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Das Gefängnis für verurteilte Mafiosi in Parma

«Ganz klar, der Mann sitzt zu Unrecht»

Frank Garbely / 03. Mai 2018 - Der «Mafiaboss» Fortunato Maesano sitzt seit 8 Jahren in Italien eine Gefängnisstrafe ab. In der Schweiz wäre er ein freier Mann.

ktm. Infosperber-Mitarbeiter Frank Garbely hat letztes Jahr mehrmals über die Erfahrungen von Fortunato Maesano berichtet, der 34 Jahre als Flachmaler in Brig gearbeitet hatte, bis er von den italienischen Behörden verhaftet und als «Mafiaboss von Brig» bekannt wurde. Folgende drei Beiträge sind auf Infosperber bereits erschienen:

Von der Schweiz ausgeliefert – Tortur in Italien (3. Mai 2017)

«Terrorgefahr»: Justiz gegen dringende Operationen (8. Mai 2017)

«Dieser Gerichtsentscheid ist ein Todesurteil» (12. Mai 2017)

Aufgrund intensiver Recherchen und eines Rechtsgutachtens des emeritierten Freiburger Strafrechtsprofessors Franz Riklin zeigt Frank Garbely im folgenden Beitrag auf, wie dilettanisch die italienische und die Schweizer Justiz im Fall «Fortunato Maesano» vorgingen.

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Gefängnis von Parma, 5. Februar 2018. Von 4 bis 5 Uhr nachmittags dreht Fortunato Maesano gedankenverloren seine Runden. Er befindet sich zusammen mit 40 anderen Häftlingen auf dem täglichen Spaziergang in einem der allseits vergitterten Innenhöfe des Gefängnisses von Parma. Plötzlich plärrt der Lautsprecher «Maesaaaano, zum Direktor» Alle Mithäftlinge bleiben stehen und klatschten. Für sie ist klar: Endlich darf der kranke Mann raus. Endlich wird er eine anständige ärztliche Pflege bekommen.

Fortunato Maesano ist gesundheitlich ein Wrack (siehe Infosperber: «Dieser Gerichtsentscheid ist ein Todesurteil») und er hat Blasenkrebs. Die riesige Geschwulst im Bauch – inzwischen grösser als ein Fussball – hätte schon vor vier Jahren operiert werden müssen. Darum haben seine Anwälte wenigstens ein Dutzend Mal Hausarrest beantragt. Bisher vergeblich. Fortunato will es auch jetzt noch nicht glauben, dass es diesmal klappt.

«Buona fortuna!», «Viel Glück Kumpel!» rufen die Häftlinge im Chor. Ein Wärter rasselt mit seinem Schlüsselbund und bringt ihn weg.

Hausarrest

Der Gefängnisdirektor bestätigt: Das Gericht hat Fortunato Maesano tatsächlich Hausarrest zugestanden. Bis zur endgültigen Freilassung fehlen noch etwas mehr als ein halbes Jahr. Für diese Zeit darf er zu seiner Schwester ziehen, die in der Nähe von La Spezia wohnt.

Eine Stunde später steht er vor den mächtigen Mauern des Gefängnisses von Parma, und kann es noch immer nicht fassen. Zum ersten Mal seit 2‘901 Tagen befindet er sich nicht hinter Gitter. Was noch unfassbarer ist: Hätten Schweizer Gerichte seinen Fall beurteilt, wäre er nicht einen einzigen Tag im Gefängnis gewesen. Wie kann das sein? Die Bundesanwaltschaft hatte zwar mehrmals gegen Fortuna Maesano ermittelt, schliesslich aber sämtliche Verfahren eingestellt.

Del Ponte ermittelt

Das erste Verfahren war von Bundesanwältin Carla Del Ponte im Frühjahr 1999 eingeleitet worden – wegen illegalen Handels mit Waffen und Sprengstoff. Ein Auslieferungsgesuch aus Italien hatte Del Ponte auf den Plan gerufen.

Rückblende: Ende der 1990er Jahre ermittelte die Staatsanwaltschaft in Reggio Calabria gegen zwei Familienclans der kalabrischen Mafia ‘Ndrangheta. Die Familie Zavettieri und der Clan Pangallo-Maesano-Favasuli lieferten sich einen mörderischen Machtkampf, bekannt geworden als «Faida di Roghudi», die Fehde von Roghudi, ein regelrechter Krieg mit mehreren Dutzend Toten und Verletzten in beiden Lagern, allein von 1992 bis 1998 – in 6 Jahren – gab es 19 Rachemorde.

Im Rahmen dieser Ermittlungen wurde auch ein Haftbefehl gegen Fortunato Maesano erlassen. Staatsanwalt Francesco Mollace beschuldigte ihn, von der Schweiz aus Sprengstoff und Waffen geliefert zu haben. Mehr noch, der Staatsanwalt hielt ihn für den Chef eines der beiden ‘Ndrangheta-Clans. Und: Bei der Planung der Rachemorde soll er eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Als Staatsanwalt Mollace Maesanos Auslieferung verlangte, eröffnete Del Ponte ein eigenes Verfahren. Sie wollte ermitteln, von wem in der Schweiz Maesano die Waffen gekauft, und wie er den Transport nach Italien organisiert hatte. Doch die Bundesanwaltschaft fand nicht einmal vage Hinweise, geschweige denn Beweise.

In der Einstellungsverfügung wurde festgehalten, «dass ausser den im Auslieferungsverfahren aufgezeichneten Telefongesprächen, in welchen in verklausulierter Sprache gesprochen wird, keine weiteren Beweismittel vorliegen». Und da selbst die italienischen Strafverfolgungsbehörden «kein zusätzliches Belastungsmaterial zur Verfügung stellten», musste die Bundesanwaltschaft das Verfahren einstellen.

11 Jahre Zuchthaus

Im Jahre 2000 kam es in Reggio Calabria zum Prozess. 18 Männer und Frauen waren diverser Mafia-Verbrechen angeklagt. Unter ihnen auch Fortunato Maesano, der allerdings am Prozess nicht teilnahm. Sein Anwalt plädierte auf Freispruch. Im Juli 2002 fiel das Urteil. Statt eines Freispruchs gab es zwei Mal lebenslänglich für einen Doppelmord und obendrauf noch neun Monate Zuchthaus wegen Zugehörigkeit zu einer kriminellen Organisation des Typs ‘Ndrangheta sowie wegen Hehlerei und illegalen Waffenhandels.

Zwei Jahre später, im Juni 2004, wurde das Urteil revidiert. Das Gericht musste den Anklagepunkt Doppelmord fallenlassen. Es hatte sich ergeben, dass Maesano zur Mordzeit im Vispertal auf einer Baustelle Malerarbeiten verrichtete. Er wurde trotzdem wieder verurteilt, nicht mehr zu lebenslänglich, sondern zu 11 Jahren Zuchthaus, nicht mehr wegen Mordes, sondern wegen Mitgliedschaft in der kriminellen ´Ndrangheta und wegen Handels mit Waffen und Sprengstoff.

Ende Sommer 2006 ordnete das Gericht in Reggio Calabria die Vollstreckung des Urteils an. Maesano sollte endlich seine Haftstrafe absitzen. Darauf verlangte Italien seine Auslieferung. Maesano und seine Anwälte wehrten sich dagegen – zuerst mit viel Erfolg.

«Operation Feigenbaum»

Doch noch bevor Italien seine Auslieferung beantragte – hatte die Bundesanwaltschaft schon wieder ein Verfahren eröffnet – gegen drei mutmassliche ´Ndrangheta-Mitglieder im Oberwallis. Beim Verfahren mit dem internen Code-Name «Operation Feigenbaum» ging es um diverse, mafiatypische Verbrechen: Erpressung, Betrug, illegaler Waffen- und Drogenhandel. Im Zentrum der «Operation Feigenbaum»: Fortunato Maesano, der «Mafia-Boss von Brig», der – laut Bundeskriminalpolizei – von Brig aus diverse Mafia-Geschäfte organisierte.

Dabei standen ihm wichtige Vertrauensleute zur Seite. Seine rechte Hand: Antonio Mafrici (siehe Kasten unten), damals Direktor der Bauunternehmung «Interalp Bau AG» in Visp, und zudem Verwalter der «Blasbiel AG» in Raron. Der dritte im Bunde: Francesco Ferraro aus Domodossola, damals ein Angestellter der «Blasbiel AG».

Geleitet wurde die «Operation Feigenbaum» von Patrick Lamon, Staatsanwalt des Bundes. Ein scharfer Hund. Dieser eher zweifelhafte Ruf begleitete ihn seit seiner Zeit als Untersuchungsrichter im Kanton Freiburg. «Sheriff Lamon», so sein Spitzname in Freiburg, war dafür bekannt, dass er seine Ermittlungen mit wütender Entschlossenheit vorantrieb und dabei nicht selten übers Ziel hinausschoss.

Auch diese Ermittlung gegen Fortunato Maesano ging auf eine Initiative italienischer Mafia-Jäger zurück, genauer auf Anti-Mafia-Ermittler aus Kalabrien. Im Verfahren, genannt «Operazione Nuovo Potere» (Operation Neue Macht), interessierten sich diese für die ´Ndrangheta in Domodossola, die angeblich im grossen Stil illegal Drogen und Waffen verschob. Via die Schweiz. Dies war der Grund, warum die italienischen Mafia-Jäger mit dem Bundesamt für Polizei in Bern Kontakt aufnahmen. Ergebnis: Bern beschloss ein eigenes Ermittlungsverfahren zu eröffnen und rief die «Operation Feigenbaum» ins Leben.

Ab Oktober 2005 entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit zwischen den Operationen «Feigenbaum» und «Nuovo Potere». Während zwei Jahren fuhren «Sheriff» Patrick Lamon und seine Fahnder alle paar Monate nach Italien. Zum Meinungsaustausch.

Extrem gefährliche Mafiosi

Auch am 11. November 2005. Das Treffen fand in der Kommando-Zentrale der Carabinieri in Verbania, am Lago Maggiore, statt. Die italienischen Fahnder informierten über ihren Hauptverdächtigen in Domodossola: Bruno Pizzi, Inhaber einer kleinen Baufirma und Mitglied der `Ndrangheta. Wie die Ermittler der «Operazione Nuovo Potere» behaupteten, pflegte Pizzi besonders intensive Kontakte ins Oberwallis.

Die italienischen Fahnder schilderten die mutmasslichen Mafiosi im Oberwalliser als «extrem gefährlich» und «besonders einflussreich». Maesano beschrieben sie als «der denkende Kopf» des Mafia-Ablegers. Und seinen «wichtigsten Mitarbeiter», den Visper Bauunternehmer Antonio Mafrici, stellten sie als hochkarätigen Mafiosi hin: «Er sucht regelmässig Orte auf, die von Personen frequentiert werden, die wegen Mafiaverbrechen verurteilt wurden.»

Doch das waren nur zwei von vielen Verbindungen. Wer waren diese Kontakte? Und vor allem: Was trieben sie im Oberwallis?

Zurück aus Verbania schaltete «Sheriff» Lamon sofort einen Gang höher und änderte die Strategie der «Operation Feigenbaum». Er war überzeugt, am ganz grossen Mafia-Rad zu drehen. Und er zweifelte keinen Augenblick, dass es nur eine Frage von Tagen war, bis er das `Ndrangheta-Nest im Oberwallis ausgeräuchert hatte.

`Ndrangheta-Chef in Raron

Ausgehend von den Hinweisen aus Italien konzentrierte er sich jetzt darauf, Bruno Pizzis Drogentransporte zwischen Italien und der Schweiz auffliegen zu lassen. Eine erste Spur führte zu einem Steinbruch in Raron. Bei der näheren Überprüfung des Steinbruchs stiess er auf alte Bekannte. Der Steinbruch gehörte der «Blasbiel A.G.», deren Direktor damals kein geringerer war als Antonio Mafrici (siehe unten).

Einer der Arbeiter im Steinbruch kam aus Domodossola. Sein Name: Francesco Ferraro. Laut italienischen Ermittlungen war er der Chef der `Ndrangheta von Domodossola. Dieselben Ermittlungen zeigten weiter: «Francesco Ferraro steht in engem Kontakt mit Bruno Pizzi, und er spielt eine wichtige Rolle im Rauschgifthandel.»

Francesco Ferraro arbeitete nicht nur im Steinbruch, er wohnte auch dort, in einer Baracke im Innenhof des Steinbruchs. Laut Rapporten von «Sheriff» Lamons Fahndern hatte er sehr häufig Gäste. Unter ihnen immer wieder Fortunato Maesano, genannt der «Mafiaboss von Brig».

Staatsanwalt Lamon vermutete, dass die `Ndrangheta-Bosse Ferraro und Maesano Mafia-Geschäfte besprachen oder `Ndrangheta-Soldaten antanzen liessen, um ihnen Geheimaufträge zu erteilen. Lamon wollte es genau wissen. Darum liess er im Innenhof des Steinbruchs sowie in den Räumen, in denen sich Francesco Ferraro aufhielt, Kameras und Mikrophone installieren. Dafür brauchte er eine Bewilligung des Bundesstrafgerichtes in Bellinzona. Die bekam er anstandslos.

Bellinzona hatte zuvor schon bewilligt, dass er die Telefone von «Fortunato Maesano und Konsorten» abhören durfte, rund ein Dutzend Telefone, darunter allein fünf Mobiltelefone von Antonio Mafrici und seiner Baufirma «Interalp Bau AG» in Visp.

Die Telefonkontrollen führten nicht zum erhofften Erfolg. Nach drei Monaten gab es noch immer kein brauchbares Resultat und auch die Überwachung des Steinbruchs in Raron brachte kaum neue Erkenntnisse.

Ergiebiger waren dagegen die Kontakte zu den Kollegen der «Operazione Nuovo Potere». Ende Februar und wiederum Anfang Mai 2006 reisten die Fahnder des «Sheriffs» zu Treffen nach Rom und Reggio Calabria. Neue Hinweise aus Italien führten dazu, dass Patrick Lamon seine Ermittlung auf zwei weitere Beschuldigte ausdehnte, darunter Francesco Romeo, ein Kalabrier, der in Brig wohnte und bei einem Bildhauer in Visp arbeitete.

Wahrscheinlich Kokain

Die italienischen Mafiajäger hatten ihn schon lange auf dem Radar – als Komplize von Bruno Pizzi. Logo, dass «Sheriff» Lamon seine Fahnder sofort auf Francesco Romeo hetzte. Und die wurden prompt fündig: «(…) Francesco Romeo ist direkt beteiligt am Transport von Containern mit illegalen Drogen – wahrscheinlich Kokain», stellten sie fest. Aus abgehörten Telefongesprächen hatten sie erfahren: Die Container wurden im Hafen von Genua abgeholt und via Domodossola ins Wallis gekarrt. Nicht genug, «Sheriffs» Fahnder wollten wissen: «Es scheint, dass Fortunato Maesano über diese Transporte nicht nur Bescheid weiss, er organisiert sie auch.»

Staatsanwalt Lamon war überzeugt: Mit Francesco Romeo in Brig hatte er einen ganz dicken Fisch am Haken. Darum verstärkte er seine Beschattung.

So kam es, dass Lamons Fahnder beobachteten, wie Romeo regelmässig mit Maesano sprach. Häufig trafen sich die beiden in der Bocciahalle in Brig, eine private Freizeitanlage, betrieben von einer Genossenschaft.

Und als in der Bocciahalle auch noch Bruno Pizzi gesichtet wurde, der Hauptverdächtige im Verfahren gegen die ´Ndrangheta in Domodossola, holte Lamon das ganz grosse Besteck hervor: Er liess in der Bocciahalle Videokameras und Mikrophone installieren.

Brig: Kommandozentrale der Mafia

Auf einmal stand nicht mehr der Steinbruch in Raron im Zentrum des Interesses, sondern die Bocciahalle in Brig. Jetzt nahm die «Operation Feigenbaum» so richtig Fahrt auf. Schon nach wenigen Tagen meldeten «Sheriffs» Spitzel erstaunliche Erkenntnisse, aus denen sie nicht minder erstaunliche Schlüsse zogen: Die Bocciahalle in Brig ist «Dreh- und Angelpunkt» der Mafia-Aktivitäten von Maesano & Co.

Staatsanwalt Lamon sah sich schon kurz vor Abschluss seines grössten Falles. Sein Herz raste, und er fühlte sich in Form wie Popeye nach der fünften Dose Spinat.

Doch es kam ganz anders. Es fing an mit den Container-Transporten aus Genua. «Sheriff» Lamon und seine Fahnder blamierten sich bis aufs Blut. Während Monaten hatten sie in ihren Rapporten behauptet: «Bei der transportierten Ware kann es sich nur um Rauschgift handeln, wahrscheinlich Kokain.» Doch als sie kurz vor Visp einen Transport stoppten und den Container durchsuchten, fanden sie kein Kokain, auch kein anderes Rauschgift, sondern Marmor aus China.

Ein schwerer Rückschlag auch in der Bocciahalle. Es gab ständig Pannen mit der Überwachung (siehe Infosperber: Briger Beamte heimlich gefilmt und abgehört).

Aber «Sheriff» Lamon gab nicht auf. Plötzlich war die Spur von Francesco Romeo in Brig wieder ganz heiss. Er hatte Besuch aus Kalabrien, Onkel Mario war gekommen. Ein paar Tage vor seiner Rückreise fingen «Sheriffs» Lauscher ein Telefongespräch zwischen Romeo und seinem Bruder Girolamo in Kalabrien ab. Girolamo sagte zu seinem Bruder: «Vergiss nicht, Onkel Mario die Schokoladen mitzugeben, aber Schokoladen mit Nüssen.»

«Schokolade mit Nüssen»

Diese belanglose Bemerkung löste höchste Alarmstufe aus. Denn: «Sheriff» Lamon wusste von den italienischen Kollegen: Francesco Romeo und sein Bruder sprachen am Telefon nur verschlüsselt, «Schokolade» bedeutete Waffe und «Nüsse» meinte Munition.

Brig. 11. November 2006. Ein Samstag. Romeo begleitete Onkel Mario zum Bahnhof. Im Schlepptau zwei von «Sheriffs» Spitzeln. Noch bevor der Intercity losfuhr, benachrichtigten sie die italienischen Kollegen der «Operazione Nuovo Potere».

12. November 2006. Am nächsten Tag. Mario Romeo war inzwischen in Reggio Calabria eingetroffen. Sein Enkel Girolamo holte ihn mit dem Wagen ab. Nachdem er das viele Gepäck von Onkel Mario im Kofferraum verstaut hatte, fuhr er los. Zuerst Richtung Melito Porto Salvo. Kurz vor Bova Marina verliess er die Autobahn, bog links ab und nahm das Strässchen hinauf nach Condofuri.

Kaum hatten sie die Autobahn verlassen, wurden sie von einer Patrouille der Carabinieri gestoppt. Mario Romeo und sein Enkel mussten aussteigen, sich ausweisen und nach Waffen abtasten lassen. Das Übliche halt. Aber es war augenfällig, die Carabinieri interessierten sich vor allem für eines – den Koffer von Mario Romeo. Als sie den Koffer öffneten, war die Überraschung perfekt: Sie fanden über 30 Tafeln Schweizer Schokolade – nicht Waffen und Munition, wie «Sheriff« Lamon angekündigt hatte.

«Sheriff» Lamon hatte sich schon wieder eine blutige Nase geholt. Da gab es nichts mehr schönzureden. Er und seine Fahnder hatten die abgehörten Telefongespräche falsch ausgelegt. Sie hatten sich geirrt. Sie hatten sich verrannt.

Alle Verfahren eingestellt

Jetzt zog der Bundesanwalt die Reissleine. Er stoppte die «Operation Feigenbaum». Das bedeutete, die Telefonkontrollen wurden eingestellt und die Beschattung der mutmasslichen Mafiosi im Oberwallis abgebrochen. «Sheriff» Lamon musste den Fall Maesano abgeben. Und schliesslich beauftragte der Bundesanwalt einen anderen Staatsanwalt, die bisherigen Ermittlungen genau nachzuprüfen. Resultat: Ende Juli 2007 schlug der Neue vor, die Ermittlungen ganz einzustellen, und zwar gegen alle fünf Beschuldigten.

Bei der Lektüre des Einstellungsbeschlusses reibt man sich verwundert die Augen. Was wurde aus den massiven Vorwürfen, die 2005 zur Eröffnung des Verfahrens geführt hatten? Wir erinnern uns: Fortunato Maesano und Francesco Ferraro waren als Mafia-Bosse vorgestellt worden. Es war die Rede von Waffenlieferungen nach Italien und sogar von logistischer Unterstützung der kalabrischen Mafia ´Ndrangheta.

Mafia-Aktivitäten auch in der Schweiz: «Der Bausektor im Oberwallis ist unterwandert», so eines der Argumente, mit der die «Operation Feigenbaum» begründet worden war. Das waren keine Hypothesen gewesen, sondern Feststellungen. Und auf einmal hatten sich all diese als Tatsachen hingestellten Anschuldigungen in Luft aufgelöst. Wie auch immer, am 24. August 2007 stellte die Bundesanwaltschaft das Verfahren gegen «Maesano und Konsorten» ein.

Eigentlich hätte die Bundesanwaltschaft den Betroffenen diesen Entscheid mitteilen müssen. Doch nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil, die Bundesanwaltschaft hielt die Ermittlungsakte unter Verschluss – aus Rücksicht auf die Verfahren in Italien.

In der Tat, die «Operazione Nuovo Potere» lief weiter, und die Staatsanwaltschaft von Reggio Calabria ermittelte gegen nicht weniger als vier Beschuldigte, die auch im eingestellten Schweizer Verfahren ganz oben auf der Verdächtigen-Liste gestanden hatten. Allen voran Bruno Pizzi aus Domodossola, er wurde in Reggio Calabria sogar als Hauptbeschuldigter geführt. Aber auch gegen Francesco Ferraro, Antonio Mafrici und Francesco Romeo wurde in Italien ermittelt.

Erst Anfang 2010 – 2,5 Jahre später – wurden Fortunato Maesano und seine vier Mitbeschuldigten von der Bundesanwaltschaft informiert, dass gegen sie 2005 ein Strafverfahren eröffnet und im Sommer 2007 ergebnislos eingestellt worden war.

Der Bescheid, dass die Bundesanwaltschaft das Verfahren eingestellt hatte, kam zu einem höchst erstaunlichen Zeitpunkt. Nämlich just in jenen Tagen, als das Bundestrafgericht in Bellinzona grünes Licht für Maesanos Auslieferung gab.

Verhaftet und ausgeliefert

Plötzlich ging alles sehr schnell.

25. Februar 2010. Fortunato Maesano wurde verhaftet. Seine Anwälte rekurrierten zwar noch beim Bundesgericht in Lausanne gegen den Entscheid von Bellinzona, aber sie wussten, dass sie nicht den Hauch einer Chance hatten. Am 12. April, ein Montag, wies das Bundesgericht die Beschwerde ab. Und bereits Freitagnacht verbrachte Fortunato Maesano in einer Zelle eines Mailänder Gefängnisses. Die Schweiz hatte ihn ausgeliefert.

«Für mich war klar: Die Auslieferung widersprach unseren Rechtsvorstellungen», sagt Jürg Sollberger, der selbst viele Jahre bei Gerichten tätig war, zuletzt als Präsident des Berner Geschworenengerichtes. Alt Richter Sollberger – er ist mit der Gattin von Maesano verschwägert – war Berater von Maesanos Anwalt Sergio Biondo und kennt darum die Akte Maesano.

Mit dem Auslieferungsentscheid hat sich alt Richter Sollberger bis heute nicht abgefunden. In seinen Augen war der Schweizer Auslieferungsentscheid genauso empörend wie das italienische Urteil.

Für den Rekurs gegen den Entscheid von Bellinzona hatten alt Richter Sollberger und Anwalt Sergio Biondo beim renommierten Strafrechtler Professor Franz Riklin ein Gutachten bestellt. Gutachter Riklin nahm sämtliche italienischen Verfahren gegen Maesano unter die Lupe, prüfte sie Punkt für Punkt. Mit einem erschreckenden Ergebnis: Die Verfahren strotzten nur so vor Merkwürdigkeiten und wiesen zum Teil haarsträubende Mängel auf.

Haarsträubende Mängel

Gutachter Riklin wies unter anderem nach: Maesano war das rechtliche Gehör verweigert worden. Er war zu keinem Zeitpunkt weder von einem Staatsanwalt, noch von einem Richter oder Gerichtspolizisten angehört worden.

Laut Gutachter Riklin, gab es nicht einen einzigen materiellen Beweis, der Fortunato Maesanos angebliche Waffengeschäfte belegte. Keine Quittung, weder eine Bestellung, noch eine Rechnung oder wenigstens einen Lieferschein. Die einzigen «Beweise» gegen Maesano bestanden in abgehörten Telefongesprächen.

Kam hinzu, mehrere Abhörbänder lagen dem Gericht nicht einmal vor, sie waren verloren gegangen oder vernichtet worden. Kurz, die italienischen Ermittlungen wiesen nicht nur unglaubliche Mängel und Fehler auf, sie hatten auch keine handfesten Ergebnisse zutage gefördert. Trotzdem war Maesano zu sage und schreibe 11 Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Was alt Richter Sollberger zu tiefst schockierte, das war die Art und Weise wie der Auslieferungsentscheid zustande gekommen war. Professor Riklin hatte aufgezeigt, dass eine Auslieferung gegen gängige schweizerische Rechtsvorstellungen verstiess. Doch die Bundesrichter in Bellinzona hatten Riklins Argumente nicht einmal gelesen. Sie hatten es kurzerhand abgelehnt, bei ihrer Entscheidungsfindung das Gutachten Riklin einzubeziehen.

Alt Richter Sollberger: «Was das italienische Gericht gegen Maesano vorbrachte, würde vor keinem Schweizer Gericht für einen Prozess ausreichen, es würde nicht einmal ein Verfahren eröffnet.» Mit anderen Worten: In der Schweiz hätte Maesano nicht einen Tag gesessen, in Italien dagegen war er inzwischen rund 8 Jahre eingesperrt gewesen.

Alt Richter Sollberger schüttelt nachdenklich den Kopf: «Man kann es drehen und wenden wie man will», sagt er sichtlich enerviert: «‘Dä hockt für nüd‘; ganz klar, der Mann sitzt zu Unrecht.»

Fortunato Maesano, für immer gebrandmarkt als «Mafiaboss von Brig», war der einzige, der für Jahre ins Loch musste. Alle anderen Mitbeschuldigten im Schweizer Verfahren «Operation Feigenbaum» kamen mit einem blauen Auge davon. Und auch die Ermittlungen in Italien waren ein Schlag ins Wasser.

Im Rahmen der «Operazione Nuovo Potere» wurde nicht nur gegen Bruno Pizzi und Francesco Romeo ermittelt, sondern auch gegen Franceso Ferraro und Antonio Mafrici. Das Verfahren gegen Mafrici musste eingestellt werden, es reichte nicht einmal für eine Anklage. Pizzi und Romeo dagegen wurde in Reggio Calabria der Prozess gemacht; im Juni 2011 wurden sie zu je drei Jahren und vier Monaten Gefängnis verurteilt. Aber: beim Appellationsgericht gab es 2013 für beide einen glatten Freispruch.

Antonio Mafrici: Verbindungsmann zur Mafia?

Antonio Mafrici wird den Mafia-Verdacht nicht los. Zwar waren mehrere Mafia-Verfahren gegen ihn eingestellt worden, 2007 in der Schweiz, genauso 2011 in Italien. Doch dann platzte der Astra-Skandal.

Am 17. März 2016 wurde Mafrici verhaftet. Grund: Die Bundesanwaltschaft verdächtigte ihn, er hätte Mitarbeiter des Bundesamtes für Strassenbau (Astra) bestochen und so für seine Firma «Interalp Bau AG» Aufträge in der Höhe von 150 Millionen angeschafft. Mafrici ist längst wieder auf freiem Fuss. Doch die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Das heisst auch: es gilt die Unschuldsvermutung.

Inzwischen hat die «Interalp Bau AG» den Besitzer gewechselt, seit Juni 2017 gehört sie zur Firmengruppe «Volken Beton AG».

Massive Verdächtigungen gegen Mafrici auch in Italien. In Anti-Mafia-Prozessen in Mailand tauchte plötzlich der Name Antonio Mafrici auf. Letztes Jahr standen in Mailand korrupte Unternehmer vor Gericht, die bei Bauarbeiten für die Weltausstellung 2015 in Mailand Gelder in zweistelliger Millionenhöhe an die sizilianische Mafia abgezweigt hatten. Laut Staatsanwalt war es Mafrici, der das Mafiageschäft eingefädelt hatte. Eigenartig allerdings. Der Staatsanwalt erhob keine Anklage gegen Mafrici. Auch sonst läuft in Italien kein Verfahren gegen den früheren Visper Bauunternehmer.

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Dieser Beitrag wurde zuerst in der «Roten Anneliese» vom März und Mai 2018 veröffentlicht.

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Eine Meinung

Guten Tag,
Als Lamon im Kanton Fribourg wütete - vor allem in der bekannten Affaire gegen einen Polizisten, wohnte ich dort.
Kurz nachdem er seine Stelle gewechselt hatte, habe ich als Zivilangestellter bei der Fribourger Polizei eine Stelle angetreten und habe in der Folge die durchgehend negative Meinung der Polizisten gegenüber Lamon und Kollegen feststellen können. Nicht nur die Polizistenaffaire betreffend...
Wenn selbst viele Polizeioffiziere an der Rechtmässigkeit der Methoden von Staatsanwaltschaft bzw. Untersuchungsrichtern zweifeln, dann ist nicht nur Rauch, sondern wohl auch Feuer.
Und so einen haben sie dann bei der Bundesanwaltschaft genommen! Da wundert es nicht, dass der Bundesanwalt bei Auftritten vor allem durch seine sehr gepflegte Frisur auffällt.
Josef Schumacher, am 09. Mai 2018 um 11:27 Uhr

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