Qatar Charity, Katar, Islamismus, Terrorismus, Dschihadismus, infosperber © Arte

«Qatar Charity» sammelt in katarischen Einkaufszentrum Spenden und unterstützt Projekte in Europa.

Muslimbruderschaft: Gelder fliessen in und durch die Schweiz

Tobias Tscherrig / 23. Sep 2019 - Vertrauliche Dokumente zeigen, wie der politische Islam in Europa gestärkt werden soll. Die Spuren führen auch in die Schweiz.

Ein illegaler Geldtransport über die Schweizer Grenze; verworrene Finanznetze und Verträge, mit denen islamischen Vereinen in Europa Gelder zugesprochen werden – wenn sie sich an rückständige Bedingungen halten. Eine Nichtregierungsorganisation, die unter dem Deckmantel von Wohltätigkeit die fundamentalistischen Ansichten der Muslimbruderschaft nach Europa exportiert; Verbindungen zur Machtstruktur in Katar.

Die 90-minütige «Arte»-Dokumentation «Katar: Millionen für Europas Islam» zeigt detailliert auf, wie die Muslimbruderschaft den europäischen Islam beeinflussen will. Sie zeigt aber auch, dass dies nur möglich ist, weil europäische Staaten ihre Bürger muslimischen Glaubens nicht mit den nötigen Mitteln für ihre Religionsausübung ausstatten.

Auch die Schweiz ist Thema: «Arte» zeigt mithilfe von geleakten Dokumenten, dass die Muslimbruderschaft nicht nur in der Schweiz aktiv ist, sondern diese auch als Umschlagplatz für Finanzhilfen nutzt.

«Qatar Charity»: zweifelhafte Wohltätigkeit

Zentraler Akteur der Dokumentation ist die katarische Nichtregierungsorganisation «Qatar Charity». Das grösste Hilfswerk von Katar entstand 1992 und ist in weltweit über 70 Ländern aktiv. Schon bald geriet es in den Ruf, eng mit der Machtstruktur in Katar verbunden zu sein – und die Ziele der islamistischen Muslimbruderschaft in andere Länder zu exportieren. Dazu soll es die Spenden von konservativen Muslimen nutzen, die ihrer Zakat-Pflicht nachkommen: Sie sind verpflichtet, einen bestimmten Anteil ihres Besitzes an Bedürftige und andere festgelegte Personengruppen abzugeben. Ausserdem zählen mächtige und finanzstarke Einzelpersonen zu den Geldgebern von «Qatar Charity».

Seit 2014 wird «Qatar Charity» von Ägypten, Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Saudiarabien beschuldigt, «unter dem Deckmantel von humanitärer Hilfe radikale islamistische Gruppen zu finanzieren.» Auch Katars Herrscherfamilie, die Al Thani-Sippe, soll involviert sein. Die Herrscherelite des Emirats weist allerdings alle Vorwürfe zurück, «Qatar Charity» sei eine unabhängige Organisation ohne direkte Verbindungen zum Staat. Der Emir von Katar, Scheich Tamim bin Hamad Al Thani, wehrte sich gegen den Vorwurf, «Qatar Charity» finanziere den Dschihadismus und den politischen Islam. Im Übrigen bestreitet Katar auch jedes finanzielle Engagement in Europa.

Der Vorwurf, Katar finanziere islamistische Gruppierungen, tönt vor allem von Saudi-Arabien heuchlerisch. Zwar bekämpft der Wüstenstaat die Muslimbruderschaft und Katar, unterstützt selber aber terroristische Dschihadisten, extreme fundamentalistische Wahhabiten und deren Moscheen.

Das europäische Programm von «Qatar Charity»

Auf der Grundlage von vertraulichen Dokumenten, die ein anonymer Whistleblower an zwei französische Journalisten weitergeleitet hatte, recherchierte «Arte» während zwei Jahren über die Netzwerke der Muslimbrüder. Das Fazit ist ziemlich eindeutig: Die Unterlagen enthüllten ein Programm zur Stärkung des politischen Islams in Europa. Die Finanzierung von europaweit 140 Moscheen, Kulturzentren und Schulen hängen alle mit der Muslimbruderschaft zusammen.

Die geleakten Dokumente zeigen Überweisungen, E-Mail-Korrespondenzen und Spenderlisten von «Qatar Charity». Auf den Spenderlisten stehen auch prominente Namen, zum Beispiel mehrere Mitglieder der katarischen Herrscherfamilie. Wie «Arte» analysiert, zeugen die Dokumente von der Finanzierung eines «ausgedehnten, europaweiten Netzwerks von Organisationen, die der Ideologie der Muslimbrüder nahestehen.»

Insgesamt sollen diese Organisationen in Europa 140 Projekte mit einem Gesamtvolumen von 260 Millionen Euro vorangetrieben haben. «Qatar Charity» sei mit 120 Millionen Euro der grösste Spender. Mit dem Geld sollen gemäss «Arte» Moscheen, Islamzentren oder Schulen finanziert worden sein. Die Finanzierung von Projekten konzentriere sich dabei auf einige wenige Länder: In Italien seien 47 Projekte finanziert worden, in Frankreich 22, in Spanien und Grossbritannien jeweils 11 und in Deutschland 10 Projekte. Und: Spenden von «Qatar Charity» sind auch in und durch die Schweiz geflossen.

Karmous: «Einflussreich in der Schweiz»

Zwischen 2011 und 2014 soll «Qatar Charity» laut «Arte» umgerechnet rund drei Millionen Franken in mehrere Projekte von muslimischen Organisationen in der Schweiz gesteckt haben: in Biel, Prilly, in Lugano und in La Chaux-de-Fonds. Andere Quellen sprechen von einer Finanzierung in der Höhe von vier Millionen Franken.

Dabei soll das algerisch-französische Ehepaar Karmous eine zentrale Rolle spielen. Nadia und Mohamed Karmous sind kontroverse Figuren des Islams in der Schweiz. Das Ehepaar ist seit den 1990er Jahren im Kanton Neuenburg tätig. Zusammen leiten sie über ein Dutzend Vereine, Kulturzentren und Moscheen in der französischen Schweiz und im Tessin. Vor allem Nadia Karmous gibt sich weltoffen und sagt gegenüber «Arte», sie gehöre der Muslimbruderschaft nicht an.

Nadia Karmous initiierte in La Chaux-de-Fonds das «Museum für islamische Kulturen», das 2016 eröffnet wurde. Dabei veröffentlichte Karmous eine Liste der Spender, die das Projekt finanziell mittrugen. Diese kamen zumeist aus den Golfstaaten. Sie verschwieg auch nicht, dass ein Teil der Spenden über «Qatar Charity» gelaufen war. Gegenüber «Arte» verteidigt sie diese Vorgehensweise: «Die Leute können das Geld nicht direkt schicken, sondern müssen dies über eine Organisation vor Ort tun.» «Qatar Charity» habe einmalig eine kleine Summe überwiesen. Man habe also keine Wahl gehabt: Entweder die Spenden von «Qatar Charity» nehmen – oder gar kein Geld erhalten. Aber man kenne die Leute von «Qatar Charity nicht.

Regelmässige Überweisungen an Karmous

Wie «Arte» herausstreicht, gibt es aber weit stärkere Verbindungen. In der Bibliothek des Museums fänden sich die Schriften der wichtigsten Ideologen der Muslimbruderschaft. Darunter auch Schriften von Jussuf al-Karadawi, dem Vordenker der Muslimbruderschaft – auch Texte von Verfechtern des bewaffneten Dschihads gehören zum Angebot.

Obwohl Nadia Karmous ihre Verbindungen zu «Qatar Charity» gegenüber «Arte» heruntergespielt hat, sprechen die Dokumente, die den Journalisten des TV-Senders vorliegen, eine andere Sprache. Sie zeigen, dass Karmous 2014 einen Vertrag mit dem Leiter von «Qatar Charity» unterschrieben hatte. Darin ging es um die Renovierung des Museumsgebäudes. Insgesamt 14 Quittungen weisen gemäss «Arte» auf regelmässige Überweisungen an das Kulturinstitut hin, in dem sich das Museum befindet.

Die «Arte»-Journalisten fanden aber auch Belege für Überweisungen an ein weiteres Kulturinstitut in Lausanne und an einen Verein in Lugano. Gemäss «Arte» handelt es sich dabei um Einrichtungen, die von Nadia Karmous Mann geleitet werden.

Mit 50'000 Euro nach Paris

«Arte» belässt es nicht dabei und deckt weitere Erkenntnisse über das Ehepaar Karmous auf. Es habe «Qatar Charity» dabei geholfen, den Einfluss der NGO auch in Frankreich weiter auszudehnen. Das deckte der französische Journalist Antoine Peillon anhand von einem Bericht des französischen Inlandgeheimdienstes auf.

Laut dem Inhalt des Berichts wurde Mohamed Karmous im April 2007 von französischen Zöllnern kontrolliert, als er in einem TGV von Zürich nach Paris reiste. Er hatte 50'000 Euro in bar dabei und gab an, dass ihm die Summe in Genf von Ahmed Al Hammadi übergeben worden sei. Wie Peillon erklärt, ist Hammadi ein Mäzen, der dem angesehenen ägyptischen Scheich Jussuf al-Karadawi, dem Vordenker der Muslimbruderschaft, als Vermittler dient. Gemäss dem Bericht sei das Geld für das Europäische Institut für Geisteswissenschaften (IESH) im französischen Nièvre bestimmt gewesen, wo Imame ausgebildet werden. Das Institut wird von den «Musulmans de France» (UOIF), der ehemaligen «Union islamischer Organisationen», getragen. Eine Organisation, die der Ideologie der Muslimbrüder nahesteht.

Gemäss dem Bericht des französischen Inlandgeheimdienstes soll Mohamed Karmous Mitglied bei der Muslimbruderschaft sein und ausserdem verdächtigt werden, der tunesischen Ennahda-Partei anzugehören. Der Bericht schliesst mit der Feststellung, dass Nadia Karmous die Ziele ihres Mannes teile.

Obwohl er in der Schweiz lebt, soll Mohamed Karmous heute als Präsident von IESH fungieren. Gemäss «Arte» unterstützte «Qatar Charity» das IESH mehrmals. Alleine im Jahr 2012 sollen rund 140'000 Euro an Spenden geflossen sein.

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Nachtrag 1: Wie «Arte» schreibt, habe «Qatar Charity» die Zahlungen an das muslimische Kulturzentrum in der Schweiz, den Träger des Museums islamischer Kulturen in La-Chaux-de-Fonds, kurz nach der Recherche gestoppt.

Nachtrag 2: Infosperber veröffentlicht nur Auszüge aus der «Arte»-Dokumentation. Die Journalisten von «Arte» recherchierten während insgesamt zwei Jahren, um die Verbindungen und die Ziele der Muslimbrüder in Europa aufzudecken. Ein umfassendes Bild ergibt sich bei der Ansicht der gesamten Dokumentation. Sie ist bis am 22. November 2019 online verfügbar.

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2 Meinungen

Dieser Artikel - wie die Sendung von Arte auf die er sich bezieht - scheint das Ziel zu haben - absichtlich ? - «Djihadismus», «Terrorismus», Muslim Bruderschaft», al-Karadawi, Qatar etc - also Alles was nicht dem «liberalen"Islam nach Westlicher Vorstellung entspricht in EINEN Topf zu werfen. Dabei werden grosse Unterschiede verwischt - wie es Leute wie al-Sissi von Ägypten gern machen. Ich schreibe dies als nicht-Muslim und als Psychologe: Fundamentalismus - jeder Art, auch philosophischer wie radikaler Atheismus - kann mit recht diskutiert werden aber man darf ihm nicht unterstellen, er führe automatisch zu Terrorismus.
bernhard sartorius, am 23. September 2019 um 13:11 Uhr
Beim Islam unterscheiden wir nicht zwischen „politischem“ und „unpolitischem“ Islam. Es gehört unabdingbar zur islamischen Religion, an den Angelegenheiten der eigenen Gemeinschaft und der nichtmuslimischen Welt teilzunehmen, was notwendigerweise zu einer Beteiligung an der Politik führt. Die koranische Forderung z. B., in Gerechtigkeit zu walten, ist an alle Muslime gerichtet, weswegen auch politische Verantwortungsträger von ihrer Religion dazu verpflichtet sind, ihre Politik entsprechend auszurichten.
Der Begriff „fundamentalistisch“ ist hier fehl am Platze: Wer als Muslim nicht an den Grundlagen (Fundamenten) seiner Religion festhält, ist per definitionem nicht als Muslim anzusehen.
Die Aussage „… weil europäische Staaten ihre Bürger muslimischen Glaubens nicht mit den nötigen Mitteln für ihre Religionsausübung ausstatten“ benennt das Problem. Diese Staaten unterstützen meist nur einen „Euro-Islam“, einen liberalen Kitsch mit islamischem Anstrich, den sie der Masse der Muslime (mit „fundamentalistischen Ansichten“) als Ersatz für einen echten Islam der Mehrheit der traditionellen Muslime andrehen wollen. Da ist es doch kein Wunder, wenn einige organisierte Muslime versuchen, sich dagegen zu wehren!
Warum werden die Muslimbrüder in den Medien stets dämonisiert? Nur weil sie pragmatischer und klüger vorgehen als andere muslimische Organisationen oder Bewegungen? Um sie zu diskreditieren, werden ihre wohltätigen Leistungen zum bloßen „Deckmantel“ deklariert.
Frank Bubenheim, am 24. September 2019 um 17:00 Uhr

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