Den russischen Panzern die Orientierung erschwert: Abmontierte Strassennamen und Hausnummern in Prag © upg

Drei Monate nach dem Einmarsch der Russen: Augenschein in Prag

Urs P. Gasche / 22. Aug 2018 - Im November 1968 fuhr ich mit einem tschechischen Freund durch die DDR und einen Zipfel Bayerns in das von Russen besetzte Land.

Red. Diesen hier etwas gekürzten Bericht hatte Urs P. Gasche während und kurz nach seinem Aufenthalt in Prag vom 14. bis 18. November 1968 verfasst.

Nach einer Fahrt mit einem Renaut 4r durch die Nacht halten wir frühmorgens um sechs Uhr vor dem Grenzübergang an. Mein tschechischer Studienkollege und Freund will ein Tonbandgerät nach Prag schmuggeln, das wir jetzt im Auto verstecken. Weit und breit kein anderes Auto. Ist die Grenze zur CSSR überhaupt noch offen?

Kurz darauf stoppen wir vor dem neuen tschechischen Zollhaus. Die Beamten empfangen uns freundlich. Vom Innern des Zollhauses ertönen in aller Lautsträke Radionachrichten: Der Morgendienst der BBC London auf tschechisch! Als mein Freund die Beamten in ihrer Sprache begrüsst, beginnt die erste politische Unterhaltung. Die Zollbeamten, darunter ein Offizier der tschechischen Armee, scheinen sich über unser Interesse am Widerstand gegen die Russen zu freuen.

Nach der Fahrt von Westberlin durch die DDR mit den vielen Kontrollen und Schikanen bekommen wir den Eindruck, in ein Land der Freiheit einzureisen. Unser Renault wird kaum kontrolliert, das Gepäck nicht angerührt. Geld brauchen wir keines zu wechseln. Statt hier für eine Mark 4 Kronen zu bekommen, tun wir den Pragern einen Gefallen, wenn wir dort eine Mark für 8 oder 9 Kronen tauschen. Den Zollbeamten bieten wir begehrte westliche Zigaretten an.

Dubček im Schaufenster, Protestinschriften übermalt

Ich bin zum ersten Mal in Prag. Die Stadt wirkt fast feierlich, hat einen eigenen Charakter wie Paris, London oder Rom. In der Millionenstadt herrscht ein lebhafter Verkehr. Auf den Strassen fallen viele tschechische «Skodas» und «Tatras» auf. Dazwischen flitzen mit erstaunlicher Geschwindigkeit historische Modelle, die bei uns Museumswert hätten.

Mein tschechischer Freund besucht seine Eltern. Ich finde Unterkunft für 50 Rappen pro Nacht im Juniorhotel, fünf Minuten vom Wenzelsplatz entfernt. In Sachen Sauberkeit und Komfort übertrifft es unsere Jugendherbergen. Im «Ausländerflügel» teile ich den Schlafsaal mit zwei Amerikanern, zwei Schweden sowie mit je einem Kanadier, Ägypter, Kuwaiter.

Drei Monate, nachdem russische Panzer durch die Strassen kreuzten, empfinde ich beim Durchschlendern der Stadt die Stimmung als trotzig. Strassenschilder und Hausnummern sind seit dem 20. August heruntergerissen, damit die russischen Invasoren mit ihren Panzern den Weg nicht finden. Unzählige Protestinschriften an Hauswänden und Mauern sind mit Farbe schlecht und recht überpinselt.

In unzähligen Schaufenster sehen wir mit Blumen geschmückte Fotos des als Erster Sekretär der kommunistischen Partei abgesetzten, nach Moskau entführten und wieder als Parlamentsvorsitzender eingesetzten Alexander Dubček sowie des Staatspräsidenten Ludvík Svoboda. Die Geschäfte scheinen sich vor Sanktionen nicht zu fürchten.

Auf dem zentralen Wenzelsplatz, der von überfüllten Trams beidseitig umfahren wird, erinnern brennende Lichter, stets frische Blumen und Kränze daran, dass hier, wo sich jetzt Autos und Fussgänger zwängen, die Machtdemonstration russischer Panzer junge Menschenleben kostete.

Unzählige Schusseinschläge an der Fassade des Nationalmuseums

Vor der mächtigen Reiterstatue halten junge und ältere Passanten in Trauer inne. Wenn sie in die Höhe blicken, sehen sie die breite, schwarze Fassade des Nationalmuseums bespickt mit unzähligen weissen Löchern. Am Morgen des 21. August sollen Einwohner den Russen angegeben haben, es handle sich um das Rundfunkgebäude, worauf diese wie wild losgefeuert hätten.

Noch zehn Jahre zuvor wurden Leute, die zum Westen Kontakt hatten, überwacht, ihre Post geöffnet und ihr Telefon abgehört. In Unternehmen entfalteten ignorante Parteifunktionäre ihre zermürbende Bürokratie. Tschechisches Uran ging zu Spottpreisen an die Russen. Dagegen knöpften die Russen für ihre Erdölprodukte von den Tschechen Wucherpreise ab.

Die Menschen begegnen mir ausgesprochen offen. Es scheint ihnen klar zu sein, dass sie vom Westen keine Hilfe erwarten können. Doch sie möchten, dass westliche Medien die Lage in der Tschechoslowakei nicht schon bald vergessen.

Die Grossmächte teilten Europa nach dem Zweiten Weltkrieg in einen westlichen und einen östlichen Einflussbereich auf. Viele Tschechen verstehen sich nicht nur als Opfer der russischen Machtpolitik, sondern glauben, dass die Machtpolitik der UdSSR und die der USA komplementär seien.

Zerschossene Fassade im Zentrum von Prag. Viel Sachschaden, aber die russische Besetzung forderte nur ganz wenige Tote und Verletzte.

Ihre Entrüstung richtet sich gegen Machtpolitik überhaupt, deren Opfer die kleinen Staaten in Mitteleuropa und anderswo sind – die Tschechen und Slowaken seit ihrem 50-jährigen Bestehen schon zweimal. Gerne zitieren sie den französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle, der sich gegen die russisch-amerikanische Aufteilung der Welt auflehnte und dessen Vision eines unabhängigen Europas «vom Atlantik bis zum Ural» reichte.

«Die sowjetischen Panzer bewiesen, dass Sozialismus im Machtbereich des Kremltums nicht möglich ist. Der Effekt des Kalten Krieges, der einen Macht-Konflikt ideologisiert, ist intellektuelle Stagnation, und zwar auf beiden Seiten. Die Aufgabe, diese Dogmatismen abzubauen durch Kritik an ihren Ergebnissen, ist auf beiden Seiten gestellt.»

Max Frisch, 1968

Polizist lädt zu einem Bier ein

Einmal frage ich einen Polizisten, der ein bisschen deutsch kann, um eine Auskunft. Er antwortet mir zugewandt freundlich. Der Zufall will es, dass ich ihn noch einmal treffe. Unaufgefordert gibt er mir Tipps, wo ich günstig und gut essen kann. Um mir ein Lokal zu zeigen, begleitet er mich eine ganze Strecke.

Schliesslich begegne ich ihm am letzten Tag ein drittes Mal. Spasseshalber erwähne ich, bei uns sei es Brauch, in einem solchen Fall ein Bier zusammen zu trinken. Da er nicht sofort versteht, hält er eine Passantin an, die übersetzt. Sofort erklärt sich der Polizist bereit, mit mir ein Bier zu trinken und lässt es sich nicht nehmen, die Zeche selber zu zahlen. Als Dankeschön kann ich ihm ein Päckchen Zigaretten schenken.

In Ostberlin wäre es unvorstellbar, dass ein Volkspolizist mit einem westlichen Touristen ein Bier trinken geht. Abgesehen davon ist es in Ostdeutschland beinahe unmöglich, einem Beamten einzeln zu begegnen. Sie patrouillieren dort immer zu zweit.

Studentenversammlung hinterlässt tiefen Eindruck

Für den 17. November bereiten Prager Studenten eine Aktion vor, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Am 15. November kann ich als Beobachter an einer vorbereitenden Sitzung der Studenten der sozialwissenschaftlichen und publizistischen Fakultät in der Prager Universität teilnehmen. Am Eingang findet eine strenge Kontrolle statt, «damit sich keine Geheimagenten einschleichen können», wie man mir sagt. In Begleitung meines tschechischen Freundes und mit meinem Studentenausweis aus Berlin erhalte ich Einlass. Wir erfahren, dass die Grenzen für ausländische Studentinnen und Studenten soeben geschlossen wurden.

Die meisten Prager Studenten waren einmal längere Zeit im Westen. Sie sprechen englisch, deutsch oder französisch. Eine Studentin stellt sich spontan als Dolmetscherin zur Verfügung.

Von der ernsthaften Stimmung, die unter den rund zweihundert Studentinnen und Studenten herrscht, bin ich tief beeindruckt. Sechs wiedergewählte Vertreter sitzen hinter einem langen, mit einem blauen Samttuch überschlagenen Pult. Der Vorsitzende spricht leise, aber bestimmt und überzeugend. Dazwischen erlaubt er sich einige satirische Bemerkungen, die ein solidarisierendes Lachen der Versammlung auslösen.

Ich spüre, wie sehr sich diese oppositionellen Studentinnen und Studenten des Risikos ihres Tuns und Lassens und der Tragweite jeden ausgesprochenen Satzes bewusst sind. Sie riskieren ihr Studium und ihre berufliche Zukunft.

Im Hinblick auf den Aktionstag vom 17. November werden mehrere Resolutionen an die Adresse der Regierung und von Vertretern des öffentlichen Lebens besprochen. Vor den Abstimmungen melden sich viele Teilnehmende zu Wort. Es bleibt eine Diskussion unter dem Leitmotiv der Solidarität. Zwischenrufe gibt es nicht. Mit Applaus wird bis zum Ende der Voten gewartet.

Schliesslich wird ein Streik beschlossen, der 100'000 Studentinnen und Studenten im ganzen Land erfassen soll. [Dieser Streik fand dann tatsächlich statt]. Forderungen an die Regierung werden in einem 10-Punkte-Programm formuliert (PDF). Gesandte der Studentenschaft werden in verschiedenen grossen Fabriken die Arbeiterschaft kontaktieren. «Ohne Unterstützung des Volkes können wir nichts erreichen», ist die wohl realistische Einschätzung der Studentenleitung.

Die Bedingungen werden besprochen, wann sich der Studentenstreik zu einem allgemeinen Streik ausweiten soll. [Es blieb später bei einer symbolischen 15-minütigen Arbeitsniederlegung der Arbeiterschaft.]

Dokumentarfilm über den Prager Frühling

Am Abend zeigt ein Kino am Wenzelsplatz einen Dokumentarfilm über den Prager Frühling – ein weiteres Zeichen des trotzigen Widerstands. Am Eingang finde ich bald eine Frau, die gerne bereit ist, mir das Wichtigste des Films zu übersetzen.

Über die Leinwand laufen Auszüge aus Reden der Reformpolitiker. Es wird an den neuen Führungsstil der Partei und des Staates erinnert.

Pikant ist die Szene nach der Wahl von Ludvík Svoboda zum neuen Präsidenten am 30. März 1968. Alle tschechoslowakischen Führer gratulierten und küssten ihn nach sozialistischer Manier. Das Publikum kennt sie alle. Doch bei den jetzigen Kollaborateuren und Reaktionären leuchten gross deren Namen auf und bei den «Judas-Küssen» bricht der Kinosaal in ein entladendes Lachen aus, ein Auslachen.

Der Kino-Angestellte, der mir meinen deponierten Mantel aushändigt, meint mit zynischer Ironie: «Während zwanzig Jahren war die Situation ‹normal›, ein halbes Jahr ‹abnormal›, und jetzt ist sie wieder ‹normal›.»

Der Himmel wird sich verdunkeln

In nächster Zukunft wird sich der Himmel für die Tschechen und Slowaken ohne Zweifel verdunkeln. Nach einem «Frühling» von sechs Monaten, während denen die anscheinend sichere Hoffnung auf eine bessere, humanere, lebenswertere Zukunft die Gemüter bewegte, während denen ein Volk, das sich einer politischen Interessenlosigkeit und Lethargie hingab, sich auf einmal politisierte und entschlossen war, die Zügel seines Geschicks selber in die Hand zu nehmen, nach einem solchen Frühling ist es umso schmerzvoller, wieder zu einem Satelliten-Dasein verdammt zu sein, auch wenn dies jahrzehntelang das Schicksal des tschechoslowakischen Volkes war.

Dieses macht sich keine Illusionen. Ihre Zukunft hängt von einer Änderung der geopolitischen Machtlage ab. Am fernen Horizont mag eine Hoffnung aufleuchten.

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NACHTRAG ZU DEN WIRTSCHAFTSFLÜCHTLINGEN

Im Vergleich zur Situation heute in Eritrea, Nigeria, Sri Lanka, Marokko oder Algerien blieb die damalige Tschechoslowakei auch nach 1968 für die meisten Auswanderer ein sicheres Herkunftsland. Trotzdem nahm die Schweiz bis Ende 1968 rund 12'000 fast alles Wirtschaftsflüchtlinge aus der Tschechoslowakei auf und gewährte ihnen ordentliches politisches Asyl. In seinem Erlebnisbericht hat Christian Müller dieses Thema aufgegriffen.

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  • Lesen Sie den Erlebnisbericht von Erich Gysling, der unmittelbar nach dem russischen Einmarsch als junger Rundschau-Redaktor in der Tschechoslowakei und in Prag war und eine russische Panzerkolonne überholte.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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Eine Meinung

Jetzt haben wir bereits drei kompetente Erlebnisberichte von Journalisten gehört. Mich würde nun ein Kommentar von den 12'000 damaligen Wirtschaftsflüchtlingen interessieren. Wenige davon kenne ich. Sie leben gut und bürgerlich in der Schweiz. Sind sie auch glücklich? Was haben die Tschechen, was wir Schweizer aus der Geschichte seit 1968 gelernt? Alles OK in der Schweiz? Was ist aus den Lehren eines Ota Sik an der HSG geworden? Bisher kaum ein Wort über die Verdienste eines Vaclav Havel. Die Rede Dürrenmatts an Havel steht auch verstaubt im Gestell. Es war eine kritische Gegenüberstellung der Schweiz mit der Tschechei. «Die Schweiz ist ein Gefängnis...» BR Furgler war wütend! Nestbeschmutzer! Die Fichenaffäre war ja bereits Geschichte. Schweiz, alles OK?
Walter Schenk, am 22. August 2018 um 12:40 Uhr

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