung Omugo im Norden Ugandas schon oft gehalten. Seit der Bürgerkrieg im Südsudan im vergangenen Sommer eskaliert ist, hat sich die Zahl der Flüchtlinge in Uganda verdreifacht. Fast 1,4 Millionen sind es inzwischen, eben vor allem Südsudanesen. «Deshalb geht es uns um nachhaltige Lösungen», sagt Moyengo. «Die Flüchtlinge kriegen Land, sie haben die gleichen Rechte wie Ugander. Flüchtlingslager haben wir keine.»

Während der nächste Laster mit geflohenen Menschen neben der Platane hält, dringt bereits das Geräusch von Macheten aus dem Busch. Lichtungen werden geschlagen, aus Baumstämmen entstehen erste Hütten, die mit Plastikplanen des UN-Flüchtlingshilfswerks bespannt werden. Margrit Yabo sitzt gebückt unter einem Dornbusch und sieht den jungen Männern zu, die mit routinierten Bewegungen ihre Behausung aufbauen. Die 78-jährige hat Unterschenkel wie Streichhölzer, ihre Schultern hängen schlaff nach vorne. Doch ihr Blick ist wach.

«Der Rest meiner Familie wurde umgebracht.»

«Ich bin alleine zu Fuss vom Fluss Yei hierhergelaufen, acht Tage, acht Nächte, mit Gras und Beeren als einzige Nahrung», sagt sie. Ihr Sohn ist auf dem Weg verschwunden, soll aber schon in Uganda sein. «Der Rest meiner Familie wurde umgebracht, ich konnte meinen Mann nicht einmal begraben, sondern musste laufen, um zu überleben.» Kaum eine Körperstelle, die Yabo nicht schmerzt, und trotzdem ist sie glücklich. «Hier ist Frieden, ich bete jetzt und hoffe auf Hilfe, egal welche – ich bin dankbar für alles, was ich bekomme.»

Es geht nur mit Hilfe von Hilfsorganisationen

Weil Alte wie Margrit Yabo nicht alleine zurechtkommen, springen Nachbarn ein – und professionelle Helfer. Denn die Flüchtlingssiedlungen im Norden Ugandas funktionieren im Kern wie Städte, nur dass Hilfsorganisationen die «kommunalen» Aufgaben übernehmen. Im «Sozialdezernat» arbeitet Handicap International, zuständig für Gebrechliche oder anders besonders Hilfsbedürftige. Worldvision kümmert sich um Hunderte unbegleitete Kinder, Malteser International übernimmt die Wasserversorgung. Koordiniert werden die mehr als 80 Organisationen von Regierungsbeamten wie Godfrey Moyengo.

200'000 Flüchtlinge in eine Kleinstadt mit 20'000 Einwohnern

«Hier sind in kürzester Zeit 200'000 Flüchtlinge in eine Kleinstadt mit 20'000 Einwohnern gezogen – das würde selbst jede deutsche Kommune überfordern», ist sich Jens Hesemann sicher. «Aber in Uganda sind die Kommunen unterentwickelt, haben selber kaum Infrastruktur, deshalb brauchen sie externe Hilfe.» Der Deutsche ist Koordinator des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Uganda. Er hat schon viele Massenfluchten gesehen, aber keine wie hier. «Die Flüchtlinge leben mit den Ugandern in Dörfern, nach ein, zwei Jahren können sie die Siedlungen nicht mehr voneinander unterscheiden.»

Was derzeit im Norden Ugandas geschieht, ist wohl weltweit einzigartig. 2016 hat die UN-Vollversammlung beschlossen, Nothilfe für Flüchtlinge künftig mit Entwicklungshilfe für Einheimische zu verbinden. Dass das hier gelingt, obwohl täglich so viele Flüchtlinge nachkommen, liegt auch an den Bewohnern. Sie sind es, die das Land hergeben. «Sie sind unsere Brüder und Schwestern, solange im Südsudan Krieg ist, sind sie willkommen», sagt der Ugander Moses Onama. «Und es hat ja auch Vorteile für uns: bessere Strassen, mehr Arbeit und neue Schulen.»

Die grosse Gefahr

Natürlich sind nicht alle glücklich. Ugander klagen, auf den Märkten seien die Preise gestiegen. Flüchtlinge wünschen sich mehr oder zumindest fruchtbareres Land. Und die Hilfsorganisationen hoffen, dass irgendwann mehr Ruhe einkehrt. «Im letzten Jahr haben wir fast jeden Monat ein solarbetriebenes Brunnensystem für je 15'000 Leute eingeweiht», sagt Alexander Tacke-Köster von Malteser International.

Der Bedarf ist riesig, doch es fehlt das Geld. Nur knapp ein Drittel der von den UNO kalkulierten Hilfen ist bislang zugesagt worden. «Die grosse Gefahr ist, dass Uganda Opfer seines eigenen Erfolgs wird», befürchtet Jens Hesemann vom UNHCR. «Wenn man die Krise nicht mehr sieht, droht das Geld ganz zu versiegen.» Das aber, da sind sich alle einig, hätte schlimme Folgen.

Am Rand der Stadt sieht Kampala ganz anders aus; hier sind mehrstöckige Gebäude unbekannt.

* * * * * * * * * * * * *

Auch der Bayerische Rundfunk berichtete über die ungewöhnliche Hilfsbereitschaft in Uganda.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Beitrag von Marc Engelhardt erschien zuerst auf der deutschen Infoplattform Migazin. Migazin wird finanziert neben ein bisschen Werbung vor allem mit Spenden.

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10 Meinungen

Vielen Dank für diesen weihnachtlichen Bericht. Das was hier «Erfolg» genannt wird - ist ganz einfach menschliches Mitgefühl. Wir sollten dringend über unsere Ziele und die Werte mit denen wir diese erreichen wollen nachdenken. Dieses Beispiel sollte uns beschämen.
Luzia Osterwalder, am 29. Dezember 2017 um 11:49 Uhr
Ich sehe DREI Erfolgsfaktoren, die zusammenwirken:
1) eine offene, solidarisch mitfühlende Bevölkerung, die nicht reichtumsverblödet und -verhärtet ist.
2) eine Regierung, die weder die eigene Bevölkerung noch die Hilfsorganisationen behindert, das ist sehr viel wert.
3) Hilforganisationen des Westens, die zusammenarbeiten und gute Projekte realisieren, statt dieses Land zu bombardieren, so wie es anderswo geschieht. Ein Glück wohl, das Uganda nicht auf Erdoel in Massen sitzt ...
Urs Scherler, am 29. Dezember 2017 um 13:11 Uhr
Es gibt leider einen Schatten auf dieser Erfolgsstory - Israel hat mit Uganda und Rwanda Flüchtlings-Ausschffungsabkommen. Bestimmte Flüchtlinge in Israel haben nur die Option in diese Länder ausgeschafft zu werden, womit Israel seiner Verantwortung entbunden ist.

MfG
Werner T. Meyer
Quelle:
HAARETZ vom 14 September 2017
Opinion Did Israel Make a Refugees-for-arms Deal With Uganda?
Despite this week's Ugandan media expose of an under-the-table refugee deportation agreement already challenged in Israel's Supreme Court, Kampala is still in denial. And the deportees, who sought safe haven in the Promised Land, face a bitter fate
read more: https://www.haaretz.com/israel-news/1.812274
Werner Meyer, am 29. Dezember 2017 um 15:44 Uhr
Schwer verständlich, dass die reiche Schweiz nicht endlich einen angemessenen Beitrag ans grosse Flüchtlingselend leistet. Verglichen mit Uganda müssen wir uns schämen. Martin A. Liechti, Maur.
Martin A. Liechti, am 29. Dezember 2017 um 17:47 Uhr
Fast eine kleine Weihnachtsgeschichte aus dem Schwarzen Kontinent. Und in der reichen Schweiz stimmen wir über eine spiessbürgerliche No-Billag Initiative ab, schnöden auf allen Blogs über die Asylbewerber und Ausländer im Allgemeinen und besuchen wenn möglich am Berchtoldstag die Nabelschau Veranstaltung im Schulhaus Egg, 8620 Wetzikon des Rattenfängers von und zu Herrliberg und Rhäzüns.
Alfred Schläpfer , am 30. Dezember 2017 um 04:10 Uhr
Die Verhältnisse in Uganda können in der Tat mit denjenigen in der Schweiz 1870/71 verglichen werden, als wir knapp in der genannten Grössenordnung Bourbaki-Soldaten aufgenommen haben, wobei die Verantwortung für Unterkunft und Verpflegung durchwegs auf kommunale Ebene und auf die Kantone delegiert wurde, gemäss dem im Aargauer Grossratssaal vom Philosophen Ignaz Paul Vital Troxler verkündigten «Asylrecht als die Perle und Krone unserer Neutralität». Die Einwanderung der rund 180 000 Bourbaki-Soldaten und ihre Integration standen jedoch nie zur Debatte, die grosse Mehrheit musste das Land bekanntlich noch 1871 wieder verlassen. Am besten würde die Aufnahme dieser Leute funktionieren unter der Bedingung, dass das Schweizer Sozialstaats-Schlaraffenland bis auf weiteres zu suspendieren wäre und das Asylwesen, analog zu seiner idealistischen Verkündigung im 19. Jahrhundert, in den Verantwortungsbereich der Gleichgesinnten delegiert würde, damals Liberale und Radikale, welche etwa italienische, deutsche und osteuropäische Gesinnungsgenossen bei sich aufgenommen haben. Dies funktionierte jedoch schon zur Zeit Lenins (1917) nicht mehr richtig. Lenin und Genossen hatten nicht nur wegen ihrer Revolutionspläne in Russland wenig Bock, in der Schweiz zu bleiben, sondern - gemäss Solschenizyn - auch wegen der Gewohnheit der Schweizer Linken, mit den kommunistischen Asylanten «deutsche Rechnung» zu machen, d.h. in der Beiz und anderswo musste jeder Russe seine Rechnung selber bezahlen.
Pirmin Meier, am 30. Dezember 2017 um 12:14 Uhr
Hier ein Artikel von dieser Woche von TRANSCEND MEDIA SERVICE ( Verantwortlich: Friedenforscher Johan Galtung ) zum Thema Flüchtlinge um Uganda / Rwanda und auf den weiteren Migrations- und Schleuserpfaden.

MfG
Werner T. Meyer

https://www.transcend.org/tms/2017/12/rwandan-president-paul-kagame-is-not-papa-africa-saving-slaves/

Rwandan President Paul Kagame Is Not Papa Africa Saving Slaves
AFRICA, 25 Dec 2017
Ann Garrison and Bénédicte Kumbi Ndjoko | Black Agenda Report – TRANSCEND Media Service
......
"
African migrants have already been severely abused in Rwanda

The most immediate argument against sending 30,000 African migrants from Libya to Rwanda is that migrants deported from Israel to Rwanda in 2014 and 2015 have not found a home there and have instead been horrifically abused and trafficked from Rwanda to Libya.

Israel does not give the migrants documents certifying their status as refugees, asylum seekers, or any other legal status in Israel. They tell them that they will be given documents in Rwanda, but that hasn’t happened, and those who arrive with documents certifying their legal status anywhere else have been deprived of them upon arrival. This means they cannot seek political asylum or legally cross borders no matter what happens to them.
.......
"
Werner Meyer, am 30. Dezember 2017 um 13:03 Uhr
Danke für den Bericht. Die reichen Länder dieser Welt täten gut daran, diese benachbarten Aufnahmeländer, die meist selbst sehr arm sind, viel grosszügiger zu unterstützen.
Zu diesem Thema empfehle ich die Lektüre des Buches «Gestrandet» von Alexander Betts und Paul Collier!
Daniel Heierli, am 31. Dezember 2017 um 21:59 Uhr
Home > Opinion
Opinion Mr. Kagame, Don't Cooperate With Israel's Asylum-seeker Expulsion
If Rwanda agrees to collaborate, there will be scenes of evil in Israel the likes of which haven't been seen since 1948. The lust for pure nationhood, religion and race knows no bounds in Israel
Gideon Levy Jan 07, 2018 12:25 AM
read more: https://www.haaretz.com/opinion/.premium-1.833355

Weitere Warnung von Gideon Levy vor Uganda/Rwanda-Flüchtlingsverschleppung aus Israel

MfG
Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 06. Januar 2018 um 23:45 Uhr
Human Rights Watch von heute, 22. Januar 2018
https://www.hrw.org/news/2018/01/22/israel-dont-lock-asylum-seekers

Israel stellt Flüchtlinge immer noch vor die Alternative Uganda/Ruanda.... oder Gefängnis.

MfG
Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 22. Januar 2018 um 15:41 Uhr

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