Höhlenforschung

Ein Seitengang des neu entdeckten, riesigen Höhlenschachts im Karstsystem rund um das Silberen-Massiv im schwyzerischen Muotatal © Simon Ziegler

Es winkt die Chance, zwei der grössten Höhlen zu verbinden

Thomas Kesselring /  Vor Kurzem kam es in den Karrenfeldern rund um das Muotataler Silberenmassiv zu einer bedeutenden Entdeckung, die träumen lässt.

Höhlenforscher träumen immer davon, Höhlen, die einander nahekommen, miteinander zu verbinden. Zum Beispiel das Hölloch unter dem Bödmeren-Urwald, im Kanton Schwyz, und das höher gelegene Silberen-System. Das Hölloch ist ein Ganglabyrinth mit 212 Kilometern Gesamtlänge und einem internen Höhenunterschied von 1033 Metern. Keine andere Höhle Europas ist zugleich so tief und so lang. Das Silberen-System ist eines mit 39 Kilometern Länge und einem Höhenunterschied von 895 Metern. Seitlich versetzt liegt in enger Nachbarschaft noch ein drittes System – das «Muschelloch» (25,6 Kilometer lang und 468 Meter tief). Alle drei Höhlen sind Teil desselben unterirdischen Abfluss-Systems.

Zwischen Hölloch und Silberensystem liegt aber dort, wo sie sich am nächsten kommen, eine gewaltige, zwischen dem Silberensystem und dem Muschelloch eine kleinere, Einsturzzone. Eine begehbare Verbindung würde voraussetzen, dass sich die Einsturzzonen umgehen lassen.

Wildloch Winter
Die Einstiegsöffnung des «Wildlochs» im Winter

Vor kurzem ist genau in der Mitte zwischen Hölloch und Silberensystem ein neue Höhle mit grossen, luftdurchwehten Gängen entdeckt worden  Damit tritt nun eine Verbindung ausserhalb der Einsturzzone in den Bereich des Möglichen.

Höhlenforschung
Durch enge Kamine geht es im «Wildloch» in die Tiefe.

Diese Entdeckung hat eine lange Vorgeschichte:  Vor dreizehn Jahren fiel Höhlenforschern im Schnee ein grosses Blasloch auf, das eine Höhle verrät. Im folgenden Sommer stiegen sie dort durch einen mäandrierenden Steilgang bis auf eine unpassierbare Kluft hinab – ins sogenannte «Wildloch». Jahrelang gruben sie hier Schicht um Schicht tiefer und deponierten den Gesteinsschutt in Gangerweiterungen. Am 17. Oktober 25 zahlte sich die Fleissarbeit aus: Die horizontalen Gänge, die nun zugänglich wurden, liegen ziemlich genau im Zentrum der «weissen Zone» zwischen dem Hölloch und dem Silberensystem.

Der Bergführer und Höhlenforscher Thomas Schilter, kommentiert dieses Ereignis:

«Nachdem wir am Schachtgrund Geröll aus dem Zugang eines niedrigen Durchschlupfs entfernt hatten, gelangten wir kriechend in einen etwas geräumigeren Schacht. Nachdem wir diesen und einen direkt nachfolgenden Schacht mit Seilen eingerichtet hatten, konnten wir durch einen teilweise sehr engen Gang in einen geräumigeren Ellipsengang vordringen – einen ziemlich schlammigen zwar, der aber mit schönem Tropfsteinschmuck verziert ist. Trotz der ausgeglichenen Aussentemperatur (ca. 4 Grad Celsius) war ein spürbarer Luftzug vorhanden. Bald hörten wir ein leises Plätschern: Ein kleiner Bach stürzt im Gang über eine Stufe.

Höhlenforschung
Versteinerter Bach aus Sinter im «Wildloch» mit rötlich-gelbem Stalagmit-Stummel – Tropfsteinfiguren – entdeckt am 17. Oktober 2025 im Muotatal.

Wir beschlossen, die Vermessung bis dorthin fortzusetzen. Aus Neugier erkundeten wir den Gang noch ein paar Meter weiter und gelangten überraschend in einen grossen «Tunnel»: vier bis sechs Meter breit und acht Meter hoch. Ein wahrer Jackpot! Wir könnten tatsächlich auf das Bindeglied zwischen dem Silberensystem und dem Hölloch gestossen sein. Der Gang verläuft augenscheinlich genau auf das Silberensystem zu – ein vielversprechender Hinweis auf eine mögliche Verbindung. Wie sich die möglichen Gangverläufe Richtung Hölloch gestalten, können wir momentan noch nicht abschätzen, aber ein Spaziergang wird es sicher nicht.»

Im zweitgrössten Höhlengebiet der Schweiz – Hohgant-Sieben Hengste-Beatenberg – liegen ebenfalls zwei grosse Höhlensysteme nahe beieinander: das Réseau Sieben Hengste, aus mehreren miteinander verlinkten Höhlen bestehend (171 Kilometer Ganglänge, Gesamttiefe 1340 Meter), und der Bärenschacht (mit 87 Kilometern Länge bei einer Tiefe von 958 Metern). Auch hier gehören die Höhlen zum gleichen unterirdischen Entwässerungssystem. Es mündet als Höhlenfluss unter dem Seespiegel in den Thunersee. Der Verbindung der beiden Höhlen steht nicht eine Versturzzone im Weg, sondern ein langer Siphon, der durchtaucht werden müsste, 900 Meter tief unter dem Höhleneingang.

Im Kanton Schwyz wie im Kanton Bern würde ein Zusammenschluss der benachbarten Höhlen zu einem Gesamtsystem von je gegen 260 Kilometern Gesamtlänge führen. Die Gesamttiefe wäre mit 1500 Metern in beiden Fällen ebenfalls ähnlich. Diese Dimensionen wären weltweit einzigartig.

Es ist nicht so, dass die Forschungen im Muotatal und diejenigen im Berner Oberland in Konkurrenz zueinander stünden – die Gruppen arbeiten ohnehin oft zusammen. Im Augenblick sind einfach die Chancen einer Verbindung zweier Grosshöhlen im Muotatal gestiegen.

Worin liegt der Sinn, benachbarte Höhlen miteinander zu verbinden?

Es gibt dazu verschiedene Motive: Durch eine Verbindung zweier Höhlen erhöht sich die Exaktheit der Kartographie. Ein neuer Zugang verkürzt oft den Weg in einen entfernten Höhlenteil. Für einen allfälligen Rettungseinsatz ist das ein Vorteil. Und oft versteht man dadurch auch die aufeinander folgenden Entstehungsphasen einer Höhle und der sie umgebenden Landschaft besser.

Vergleicht man Wissenschaft und Höhlenforschung, so zeigt sich noch ein weiteres mögliches Motiv: In der Wissenschaftsgeschichte sind schon mehrfach ursprünglich getrennte Erkenntnisbereiche zusammengeschlossen worden. Bis ins 17. Jahrhundert herrschte die Überzeugung, dass im Forschungsgebiet der Astronomen andere Gesetze herrschen als auf der Erde. Nachdem Galilei mit seiner Bewegungslehre die irdische Physik begründet und Kepler die elliptischen Planetenbahnen um die Sonne berechnet hatte, gelang es Isaak Newton, beide Theorien zu einer einzigen zu vereinen – zur klassischen Physik. Seither ist klar: Überall im Universum gelten dieselben mechanischen Gesetze.

Ende 19. Jahrhundert bestanden die Theorie des Elektromagnetismus und die klassische Mechanik unverbunden nebeneinander. Albert Einstein gelang es im Jahr 1905 mit der (speziellen) Relativitätstheorie, beide zu vereinigen. Newton und Einstein gelten als besonders herausragende Heroen der Wissenschaft.

Seit hundert Jahren bestehen die Relativitätstheorie und die Quantenphysik unverbunden nebeneinander, und die Physiker hoffen immer noch, sie eines Tages miteinander zu verbinden. Aber wieso das? Damit die Naturwissenschaften die Verfassung der materiellen Wirklichkeit – des Universums – noch besser verstehen. Dabei geht es nicht um ökonomischen Gewinn, nicht um technologischen «Fortschritt». Es ist Grundlagenwissenschaft – l’art pour l’art.

Die Hoffnung auf die Vereinigung getrennter Systeme teilen Höhlenforscher also mit den Wissenschaftlern. Auch hier ist die Verbindung getrennter Systeme zum Teil auch reiner Selbstzweck – l’art pour l’art. In dieser Hinsicht ist die Höhlenforschung einmal mehr ein Gleichnis für die Wissenschaft.

Übrigens sind in den letzten sechzig Jahren in der Schweiz gut und gern 600 Kilometer an Höhlengängen entdeckt worden – mehr als das Zehnfache der Länge des Gotthard-Basistunnels. Ein ordentliches Stück Schweiz mit vielen exklusiven Schönheiten liegt also unter dem Erdboden!

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