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88 Jahre alt und kaum müde: Seymour Hersh in seinem Büro. © Netflix

Am Puls des Wachhunds

Pascal Sigg /  Eine sehenswerte Doku zeigt den couragierten Journalisten Seymour Hersh ungeschönt. Und hilft, Trumps USA zu verstehen.

Der US-Journalist Seymour Hersh gilt als Held der Nonkonformisten. Weshalb zeigt die seit wenigen Wochen laufende Netflix-Doku «Cover-Up». Verantwortlich für den Film zeichnet die US-Regisseurin Laura Poitras. Sie erhielt für die Edward-Snowden-Doku «Citizenfour» (2014) einen Oscar und widmete sich mit «Risk» (2016) Wikileaks-Gründer Julian Assange.

In ihrem neusten Werk, das unlängst ebenfalls auf die Oscar-Shortlist gesetzt wurde, widmet sich Poitras dem heute 88-jährigen Investigativjournalisten Hersh. Mit Zusammenschnitten faszinierender Archiv-Aufnahmen erzählt sie aber nicht nur Leben und Karriere des bekannten Reporters.

Poitras verfolgt auch eine häufig ausgeblendete Geschichte, welche die gegenwärtigen imperialen Gelüste der USA unter Trump, die Unterdrückung politischer Gegner oder die Unterstützung israelischer Kriegsverbrecher als Konsequenzen vergangener Straflosigkeit erklären kann.

20 Jahre bis zum Film

Dafür braucht es einen langen Atem. Poitras fragte Hersh bereits 2004 an, ob er sich für einen Dokumentarfilm begleiten lassen würde. Damals, zu Beginn des zweiten Irakkriegs, war er die lauteste der sehr wenig kritischen Stimmen, welche das Vorgehen der Bush-Regierung nach 9/11 hinterfragten. Poitras reiste damals in den Irak, fassungslos darüber, wie obrigkeitshörig die grossen US-Massenmedien über die Kriegsvorbereitungen berichteten. Im Irak drehte Poitras den Film «My Country, My Country» (2006). Nach ihrer Rückkehr in die USA nahm sie Kontakt mit Hersh auf, doch dieser lehnte ab. 20 Jahre später sagte er doch zu.

Laura Poitras‘ Dokumentarfilm «My Country, My Country» (2006) in voller Länge auf (Youtube)

«Wir waren von Beginn weg interessiert an Hershs Recherchen», sagte Poitras Anfang Dezember in einem Interview. «Aber auch an den Mustern, die wir über ein halbes Jahrhundert sehen konnten, den Gräueltaten, den Vertuschungen, der Straflosigkeit und der Rolle des investigativen Journalismus beim Durchbrechen dieses Teufelskreises.»

Hersh: Investigativjournalist als Historiker

Der Film zeigt Hersh denn auch als stellvertretend für einen kritischen, couragierten Investigativjournalismus in den USA, hochrelevant für die Öffentlichkeit und gleichzeitig aufgrund seiner Sonderfunktion immer in der Rolle eines Aussenseiters. So sagt Hersh im Film: «Es gibt eine Geschichte der USA, die sehr schwer zu schreiben ist». Er meint damit die Geschichte des Imperiums, das verdeckt operiert und deshalb kaum öffentliche Rechenschaft für seine Taten ablegen muss – obschon es schreckliche Verbrechen begeht.

Der Film legt nahe, dass das unkritische Verhältnis zur Regierung zu grossen Teilen an einer Art Selbstzensur vieler US-Medien liegt. Denn Hersh sticht heraus, indem er gerade tut, was andere nicht tun: Nachhaken und sich nicht mit Phrasen begnügen.

Poitras’ Geschichte beginnt mit Hershs Vater, einem litauischen Juden, der 1921 per Schiff aus Hamburg nach Boston flüchtete und in den USA eine polnische Jüdin heiratete, die gemäss Hersh selber wie gedruckt log. Im bildungsfernen Haushalt lernte der clevere Hersh dank eifriger Buchlektüren die Welt und eine bestimmte Art des Denkens kennen. Später gelangte er über Umwege an die Uni Chicago, wo er ein Geschichtsstudium erfolgreich abschloss. Seine Karriere begann er bei der Chicagoer Lokalzeitung «City News». Zuerst als Zeitungsverkäufer, dann als Polizei-Reporter. Dieser Berufseinstieg im hochmafiösen Chicago der 1960er-Jahre machte ihn besonders scharfsinnig.

Später gelangte er zur Nachrichtenagentur Associated Press, wo er als Pentagon-Korrespondent eigensinnig recherchierte. Erste Gräueltaten der US-Armee in Vietnam, bekannt als My-Lai-Massaker, deckte er kurz darauf als freischaffender Reporter auf. Weil grosse Medien seine explosive Recherche nicht publizieren wollte, veröffentlichte er sie mit Hilfe einer kleinen Agentur auf den Frontseiten unzähliger regionaler Tageszeitungen. Von da an war Hersh am Puls der Geheimnisse der US-Regierung: Watergate-Skandal, Abu-Ghraib-Folter, Bin-Laden-Ermordung.

Hersh wollte aussteigen

Mit seinem kompromisslosen Eifer eckte Hersh immer wieder an. So verliess er die New York Times, weil eine Recherche über grosse US-Konzerne intern blockiert wurde. Der Film zeigt auch, dass Hersh das Filmprojekt abbrechen wollte, weil er Angst um einige seiner Quellen hatte, deren Namen das Filmteam im Rahmen seiner Recherchen in Archivmaterial fand. «Die Anspannung war definitiv hoch», sagte Poitras dazu. «Er ist jemand, der sagt, was er im Moment gerade denkt. Das ist grossartig für uns Filmemachenden.» Ein langes Gespräch des Produzenten Mark Obenhaus habe Hersh dann aber dazu bewogen, auf seine Entscheidung zurückzukommen.

Interessanter ist die Anspannung im Film aber da, wo Hershs Heldenstatus ins Wanken kommt, weil Poitras den Spiess umdreht. Dazu zerrt sie Hersh hinter dem Quellenschutz, der im Journalismus seinerseits zwecks Vertuschung vorgeschoben werden könnte, hervor. Hersh publiziert auch heute noch Recherchen, die für Aufsehen sorgen. Doch dass er sich bei einem Artikel über die Sprengung der Nordstream-Pipeline auf bloss eine Quelle stützte, sorgte für einiges Kopfschütteln. Was, wenn diese Quelle nicht die Wahrheit sagte? Hersh findet lapidar, dann habe er eben 20 Jahre lang dem Falschen vertraut.

Hersh gibt zu: Er war zu unkritisch

Souverän reagiert er hingegen, als Poitras ihn auf die vehemente, gut belegte Kritik an seiner Verteidigung der Gräueltaten des syrischen Ex-Diktator Bashar al-Assad anspricht. Hersh findet im Film: «Ich traf ihn ein paarmal und glaubte nicht, dass er in der Lage war zu tun, was er tat.» Dies sei ein perfektes Beispiel dafür, der Macht zu nahe gekommen zu sein. «Nennen wir es falsch, sehr falsch. Ich war nicht perfekt.»


Podiumsgespräch mit Hersh und Poitras am New York Film Festival im Herbst 2025.

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Pascal Sigg

Pascal Sigg ist Redaktor beim Infosperber und freier Reporter.

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