Arte Homo Plasticus Teebeutel Mikroplastik

Ein Kunststoff-Teebeutel setzt in heissem Wasser mehrere Milliarden Mikropartikel frei. © arte

Wie wir uns mit Plastik langsam selbst umbringen

Daniela Gschweng /  Mikroplastik ist weit schädlicher als bisher gedacht, bestätigt die aktuelle Forschung.

Plastik ist längst kein Abfallproblem mehr. Es ist im Körper angekommen. In der Lunge, im Darm, in der Plazenta. Die «Arte»-Dokumentation «Homo plasticus» zeigt die Arbeit Forschender in ganz Europa. Sie untersuchen, was Mikro- und Nanoplastik für die menschliche Gesundheit bedeuten.

Mikroplastik ist wirklich überall, bestätigen sie – im Obst und Gemüse vom Markt, im Darm, in Babyflaschen, in der Lunge. Mikroplastik könnte Lungenkrankheiten verschlimmern, beschreiben sie, Fresszellen zum Dauerfeuer bringen und DNA beschädigen. Ihr Fazit: Auch wenn noch vieles unklar ist – Plastik ist zweifellos ein Problem für die menschliche Gesundheit, und es gibt kaum Möglichkeiten, ihm zu entkommen.

Vom Mini-Projekt zur globalen Wissensfrage

Die wissenschaftliche Reise geht denselben Weg wie die Mikropartikel: Von der Umwelt ins Innere des Körpers. Der Rundgang beginnt unspektakulär in Wien. Der Gastroenterologe Philipp Schwabl liess sich 2018 von acht Freunden und Kollegen aus aller Welt Stuhlproben zuschicken. Kein Grosslabor, kein Millionenbudget – nur die Frage nach Plastik im menschlichen Darm.

Schwabl war der erste, der Mikroplastik im Körper nachwies. Seine 2018 veröffentlichte Studie sorgte für einiges Aufsehen. Heute ist seine Forschung Allgemeinwissen: Jeder isst Plastik – durchschnittlich 5 Gramm pro Tag. Diese Zahl wird zwar gelegentlich angezweifelt und ist in verschiedenen Weltgegenden unterschiedlich hoch, grundsätzliche Zweifel daran gibt es nicht.

Am meisten Mikroplastik fand sich in Äpfeln

Gelegentlich wird die Dokumentation des aktuellen Wissens fast schon absurd. Etwa, wenn Arte zeigt, wie ein Wissenschaftler in Barcelona in langwieriger Kleinarbeit PET-Nanoplastikpulver für seine Forschung produziert. Das Ergebnis: Wenige Gramm winzige Teilchen, die sich millionenfach in der Umwelt finden.

In Catania zählt ein Forschungsteam um Margherita Ferrante einzelne Mikroplastikteilchen in Obst und Gemüse. Auch diese Arbeit ist mühsam, die Vorsicht extrem: Spezialhandschuhe, extrareines Wasser, kein Plastiklabormaterial. Denn was untersucht wird, ist überall. Das Ergebnis ist erschütternd. Sogar mit Ware, die frisch vom Markt komme, nehme man eine «beträchtliche Menge Plastikpartikel auf», sagt Ferrante. Besonders hoch ist die Belastung in Äpfeln: bis zu 195’000 Partikel pro Gramm. Selbst Salat enthält zehntausende.

Schon die Kleinsten nehmen regelmässig einen Schluck

Woher das Plastik stammt, ist bekannt: Reifenabrieb, Farben, Textilien, Möbel, Schüsseln, Teppiche und so weiter. Jeder Plastikgegenstand gibt ständig winzige Partikel ab. Die Partikel gelangen in Luft und Wasser – und so auch in Lebensmittel.

Dass selbst Neugeborene exponiert sind, zeigt ein weiteres Experiment: Umweltchemikerin Fabienne Lagarde erforscht, wie Plastik altert. Je stärker die mechanische Beanspruchung, je wässriger und je heisser die Umgebung, desto mehr Substanz gibt es ab. Ein Kunststoff-Teebeutel setzt in heissem Wasser 11 Milliarden Mikropartikel ab. Babyflaschen aus Polypropylen geben bei 20 Grad etwa 600’000 Plastikpartikel pro Liter frei, bei 95 Grad sind es 55 Millionen pro Liter. Schütteln verstärkt den Effekt.

Plastik stört das Darmmikrobiom

Im Darm bleibt das nicht folgenlos. In Clermont-Ferrand untersucht Lucie Etienne-Mesmin den Einfluss von Plastik auf das Mikrobiom. Mikroplastik verändert die Zusammensetzung der Darmflora, hat sie herausgefunden. Es fördert potenziell krankmachende Bakterien, die sich bei höherer Plastikbelastung vermehrt finden. Die Darmbewohner geben dann Stoffe ab, die als Marker für Krankheiten gelten. Bei Menschen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen finde sich mehr Mikroplastik als bei Gesunden, sagt Etienne-Mesmin.

Auch die Lunge reagiert empfindlich. Der spanische Pulmologe Carlos Baeza entdeckte Mikroplastik tief in der Lunge seiner Patienten. Zwei von drei Proben sind positiv. Die Parallelen zu Asbest seien beunruhigend, sagt er. Die Fasern seien etwa gleich gross und fänden sich in den gleichen Bereichen der Lunge. Höhere Mikroplastikkonzentrationen gingen mit schlechterer Atemfunktion einher. Mikroplastik sei wohl kein alleiniger Krankheitsauslöser, vermutet er. Aber es verstärke womöglich bestehende Risiken.

Fresszellen im Daueralarm

Auf der letzten Station der Reise wird es mikroskopisch klein. Nanoplastik sei kleiner als kleinste Körperzellen, erklärt Alba Hernández, Leiterin des Instituts für Genetik an der Autonomen Universität von Barcelona.

Ihr Team füttert Körperzellen mit eigens hergestellten Nanoplastikpartikeln. Auf einem Bildschirm machen die Forschenden sichtbar, wie sich die Partikel im Inneren der Zellen ansammeln – viele farbige Punkte, die dort nicht hingehören. «Kaum vorstellbar, dass das keinen Einfluss auf die Zelle hat», erklärt Hernández.

Die Fresszellen reagieren auf winzige Plastikteilchen wie auf Krankheitserreger, zeigen ihre Forschungen. Im Test «fressen» sie Polystyrolpartikel und versuchen, sie durch oxidativen Stress zu zerstören – so, wie sie es auch mit anderen «Störenfrieden» machen. Was einen Krankheitserreger normalerweise auflöst, kann Plastik jedoch nichts anhaben.

Die Zelle startet eine Art Dauerfeuer mit Wasserstoffperoxid. Dabei nimmt sie ständig weiteres Plastik auf. Das Peroxid, das nichts bewirkt, läuft über und gelangt ins Gewebe. Peroxide sind giftig für andere Zellen und werden unter anderem mit Alterungsprozessen in Verbindung gebracht. Oxidativer Stress kann unter anderem chronische Entzündungen auslösen.

Beunruhigende Parallelen zu Asbest

Es stelle sich die Frage, ob die chronische Plastikexposition dem Körper schade wie Asbest, sagt der Immunologe Thierry Rabilloud. Immunzellen reagierten auf Asbestfasern ähnlich. Wie Carlos Baeza zieht auch er Parallelen zu einem nachweislich schädlichen Stoff, den der Körper nicht zerstören kann. Hernández zeigt mit ihren Analyseergebnissen, dass die Zell-DNA, also die Erbsubstanz der Zelle, durch die Überreaktion beschädigt wird.

«PET ist ein potenziell krebserregender Stoff.»

Alba Hernández, Leiterin des Instituts für Genetik an der Autonomen Universität von Barcelona

Das könnte bedeuten, dass Nanoplastik Mutationen verursacht und so unter Umständen Krebs auslöst. Hernández zeigt, wie sie nachgewiesen hat, dass plastikgeschädigte Zellen Eigenschaften annehmen können, die sonst nur Krebszellen haben. Sie werden invasiv und wandern durch Gewebe. Die Wissenschaftlerin zieht eine drastische Schlussfolgerung: PET sei potenziell krebserregend.

Bestätigt ist auch: Nanoplastik überwindet die Blut-Hirn- und die Blut-Plazenta-Schranke. Der erste, der dies belegte, war der Geburtshelfer Antonio Ragusa. Er analysierte auf der Geburtsstation in Bologna Plazenten und fand darin Polypropylen (PP). Sein Blick auf Plastik habe sich seither sehr verändert, sagt der Wissenschaftler zu Arte. Von einer fantastischen Erfindung sei Plastik zu etwas Schrecklichem geworden – präsent vom Beginn bis zum Ende des Lebens.

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