David Cameron © Byzantine_K/flickr/cc

Nationalkonservativ stimmen, aber nur im Stillen?

Warum sich die konservativen Wähler schämen

Philipp Löpfe / 12. Mai 2015 - Politischer Marshmallow-Test nicht bestanden: Konservative Wähler verleugnen sich in Umfragen. Sie haben ein schlechtes Gewissen.

Im Vereinigten Königreich haben vor den Wahlen sämtliche Umfragen während Wochen ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Konservativen und Labour vorausgesagt. Nach den Wahlen können die Tories einen klaren Sieg feiern. Einmal mehr lagen die Umfragen weit daneben. Warum schneiden die konservativen Parteien in den Umfragen meist schlechter ab als die Progressiven?

Die Demoskopen glauben, eine Erklärung für dieses Phänomen gefunden zu haben: Die Tory-Wähler hätten in den Umfragen ihre Absichten verheimlicht, weil sie sich eigentlich dafür schämten, erklärten sie nach der Wahl auf der britischen Insel. Nationalkonservativ zu stimmen, scheint peinlich geworden zu sein, etwa so, wie man einst den «Blick» in die «NZZ» gerollt und beim Betreten eines Sexkinos den Kragen hoch geschlagen hat.

Rückfälle in Wendezeiten

Man kann diese Erklärung natürlich als billige Entschuldigung für professionelles Versagen abtun. Doch nehmen wir einmal an, sie trifft zu. Dann lässt sich daraus eine spannende These über das aktuelle politische Bewusstsein der Menschen in den westlichen Demokratien ableiten. Sie geht wie folgt:

Wir leben in einer Wendezeit und ahnen, dass wir unseren Lebensstil ändern müssen, wenn wir den Planeten nicht zerstören wollen. Die Anzeichen für diesen Wandel können nur noch von Volltrotteln ignoriert werden.

- Beispiel Klimaerwärmung: Wir sehen, dass unsere Gletscher schmelzen und dass sich Unwetter mehren. Die Wissenschaftler erklären uns auch plausibel, dass zwischen diesen Phänomenen ein Zusammenhang besteht. Es ist wie in der Medizin: Starke Raucher haben ein höheres Lungenkrebsrisiko. Doch weil es immer wieder Ausnahmen gibt, klammern wir uns daran. Der deutsche Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt raucht wie ein Kamin und scheint trotzdem unsterblich. Es kann also nicht so schlimm sein. Folglich schloten wir weiter.

- Beispiel Ernährung: Es ist offensichtlich, dass industrielle Landschaft und Convenience Food Blödsinn sind. Die Menschen werden immer dicker, die Umwelt geht vor die Hunde, die Tiere werden gequält und die Lebensmittel verschwendet. Doch was soll’s – im Aldi jenseits der Grenze kostet das Schnitzel und das Poulet einen Bruchteil von dem, was auf dem Bio-Markt verlangt wird. Also überlassen wir die regionale Ernährung der Werbung der Grossverteiler.

- Beispiel Energiewende: Die Schweiz hat ideale Voraussetzungen für eine nachhaltige Energieversorgung. Wir haben genug Wasser und Seen, um Energie zu speichern und wir haben die Technologie, um eine dezentrale Energieversorgung aufzubauen. Wir haben keine Ölindustrie und keine Atomlobby, die um riesige Verluste bangen müssen. Die Wirtschaftsverbände, FDP und SVP lässt dies kalt. Sie nehmen den Frankenschock zum Anlass, die kleinen Schritte hin zu Cleantech wieder rückgängig zu machen.

Keines dieser Probleme lässt sich in das klassische Links-Rechts-Schema einordnen. So hat gerade kürzlich der Silicon Valley-Milliardär und Erzkapitalist Elon Musk eine neue Batterie für ein dezentrales Energiesystem vorgestellt. In der Schweiz plädiert der ETH-Professor Anton Gunzinger für ein nachhaltiges Energiesystem auf marktwirtschaftlicher Basis. Mit guten Gründen: Der französische Atomkrafthersteller Areva überlebt nur dank staatlicher Unterstützung und musste soeben einen weiteren Stellenabbau bekannt geben. Atomenergie ist ein lausiges Geschäft geworden.

Nachhaltiger Wohlstand

Dasselbe gilt für die Ernährung. Bio-Bauern sind oft clevere und erfolgreiche Unternehmer; und milliardenschwere Hedge-Fund-Manager kämpfen nicht selten engagiert gegen Umweltzerstörung und für Biodiversität. Die dritte industrielle Revolution stellt uns zudem die technischen Hilfsmittel zur Verfügung, die es uns erlauben, eine nachhaltige Wirtschaftsordnung ohne Wohlstandsverlust aufzubauen. Warum greifen wir nicht zu? Weshalb verfallen wir immer wieder in alte Denkschemen, wohl wissend, dass sie keines der drängenden Probleme lösen können?

Eine mögliche Antwort liefert der vom Psychologen Walter Mischel entwickelte «Marshmallow»-Test. Er funktioniert wie folgt: Ein Kind wird in ein Zimmer geführt. Dort wird ihm ein Marshmallow, eine in den USA beliebte Süssigkeit, in Sichtnähe vorgesetzt. Gleichzeitig erhält das Kind ein Glöckchen und folgendes Versprechen: Wenn es der Versuchung widersteht und das Marshmallow 20 Minuten lang in Ruhe lässt, erhält es zwei davon. Wenn nicht, kann es das Glöckchen läuten und darf dann sein Marshmallow sofort verzehren.

Die Ergebnisse des Marshmallow-Test sind eindeutig: Kinder, die widerstehen, sind später im Leben erfolgreicher, zuerst in der Schule und später im Berufsleben. Die Fähigkeit, widerstehen zu können, ist den erfolgreichen Kindern nicht angeboren. Sie können sich beherrschen, weil sie über Strategien verfügen, der Versuchung ein Schnippchen zu schlagen. Sie lenken sich ab, singen, oder machen für sich selbst Gedankenspiele.

Das Glöcklein läuten und die alten Lösungen wählen

Als Gesellschaft sind wir nicht mehr in der Lage, den politischen Marshmallow-Test zu bestehen. Wir wissen zwar, dass wir uns beherrschen sollten. Doch wir haben keine Strategien mehr, um der Versuchung zu widerstehen. In den Umfragen lehnen wir daher die Parteien ab, die alte Lösungen präsentieren. Beim Ausfüllen des Wahlzettels ändern wir unsere Meinung. Wir erleben täglich, wie Manager, Spitzensportler und Politiker rund um Marshmallows im grossen Stil abräumen. Warum also sollten wir uns zurückhalten? Geniessen wir das billige Benzin, das billige Schnitzel und den billigen Urlaubstrip, solange es sie noch gibt.

Wir läuten das Glöcklein und vertilgen das Marshmallow. Das mag psychologisch verständlich sein. Für die Zukunft verspricht es wenig Gutes

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Dieser Beitrag erschien auf Watson.ch.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Philipp Löpfe war früher stellvertretender Chefredaktor der Wirtschaftszeitung «Cash» und Chefredaktor des «Tages-Anzeiger». Heute ist er Wirtschaftsredaktor von «Watson.ch».

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7 Meinungen

Gute Analyse. Darum war mir auch immer klar, warum sich die Alternative für Deutschland, die sich derzeit zwar im Richtungsstreit selber zerlegt, bei zittrigen 5% gemäss Umfragen, den Eintritt ins Bremer Parlament schafft. Für Nigel Farrage ist ein Stimmenanteil wie die CVP in der Schweiz, gibt in GB nur einen Sitz im Unterhaus, bereits eine vernichtende Niederlage. Bei der Minarett-Initiative sowie bei der Masseneinwanderungsinitiative funktionierte bei den Umfragen ein ähnlicher Mechanismus.
Pirmin Meier, am 12. Mai 2015 um 12:14 Uhr
Das könnte ja selbst im Herbst bei den Nationalratswahlen der Fall sein, obwohl dies Infosperber nicht ganz passen würde! Mit dem Unterschied, dass sich die Tories nicht ganz mit der SVP vergleichen lassen.
Beda Düggelin, am 12. Mai 2015 um 13:32 Uhr
"Keines dieser Probleme lässt sich in das klassische Links-Rechts-Schema einordnen."
Wie wahr, und weit darüber hinaus....
Gestern z.B. im Streitgespräch Rendéz-vous-am-Mittag, zwei Frauen, FDP versus SP, beide selbstständig erwerbend.... zur Erbschaftssteuer.
Im Essentiellen ging es eigentlich um die Besteuerung von Arbeitsertrag versus Besteuerung von Kapitalertrag.
Erstaunlich «unternehmerfreundlich» die SP-Frau und weniger erstaunlich «kapitalfreundlich» die FDP-Frau.
Der Graben geht auch durch den Menschen selbst, weil wir alle Anteile von Arbeitsertrag und Anteile von Kapitalertrag geniessen dürfen. Die Frage ist, wo ist die menschenmässige und damit nachhaltige Balance?
Urs Lachenmeier, am 12. Mai 2015 um 13:48 Uhr
Zum Kommentar von Pirmin Meier noch dies: Der Vergleich Ergebnis Farrage mit CVP demonstriert den Unterschied zwischen Majorz- und Proporzwahl. Die CVP (als Minderheitspartei) würde in einem undemokratischen Majors-Wahlsystem den Kürzern ziehen.
Walter Schärlig, am 12. Mai 2015 um 15:43 Uhr
Ich gehöre zu den Volltrotteln, die, gemäss Philipp Löpfe, den Wandel, der durch die sog. Energiewende herbeigeführt werden soll, noch nicht verinnerlicht haben. Begriffen aber habe ich, warum Löpfe schreiben kann: «Atomenergie ist ein lausiges Geschäft geworden.» Klar, wenn den Privaten die Sonnenzellen auf dem Dach mit Subventionen von bis zu 65 Rappen pro KWh vergoldet werden, was mehr als das Zehnfache der Atomstrom-Gestehungskosten beträgt. Doch „die Kosten für die Milliarden-Subventionen der erneuerbaren Energien tragen die Verbraucher und die Wirtschaft.“ (Tages-Anzeiger, 23.03.15) „Mit der vom Nationalrat beschlossenen Änderung des Energiegesetzes steigt die Konsumentenabgabe auf Strom von heute 1 auf maximal 1,5 Rappen pro Kilowattstunde. Mit dieser Erhöhung werden jährlich rund 300 Millionen Franken zusätzlich in den Subventionstopf fliessen“ (NZZ 15.03.13) ...für notabene weniger als 3% des Gesamtenergieverbrauchs! Bei diesen grotesk verzerrten Marktbedingungen gerät nicht nur die Atom-, sondern auch die relativ umweltfreundliche Wasserkraft wirtschaftlich ins Hintertreffen. Die im März 2015 in der eidg. Volksabstimmung erfolgte rekordhohe Ablehnung der Energiesteuer-Initiative hat die Wende von der bislang durch keinen Volksentscheid legitimierten Energiewende eingeläutet. Kein Problem also, der überwiegenden Mehrheit von Volltrotteln anzugehören, meint
Arnold Fröhlich, am 12. Mai 2015 um 22:57 Uhr
Das ist der x-te Aufguss der «Schweigespirale» von Frau Noelle-Neumann aus den 70-er Jahren.
Warum ausgerechnet die Anhänger der Konservativen, der arroganten Regierungspartei ihre Meinung verhehlen sollten ist unerfindlich. Frau Noelle-Neumann glaubte eben selbst an den Meinungsterror der SPD-Bolschewiki und fand das plausibel. Sie, wie viele andere Meinungsforschungsinstitute fälschte darauf die Rohdaten um diese Schweigespirale-Abweichungen auszukorrigieren. Die Formel ist Geheimwissen, massgeblich dafür sind jeweils politische Richtung und allfällige Angstzustände des Meinungsforschers / -forscherin.

Werner T. Meyer

Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Schweigespirale
Werner Meyer, am 12. Mai 2015 um 22:59 Uhr
Ich gehöre glücklicherweise nicht zu den «Volltrotteln» :-)
2011 habe ich 6,9 KWp PV aufs Dach montiert, seit letztem Herbst endlich in der KEV, erhalte nun 48,3 Rp/Kwh, was ein sehr guter Preis ist.
In ca 18 Jahren sollte die Anlage amortisiert sein. Das ist nicht schlecht....
Doch im Gegensatz zur «rest-riskanten» Kernspalterei werde ich weder dem Staat noch den Stromkonsumenten Entsorgungskosten oder Entsorgungsrisiken aufbürden.
Wir sollten aufhören, Energieproduktion zu subventionieren. Bei einer Vollkostenrechnung hätten wir überhaupt nie jemals ein AKW gehabt.
Weil diese gefährlichen Dinger so extrem subventioniert werden (direkt, indirekt und quersubventioniert) muss leider auch der Solarenergie zum Anschub geholfen werden. Doch diese Zeiten sind vorbei. Die AKW-Technik ist trotz fortschreitender Subvention am Ende.
AREWA, der grösste französische Staatsbetrieb benötigt immer mehr Staatsgelder.
Wir «Gutmenschen» sind eingeladen, auf den Konsum von Solarstrom einen freiwilligen Aufpreis zu bezahlen, das mach' ich auch, kaufe einen Teil meines Solarstroms vom EW zurück und das EW zieht daraus einen Gewinn.
Dieses idealistische Tarifprinzip ist nicht nachhaltig, man stelle sich vor, die Freunde der Kernkraft würden eingeladen, auf ihren favorisierten Strom einen freiwilligen Aufpreis für ungedeckte Kosten zu bezahlen.
Atomstrom ist und war nie billig!
http://www.energiestiftung.ch/files/ses_studie_atomvollkosten.pdf
Urs Lachenmeier, am 13. Mai 2015 um 10:04 Uhr

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