Internetseite der Gebirgskantone: «Bereitschaft zur Ausarbeitung eines flexiblen Wasserzinsmodells» © rkgk

Internetseite der Gebirgskantone: «Bereitschaft zur Ausarbeitung eines flexiblen Wasserzinsmodells»

Strombarone ziehen die Alpen-Opec über den Tisch

Kurt Marti / 16. Feb 2017 - Die Stromkonzerne wollen die Wasserzinsen massiv senken und die Vertreter der Gebirgskantone stehen bloss Spalier.

Die Stromkonzerne (Axpo, Alpiq, BKW, EnAlpin, Repower) haben mit dem Strom aus der Wasserkraft jahrelang Milliardengewinne erzielt und dafür den Wasserschloss-Kantonen (Graubünden, Wallis, Tessin, Uri, Glarus, Obwalden, Nidwalden) in den goldenen Jahren zu wenig Wasserzinsen bezahlt. Zudem flossen die Gewinne und die Gewinnsteuern mehrheitlich bachab in die Schatullen der Stromkonzerne in Olten und Baden sowie in die Steuerkassen der Mittelland-Kantone und -Städte.

Auch die Strommanager und -Verwaltungsräte füllten ihre Taschen mit überrissenen Vergütungen und Boni. Gleichzeitig setzten sie die Milliardengewinne aus der Wasserkraft im In- und Ausland fahrlässig in den Sand, ohne dass sie bisher politisch und finanziell zur Rechenschaft gezogen wurden. Vor rund fünf Jahren war die Strom-Fiesta vorüber und jetzt sollen ausgerechnet die Gebirgskantone für die Fehler der Strombarone bezahlen.

Das Märchen von der unrentablen Wasserkraft

Das neuste «Bulletin» des «Verbandes Schweizerischer Elektrizitätswerke» (VSE) propagiert unter dem Motto der «Flexibilisierung» eine massive Senkung der gesicherten Wasserzinsen von 110 Franken pro Kilowatt Bruttoleistung (Fr./kW) auf 41 Fr./kW, also um 63 Prozent. Je nach Marktwert des Wasserstroms soll ein unsicherer, variabler Anteil hinzukommen.

Die Stromlobby begründet die Senkung der Wasserzinsen mit der Behauptung, die Wasserkraft sei unrentabel. Das ist ein Märchen, wie Infosperber schon mehrmals gezeigt hat (hier und hier). Der schlagende Beweis für die Rentabilität der Wasserkraft sind zur Zeit die Stauseen im Gebirge, die so leer sind, wie selten zuvor.

Die tiefen Januar-Temperaturen und die ruhenden Atomkraftwerke im In- und Ausland haben die Spitzenstrom-Preise in die Höhe getrieben. Die Stromkonzerne fahren wieder hohe Gewinne mit der Wasserkraft ein. Und so wird es in Zukunft weitergehen, wenn immer mehr Atomkraftwerke vom Netz gehen.

Ausgerechnet jetzt kommt die Strombranche und will die Wasserzinsen massiv drücken, unterstützt vom Bundesamt für Energie (BFE), das die gesicherten Wasserzinsen um die Hälfte senken will, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete. Eine entsprechende Gesetzes-Revision geht voraussichtlich im Mai in die Vernehmlassung.

BFE und der Kanton Wallis sitzen im Anti-Wasserzins-Verband

Das Lobbying und die Koordination der Wasserzins-Abbauer funktioniert bestens, auch über einen weiteren Interessenverband der Strom- und Atomlobby, nämlich den «Schweizerischen Wasserwirtschaftsverband» (SWV). Der Co-Autor des oben erwähnten «Bulletin»-Artikels ist nämlich SWV-Geschäftsführer Roger Pfammatter.

Und jetzt wird es ganz dick: Im SWV-Vorstand sitzen – neben den Vertretern der Stromwirtschaft – auch ein Beamter des BFE und der Chef der Walliser Dienststelle für Energie und Wasserkraft. Im Klartext: Im Vorstand des wasserzinsfeindlichen Interessenverbandes SWV sitzt das BFE, welches die Gesetzesvorlage ausarbeiten muss, und der Kanton Wallis, der mit massiven Einbussen rechnen muss, falls die SWV-Forderungen durchkommen.

Wasserkraftkantone sorgen sich um Stromkonzerne

Und was sagen die Vertreter der Wasserkraftkantone zu diesem abgekarteten Spiel? Sie nehmen «die Sorgen der Wasserkraftproduzenten ernst und haben deshalb die Bereitschaft zur Ausarbeitung eines flexiblen Wasserzinsmodells bekundet», wie einer Medienmitteilung der Regierungskonferenz der Gebirgskantone (RKGK) zu entnehmen ist.

Sonst hört man von den Gebirgsvertretern wenig. Keine Gutachten, keine Fakten, keine Medienkonferenzen, keine öffentliche Gegen-Kampagne. Dabei geht es für die Gebirgskantone und ihre Gemeinden um wesentliche Anteile ihrer Einnahmen.

Ein Blick zurück auf die letzten rund 20 Jahre zeigt, wie defensiv die Gebirgskantone agieren. Das war nicht immer so: Anfang der 90er Jahre traten die Gebirgsvertreter offensiv mit eigenen Studien und Gutachten auf und erreichten 1997 – mit Hilfe der Linken und Grünen – eine Erhöhung der Wasserzinsen.

Gebirgskantone finanzierten Anti-Wasserzins-Studie

Ähnlich wie heute gab es Ende der 90er Jahre eine Stromschwemme. Die Strompreise sanken und die Stromkonzerne kamen unter Druck. Das Schreck-Gespenst der «nicht amortisierbaren Investitionen» (NAI) beherrschte jahrelang die öffentliche Debatte. Schon damals jammerten die Strombarone um die Wette und verlangten Subventionen.

Das war die Geburtsstunde der «Flexibilisierung» der Wasserzinsen: In der NZZ vom 4. September 1999 startet Jörg Aeberhard, der damalige Leiter Hydraulische Produktion der «Aare-Tessin AG für Elektrizität» (Atel; heute Alpiq), einen Angriff auf die Wasserzinsen. Diese Forderung führte zu einer ETH-Studie, die 2003 veröffentlicht wurde und welche die Flexibilisierung der Wasserzinsen unterstützte.

Die Gebirgskantone heulten sogleich auf und wollten nichts von flexiblen Wasserzinsen wissen. Doch ihr Protest war wenig glaubwürdig, denn paradoxerweise hatten sie die ETH-Studie mitfinanziert.

«Rote Anneliese» weckte die Alpen-Opec aus dem Tiefschlaf

Dann kamen die sieben fetten Jahre der Stromwirtschaft. Die Gewinne stiegen in vorher unbekannte Höhen. Die Strombarone liessen ihre Flexibilisierungs-Forderungen in den Schubladen verschwinden, denn sie wussten ganz genau, dass die Wasserzinsen im Vergleich zu den horrenden Gewinnen viel zu niedrig waren. Die Flexibilisierung der Wasserzinsen hätte bedeutet, dass die Wasserzinsen gestiegen wären.

Auch die Alpen-Opec blieb tatlos bis sie von der Oberwalliser Oppositionszeitung «Rote Anneliese» mit einem Strom-Report im Jahr 2006 aus dem Tiefschlaf geweckt wurde. Ein weiteres Jahr später forderten die Vertreter der Gebirgskantone höhere Wasserzinsen.

Als Folge des RA-Reports kam es auch zu einer Motion im Nationalrat und darauf gab der Bundesrat eine Wasserzins-Studie in Auftrag, welche die Begründung für die Erhöhung der Wasserzinsen und einen Speicherzuschlag lieferte. 2009 kam die Erhöhung der Wasserzinsen im eidgenössischen Parlament durch. Nicht aber der Speicherzuschlag von 60 Millionen Franken. Die Vertreter der Gebirgskantone liessen sich von der Stromlobby einseifen.

Uns Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern rieselt damit ein kalter Schauer über die Schultern. Und so fragen wir uns, ob alles, was in dieser Warmduscher-Kampagne steht, auch wirklich stimmt. Nachstehend eine Informationskontrolle, begrenzt auf die sechs wichtigsten Argumente für ein «Nein zum Energiegesetz»:

1. Mehrkosten von 3200 Franken pro Haushalt?

An die Spitze ihrer Kampagne stellt die SVP die «enormen Mehrkosten für uns alle», nämlich «3200 Franken zusätzlich für einen vierköpfigen Haushalt pro Jahr». Weiter hinten schreibt sie unter dem Zwischentitel «Attacke gegen alle Haushalte», wie sie auf diese hohe Zahl kommt: «Gemäss der bundesrätlichen Botschaft rechnet der Bundesrat selber mit Kosten im Umfang von rund 200 Milliarden Franken bis ins Jahr 2050. Das sind in den nächsten 32 Jahren jährlich 5 – 7 Milliarden (genau wären es 6,25 Mrd.). Heruntergebrochen auf die aktuelle Einwohnerzahl von 8,2 Millionen ergibt das 800 Franken pro Einwohner (genau wären es 762 Fr.) oder 3200 Franken für einen vierköpfigen Haushalt.» Genau wären es 3048 Franken.

Das Problem dieser Rechnung ist nicht die leichte Übertreibung, sondern Folgendes: Die «Mehrkosten» von «rund 200 Milliarden» sucht der fleissige Leser in der 197seitigen Botschaft des Bundesrats vergeblich. Hingegen erfährt die Leserin auf Seite 168 der bundesrätlichen Schrift:

»Die Gesamtkosten der Anlagen und des Produktionsbetriebs des schweizerischen Kraftwerksparks (Bestand und Zubau) von 2010–2050 betragen mit dem ersten Massnahmenpaket 193 Milliarden Franken, dabei fallen rund 125 Milliarden Franken auf den bestehenden Kraftwerkspark. Die Kosten des Zubaus betragen 67 Milliarden. Damit macht er rund einen Drittel der Gesamtkosten aus. Ein Grossteil dieser Kosten fallen unabhängig von der Energiestrategie an, da zur Deckung der künftigen Stromnachfrage Produktionskapazitäten im Inland aufgebaut werden müssen beziehungsweise zusätzliche Importkosten anfallen.»

Der langen Schreibe kurzes Resultat: Bei den von der SVP zitierten «enormen Mehrkosten von 3200 Franken» pro Haushalt und Jahr oder «rund 200 Milliarden» bis 2050 handelt es sich gemäss Bundesrat zum «Grossteil» um Kosten, die «unabhängig von der Energiestrategie» anfallen. Die wahren Kosten der neuen Energiestrategie für die Schweizer Volkswirtschaft, verglichen mit der unbeeinflussten Entwicklung, beziffert der Bundesrat an anderer Stelle seiner langen Botschaft auf «minus 0,1 bis plus 0,0 Prozent».

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Kurt Marti war früher Geschäftsleiter, Redaktor und Beirat der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES). Von 2000 bis 2010 war er Redaktor der «Roten Anneliese».

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Die Politik der Stromkonzerne

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4 Meinungen

Als Urner blutet mir das Herz, wenn ich ansehen muss wie unglaubwürdig die Strombranche mit ihrem unrühmlichen Kampf für Atomstrom gegen erneuerbare Energien schiesst und gleich auch noch die etwas blinden Gebirgskantone um eine faire Abgeltung von Schweizer Ressourcen prellt.
Simon Gisler, am 16. Februar 2017 um 11:58 Uhr
Es soll einmal gesagt sein: félicitations, Kurt Marti! Ich kenne niemanden mit einer vergleichbar klaren, kohärenten Sicht auf die schweizerische Elektrizitätswirtschaft, gerade auch mit Blick auf die Interessenlage der Peripherie, der Gebirgskantone, der angeblich «potenzialarmen» Regionen, die man zur «alpinen Brache» machen will. Aber wo bleibt die Rezeption in den regionalen Medien?
Peter Egloff, am 16. Februar 2017 um 12:32 Uhr
Kein Wunder. Die Vertreter der Bergkantone sind meistens dieselben Personen die in den versch. VR der Stromkonzerne sitzen.
Pedrazzi Luciano, am 16. Februar 2017 um 14:31 Uhr
Methoden aus der Kolonialzeit werden da angewandt, im eigenen Land.
Aber abgesehen davon, grundsätzlich zur Höhe der Wasserzinsen:
Aus der Sicht der Urner, Walliser und Graubündner sind tiefe Wasserzinsen bedauerlich, aus Sicht der Tiefländer erfreulich. Soweit klar — aber bedauerlich.
Hohe Zinsen sind logisch, wenn mit den Kraftwerken viel Geld verdient werden kann, sonst tiefe. Ein variabler Anteil macht darum Sinn.
Ein (hoher!) fixer Anteil macht aber auch Sinn, denn sonst werden in guten Zeiten Kraftwerke gebaut, die Wasserläufe zerstört, und die Zerstörung erweist sich erst noch als sinnlos, wenn die Zeiten schlechter sind.
Welches ist darum, die Sicht der Fische, sozusagen? Hohe Wasserzinsen haben den Vorteil, dass die Wasserkraft weniger rentiert. Aber sie haben den Nachteil, dass die Kantone und Gemeinden, Kraftwerke eher bewilligen und konzessionieren.
Die korrekte Lösung würde darin bestehen, dass einzig der Bund die Konzessiongebühren erhebt, aber das Aufkommen pro Kopf an die Bevölkerung zurückverteilt wird — eine Verteilung an Fische wäre noch besser. Theoretisch. Fische haben eine kleine Lobby (die Fischer), keine Stimme, Portmonnaie sowieso nicht.
Es wird eigentlich um die Verteilung gestritten indem um die Höhe gestritten wird. Das ist unglücklich. Denn die Höhe und Struktur von Wasserzinsen sollte aufgrund von anderen Kriterien festgelegt werden als der Verteilungswirkung.
Peter Vogelsanger, am 16. Februar 2017 um 15:26 Uhr

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