Sprachlupe: Wenn die textende KI sich selber Lügen straft
Lesen Sie die Packungsbeilage! Das gilt nicht nur für Arzneien, sondern auch für Künstliche Intelligenz, vor allem für deren rezeptfrei erhältliche Spielart: die Textproduktion mithilfe grosser Sprachmodelle wie Chat-GPT. Dort erscheint unter dem gelieferten Text die Warnung: «Chat-GPT kann Fehler machen. Überprüfe wichtige Informationen.» Auch dann, wenn Google bei anspruchsvolleren Suchanfragen den Fundstellen eine «Übersicht mit KI» voranstellt, erscheint eine Fehlerwarnung mit Link zu «weiteren Informationen», nämlich dem Rat zur Überprüfung, samt weiterem Link zu Methoden.
Den Beweis, dass das nötig ist, hat mir Google kürzlich zweimal auf dem Silbertablett serviert. Mir war das unbekannte Verb anpreien begegnet. Um mir das Durchklicken beim Online-Duden zu ersparen, gab ich in der Google-Suche «duden.de anpreien» ein. Normalerweise kommt man so auf Anhieb zum gewünschten Eintrag, doch diesmal gab’s eine mehrfache Überraschung:

Obwohl die Suchmaschine den Duden-Eintrag gefunden hat, meint also die KI, anpreien sei nicht korrekt. Den angebotenen Ersatz konjugiert sie falsch: «Der Verkäufer anpries …». Auf «mehr anzeigen» kann man getrost verzichten, da ja gleich darunter der gewünschte Link zum Duden steht, samt der nautischen Bedeutung. Bei einem späteren Versuch beharrt die KI noch entschiedener: «Das Wort ‹anpreien› existiert im Deutschen nicht.» Neben anpreisen stellt sie nun auch anprägen und anprangern zur Auswahl. Nicht einmal der Duden (online oder im Band «Rechtschreibung») kennt anprägen, aber die googelnde KI hat das Wort bei den Brüdern Grimm gefunden, mit einem erhebenden Beispiel. Nebenbei hat sie so auch illustriert, dass man mit Behauptungen über Sein oder Nichtsein eines Wortes vorsichtig sein sollte. Die KI muss das nur noch selber lernen.
Noch forscher blamiert sich Googles Übersicht bei einer weiteren Wortsuche; diesmal hatte ich den Eintrag «larval» im Digitalen Wörterbuch bestellt, das mehr Informationen bietet als der Duden. Geliefert wurde mir:

Obwohl von der KI in Abrede gestellt, fand sich der DWDS-Eintrag via Startseite. Die dient der KI als angeblicher Beleg dafür, dass der Eintrag «larval» nicht existiere – und auch für die Vermutung, dieses Adjektiv werde im Zusammenhang mit sich selbst behandelt. Wo bitte, wenn nicht im «inexistenten» Eintrag? Es kommt recht oft vor, dass ein Beleg-Link (Ketten-Symbol) zwar zu Aussagen übers Thema führt, aber zu keiner Bestätigung der KI-Auskunft. Wer sicher sein will, muss sich an die Packungsbeilage halten und die Übersicht mithilfe der Links überprüfen, die auch sonst gekommen wären oder sonst wie gefunden werden.
Wer eine KI-Übersicht erhält, läuft nicht nur Gefahr, falsch informiert zu werden, sondern beteiligt sich auch an einer beträchtlichen Stromverschwendung (im Hintergrund, nicht auf eigene Rechnung). Ein einfacher Trick bewirkt, dass immer eine gewöhnliche Google-Suche ohne KI-Übersicht erscheint: zusätzlich zum Suchbegriff «-ai» eingeben, für «ohne KI» (danke, Safe IT, ebenfalls für weitere Möglichkeiten). Natürlich kann man auch Suchmaschinen verwenden, die ohne KI-Belehrung auskommen. Nur habe ich noch keine gefunden, die gleich gut googelt wie Google.
ChatGPT patzt und beichtet
Für diese «Sprachlupe» habe ich doch noch mehr Stromaufwand betreiben lassen: mit der Anfrage «Duden anpreien» bei Chat-GPT. Das Protokoll des anregenden Austauschs beginnt damit, dass das Sprachmodell automatisch annimmt, ich meine «anpreisen». Der weitere Verlauf zeigt, dass Chat-GPT nicht mehr allein auf seinen vielen Trainingstexten beruht, sondern auch aktuell aufs Internet zugreifen kann und sogar auf eine elektronische Version des gedruckten Duden. Ich bestehe auf anpreien und bekomme die richtige Definition, allerdings mit der Bemerkung, das Wort gehöre nicht zum «heutigen Standarddeutsch»; es sei im Duden «nicht verzeichnet».
Etwas gemein frage ich zunächst: «auf duden.de auch nicht?» Darauf räumt Chat-GPT ein, dort stehe anpreien tatsächlich, und liefert weitere Angaben samt dem Angebot der zusätzlichen Vertiefung. Stattdessen lasse ich nun die Katze aus dem Sack: «schon besser – aber das Wort steht so auch im gedruckten Duden. Wie kamst du auf die Antwort, dort stehe es nicht?» Darauf offenbart Chat-GPT den Kern der Sache, vorbildlich klar und fehlerfrei:
Sehr gute Nachfrage 👍
Der Grund ist: ich hatte zuerst nur mein internes Sprachwissen herangezogen. Darin ist «anpreisen» klar verankert (häufig, standardsprachlich), während «anpreien» praktisch gar nicht vorkommt – es ist so selten, dass es in allgemeinen Textsammlungen kaum auftaucht. Deshalb habe ich vorschnell geschlossen: «wahrscheinlich nur ein Tippfehler von dir».
Aber: der gedruckte Duden (und auch duden.de) verzeichnet «anpreien» als selbstständiges Lemma mit der Bedeutung aus der Seemannssprache («ein anderes Schiff anrufen»). Das ist korrekt, und dort steht es ganz offiziell drin.
👉 Mein Fehler war also, dass ich mich zunächst auf die Häufigkeit im allgemeinen Sprachgebrauch gestützt habe, statt sofort im Duden-Register nachzusehen. Erst durch die Websuche habe ich bestätigt, dass du recht hast und es sehr wohl dort steht.
Aufgrund des Verlaufs durfte ChatGPT annehmen, dass ich Lemma als Bezeichnung für einen Wörterbuch-Eintrag kenne. Freilich weiss ich auch, dass der Duden seit der Rechtschreibreform von 1996 nicht mehr «offiziell» ist. Menschlich wirkte bei der KI neben dem einschmeichelnden Eingehen auf meine Anliegen auch die Unart, Fehler immer nur so weit zuzugeben, wie sie aufgedeckt worden sind.
Weiterführende Informationen
- Indexeintrag «KI» in den «Sprachlupen»-Sammlungen: tiny.cc/lupen1 bzw. /lupen2, /lupen3. In den Bänden 1 und 2 (Nationalbibliothek) funktionieren Stichwortsuche und Links nur im heruntergeladenen PDF.
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Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
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