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Hauptgebäude der Universität Bern

Gekaufte Uni-Arbeiten – ein lohnendes Geschäft

Heinz Moser / 14. Jan 2016 - Einige tausend Franken kostet eine Abschlussarbeit. Doch nachher hat man den Lohn eines «Gstudierten» - lebenslang.

Ein Filmbeitag der «Rundschau» von Fernsehen SRF (6. Januar 2016) zeigt unter dem Titel «Gekaufte Doktoren: Ghostwriter schreiben Uni-Arbeiten»: Einen Universitätsabschluss gibt es schon für 3800 Franken. Der Ghostwriter Herbert Jost-Hof berichtet in der «Rundschau» ohne Gewissenbisse, wie er Arbeiten von der Semester- bis zur Doktorarbeit übernimmt.

Die vor laufender Kamera befragten Studierenden an der Universität Zürich lehnen es allerdings entrüstet ab, sich eine Bachelorarbeit für 3'800 Franken schreiben zu lassen. Das würde wohl auch niemand in der Öffentlichkeit zugeben, der sich nicht um seinen Abschluss bringen will. Nur eine Studierende berichtet, dass sie Fälle kennt, wo «kleinere Sachen» wie Seminararbeiten nicht selbst verfasst werden.

Seit die «Rundschau» über das Ghostwriting berichtete, ist es zum öffentlichen Thema geworden. Einige Schweizer Universitäten wie die Universitäten St. Gallen und Bern gehen denn auch aktiv gegen das Ghostwriting vor. Dabei haben sie nicht die «schummelnden» Studierenden im Visier, sondern die Firmen, welche Ghostwriting anbieten. So hat die Universität Bern gegen gegen die Agentur ACAD-Write Strafanzeige eingereicht. Ähnlich die Universität St. Gallen, wo Prorektor Lukas Gschwend erklärt: «Unsere Strafanzeige richtet sich nicht gegen eine spezielle Person, Ghostwriting ist ein Offizialdelikt. Die Staatsanwaltschaft St. Gallen wird klären, wer hier in welcher Form beteiligt ist»

Mit dem Gericht ist dem Ghostwriting kaum beizukommen

Doch dieses Vorgehen wirkt hilflos. So erklärt selbst Christoph Pappa, Generalsekretät der Universität Bern, dass es enorm schwierig und meist fast nicht zu beweisen sei, eine vorliegende Arbeit als gekauft zu identifizieren. Zudem ist es generell fraglich, ob im Zeitalter des Internets solchen Praktiken damit der Riegel geschoben werden kann. Denn nichts wäre leichter, als solche Firmen dann ins Ausland zu verschieben und von dort wie gewohnt weiterzumachen.

Wer sich eine Arbeit gleich selbst vollständig schreiben lässt, hat wahrscheinlich sogar besser Karten wie alle die, welche mit Abschreiben und Plagiieren schummeln. Denn dafür gibt es mittlerweile Softwareprogramme, mit welchen man dem Betrug leicht auf die Schliche kommt. Die Ghostwriter brüsten sich sogar damit, ihre Arbeiten selbst mit solchen Programmen zu kontrollieren, um damit sicherzustellen, dass es keine Plagiate sind. All die deutschen Politiker und Politikerinnen, die ihre Doktortitel wegen Plagiaten verloren, hätten bei ihrem dringenden Zeitmangel ihre Arbeiten vielleicht besser gleich ganz von einem Ghostwriter schreiben lassen.

Wie gross ist das Problem in der Schweiz?

Das Geschäft der Ghostwriter und Ghostwriterinnen boomt: Laut der «Rundschau» haben letztes Jahr mindestens 200 Studenten ihre Arbeiten nicht selbst geschrieben. Doch das Ausmass des Betrugs ist umstritten Die in der Sendung interviewte Genfer Uni-Professorin Michelle Bergadaà nimmt an, dass die Hälfte der Studenten zumindest einen Teil ihrer Arbeit kauft oder sich helfen lässt. «NZZ Campus» findet dagegen so alarmierende Aussagen weit übertrieben. 200 Aufträge aus der Schweiz seien keine erschreckende Zahl und kein Massenphänomen. Wenn zum Beispiel alle Kunden von der Universität Zürich mit ihren 25'000 Studierenden kämen, so sei der Anteil «plagiierender Studierenden» weniger als ein Prozent.

Dennoch darf man die Probleme nicht verharmlosen. Denn es gibt nicht nur diese eine Firma in der Schweiz und auch nicht nur den Betrug bei den Abschlussarbeiten. Das geht heute von der Hilfe bei einer Seminararbeit, dem Lektorieren von Texten, der Übernahme von Recherchen bis hin zu pfannenfertigen Bachelor- und Doktorarbeiten.

Der Internet-Markt boomt

Seit den Zeiten des Internets müssen sich überforderte Studierende zudem nicht mehr über heimliche und nur schwer zu entdeckende Wege Hilfe besorgen. Denn heute ist alles unkompliziert und schnell mit einigen Mausklicks abrufbar: Die Ghostwriter verstecken sich nicht mehr, sondern bieten ihre Dienste ganz offen an. So heisst es auf der Website von «GWriters International»:

«Ein Ghostwriter ist nicht etwa ein Lektor oder Korrektor. Der ‘Geist’ kontrolliert oder überarbeitet in der Regel keine Arbeiten, sondern verfasst selbstständig ein Werk nach den individuellen Vorgaben einer anderen Person – dessen Rechte er an den Käufer abtritt.»

Da scheint kein schlechtes Gewissen mehr vorhanden, sondern es kündigt sich ein neuer Berufsstand selbstbewusst an.

Mit Hilfe einer Google-Anfrage dauert es kaum fünf Minuten, um fündig zu werden, wenn man solche Angebote sucht. Insgesamt kann man drei Kategorien von Ghostwritern unterscheiden:

- Einzelne Ghostwriter wie Herbert Jost-Hof – meist selber Akademiker, die Arbeiten gegen Bares übernehmen.

- Agenturen, die mit einem grösseren Kreis von Ghostwritern zusammenarbeiten und diesen Arbeiten vermitteln. Dazu gehören GWriters und ACAD-Write.

- Zudem gibt es auf dem Netz Plattformen, wo sich interessierte Anbieter und Kunden anonym treffen und einen Deal aushandeln können.

Ein Test zeigt auf, was Sache ist

Zur dritten Form gehört die Website «lass-andere-schreiben.de», die ich gleich einem Test unterzog und einen Auftrag für eine Bachelorarbeit einstellte:

«Ich brauche eine Arbeit für Soziologie und habe einfach bis zum 1. 9. 2016 keine Zeit eine solche Arbeit zu schreiben, da ich neben meinem Studium Taxi fahre. Als Thema will mein Prof.: Der Habitus von türkischen männlichen Migranten in der Bundesrepublik. Habitus soll nach Bourdieu definiert werden. Es sollen dabei 6 qualitative Interviews erstellt und ausgewertet werden. Gibt es hier jemanden der das kann und daraus eine schöne Arbeit erstellt.»

Es vergingen keine zwei Tage, bis sich drei Ghostwriter für diesen Auftrag meldeten. Sie fanden allerdings, dass ich die Interviews selbst machen müsse. So versprach ein Anbieter pauschal die folgenden Leistungen für 3'940 Euro:

«Preis bezieht sich auf 80 Seiten, das Erstellen eines Interviewleitfadens, die Transkription der Interviews (was sehr zeitaufwändig ist), die Auswertung der Transkription nach sozialwissenschaftlichen Methoden und das Erstellen der gesamten Bachelorarbei inkl. alle Verzeichnisse.»

Das kommt schon einem Totalservice gleich. Ein Schelm, der bei so einem grosszügigen Angebot Böses denkt und dem widerstehen kann…

Leistungsstress an Hochschulen

Doch warum schiesst das Ghostwriting gegenwärtig so ins Kraut? Das dürfte mit den heutigen Massenhochschulen zusammenhängen. Eine gewichtige Rolle spielt dabei das Bologna-System, welches den Leistungsstress schürt, indem immer wieder schriftliche Arbeiten gefordert werden. Zwar will man damit erreichen, dass durch regelmässiges Schreiben die Abschlussarbeiten dann leichter fallen. Doch wer damit Mühe hat, erlebt dies als permanente Überforderung.

Ghostwriting ist aber auch damit verbunden, dass viele Studierenden mit ihren Arbeiten allein gelassen sind. Thomas Nemet, Inhaber der Ghostwriter-Agentur ACAD-Write, hat nicht unrecht, wenn er den Unis in einem Interview mit der österreichischen Zeitung «Der Standard» gegen das Schummeln empfiehlt:

«Ganz einfach: ein Kolloquium dahinter schalten und die Leute zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit befragen. Da merkt man dann schnell, ob das aus der eigenen Feder stammt. Aber wir wissen, dass das nicht geht. In einem Seminar sitzen oft 150 Studenten, mit einer Lehrkraft vorne.»

Jedenfalls ist es so sicher wie das Amen in der Kirche, dass rechtliche Massnahmen nicht ausreichen, um dem Beschiss ein Ende zu bereiten. Die Universitäten und Hochschulen müssten wieder mehr in Betreuung und das Coaching ihrer Studierenden investieren, um solche Praktiken abzustellen. Doch wenn der Chef einer der grössten Ghostwriter-Agenturen selbst mehr persönliche Kontakte über ein Kolloquium empfiehlt, kann man leicht ermessen, wie illusorisch das in Wirklichkeit ist.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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Eine Meinung

Von AkademikerInnen mit Abschluss ist zu erwarten, dass sie eine grosse Arbeit angepackt, mit den wissenschaftlichen Methoden gerungen (mühsam!) und sich bis zur x-mal überarbeiteten Endfassung durchgebissen haben. Der Titel ist dann der Beweis, dass sein/e Träger/in arbeiten kann.
Neu wäre also so ein Titel dann die Quittung für 4000,- Franken.
Maja Beutler-Vatter, am 16. Januar 2016 um 11:48 Uhr

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