Kommentar
Gesundheit kontra Lobbyarbeit
Die Börse ist ein Buch mit sieben Siegeln, jedenfalls für den Laien. Für Eingeweihte ist sie aber auch unberechenbar und kann alles Mögliche auslösen: Höhenflüge und Abstürze. Keiner weiss heute, was morgen sein wird. Das liegt daran, dass der gemeine Aktionär nicht weiss, welche Entscheidungen in den Vorstandsetagen von börsennotierten Unternehmen getroffen werden und was diese Entscheidungen für Folgen haben. Das wissen die Entscheider häufig selbst nicht.
Eine solche Unklarheit bestand beispielsweise nach der Übernahme des US-amerikanischen Monsanto-Konzerns durch die deutsche Bayer im Jahr 2018. Die Fachwelt war sprachlos, dass ein so erfolgreicher Konzern wie Bayer einen so umstrittenen Konzern wie Monsanto übernahm.
Sehr seltsam
Monsanto war mit einem Umsatz von mehr als 14 Milliarden Dollar und mehr als 23’000 Mitarbeiter:innen in 61 Ländern tätig, war somit einer der grössten Produzenten von Saatgut und Pflanzenschutzmitteln weltweit. Bayer zahlte den gigantischen Kaufpreis von 66 Milliarden Dollar, womit die grösste Übernahme durch einen deutschen Konzern im Ausland geschehen war. Bayer strich den Namen Monsanto allerdings umgehend aus dem Firmennamen – sehr seltsam.
Abermals sehr seltsam
An der Börse brach die Bayer-Aktie um 40 Prozent ein, obwohl Bayer durch die Übernahme von Monsanto zur weltweiten Nummer eins im Agrarchemie-Geschäft geworden war. Auch sehr seltsam. Auf der nächsten Aktionärs-Hauptversammlung im Jahr 2019 versagten die Aktionär:innen dem Konzern vorstand die Entlastung – so etwas hatte es in der Geschichte des Deutschen Aktienindexes überhaupt noch nie gegeben. Abermals sehr seltsam.
Das «Krebs-Rundumpaket»
Des Rätsels Lösung: Mit der Übernahme von Monsanto übernahm Bayer auch deren Pflanzenschutzmittel Glyphosat, in den USA unter dem Namen Roundup bekannt. Damit übernahm Bayer aber auch gleichzeitig Abertausende von Schadensersatz-Prozessen, denn Glyphosat stand im Verdacht, krebserregend zu sein. In den USA hat Bayer daher bislang eine Entschädigungssumme von 13 Milliarden US-Dollar an Krebspatient:innen zahlen müssen, die einen langen und intensiven Kontakt mit Glyphosat nachweisen konnten.

Die deutsche «Tageszeitung» erlaubte sich am 24. Oktober 2018 auf ihrer Titelseite sogar den derben Scherz, Glyphosat («macht Krebs») mit dem Medikament Aliqopa von Bayer («heilt Krebs») in einem Atemzug als «Krebs-Rundumpaket» zu bezeichnen. Auch Infosperber berichtete damals darüber.
Gesundheit spielt keine grosse Rolle mehr
Bayer hat in meinem ärztlichen Leben eine erhebliche Rolle gespielt. Von Bayer stammen so bekannte Medikamente wie Aspirin, Bepanthen, Adalat, Canesten, Diane, Glucobay, Xarelto oder Talcid. Die Synthese von Acetylsalizylsäure im Jahr 1897 war eine herausragende Leistung von Bayer beziehungsweise dessen Chemiker Felix Hoffmann*.
Aber Gesundheit und Medikamente spielen bei Bayer längst nicht mehr eine so grosse Rolle. Ein multinationaler Konzern mit vielen unterschiedlichen Produktionszweigen ist daraus geworden, ein Global Player. Und nachdem der Supreme Court der USA es bereits zwei Mal abgelehnt hatte, sich mit dem Fall Glyphosat zu befassen, hat er jüngst im dritten Anlauf anders entschieden.
Krebs-Hinweis verschwindet
Wiese die Kehrtwende? Ein neuer, von Donald Trump eingesetzter Generalbundesanwalt hatte das beantragt, und Bayer hat den Republikanern immerhin eine Spende in Höhe von 122’000 Dollar zukommen lassen. Daher wird der Hinweis auf Krebsgefahr demnächst von den Warnhinweisen auf den Glyphosat-Verpackungen verschwunden sein.
Auf einmal lag der Aktienkurs von Bayer mehr als 12 Prozent im Plus. Im Wirtschaftsteil der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» stand darüber zu lesen: «An der Börse löst das einen regelrechten Kaufrausch aus. Der Fall zeigt auch die Wirkung von politischem Lobbying.» Mit Gesundheit hat das alles schon lange nichts mehr zu tun. Es ist nur ein weiteres Argument dafür, dass die Pharmaindustrie als Teil der Daseinsvorsorge verstaatlicht werden muss.
* Diese Fussnote ging an die Abonnenten von Bernd Hontschiks Rundmail: «In meinem Artikel habe ich auch Aspirin erwähnt, was zum Aufstieg von Bayer sehr wesentlich beigetragen hat, und mit dem Chemiker Felix Hoffmann den Erfinder bezeichnet. Diese Version wird von Bayer verbreitet. Möglicherweise ist aber Artur Eichengrün (1867 bis 1949) der wahre Erfinder des Aspirins. Er war auch bei Bayer tätig. Da er aber Jude war, wurde sein erfinderischer Anteil später und bis heute von Bayer stets in Abrede gestellt. Eichengrün wurde mehrfach verhaftet, zuletzt nach Theresienstadt ins KZ deportiert, wo er das Ende des Krieges erlebte. Er starb 1949 in Bad Wiessee.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Dieser Kommentar des Arztes und Autors Bernd Hontschik erschien zuerst in der Frankfurter Rundschau.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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