Zusammen statt nebeneinander oder gegeneinander

Linda Stibler © cc
Linda Stibler / 08. Mai 2020 - Nochmals ganz neu und mit Dringlichkeit stellt sich die Frage der Bildung: Sich nur anpassen oder selber denken – selber handeln?

Man mag seine berechtigten Zweifel haben, ob die Notvorschriften in Corona-Zeiten den Kindern und Jugendlichen etwas bringen. Die Schliessung der Bildungseinrichtungen ist in jedem Falle dramatisch. Aber es gibt auch eine positive Seite, eine Seite neuer Einsichten in die Notwendigkeit der Gemeinschaft, der Solidarität und nicht zuletzt auch des tatsächlichen (physischen) Zusammenwirkens. Und: Lehrerschaft und Eltern sind auf ganz andere Weise zu einer neuen Form der Zusammenarbeit gefordert.

Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang drei Jahrzehnte zurückzublenden. Damals war in der Öffentlichkeit die Ansicht weit verbreitet, dass die Schulen die Kinder auf das Leben vorzubereiten hätten, und nicht im engeren Sinne nur aufs Berufsleben, sondern auch im Allgemeinen. Die Schule sollte möglichst allen eine Grundbildung vermitteln. Kinder sollten lernen, sich in der Gemeinschaft zurecht zu finden und auch ihren Selbstwert zu erkennen. Kurz, sie sollten sich zu anständigen Mitgliedern der Gesellschaft entwickeln und dabei ihr persönliches Glück finden können.

Verengter Bildungsbegriff

Seither hat in der Gesellschaft, aber vor allem bei Eltern und der Lehrerschaft, ein dramatischer Mentalitätswandel stattgefunden. Das hat vor allem mit den grossen Bildungsreformen um die Jahrtausendwende zu tun, die zwar mit dem Versprechen auf bessere Qualität und mehr Chancengerechtigkeit gestartet waren, in Tat und Wahrheit aber das Konkurrenzprinzip, das zur Zeit in der Wirtschaft gilt, auch auf die Bildung übertragen wollten. Kein Wunder waren die treibenden Kräfte internationale Wirtschaftsorganisationen. Ihnen ging es in der Schulbildung vor allem um das Vorwärtskommen im Berufsleben, um Erfolg und Wettbewerb zwischen Schülerinnen und Schülern, zwischen Schulen, ja gar zwischen Ländern, angetrieben etwa von den PISA-Studien der OECD.

Die neuen Reformen in der Bildung haben den Horizont verengt und die Blickrichtung verändert. Sie spielen mit der Angst abgehängt oder auf dem Markt verdrängt zu werden. Das hatte auch schwerwiegende Konsequenzen auf das Bild von Lehrerinnen und Lehrern sowie auf die Rolle von Eltern oder Erziehungsverantwortlichen. Es bildeten sich pauschale Vorurteile: Die Lehrer seien nur dazu da, die Kinder vorwärts zu bringen, Eltern hätten nur den einen Wunsch, Kinder in möglichst hohe Schulen zu bringen. Die Schulen oder die Bildungsanstalten wurden gar nicht mehr als ein Projekt der öffentlichen Gesellschaft angesehen, für das alle eine Verantwortung tragen.

Die jüngsten Reformen spielten dabei eine wesentliche Rolle. Der Einfluss der demokratischen Öffentlichkeit wurde massiv zurückgedrängt. Zuerst in den Universitäten. Sie wurden weitgehend abgekoppelt von demokratischer Gestaltung und nach dem Vorbild privater Unternehmen organisiert, mit dem Unterschied allerdings, dass die öffentliche Hand trotzdem den Hauptteil der finanziellen Mittel zur Verfügung stellen muss, aber die Unabhängigkeit durch die erwünschte Zusatzfinanzierung von Privaten gefährdet wird.

Demokratische Mitsprache zurückgedrängt

Bei den Schulen wurde die Mitsprache und Mitgestaltung der Öffentlichkeit stark eingeschränkt. Die Rolle der demokratisch bestimmten oder gewählten Schulbehörden wurde massiv verändert, z.B. wurden den kantonalen Erziehungsräten oder ähnlichen Gremien weitgehende Entscheidungsbefugnisse weggenommen. In Basel-Stadt wurden die nach Parteien und ihrer Grösse zusammengesetzten Schulinspektionen durch Elternräte ohne klar formulierte Zugehörigkeit und Zuständigkeiten ersetzt. Inspektionen trugen vorher eine Mitverantwortung für den gesamten Betrieb einer Schule, Elternräte hingegen haben keine Mitbestimmungsrechte.

Die institutionalisierten Elterngespräche zielen nur auf Beurteilung und die Entwicklung des einzelnen Kindes ab. Hier spielt die Verantwortung für die Schulgemeinschaft praktisch keine Rolle mehr. Und es liegt nahe, dass es zwischen Eltern und Lehrerschaft ganz schnell zu gegenseitigen Schuldzuweisungen kommt, wenn man sich nicht einigen kann.

Bei den Bildungsreformen vor der grossen Harmos-Reform spielte das Zusammenwirken von fortschrittlichen Lehrkräften und fortschrittlichen Eltern eine entscheidende Rolle. In den frühen Siebzigerjahren begehrten sie gegen die bisher unangefochten autoritären Strukturen der öffentlichen Schulen auf. Lehrer wollten mehr Mitsprache in der Hierarchie der Organisationen, Eltern ihrerseits wollten mehr Mitbestimmung im Schulalltag. Hier anknüpfend sollten wir einen Schritt weitergehen.

Ein anderer Blickwinkel auf Bildung

Durch die Schulschliessungen wurde einerseits eine ganz neue Zusammenarbeit von Eltern und Lehrkräften erzwungen. Das ist nicht nur lustig, sondern für alle Beteiligten auch mühsam. In höheren Schulen ist dieser Austausch zwischen Lehrerschaft und den Jugendlichen ein anderer und vielleicht – oder hoffentlich – ein kooperativer; die Elternmacht tritt in den Hintergrund. Bei jüngeren Kindern ist die Situation oft weit dramatischer, weil nicht alle Eltern gleich gut helfen können und es wieder einmal ganz entscheidend ist, in welchen Verhältnissen die Familien leben. Wer ein eigenes Haus oder einen Garten besitzt, kann die Situation weit besser bewältigen, als andere, die in knappen Wohnverhältnissen leben oder deren Familienstrukturen fragil sind. Die Ungerechtigkeit nimmt zu.

Neugestaltung der Schule-Eltern-Beziehung

Das Ganze hat auch eine positive Seite: Man begegnet sich auf andere Weise – vermehrt auf Augenhöhe und in gegenseitigem Verständnis. Das könnte in die Zeiten nach Corona hinüber geführt werden, zum Beispiel, indem in den (meist verhassten) Elternabenden eine neue Perspektive sichtbar wird. Wären das nicht die Orte, um endlich vermehrt über Sinn und Zielsetzung der Schule im Allgemeinen zu diskutieren und auch mögliche Kooperationen unter Eltern anzuregen? Es gibt sicher Lehrerinnen und Lehrer, die das schon bisher anstossen; es könnte jedoch vermehrt geschehen, zum Beispiel wenn darüber diskutiert wird, welchen Stellenwert Noten haben, welche gemeinsamen Bildungsziele wichtig sind oder welchen Einfluss die viel beklagte Testerei auf das Wohlbefinden der Kinder und ihrer Beziehungen untereinander hat. Dabei könnten Lehrer und Eltern auch gemeinsame Ideen entwickeln und entsprechende Initiativen ergreifen. Erschwert wird eine derartige Zusammenarbeit an Orten, wo es viele fremdsprachige Eltern gibt, die sich nur mässig verständigen können und vielleicht auch aus kulturellen Gründen anders reagieren. Hier müssten jene Lehrerinnen und Lehrer aktiviert werden können, die sogenannte Secondos sind. Sie haben einen besseren Zugang und könnten Brücken schlagen. Aber auch engagierte Eltern könnten diese Funktion übernehmen.

Zu einer derartigen Neugestaltung der Schule-Eltern-Beziehung braucht es in erster Linie einen veränderten Blickwinkel, der vielleicht durch die Corona-Krise geschärft wurde. Bildung ist eine Sache, die alle betrifft und alle angeht, daher müssen in einem demokratischen Sinne alle mitreden können. Insbesondere die Betroffenen haben ein Recht, sich an der Gestaltung zu beteiligen und ihre Meinung einzubringen. Sie dürfen sich das Recht nehmen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Die Journalistin Linda Stibler war zehn Jahre in der Ausbildung für Erwachsenenbildung tätig und ist in der Fachgruppe Bildung im Denknetz engagiert.

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2 Meinungen

Ihr Wort in Gottes Ohr, Frau Stibler, aber ich frage mich, an wen Sie Ihre Botschaft adressieren. Ich erlebte es mit meinen Erasmus-Studenten in Paris: Die Eltern zeugen nur noch Hochbegabte, an den Schulen werden (nach OECD-Regeln, PISA) akademische Vollidioten gezüchtet, die durch den Lernstoff gehetzt werden, so, dass für selbständiges Denken keine Zeit bleibt. Nein, selbständiges Denken gilt es zu verhindern. Genau die Situation, vor der schon Einstein gewarnt hat.
Walter Schenk, am 08. Mai 2020 um 12:56 Uhr
Als ehemaliger Praktiker in der Lehrerbildung kann ich jedes Wort unterschreiben. Danke für diesen hervorragenden Beitrag.
Anzufügen wäre höchstens die Frage, WARUM es zu den nun beklagten Reformen gekommen ist und wer davon profitiert, die Volksschule und die weiterführenden Schulen zu entdemokratisieren. Das nun durch die Coronakrise erzwungene Home-Schooling ist der Lakmustest: Es sind in erster Line die Vertreiber von computerbasierten Lehrprogrammen, die nun über die nun eingetretene Vervielfachung ihrer Umsätze jubeln. Dass hinter dieser Technisierung des Unterrichts und hinter den demokratisch nicht legitimierten Schulreformen politische Kräfte stehen, hat Judith Berben in ihrem gut dokumentierten Buch «Kinder im Netz globaler Konzerne - Der Lehrplan 21 als Manipulationsinstrument» (Eikos Verlag, 2018) stringent nachgewiesen.
Arnold Fröhlich, am 11. Mai 2020 um 15:58 Uhr

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