CEO Jasmin Staiblin und Präsident Hans E. Schweickardt: Ohne Plan B © alpiq

CEO Jasmin Staiblin und Präsident Hans E. Schweickardt: Ohne Plan B

Alpiq ist weiterhin auf Schrumpfkurs

Hanspeter Guggenbühl / 05. Mrz 2014 - Als Stromproduzentin fuhr die Alpiq im schrumpfenden Strommarkt Milliardenverluste ein. Jetzt setzt sie aufs Stromsparen.

Wachstumskritiker können sich freuen: Die Alpiq, neben Axpo der grösste Schweizer Stromkonzern, schrumpft seit vier Jahren. Ihr Umsatz sank von 14,1 Milliarden Franken im Jahr 2010 auf knapp 9,4 Milliarden im Jahr 2013. Grund: Das Stromkonglomerat, das sich aus der Fusion von Lausanner EOS und Oltener Atel bildete, musste Beteiligungen an Kraftwerken und anderen Firmen abstossen, um ihre hohen Schulden zu vermindern. Verkauft hat die Alpiq unter anderem ihre Beteiligungen an der Edipower, die in Italien Gaskraftwerke betreibt, einen 15-Prozen-Anteil am Walliser Pumpspeicher-Projekt Nant de Drance (an die Stadt Basel) und ihre Beteiligungen an der Bündner Repower (an die Axpo und den Kanton Graubünden). Zudem hat sie einen Teil ihres personalintensiven Installationsgeschäfts verkauft.

Drei Milliarden Franken Verlust in drei Jahren

In den Jahren 2010, 2011 und 2012 summierten sich die Konzernverluste der Alpiq auf rund drei Milliarden Franken. Gemessen daran ist der Gewinn von 18 Millionen im Geschäftsjahr 2013, den die Konzernspitze gestern Mittwoch unter dem Titel «Alpiq schreibt schwarze Zahlen» kommunizierte, ein Klacks. Dieser Jahresgewinn wird zudem mehr als aufgefressen durch die unveränderte und unangemessene Dividende, welche Alpiq ihren Eigentümern (Schweizer Kantonen und Gemeinden sowie dem französischen Staatskonzern EDF) bezahlt.

Die Riesenverluste entstanden, weil der Konzern massive Wertberichtigungen auf ihren in den Sand gesetzten Gaskraftwerken im Ausland und in den Walliser Wasserkraftwerken vornehmen musste, und weil der Preiszerfall auf dem europäischen Strommarkt die Betriebsgewinne einbrechen liess. Die Sonderabschreibungen der Alpiq fielen deutlich höher aus als jene der Konkurrenten Axpo oder BKW Energie AG.

Zerfall der Terminpreise wirkt mit Verzögerung

Das Kerngeschäft, die Produktion und der Verkauf von Strom, wird in den nächsten zwei Jahren weiter schrumpfen. Denn die Alpiq verkauft - wie andere Stromproduzenten auch - den Grossteil ihres Stroms auf Termin; dies in der Regel ein bis zwei Jahre im Voraus. Diese Terminpreise sind 2013 nochmals um 25 Prozent gesunken. Sie dürften also erst in den folgenden Geschäftsjahren voll durchschlagen und damit Umsatz und Marge weiter schmälern.

Für den Preiszerfall ortet die Konzernspitze drei Ursachen: Der Stromverbrauch in Europa ist seit 2008 rezessionsbedingt um rund fünf Prozent gesunken, nachdem die Stromfirmen ihre Produktionskapazität zuvor stark erhöht hatten. Die tiefen Kohle- und CO2-Preise verbilligten den Kohlestrom. Drittens macht die Elektrizitätserzeugung aus Wind- und Solarkraftwerken Gaskraftwerke unrentabel und entwertet den Spitzenstrom aus Schweizer Wasserkraftwerken.

Diese Analyse ist nicht falsch, nur: Die Stromwirtschaft selber hat diese Überkapazitäten geschaffen. Sie selber produziert Kohle- und Atomstrom zu Dumpingpreisen, und sie kassiert im In- und Ausland ebenfalls Subventionen für ihren Wind- und Solarstrom. Die Alpiq etwa baute ihre Kohlekraftwerke in Tschechien aus und macht damit Gewinn. Diesen Gewinn könnte sie jetzt nutzen, um temporäre Verluste aus Wasserkraftwerken auszugleichen, nachdem sie mit Wasserkraft jahrzehntelang ihre Atomkraftwerke quersubventioniert hat. Stattdessen fordert die Konzernspitze jetzt «Kapazitätsmärkte», ausgedeutscht: Subventionen für die Leistungsreserven in Wasserkraftwerken.

Kein «Plan B» zum Stromabkommen

Weiter setzt die Alpiq auf das Stromabkommen mit der EU, das den Schweizer Stromproduzenten und Händlern weiterhin einen ungehinderten Zugang zum ab 2015 voll liberalisierten EU-Strommarkt sichern soll. Dieses Abkommen sei für die Schweizer Stromwirtschaft «existenziell», sagte Konzernchefin Jasmin Staiblin gestern vor den Medien. Und auf die Frage, was passiere, wenn das Abkommen nicht zustande kommt, nachdem die Schweiz schon seit 2007 ergebnislos über dieses Abkommen verhandelt, sagte Staiblin sinngemäss: «Das Stromabkommen ist Plan A, einen Plan B haben wir nicht.»

Diese Dramatik ist neu. Denn vor zwei Jahren hatte Alpiq-Präsident Hans E. Schweickardt noch gelassen erklärt: «Sollte es wegen institutionellen Fragen zu keiner Einigung kommen, dann ist das zu akzeptieren. Demokratie und Selbstbestimmung haben Vorrang. Der Strom fliesst nach physikalischen Gesetzen und auch ohne Abkommen, wohl einfach etwas komplizierter.»

Kehrtwende mit neuer Strategie

Mittlerweile hat die Konzernleitung gemerkt, dass sie mit ihrem alten Geschäftsmodell in absehbarer Zeit auf keinen grünen Zweig mehr kommt. Darum entwickelte sie eine neue Strategie, die einer Kehrtwende um 180 Grad gleichkommt. Diese Strategie präsentierte die Konzernspitze den Medien gestern unter dem etwas abstrakten Titel «Von der kapitalintensiven Stromproduktion hin zur Energiedienstleisterin mit innovativen Komplettlösungen.»

Solche «Komplettlösungen» will sie in den Bereichen Energieeffizienz, Erneuerbare Energienutzung sowie Energiemanagement anbieten und dabei ihr Installationsgeschäft ausweiten. Zusätzlich will die Alpiq ihr Know how beim Abbruch von «allen thermischen Kraftwerken», also auch Atomkraftwerken, anbieten. Denn gerade hier entsteht ein stark wachsendes Geschäftsfeld. «Mittelfristig», so wünscht sich Konzernchefin Staiblin, sollen diese «neuen Opportunitäten» mit 40 Prozent am Geschäft der Alpiq partizipieren.

Das Problem ist nur: Diese nicht ganz neuen Tätigkeitsfelder haben schon andere Firmen früher als die Alpiq entdeckt. Ob es dem staatlichen Stromkonzern gelingt, nicht nur auf diesen fahrenden Zug aufzuspringen, sondern obendrein noch den Führerstand zu erobern, muss sich erst noch weisen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Die Politik der Stromkonzerne

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Eine Meinung

Planwirtschaft X Privatwirtschaft hoch zwei....
Wahrscheinlich kommen immer stramm linientreue Dogmatiker zu den Chefposten. Weitsicht und Kreativität lässt sich bei den Selektionskriterien der Kopfjäger nicht messbar integrieren.
Karrer verliess seinen Posten, man darf gewiss eigene Überlegungen über mögliche Gründe seines Abgangs machen...
Urs Lachenmeier, am 06. März 2014 um 20:56 Uhr

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