Aufgebauscht: Die «Attacke» des russischen Senders auf die SRG
«Russischer Staatssender mischt sich bei der SRG ein»: So lautete die fette Schlagzeile der gestrigen «Berner Zeitung». «Tages-Anzeiger» und «Basler Zeitung» formulierten etwas zurückhaltender: «Russischer Staatssender greift in Abstimmungskampf ein». Und die Online-Portale des Tamedia-Verlags schrieben, die Russen würden sich «in die Abstimmung zur Halbierungsinitiative einmischen».
Viele Schweizer Medien – darunter auch der «Blick» und «SRF» – haben den angeblichen Skandal übernommen. Den Wirbel verursacht hat ein Artikel, der bereits vor über zwei Wochen im Internet erschienen ist. Publiziert hat ihn die deutschsprachige Plattform des russischen Staatsmediums RT, das früher Russia Today hiess.
Ein Autor unter dem Pseudonym «Hans-Ueli Läppli» wirft dem Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) vor, es berichte «selektiv, moralisiert politische Themen und blendet unbequeme Fakten aus. Durch Framing, Weglassen und Gewichtung entsteht Meinungslenkung statt sachgerechter Information.» Und weiter: «Bestimmte Themen werden emotional aufgeladen, andere konsequent relativiert oder ganz ignoriert. Politische Akteure werden je nach ideologischer Nähe kritisch seziert oder wohlwollend begleitet.»
Zudem ist im Artikel der Screenshot einer SRF-Seite abgebildet, bei der oben der Slogan für die SRG-Halbierungsinitiative, «200 Franken sind genug», hineinmontiert ist.

Das nehmen die Schweizer Medien sehr ernst. Sie schreiben, das russische Staatsmedium RT DE greife SRF «frontal an» und werbe «mit gefälschtem Screenshot für die Halbierungsinitiative».
Die Tamedia-Zeitungen und Radio SRF lassen sogar einen Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands zu Wort kommen. Der St. Galler Experte Ulrich Schmid antwortet in einem Beitrag von Radio SRF auf die Frage, was für ein Interesse denn Russland an der SRG-Initiative habe: «Eine Schwächung der SRG weitet den medialen Raum für die Verbreitung von Propaganda-Narrativen.»
Grosse Angst vor kleinem Medium
Bisher war die Furcht vor russischer Propaganda vor allem in den EU-Ländern gross. Diese haben RT seit März 2022 im Internet gesperrt. Gerechtfertigt hat das die EU damit, dass die Bürgerinnen und Bürger nicht in der Lage seien, Informationen von Propaganda zu unterscheiden.
In den europäischen Nicht-EU-Ländern Schweiz und Norwegen ist RT weiterhin zugänglich. Die Regierungen vertrauten bisher darauf, dass das Publikum sehr wohl erkennen kann, woher die Informationen, die sie konsumieren, stammen.
Und sie vertrauten auch darauf, dass die SRG und ihr norwegisches Pendant Norsk Rikskringkasting (NRK) zusammen mit den privaten Medienunternehmen dieser Länder ihre Einwohnerinnen und Einwohner seriös genug informieren können, ohne dass Zensur geübt werden müsste.
Ausgerechnet vor der Abstimmung über die SRG-Halbierungsinitiative bröckelt nun aber dieses Selbstvertrauen. Die Schlagzeile, dass sich der russische Staatssender bei der SRG einmische, zeugt sogar von einer paranoiden Angst vor einer Infiltration der SRG mit russischer Propaganda.
Dass weder die deutsche Redaktion von RT noch Putin dergleichen im Sinn haben, zeigt sich im neusten Beitrag des Autors «Hans-Ueli Läppli». Den Titel könnten die Initiativgegner kaum besser formulieren: «Sparen am Journalismus kostet am Ende mehr: Eine halbe SRG ist eine halbe Schweiz.»
«Läppli» entpuppt sich plötzlich als flammender Befürworter der SRG. Er schreibt: Eine Halbierung der Mittel würde Angebot und Präsenz deutlich ausdünnen. Wer die Initiative ablehnt, setzt ein Zeichen für unabhängigen Journalismus, faire öffentliche Debatten und eine Schweiz, die sich selbst informiert.»
Auch den Lapsus mit dem manipulierten Screenshot begeht RT DE kein zweites Mal. Das Bild im zweiten Artikel ist als Collage bezeichnet.

Und am Schluss formuliert Autor «Läppli» sogar eine Abstimmungsempfehlung: «Die Schweiz spart gern. Aber vielleicht sollte sie ausgerechnet dort nicht sparen, wo sie sich selbst erklärt.» Möglicherweise hat ihm das ja Putin diktiert.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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