Kommentar

Der Mensch lebt nicht vom Käs allein

Nika Parkhomovskaia, Inna Rozova © zvg

Nika Parkhomovskaia / Inna Rozova /  Zwei Frauen aus Russland, die es in die Schweiz verschlagen hat, wundern sich über unsere Küche und ein wildes Gerücht im Internet.

Wer in diesem Land ankommt und sich in einer Schweizer Gemeinde niederlassen will, wird damit erschreckt, dass es praktisch unmöglich ist, den Einbürgerungstest zu bestehen, weil darin schwierige Fragen zur Schweizer Küche gestellt werden – zum Beispiel, woher Raclette stammt und was Capuns sind. Vielleicht bekommt man ja während der ersten zehn Jahre in der Schweiz die Chance, die Feinheiten der nationalen Speisenvielfalt kennenzulernen, aber ein Neuankömmling weiss nicht nur nicht, was Capuns sind, sondern hat oft auch keine Ahnung von Raclette.

Alltag und Festtage

Um realistisch zu sein, muss man sagen: Auch wenn einzelne Schweizer Produkte wie Käse und Schokolade weltweit beliebt und anerkannt sind, ist die Schweizer Küche insgesamt im Ausland nicht besonders bekannt. Das einzige Gericht, das man fast auf der ganzen Welt mit dem Alpenland verbindet, ist wohl das Fondue. Aber trotz unseres Interesses an Gastronomie haben wir es vor unserer Reise in die Schweiz nur wenige Male gegessen. Das liegt nicht nur daran, dass Fondue ausserhalb der Schweiz selten zu finden ist, sondern auch daran, dass man es immer für mehrere Personen bestellen oder zubereiten muss. Natürlich gibt es noch Cordon bleu, das aber nicht als Schweizer Gericht wahrgenommen wird, weil die Franzosen es als «ihre» Kreation betrachten und alle anderen (ausser die Schweizer natürlich) davon überzeugt haben.

Hier vor Ort lernt man dann schnell, dass es mindestens drei berühmte Schweizer Gerichte gibt: Neben Fondue sind das eben Raclette und: Rösti! Diese findet man in fast jedem Restaurant, das sich als echt schweizerisch versteht, und sie wird einem auch von Freunden und Bekannten angeboten. Erst als wir auf unseren Reisen durchs Land ein wenig erfahrener wurden, bemerkten wir, dass es darüber hinaus eine Vielzahl regionaler Gerichte gibt. Viele davon konnten wir zwar noch nicht probieren – es ist nämlich nicht ganz einfach, Restaurants zu finden, die sie anbieten, oder Freunde zu haben, die sie zubereiten können. Was uns jedenfalls sehr überrascht hat, war die grosse Auswahl an Brotsorten und Backwaren, die man nicht nur in Bäckereien und Konditoreien, sondern auch in jedem Supermarkt finden kann. 

Es scheint, als gäbe es zwei Seiten der Schweizer Küche und des Landes insgesamt – die alltägliche und die festliche: einerseits einfache, üppige und nicht immer abwechslungsreiche Mahlzeiten an Wochentagen und andererseits Bündner Nusstorte oder Zuger Kirschtorte zum Schwelgen am Wochenende. Die Desserts in der Schweiz sind erwartungsgemäss und genauso wie die übrigen Speisen sehr nahrhaft – und wurden nicht eben von Diätköchen kreiert.

Patrioten und Skeptiker

Nach unseren Beobachtungen lassen sich die Schweizer in ihrem Kochverhalten in zwei Kategorien einteilen: Patrioten und Skeptiker. Patrioten bereiten gerne Fondue oder Raclette zu, vielleicht auch Bündner Gerstensuppe und zum Dessert Vermicelles, und sie laden dann alle Bekannten dazu ein. Sie sind der Überzeugung, dass durch gemeinsames Essen die freundschaftlichen, familiären und politischen Bindungen, die das Land zusammenhalten, gestärkt werden. Auf uns wirkt das im privaten Bereich sehr sympathisch: Unsere Nachbarn veranstalten beispielsweise regelmässig Familienessen im Garten, die verschiedene Generationen zusammenbringen, welche sonst weit voneinander entfernt leben. 

Das Hobby des gemeinsamen Essens hat jedoch auch eine Kehrseite: Die überdimensionierte Wichtigkeit des Essens. An öffentlichen Ereignissen, an Jahrmärkten oder an Sommerfesten ist das zu erfahren. So hörten wir am Festival «Afro-Pfingsten» in Winterthur nur wenig Musik und sahen nur wenige Bücher, dafür aber gab es eine riesige Menge unterschiedlichster Speisen. Ähnliches begegnete uns am Stadtfest in Solothurn: ein bisschen Musik (die dafür dann sehr laut) und dazu endloses Fastfood. Es scheint, als würde das Essen hier oft vieles anderes ersetzen und wäre nicht nur Anlass für Gespräche, sondern der Hauptinhalt der Freizeit. Möglicherweise liegt das daran, dass es in der Schweiz im Alltag nicht so viel relativ günstiges Streetfood gibt und die Leute sich dann darauf stürzen, sobald sie es finden.

Kritiker der Schweizer Koch- und Esskultur wundern sich immer wieder, wie man mit Produkten von so hoher Qualität so langweilige, eintönige und nicht besonders gesunde Gerichte zubereiten kann. Ausserdem behaupten sie, dass das Essen in Schweizer Restaurants oft zu salzig sei und viele Köche sehr konservativ seien. Konservatismus werfen sie ihren Landsleuten auch vor, weil sie im Ausland mit Vorliebe Schnitzel bestellen und sich im eigenen Land nicht sonderlich für die ethnische Vielfalt an Speisen interessieren, die ihnen das Einwanderungsland Schweiz offerieren könnte.

Isst man nun wirklich Katzen und Hunde?

Wir können den Kritikern weder zustimmen noch widersprechen, da wir angesichts der Preise nicht oft genug in Schweizer Restaurants essen. Aber wir können mit voller Überzeugung feststellen, dass es eine echte Herausforderung ist, in der Schweiz guten Kaffee zu finden, obwohl er hier ausserordentlich oft konsumiert wird. Vielleicht ist das Geschmackssache, aber in Basel gibt es nur einen einzigen Ort, an dem uns der Kaffee schmeckt. Normalerweise mögen wir den Geschmack nicht oder bekommen Sodbrennen. Und noch etwas: Anders als in Frankreich, wo der Kaffee in normalen Cafés und Brasserien auch nicht besonders gut ist, gibt es in der Schweiz nur sehr wenige Cafés mit eigenen, professionellen Röstereien und Baristi.

Möglicherweise ist die Einstellung der Schweizer zu Essen und Trinken durch ihre praktische Veranlagung und ihren Konservativismus bedingt: Für sie ist es wichtiger, dass das Essen vertraut und sättigend ist, als dass es originell und raffiniert ist. Der Sinn fürs Praktische erklärt vielleicht auch, warum man in der Schweiz zum Abendessen eher in ein Restaurant als nach Hause eingeladen wird. Einige unserer Schweizer Bekannten ersparen sich offenbar gerne den Aufwand, selbst zu kochen, und laden zum Auswärtsessen.

Das ist auch gut so: Man weiss ja sonst vorher nicht, was es zu essen gibt – oder? Was, wenn gebratenes Katzenfleisch serviert wird? Das ist ein schlechter Scherz. Aber im Internet[1] hat sich die Behauptung, dass die Schweizer Katzen essen, schnell und weit verbreitet. Es gibt viele Erklärungen dafür, wann diese Schreckensmeldung entstanden sein könnte: vielleicht in den Nachkriegs-Hungerzeiten? Oder als «Zeitungs-Ente» von sowjetischen Medien, die Armut in der Schweiz anprangern wollten? Oder als Missbrauch historischer Berichte über Notzeiten in der Schweiz? Wie auch immer, man hofft doch, dass heutzutage und hierzulande niemand mehr Hunde oder Katzen isst. 


[1]https://www.santevet.be/fr/articles/la-consommation-de-chien-et-chat-se-pratique-en-suisse


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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