Tiktok statt Volkspartei
Während CDU/CSU und SPD die deutsche Politik über Jahrzehnte dominierten, gewinnen mit der rechtsgerichteten AfD und der Linkspartei zwei Kräfte an den politischen Polen an Gewicht. Das illustriert, dass die am weitesten rechts Stehende der deutschen Parteien bei den Landtagswahlen in den ostdeutschen Bundesländern Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin zwischen 30 und 40 Prozent der Wählerinnen und Wähler gewonnen hat.
Ihr Wahlkampf mag reaktionäre Werte in den Vordergrund stellen, bei der Mobilisierung von Wählerinnen und Wählern setzt sie jedoch auf modernste digitale Technik. «Gut gemacht!», kommentierte Tech-Mogul Elon Musk auf seiner Onlineplattform den Wahlsieg der AfD.
Rechte Parteien profitieren von den digitalen Medien
Der Potsdamer Social Monitor der Universität Potsdam hat vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt öffentliche Daten von politischen Tiktok-Profilen ausgewertet. Knapp 65 Prozent aller Aufrufe im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt entfielen auf ein einziges Konto: das von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Die Landtagswahlen vom September 2026 bestätigen den Trend, den der Potsdamer Social Monitor festhält: Wer jung ist, nutzt überproportional häufig Social Media – 74 Prozent der 16- bis 27-Jährigen nehmen politische Informationen über Social Media auf. Und da ist die AfD ganz vorne dabei.
Schlagermusik im Dienst der AfD
Recherchen von netzpolitik.org zeigen, dass die rechtsradikale AfD von den Algorithmen bei Tiktok und X überproportional profitiert. Elon Musk selbst hat X benutzt, um die AfD in Deutschland hochzujubeln. Und Youtube wird von propagandistischen Songs geflutet, die im Stil von deutschen Schlagern gestrickt sind. «Schlagerkeller» etwa versieht Bundeskanzler Merz gerne mit Pinocchio-Nase und stellt Parteiführerin Alice Weidel als Lichtgestalt daneben. Mit KI-Programmen wie Suno lassen sich zu allen täglichen politischen Ereignissen in Sekundenschnelle solche propagandistischen Stücke kreieren.
Die Parteien an den Rändern legen zu
Dass die rechtspopulistische AfD sich bei den digitalen Medien profiliert, ist kein Widerspruch. Für den Umgang mit Social Media braucht es keine tiefgründigen Kenntnisse im Umgang mit digitalen Medien. Mit wenigen Klicks auf dem Netz ist man dabei. Auch sind die Diskurse auf Social Media nicht intellektuell geprägt. Es geht eher um emotionale Stimmungen, die über Bild und Text vermittelt werden. Kritik gegen die Regierung und die herrschenden Eliten ist hier meist der Tenor.
Die Landtagswahlen in diesem Herbst haben statistisch belegt, dass die alten Volksparteien SPD und CDU/CSU bei den Jungen von neuen Bewerbern wie der AfD (in Berlin gar von der Linken) abgelöst werden. Die Angst vor einer Deindustrialisierung Deutschlands mit Krisen wie in der Autoindustrie wird im Netz plastisch vor Augen gestellt. So wählten in Sachsen-Anhalt 41 Prozent der 18- bis 24-Jährigen AfD (gemäss einer Wahltagsbefragung von Infratest dimap). Umgekehrt dagegen in Berlin, wo die AfD bei den 16- bis 24-Jährigen nach Forschungsgruppe Wahlen nur 12 Prozent holte, während die Linke 46 Prozent erreichte.
Es muss also nicht zwingend die Rechte sein, welche von den Jungen profitiert. Generell sind es die Parteien an den Rändern, die bei den jungen Wählern vorne liegen – weil sie im Netz am präsentesten sind. Während in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern die AfD von Abstiegsängsten und Deindustrialisierung profitiert, zieht in Berlin die Linke mit Themen wie Wohnungsnot und Mieterschutz die Studierenden an. Ob links oder rechts: Die Botschaft der Jugend ist dieselbe – so wie bisher kann es nicht weitergehen.
Der gesellschaftliche Wandel als Folge der Digitalisierung
Für jüngere Menschen sind die Kontakte auf Social Media für ihr politisches Verhalten zentral geworden. Dort lernt man Leute kennen und holt sich Informationen. So ist das Netz zu einem meinungsbildenden Medium geworden. Parteien wie die AfD, die meinungsstark in den Social Media sind, ersetzen immer häufiger die alten gesellschaftlichen Netze und finden die Wählerinnen und Wähler direkt auf den digitalen Netzwerken.
Dies zeigt aber auch, wie die alten Volksparteien ihre traditionellen Bindungen verlieren. Sie waren bis zum Beginn dieses Jahrhunderts eng mit ihren gesellschaftlichen Milieus verflochten. So konnte sich die Sozialdemokratie auf Gewerkschaften, Arbeitervereine und lokale Organisationen zur Rekrutierung von Mitgliedern verlassen. Ähnlich waren CDU/CSU mit Kirchen, Wohlfahrtsverbänden und religiös motivierten Vereinen verbunden. Diese langfristig angelegten Beziehungen haben sich in den letzten Jahren verbraucht.
Die traditionellen Parteien im Panikmodus
Die Panik, welche die bisher tragenden Parteien der Mitte erfasst hat, ist aus diesen Gründen verständlich. Es wird nicht ausreichen, mit den alten Mitteln der Politik weiterzukutschieren. Die Präsenz der AfD und der Linken im Netz und die Wahlerfolge dieser Parteien müssen als Alarmglocke gesehen werden. Es wird nicht genügen, an den versprochenen Reformen im Wesentlichen festzuhalten, hier und da nachzubessern und dann fortzufahren wie bisher.
Die Wahlen in den grossen Bundesländern und die Wahl von 2029 in den Bundestag stehen bald vor der Tür. Die bisherigen Mehrheitsparteien müssen jetzt rasch Wege finden, um sich zu konsolidieren und neue Wähler zu mobilisieren bzw. alte zurückzuholen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.







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