Bananen-Plantage in Ecuador: Arbeits- und Umweltstandards werden oft nicht eingehalten © oxfam.de

Bananen-Plantage in Ecuador: Arbeits- und Umweltstandards werden oft nicht eingehalten

«Bananen-Produktion ist schmutzig wie der Drogenhandel»

Romano Paganini / 31. Jul 2019 - In Ecuador werden Bananen meistens unter widrigen Bedingungen produziert. Einer der Akteure: Chiquita mit Sitz in der Romandie.

«Chiquita ist es egal, ob die Arbeiter auf den Plantagen einen Arbeitsvertrag haben oder nicht», sagt Roberto Martinez (Name geändert), ein langjähriger Chiquita-Lieferant aus Quevedo, dem Zentrum der ecuadorianischen Bananenproduktion. Auch die Einhaltung der Umweltstandards spiele keine Rolle. «Was Chiquita interessiert, ist der Absatz.» Chiquita verzichte deshalb bewusst auf eigene Produktionsanlagen, «meines Wissens gibt es im ganzen Land nur eine», sagt Martinez. Die Firma wolle sich in Sachen Arbeitsbedingungen nicht die Finger verbrennen. «Die Verantwortung liegt beim Lieferanten. Dieser entscheidet, ob er sich an die Regeln hält oder nicht.»

Chiquita lagert also die Verantwortung aus. Das ist nicht unüblich im Handel mit Agrarrohstoffen. Die grossen Exporteure lassen die lokalen Bauern und Lieferanten zu teils üblen Bedingungen schuften und waschen ihre Hände in Unschuld.

Genau das will in der Schweiz die Konzernverantwortungsinitiative ändern. Sie kommt voraussichtlich nächstes Jahr zur Abstimmung und will Grosskonzerne mit Sitz in der Schweiz verpflichten, bei ihren Geschäften international anerkannte Menschenrechte und Umweltstandards zu achten. Das gilt auch für deren Tochtergesellschaften und Lieferanten im Ausland.

Die Forderung der über 100 Umwelt-, Menschenrechts- und Kirchenorganisationen stösst aber vor allem bei der Wirtschaftslobby auf Widerstand. Zwar hat der Nationalrat im Sommer 2018 einem abgemilderten Gegenvorschlag zugestimmt, der Ständerat hingegen lehnte die Initiative im März ab.

Eine «enorme Hilfe» für die Bauern

Was Parlamentarier und Industrie in der Schweiz nervös werden lässt, löst bei Jorge Acosta am anderen Ende der Welt Hoffnungen aus. «Für uns wäre die Kontrolle der Firmen aus der Schweiz eine enorme Hilfe», sagt der Präsident der ecuadorianischen Bananen-Gewerkschaft Astac. «Wir leben in einer globalisierten Welt, da müssen wir auch den Kampf für unsere Rechte globalisieren.»

In der Agrarindustrie Ecuadors sieht es diesbezüglich düster aus, vor allem in der Bananenproduktion. Zwölf-Stunden-Schichten, Hungerlöhne und Arbeit ohne Vertrag gehören hier zur Tagesordnung. Wer seine Rechte trotzdem einfordert, muss mit Entlassung rechnen. Mehrere Dutzend Arbeiter – auch von langjährigen Chiquita-Lieferanten – haben so in den vergangenen Monaten ihren Job verloren, sagt Jorge Acosta. Der Gewerkschafter erhielt 2018 sogar Morddrohungen.

Die ecuadorianische Bauern-Gewerkschaft Astac hat inzwischen bei der Europäischen Union Beschwerde eingereicht, weil multinationale Konzerne geltende Arbeits- und Umweltstandards nicht einhalten. Solche Standards wurden auch im Freihandelsabkommen zwischen Kolumbien, Ecuador und Peru mit der EU vereinbart. Der Bericht kommt zum Schluss, dass «die Verletzung der Rechte das Ergebnis einer historisch gewachsenen Struktur ist, die aufgrund der politischen Macht der Regierung und der grossen Bananenunternehmen, Straflosigkeit erzeugt.»

Wenig Transparenz bei Chiquita

Eines dieser Unternehmen ist Chiquita im waadtländischen Etoy. Der US-Konzern (früher United Fruit Company) hat den europäischen Hauptsitz 2008 aus Steuergründen vom belgischen Antwerpen in die Romandie verlegt. Hier verfügt die Fruchthandels-Gesellschaft gemäss Handelsregisterauszug über die Chiquita Holding SA in Freiburg, die für die Finanzierung und den Handel von Wertpapieren und Immobilien zuständig ist. Chiquita Brands International in Etoy dagegen sorgt für Handel, Verpackung und Transport von Lebensmitteln. «Details dazu haben wir allerdings nicht», sagt Silvie Lang von Public Eye. Die NGO (früher «Erklärung von Bern») schaut international tätigen Firmen mit Sitz in der Schweiz auf die Finger.

Seit zwei brasilianische Multimilliardäre 2015 den Chiquita-Konzern aufgekauft haben, herrsche wenig Transparenz, sagt Silvie Lang. Denn die beiden Herren – einer davon Joseph Safra, Mitbesitzer der Basler Privatbank J. Safra Sarasin – haben das Unternehmen im selben Jahr von der Börse genommen. Darum muss Chiquita keine öffentliche Rechenschaft mehr ablegen, etwa zu Plantagenbesitz, Lieferanten oder Marktanteilen. «Ohne diese Kontrolle ist es sehr schwierig, Informationen über Chiquita zu finden», sagt Lang.

Falls die Konzernverantwortungsinitiative beim Stimmvolk durchkommt, bräuchte es aber genau das: mehr Transparenz. Das Mutterhaus in Etoy will weder zu den Lieferanten noch zu den umstrittenen Spotmarkt-Käufen Stellung nehmen. Das seien «wirtschaftlich sensible» Daten, lässt Sprecherin Petra Pettolaz ausrichten. Die Chiquita-Tochter Cbbrands S.A. in Ecuador beantwortet gar keine Fragen.

Konzerne zur Verantwortung ziehen

Immerhin lässt Petra Pettolaz durchblicken, dass sämtliche Geschäftstätigkeiten sowohl über den Chiquita-Hauptsitz in Fort Lauderdale in Florida als auch über Etoy laufen. Das bedeutet: Bei einer Annahme der Konzernverantwortungsinitiative könnte Chiquita zur Verantwortung gezogen werden. «Entscheidend ist, ob sich eine Verletzung von Menschenrechten im Ausland mit den über die Schweiz getätigten Geschäften in Verbindung bringen lässt – beziehungsweise, ob ein Kontrollverhältnis besteht», erklärt Silvie Lang von Public Eye. Kontrolliert ein Konzern mit Sitz in der Schweiz ein ausländisches Unternehmen, das einen solchen Schaden verursacht, müsste der Konzern bei Annahme der Volksinitiative für Schadenersatz geradestehen.

Auf EU-Ebene gibt es bereits Gesetze mit Bezug auf die Geschäftspraktiken von Grosskonzernen, etwa für den Holz- und Mineralienhandel. Zudem ist eine branchenübergreifende Regelung zur Sorgfaltsprüfungspflicht in der Vernehmlassung.  

Gewerkschafter Jorge Acosta aus Ecuador ist sich bewusst, dass die Umsetzung der Schweizer Konzernverantwortungsinitiative nicht alles besser machen würde. «Ausbeutung und Verletzung von Menschenrechten generiert Geld – Geld, das für mich genauso schmutzig ist wie jenes aus dem Drogenhandel.» Dennoch wertet er die Konzernverantwortungsinitiativ als «ein Zeichen an die Welt». Schliesslich müsse man irgendwo beginnen.

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Dieser Beitrag ist zuerst im «Beobachter» und bei mutantia.ch erschienen.

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Keine. Der Autor lebt in Lateinamerika und betreibt von dort aus unter anderem die Website mutantia.ch.

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