Die FDP skandalisiert eine SRF-Reportage über die Wohnungsnot
Das Schweizer Fernsehen strahlte am 22. Januar die 51-minütige Reportage «Wo-wo-Wohnungsnot – Das Zürcher Monopoly» aus und stellte sie anschliessend auf seine Internetseite. Mit Blick auf den Stadtzürcher Wahlsonntag vom 8. März und auf die im Juni folgenden «zwei rot-grünen Wohninitiativen» wittert die «Neue Zürcher Zeitung» einen politisch gewählten Termin von SRF: «Bemerkenswert ist schliesslich das Timing der Ausstrahlung.»
Breiten Raum gibt das Leibblatt des Zürcher Freisinns dem Zürcher FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger. Er lässt sich nicht zweimal bitten und nutzt diese Chance zur Skandalisierung gleich doppelt. Als Präsident der kantonalen FDP ist er im Wahlkampf-Modus. So geisselt er den Beitrag über die Wohnungskrise: «Die ganze Sendung gleicht einer Klassenkampf-Reportage».

Als Sympathisant der Halbierungsinitiative diktiert er der «NZZ» ins Blatt: «Der Beitrag hat die publizistischen Leitlinien grob verletzt. Das ist skandalös. SRF muss diese Dok-Reportage unverzüglich aus dem Online-Angebot löschen.» Für die «NZZ» ist der ehemaliger SRF-Chefredaktor Leutenegger prädestiniert, die Reportage zu beurteilen: «Er weiss bestens, wie solche Sendungen entstehen und welche Kriterien sie erfüllen müssen, bevor sie gesendet werden.»
Wer die Reportage gesehen hat, muss sich über Leuteneggers Urteil wundern. Die Dokumentarfilmerin hat sich mit dem Thema Wohnungsnot die ernste Sorge der Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Zürich vorgenommen und ging die Aufgabe journalistisch an.


Sie wählt nach dem Arbeitsprinzip pars pro toto zwei aktuelle Schauplätze aus: die geplante Letzigarten-Überbauung in Zürich-Altstetten und die Totalsanierung von drei Sugus-Häusern beim Zürcher Hauptbahnhof. Bei der Auswahl der Protagonistinnen und Protagonisten beweist sie eine glückliche Hand. Auf Seiten der betroffenen Bewohnerinnen und Bewohner bittet sie verbal beschlagene, jüngere und ältere Menschen vor die Kamera. Expats und Alteingesessene.


Auf Seiten des Immobilien-Unternehmers interviewt sie den Verwaltungsratspräsidenten der Halter Gruppe, Jost Balthasar Halter, genannt Balz Halter. Die Eigentümerin dreier Sugus-Häuser wollte vor der Kamera nicht Stellung nehmen.

Und weil die Wohnungsnot natürlich einen höchst politischen Kern hat, taucht Filmautorin mit ihrer Kamera auch in die Redeschlachten des Parlaments ein und bittet für den Vertreter der Hauseigentümer und den Vertreter der siedlungspolitisch profilierten Partei Alternative Liste zum Streitgespräch.

Für die Einordnung kommen ausführlich Experten der Immobilienbranche und der Forschung zu Wort. In diesem Setting entwickelt die Filmerin die zwingenden Themen: Marktmiete und Kostenmiete, Verdichtung und Leerkündigungen, Bodenpreise und Bodenrente, Drittelsziel und Belegungsvorschriften. Ihre Interviewfragen sind gegenüber allen Beteiligten gleichermassen direkt und kritisch. Journalistisch eben.


Jede und jeder darf sich ärgern. Auch ein Mitglied der Stadtzürcher Regierung. Besonders dann, wenn er als FDP-Stadtrat jahrelang im Regierungszimmer von Rot-Grün überstimmt wird. Filippo Leutenegger hatte es da vor Jahren als Chefredaktor des Schweizer Fernsehens entschieden besser. Da konnte er kraft seiner Funktion ziemlich direkt entscheiden, was dem Verfassungs- und dem Konzessionsgebot der Sachgerechtigkeit entspricht und was nicht. Wenn nicht, hiess die damalige Diktion in einem krassen Fall: «Das kommt in den Giftschrank», was gleichbedeutend war mit: Dieser Beitrag darf nicht mehr weiterverwendet werden.
Unterdessen hat sich der ehemalige Journalist über Jahre in eine neue Rolle eingelebt und kann als Politiker nach Gutdünken austeilen – Ausgewogenheit hin oder her. Er weiss, dass er einen Dokumentarfilm, der ihm nicht gefällt, nicht mehr im Giftschrank entsorgen kann. Aber er weiss auch, dass sich mit der SRF-Reportage gut Stimmung machen lässt – im Wahl- und Abstimmungskampf. Das unbequeme Thema Wohnungsnot verbannt er geschickt auf den Nebenschauplatz linke Fernsehmacher vom Leutschenbach. Und da winkt zusätzlich ein willkommener Kollateralschaden beim SRF in der Abstimmung über die Halbierungsinitiative.
Am 15. Februar hat die «NZZ am Sonntag» der Reportage einen weiteren Artikel hinterhergeschickt. Unter dem boulevardesken Print-Titel «Der gute Hai» widmete die «NZZaS» dem Verwaltungsratspräsidenten der Halter Gruppe, Balz Halter, ein äusserst wohlwollendes Porträt und legt seine Sicht dar. Halter ist enttäuscht, dass sein Überbauungsprojekt Letzigarten im Film «im gleichen Atemzug mit dem Skandal um die Sugus-Häuser beim Zürcher Hauptbahnhof genannt werde».

Der NZZaS-Autor eröffnet seinen Text mit der Bemerkung, der Reportagefilm habe den Zürcher Immobilienunternehmer Balz Halter «zum Gesicht der Wohnungsnot gemacht» und fährt fort: «Zu Unrecht. Er ist ein Musterbeispiel eines Unternehmers, der nicht nur an Profit denkt.» Jedenfalls war Halters Enttäuschung über Bauers Dokumentarfilms so gross, dass er dem Initiativkomitee der Halbierungsinitiative 100’000 Franken für den Abstimmungskampf überwiesen hat.
Der Dokumentarfilmerin ist im Lichte dieser Darstellung sicher nicht vorzuwerfen, dass sie – um beim Bild zu bleiben – bewusst einen «bösen Hai» ausgewählt hat für ihren Film. Sie interviewte den «guten Hai». Der NZZaS-Autor kommt denn auch zum Schluss: «Wer Abriss sagt, löst Emotionen aus. Wer höhere Gebäude fordert, stellt gewohnte Silhouetten infrage. Halter tut beides – mit der Gelassenheit eines Ingenieurs, der eine Aufgabe lösen will. Wenn man ihn denn machen lässt.»
Das wünscht sich auch Filippo Leutenegger: dass man ihn «machen lässt». Seine «Leidenschaft» sind Liegenschaften. Davon hat er sich schon einige im Laufe seines Lebens erworben. Verständlicherweise könnte er eine gewisse Angst verspüren, dass man ihn eines Tages nicht mehr frei «machen lässt».
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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