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Warum Armut - ein weltweites TV-Projekt

Armut - für die Fernseh-Schweiz kein Thema

Robert Ruoff / 26. Nov 2012 - «Why Poverty?» ist ein Fernsehprojekt, das die ganze Welt umfasst und eine Diskussion über Armut auslösen will. Ohne die Schweiz.

»Why Poverty?» ist ein globales Fernsehereignis. Es erreicht mindestens 500 Millionen Menschen. Es findet statt in Amerika, von Alaska bis Feuerland. Es findet statt in Australien, Asien, Afrika, Europa mit 70 Fernsehstationen, die – mit Hilfe von BBC World – fast alle Länder der Erde erreichen. Es findet statt in Hongkong und Taiwan. Aber es findet nicht statt in Mainland China und in Russland (ausser via BBC World) – und in der Schweiz.

Arte als Service Public für die Schweiz

Wer trotzdem sehen will, kann ARTE einschalten. Der deutsch-französische Sender widmet drei Abende dem Thema: mit acht attraktiven Dokumentarfilmen, mit Bob Geldof und Bono, Bill Gates und Bill Clinton, Ivan Glasenberg (Glencore) und Rüschlikon und Sambia, und mit den Eltern und Kindern aus Marseille, Dortmund, Barcelona und der Park Avenue in New York auf der reichen und der armen Seite. Mit denen, die unter der neu gemachten Armut in Europa leiden, denen, die in die Armut hineingeboren werden oder im verlorenen Wohlstand verarmen (was ist besser?, fragt «Why Poverty?»).

«Vor 30 Jahren zogen zwei Rockstars aus, die Welt herauszufordern.» Damit beginnt die Serie. Ohne Heldenverehrung. Das Engagement von Bono und Bob Geldof wird sofort auch der Kritik unterzogen: Marieme Jamme, eine der neuen afrikanischen sozialen Unternehmerinnen, und Mabisa Moyo, die global anerkannte sambische Ökonomin (Harvard, Oxford, Cambridge), kommen mit ihrem Anspruch auf afrikanische Leadership sofort und immer wieder zu Wort.

Geld für Afrika: zwei, drei, viele gute weisse Menschen...

Der finanzielle Erfolg von Bonos und Geldofs Kampagne war grandios, und der Nutzen ihres Lobbyings für viele Arme und Hungernde war beträchtlich. Ihre Aktionen hatten ausserdem noch grossen Unterhaltungswert. Nicht nur ihre unvergesslichen Konzerte. Der Blick hinter die Kulissen im Dokumentarfilm «Geld für die Welt – Bob Geldof und Bono» gibt entlarvenden Einblick in das Denken und Handeln von Prominenten und Politikern. Wenn Bono zum Beispiel seine Freundschaft zum amerikanischen Präsidenten nutzt, um Bill Clinton die Idee nahezubringen, zum Jahreswechsel 2000 hundert Prozent Schuldenerlass für die Entwicklungsländer zu verkünden. Was der Präsident gar nicht allein entscheiden kann, wie sich den Rockstars zügig zeigte... – Das anschliessende ebenso listige Lobbying bei den konservativen Republikanern brachte immerhin den halben Erfolg: 50 Prozent Schuldenerlass.

Oder das Treffen mit Präsident George W. Bush, dem Bono als Gastgeschenk eine irische Bibelausgabe mitbrachte. So sprachen sie also darüber, «dass in der Bibel kein Thema ausführlicher behandelt wird als die Fürsorge für die Armen.» – Am Ende entschloss sich Bush, 15 Milliarden Doller für AIDS-Medikamente in Afrika bereit zu stellen.

Hilfe, Tod und Zerstörung – wer benutzt wen?

Und in seiner Rede zur Lage der Nation im Januar 2003 erklärte der Präsident unmittelbar nach seinen Worten zur AIDS-Kampagne: «Wir ziehen in den Krieg gegen Irak... Wir bringen dem irakischen Volk Lebensmittel und Medikamente, Hilfslieferungen und Freiheit.»

Wer benutzt da wen? - «Why Poverty?» scheut sich nicht vor diesen Fragen. «Geld für die Welt», der Film über die Kampagne von Bono und Geldof gegen Armut und Hunger, konfrontiert die Rockstars unter anderem genau mit diesen Widersprüchen. «Why Poverty?» ist ein globales Fernsehereignis zu einem brennenden Thema, das nur in der Schweiz (die Fernsehmacher) nicht interessiert.

Fast keine Armut in der Schweiz?

Es sind in unserem Land ja auch nur noch 120'000 Erwerbstätige von Armut betroffen (und noch ein paar dazu gehörige Kinder und ältere Menschen und Ausgesteuerte undundund...) – also «nur noch» 3,5 Prozent (2008: 5,2 Prozent), und diesen Armen geht es auch deutlich besser: sie leben «nur noch» 18,9 Prozent unter der Armutsgrenze (2008: 31.6 Prozent). Sagt das Bundesamt für Statistik. Das heisst statistisch gesehen: die Armen haben heute erst in der letzten Woche des Monats kein Geld mehr; 2008 mussten sie schon zehn Tage vor Monatsende schauen, wie sie etwas zu essen bekommen.

Und dazu kommen zusätzlich 7.7 Prozent der Erwerbstätigen, die von Armut gefährdet sind (EU: 8,4 Prozent). In Italien sind es 9,4 Prozent, in den anderen Nachbarstaaten sind es weniger: Deutschland 7,2 Prozent, Frankreich 6,2 Prozent, Österreich 4,9 Prozent. Sagt das Bundesamt für Statistik. (Deutschland weist allerdings nach Rumänien und Bulgarien EU-weit den stärksten Zuwachs an Armut auf).

Für all unsere Nachbarn ist «Why Poverty?» ein Thema: für Italiens RAI, für den österreichischen ORF, für das deutsch-französische ARTE und das ZDF.

Qualitätsfernsehen für die Welt – mit Oscar-Gewinnern

«Why Poverty?» mit seinen acht Dokumentarfilmen und dreissig Kurzfilmen ist das Produkt einer Elitetruppe von Fernsehmachern, die wissen, wie man relevante Themen attraktiv und nachhaltig gestaltet. Don Edkins, (STEPS, Südafrika), Nick Fraser (BBC, Grossbritannien) und Mette Hoffman Meyer (DR, Denmarks Radio) haben schon 2007 mit «Why Democracy?» eine ähnliche grosse Serie lanciert und mit «Taxi to the dark side» (Taxi zur Hölle) 2008 den Oscar für den besten Dokumentarfilm erhalten. Da war die SRG noch dabei. Der Film zeigte, wie die USA «Demokratie» nach Afghanistan brachten, mit dem Einsatz der Folter im «Krieg gegen den Terror» und der Einrichtung von Guantanamo.

Langweilige Gutmenschen sind auch die Filmautoren und -autorinnen von «Why Poverty?» nicht sondern mit Preisen ausgezeichnete Fernsehschaffende, deren kurze und lange Filme aus einer Fülle von Vorschlägen zur Produktion ausgewählt worden sind.

Der Beitrag der Schweiz: Unterstützung durch die DEZA

Die Schweiz ist übrigens doch beteiligt: Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA hat Produktion und Vertrieb der 30 Kurzfilme mit einem namhaften Betrag unterstützt. «Armut» ist ein Kernpunkt der DEZA-Strategie, und insbesondere die Kurzfilme können leicht als Bildungsmaterial eingesetzt werden. Sämtliche Filme – die langen Dokumentarfilme wie die Kurzfilme – stehen nach der Ausstrahlung weltweit zur nicht-kommerziellen Nutzung kostenlos zur Verfügung. Auf der Website von «Why Poverty?» und auf Youtube.

Die Website der DEZA bietet ein paar Kerninformationen zum Thema extreme Armut und Hunger. «Weltweit suchen 81 Millionen Menschen nach Arbeit. 1,4 Milliarden Menschen leben in extremer Armut, 51% davon in Afrika südlich der Sahara. Laut UNO leidet eine von sechs Personen weltweit an Hunger», das sind gut 16 Prozent. Und: der Hunger nimmt heute wieder zu, vor allem wegen der steigenden Nahrungsmittelpreise.

Armut hat Ursachen. Man kann sie beseitigen. Darum geht es.

Fernsehen plus Facebook plus Twitter plus Google+ plus Youtube...

«Wir sind keine Kampagne. Wir wollen kein Geld. Wir propagieren nicht eine bestimmte, einzelne Lösung für das Problem der Armut. Wir wollen, dass die Menschen über das Thema nachdenken und Fragen stellen.» Das ist das erste Ziel von «Why Poverty?». Und das heisst: Kommunikation und Diskussion. Das heisst: Präsenz von «Why Poverty?» auf Facebook, Twitter und Google+. «Why Poverty?» ist von Anfang an ein Cross-Media-Projekt, ist Konvergenz, die den Namen verdient.

Die Bilanz der Rockstars

ARTE startet «Why Poverty?» mit der Erinnerung an die grossen Kampagnen gegen Hunger und an das Lobbying von Rockstars, Prominenten und Politikern, die sich in diese Kampagne hineinziehen liessen. Was sie bewirkt haben, «lässt sich nicht sicher sagen. Doch im letzten Jahrzehnt erreichte das ausländische Engagement in Schwarzafrika, dass dort

> 6 Millionen Menschen Zugang zur HIV-Behandlung haben.

> in 8 Staaten die Malariasterblichkeitsrate halbiert worden ist.

> täglich1700 Kinder weniger sterben.»

Die alternden Rockstars sind immer noch dran, zäh und unverdrossen. Es ist ja unverkennbar, dass die Ursachen für Armut und Hunger noch nicht wirklich beseitigt sind.

«Why Poverty?» – drei Abende auf Arte

Mit «Why Poverty?» beschäftigt sich ARTE ab Dienstag, 27. November, 20.15 bis Donnerstag, 29. November jeden Abend: Mit den Rockstars, mit der Geschichte der Armut, mit der neuen Armut in Europa, mit der Rolle der Rohstoffhändler in der Schweiz bei der Ausbeutung Afrikas – und mit Lösungsansätzen im Kampf gegen die Armut.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor hat die Projektentwicklung während Jahren beobachtet und wünscht dem Unternehmen möglichst viel Erfolg.

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Eine Meinung

Schade, oder besser «gschämig» ist es, dass das Schweizer Fernsehen bei diesem weltweiten Thema nicht mitmacht - in unguter Gesellschaft von China und Russland! Die Schweiz hat mit Armut sehr wohl zu tun, wenn nicht viel zu tun. Und das sowohl im Ausland durch unfairen Handel, im Zusammenhang mit den Rohstoff-, Nahrungsmittel- und weiteren marktbeherrschenden Konzernen, als auch im Inland, wo die Armut geflissentlich übersehen und verschwiegen wird. Nicht zuletzt dadurch, dass die Schichten unterhalb des Durchschnittseinkommens durch steigende Mietpreise, Gesundheitskosten, Gebühren und bröckelnde Arbeitsplatzsicherheit immer stärker bedrängt werden.

Zwar muss in der Schweiz niemand hungern und wohl auch nicht frieren, aber Kürzungen oder Nichtanpassung von Sozialleistungen oder Arbeitslosengeld treiben Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende ins soziale Abseits und in echte Bedrängnis. Das ist unwürdig. Zudem sind sowohl die Teuerung als auch die Arbeitslosenstatistik mit «einfallsreichen» Berechnungsmethoden geschönt.
Daniel Nägeli, am 27. November 2012 um 09:15 Uhr

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