Gürtelrose Werbung GSK

Mit solchen Bildern schürten die Werber Angst – und beförderten damit den Impfstoff-Verkauf. © GSK

Horror-Werbekampagne gegen Gürtelrose «ausgezeichnet»

Martina Frei /  Die Pharmafirma GSK erzeuge absichtlich Angst und suggeriere ein falsch hohes Komplikationsrisiko, heisst es in der «Laudatio».

«Ob es uns gefällt oder nicht: Die öffentliche Akzeptanz von Impfungen hängt massgeblich von Angst ab. Wird eine Krankheit als gefährlich wahrgenommen, wollen die Menschen sich schützen lassen […] Zahlreiche historische Beispiele belegen dies.» Das schrieb die frühere Präsidentin der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (Ekif), Claire-Anne Siegrist, 2008 in einem Fachartikel im «Journal of Public Health».

Und das wissen auch Impfstoffhersteller wie Glaxo-Smith-Kline (GSK). Auf schauerlichen Werbeplakaten und Inseraten zeichnete GSK Horrorbilder von der Gürtelrose, die nicht der typischen Erkrankung entsprachen. 

«Werbung durch Angsterzeugung», nennt Niklas Schurig das. Schurig ist Hausarzt und Vorstandsmitglied der Ärzteinitiative «Mezis», die sich für mehr Transparenz und gegen Einflussnahme im Gesundheitswesen engagiert. «Auf den Plakaten und in den Zeitungsannoncen werden schockierende Bilder gezeigt, erschreckende Leidensgeschichten Einzelner wiedergegeben und ein falsch hohes Risiko für Komplikationen suggeriert», sagt Schurig.

Bilder, die nicht die typische Erkrankung zeigen

Auch jetzt findet sich haufenweise Werbung im Internet, die Angst machen kann. Die «Impfakademie» – dahinter steht GSK – bietet beispielsweise ein «Aufklärungs-Video» zum Herunterladen fürs Wartezimmer an. «Mehr Infos auf guertelrose-wissen.de», heisst es dort am Schluss. Wer auf diese Website surft, liest dort zum Beispiel die Aussage einer Betroffenen: «Nach vier Jahren Reha und zwei Krankenhausaufenthalten geht es mir etwas besser.» Auch dies entspricht überhaupt nicht dem typischen Krankheitsverlauf. Andere Personen schildern «beinahe unbeschreibliche Schmerzen», «Symptome wie ein Schlaganfallpatient im Gesicht» und weitere Komplikationen.

Für ihren «massiven Werbefeldzug» würdigte Mezis (die Abkürzung für«Mein Essen zahl ich selbst») die Firma GSK nun mit dem «Goldenen Zäpfchen». GSK nütze «äusserst kalkuliert Schlupflöcher des Heilmittelwerbegesetzes aus», wirft Mezis der Firma vor.

Mezis Award Goldenes Zäpfchen
Das «Goldene Zäpfchen» ist eine Negativ-Auszeichnung.

Hersteller will neuen Umsatzrekord aufstellen

Für verschreibungspflichtige Arzneimittel wie Impfstoffe dürfen Hersteller nur innerhalb von Fachkreisen werben, nicht aber bei Laien. Das umgehe GSK, indem die Firma auf den Plakaten nicht die Impfung thematisiere, sondern die Aufmerksamkeit für die Erkrankung erhöhe. «Offensichtlich mit Erfolg: Glaxo-Smith-Kline konnte bereits im Jahr 2023 seinen Umsatz mit dem Gürtelroseimpfstoff Shingrix um 72 Prozent im Vergleich zum Vorjahr steigern.» Waren es 2023 noch drei Milliarden Pfund, peile GSK für 2026 mit vier Milliarden einen neuen Umsatzrekord an.

In der Schweiz hatte der «Gesundheitstipp» die Werbekampagne bereits 2022 kritisiert. Swissmedic eröffnete im Herbst 2022 sogar ein Verfahren wegen möglichen Verstosses gegen die Arzneimittel-Werbeverordnung. Auf Nachfrage teilt Swissmedic nun – dreieinhalb Jahre später – mit: «Das erwähnte Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.» Zu laufenden Verfahren könne Swissmedic keine Auskunft erteilen.

Die GSK-Werbung, in Kombination mit der offiziellen Impfempfehlung, verfing auch hier zu Lande: Von allen Innovationen, die 2022 neu von der Grundsicherung bezahlt wurden, verursachte der Gürtelrose-Impfstoff von GSK «aufgrund des relativ hohen Preises» monatliche Kosten von schätzungsweise etwa 2,3 Millionen Franken, informierte der «Helsana-Arzneimittelreport». Die Impfung finde «sehr breite Anwendung» und sei der «mit deutlichem Abstand umsatzstärkste neue Wirkstoff». Damals kosteten die zwei empfohlenen Impfdosen fast 350 Franken, heute 332

«Der simple Trick»

Das Muster der Pharmawerbung ist altbekannt: Schon wenn sich abzeichnet, dass ein neues Medikament, das sich noch in der Entwicklungspipeline befindet, zugelassen werden könnte, tauchen vermehrt Medienberichte über die Krankheit auf, gegen die es helfen soll. 

«Der simple Trick ist: Nenne nicht das Medikament, sondern nenne nur die Krankheit. Ersteres wäre verboten. Letzteres aber noch nicht», sagte Schurig in seiner «Laudatio», die einer Rüge gleichkam. «Es geht um Angsterzeugung, aber das wissen unsere Patienten nicht.»

Der Werbeslogan von GSK hiess: «1 von 3». Gürtelrose treffe jeden Dritten in der Schweiz, behaupteten die Werber

Die wahren Zahlen

Doch unabhängige Wissenschaftler veröffentlichten andere Zahlen: Im fünften Lebensjahrzehnt sind pro Jahr etwa 7 von 1000 Personen betroffen, in der achten Lebensdekade sind es jährlich rund 13 von 1000. Alle Altersgruppen ab 50 Jahren zusammengenommen, bekommen etwa 10 von 1000 Personen pro Jahr eine Gürtelrose, ins Spital kommt 1 von 10’000. Höher sind diese Zahlen bei Personen mit geschwächtem Immunsystem. Die Quellen für diese Angaben sind ein Artikel der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft sowie eine in «Vaccine» veröffentlichte Übersichtsarbeit von Wissenschaftlerinnen des belgischen «Health Care Knowledge Center» (KCE), einer unabhängigen staatlichen Forschungseinrichtung.

Die GSK-Werbung wies auch darauf hin, dass eine Impfung vor der Gürtelrose und vor schweren Komplikationen schützen könne. Das stimmt – doch wie gut kann die Impfung das? 

Aussagekräftig ist die «Number needed to vaccinate». Sie gibt an, wie viele Personen man impfen muss, um einen einzigen Krankheitsfall zu verhindern. Der Impfstoff von GSK ersparte in den drei bis sieben Jahren nach der Impfung verschiedenen Quellen zufolge etwa einem von 23 bis 45 geimpften Menschen über 50 Jahre eine Gürtelrose. Im Lauf der Jahre lässt der Impfschutz etwas nach.

Um eine Komplikation zu verhindern, müssen hunderte bis tausende geimpft werden

Eine typische Komplikation der Gürtelrose sind Nervenschmerzen. Von ungeimpften Personen ab 50 Jahren leiden rund 10 von 10’000 anschliessend daran. Mit Impfung reduziert sich dies auf etwa 2 von 10’000. Das heisst: In den vom Hersteller gesponserten Studien mussten etwa 260 bis 935 ältere Erwachsene geimpft werden, damit einer davon im Verlauf der knapp vierjährigen Beobachtungszeit keine Nervenschmerzen oder andere Komplikationen bekam.   

Um eine Komplikation wie Augenbefall zu verhindern, müssen über 1000, möglicherweise sogar über 30’000 über 50-Jährige geimpft werden. Genauer konnten die Wissenschaftlerinnen vom KCE das nicht sagen, weil die Komplikationen so selten auftraten, dass sich die Wirkung der Impfung diesbezüglich kaum abschätzen liess. 

«Findige Juristen und Marketingstrategen testen seit Jahren immer aggressiver die Grenzen des Zulässigen maximal aus. Verbraucherschutz – Fehlanzeige», stellte Schurig fest. Mezis habe die Verantwortlichen für die Einhaltung des Heilmittelwerbegesetzes kontaktiert, den Beauftragten der Bundesregierung für Belange der Patientinnen und Patienten, die Verbraucherzentrale, die Wettbewerbszentrale sowie die bayrische Aufsichtsbehörde, weil GSK einen Standort in Bayern hat. Doch niemand habe sich zuständig gefühlt oder habe gehandelt. «Diese offene Gesetzeslücke wird für einen Milliardenmarkt ausgenutzt. Wir von Mezis sind der Meinung, dass diese Art der Werbung verboten werden muss.»

Die Angst vor Demenz hochspielen

Seit 2023 fokussieren Medienberichte nun auf eine neue Angst: die vor Demenz. «Die Gürtelrose-Impfung schützt auch vor Demenz» – so oder ähnlich lauten die Schlagzeilen. Sogar der bekannte TV-Arzt Eckart von Hirschhausen verbreitete kürzlich im «WDR», dass neuesten Studien zufolge eine «Impfung gegen Gürtelrose, sprich das Herpes-zoster-Virus, das Demenzrisiko massiv senken kann. Wie das genau passiert, wird noch erforscht …»

«Ganz nach dem Motto: Mit falschen Hoffnungen erreicht man verängstigte Menschen am besten. Natürlich ist alles noch ‹nicht ganz bewiesen›, ‹komplex› und ‹Gegenstand aktueller Forschung›. Aber das hält im Zweifel niemanden auf», witzelte die pharma-kritische Verbraucherzeitschrift «Gute Pillen – schlechte Pillen».  

Die Studien, die in den Medien als Beleg herangezogen werden, wurden zum Teil mit einem Impfstoff gemacht, der in der Schweiz und in der EU nicht mehr im Handel ist (Infosperber berichtete darüber). Er habe besonders bei älteren Menschen nur eine «geringe Wirksamkeit» gegen Gürtelrose gehabt, stellte das unabhängige Fachblatt «pharma-kritik» fest.

«Unbrauchbare» Studie

Zum derzeit in der Schweiz eingesetzten Impfstoff fand das ebenfalls unabhängige «arznei-telegramm» fünf Studien zum Thema Demenz. Eine der Studien sei unter massgeblicher Beteiligung von GSK durchgeführt worden, an zwei weiteren war ein GSK-Berater beteiligt. 

Die Studie, die den grössten Effekt der Impfung fand, erachtet das «arznei-telegramm» als «unbrauchbar». Denn bei den Geimpften wurden dort im Mittel nur sieben Monate lang die Demenzdiagnosen erfasst, bei den Nicht-Geimpften aber 23 Monate lang – ein Pseudo-Vergleich zwischen Geimpften und Ungeimpften mit ungleichen Spiessen. 

«Die vielfach auch in Laienmedien publizierten positiven Befunde müssen mit grosser Vorsicht bewertet werden. Zahlreiche Fragen bleiben unbeantwortet», urteilte auch «Der Arzneimittelbrief». Die Ergebnisse seien «marginal», laut dem «arznei-telegramm» «allenfalls moderat», und könnten «auch aufgrund unbekannter, unerfasster oder nicht berücksichtigter Störfaktoren erzeugt werden».

Der Forscher sammelt Geld für eine beweiskräftige Studie

Noch ist also offen, ob (und wieso) ein Impfstoff gegen Gürtelrose einer Demenz vorbeugen könnte. Selbst ein massgebender Studienautor, der einen Zusammenhang vermutet, ist der Ansicht, dass seine vorläufigen Befunde mit einer aussagekräftigen Studie untermauert werden sollten und sammelt nun Geld dafür.

Claire-Anne Siegrist, die frühere Präsidentin der Schweizer Impfkommission, zitierte in ihrem Artikel 2008 eine Umfrage unter rund 1000 Erwachsenen in Kanada. Diese fand vier Monate nach den Anschlägen von 9/11 statt. Über 65 Prozent der Befragten waren damals bereit, sich gegen Anthrax impfen zulassen, über 50 Prozent hätten einer Pockenimpfung zugestimmt – «ungeachtet der Tatsache, dass ihr Expositionsrisiko gleich null war», klärte Siegrist auf. 

An die Adresse von impfskeptischen Menschen gerichtet schrieb sie: «Entscheidungen, die auf Angst beruhen, sind nicht immer klug.» […] Wir müssen uns jetzt von einer angstbasierten öffentlichen Wahrnehmung von Impfungen weg, hin zur Umsetzung evidenzbasierter Strategien […] bewegen.»

Doch das gilt genauso für diejenigen, die Impfungen promoten.

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Infosperber bat GSK um eine Stellungnahme, bisher ohne Reaktion. Sollte noch eine Antwort eintreffen, werden wir die Informationen hier ergänzen.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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