Bienen, Bienensterben, Neonicotinoide, Pestizide, Bret Adee, New York Times © NYT

Titelstory der New York Times: Der grösste Bestäubungsunternehmer der USA warnt

Der Bestäubungsindustrie gehen die Bienen aus

Red. / 05. Mrz 2017 - Die US-Landwirtschaft hängt von ihnen ab, doch die Bienenzüchter stecken in der Krise. Sie haben immer weniger Bienen.

Bret Adee zählt Bäume. Während die Umrisse der kalifornischen Tejon Hills im Morgengrauen gerade erst sichtbar werden, hängt der Bestäubungsunternehmer kleine weisse Fähnchen an Mandelbäume. Jede 16. Reihe in der Plantage markiert er, damit seine Angestellten wissen, wo sie seine Bienenstöcke platzieren sollen.

Die Verteilung ähnelt einer Militäroperation. Während der Hochsaison zwischen Januar und Anfang Mai müssen 92‘000 Stöcke über schlammige Feldwege vor Ort gebracht und verteilt werden, bevor Gemüse und Obstbäume zu blühen beginnen. 200 Dollar bezahlen Adees Kunden für einen Stock, in 2006 kostete er noch durchschnittlich 154 Dollar, die Preise steigen ständig. Trotzdem sind Bestäubungsdienste kein so gutes Geschäft, wie man meinen könnte, schreibt die «New York Times» in einer Reportage über den grössten Bestäubungsunternehmer der USA. Denn den Züchtern gehen die Bienen aus.

Ein Teil der Bienen, die in Kalifornien Mandeln, Broccoli und Avocados oder in den US-Staaten Oregon und Washington Kirsch- und Apfelbäume bestäuben müssen, müssen mit Lastwagen sogar von Florida herangekarrt werden.

Den Züchtern sterben die Bienen weg

Adee ist froh, dass er überhaupt noch mitmischen kann. Es ist ihm gelungen, im Geschäft zu bleiben, indem er kleinere Unternehmen aufkaufte. Und er hatte Glück. Im vergangenen Jahr musste er sich zwar Bienen leihen, um seine Verpflichtungen erfüllen zu können, insgesamt hat es ihn aber weniger hart erwischt als manch anderen.

In den zwölf Monaten bis zum April 2016 haben die Züchter in den USA 44 Prozent ihrer Bienen verloren. Vor ungefähr zehn Jahren verlor ein Züchter pro Jahr noch etwa 10 bis 15 Prozent. Dann begann sich eine rätselhafte Krankheit unter den Bienen auszubreiten. Manche Bienenhalter verloren fast alle ihre Völker. Warum, das weiss man noch immer nicht genau. Ob es an der Klimaerwärmung liegt, die das Lebensumfeld der Bienen verändert hat, ob Pestizide der Grund sind, Krankheiten oder alles zusammen, wird heftig diskutiert.

Adee schätzt die Verluste professioneller Bienenzüchter über die vergangenen fünf Jahre auf «gut 1,2 Milliarden Dollar». Das ist viel für eine kleine US-Branche, deren Wert das «Honey Bee Advisory Board» im Jahr 2012 auf nur 500 Millionen Dollar schätzte.

Mehr Erfolg durch weniger Pestizide

Seinen Erfolg in dieser Saison macht Adee an zwei Dingen fest: Am Aufkauf eines anderen Bienenzüchters und am Rückgang einer Blattlausart, die in den Jahren zuvor die Sojapflanzungen in South Dakota heimgesucht hatte. In Dakota, Nebraska und Minnesota verbringen seine Bienen den Sommer, wenn ihre Arbeit auf den kalifornischen Plantagen getan ist.

Durch die geringe Zahl an Blattläusen sei die Anwendung von Neonicotinoiden, einer Pestizidklasse, zurückgegangen, erklärt er. Gesprayt worden sei nur einmal, bevor er seine Bienen ins Sommerquartier brachte.

Einige Studien bringen Neonicotinoide oder Neonics mit dem Bienensterben in Verbindung. Dass Pestizide mit dem rätselhaften Bienentod zu tun haben, steht für Adee ausser Frage. «Je mehr man darüber weiss, desto klarer wird, dass zwischen den Pestiziden, die in den letzten zehn Jahren überall versprüht wurden, und dem, was mit den Bienen passiert, ein Zusammenhang besteht», sagte er der «New York Times».

Es fehlt an übergreifenden Studien

Adee sieht als Ursache des Bienensterbens eine ganze Reihe von Faktoren. Es fehle an Forschungsarbeiten, die mehrere Faktoren einbeziehen, findet auch Bienenexperte James Frazier von der Pennsylvania State University.

Mit dem Bienensterben fertig zu werden sei «schwieriger als Krebs zu heilen», beschreibt der Wissenschaftler. Bienen seien inzwischen grösseren Mengen an Pestiziden ausgesetzt als früher, was ihr Immunsystem schwäche. Sie bekämen schneller Parasiten, die wiederum Krankheiten verbreiten.

Zudem gibt es in den letzten Jahrzehnten immer mehr Plantagen und sie werden anders bewirtschaftet. Zum Beispiel lassen die Farmer den Unterbewuchs inzwischen nicht mehr stehen, um Wasser zu sparen, was die Biodiversität einschränkt. Bis zur Blüte müssen die Bienen deshalb künstlich ernährt werden. Es braucht immer mehr Bienen zur Bestäubung, Stämme verschiedener Züchter mischen sich und übertragen so Krankheiten.

Enger Zusammenhalt in einer anspruchsvollen Branche

Adees Familie züchtet Bienen seit der Grossen Depression in den 1930er Jahren. Als das Geschäft mit Honig nicht mehr rentierte, verlegte sie sich auf Bestäubungsdienste. Während der Saison verlässt der Unternehmer morgens um halb sechs Uhr das Haus, um Plantagen zu markieren. Er achtet darauf, dass die Stöcke nicht im Wasser stehen und warnt die Fahrer der Lastwagen mit den Bienenstöcken vor Stellen, an denen sein eigener Pick-Up im Schlamm schlittert. Bienen müssen nachts transportiert werden, das macht das Geschäft anspruchsvoll.

In den Pausen telefoniert er, wenn sein Handy Empfang hat. Ein anderer Züchter hat seine Bienen verloren, nachdem eine nahegelegene Farm organische Phosphate versprüht hat. «Das war illegal, und die Gemeinde weiss das», sagt Adee und spricht mit einem Anwalt. Der Züchter braucht Hilfe, weil die Angelegenheit von der Gemeinde nur schleppend behandelt wird.

Die professionellen Bienenhalter sind eine kleine Gemeinschaft, die zusammenhält. Das müssen sie auch. Seit 2011 gibt es in den USA keine öffentliche Versicherung für Bienenzüchter mehr. Eine Gruppe von ihnen hat die US-Umweltbehörde EPA verklagt, damit diese Registrierungsvorschriften für pestizidbehandeltes Saatgut erlässt, das nach ihrer Ansicht Bienen schadet.

Eine Krise, die alle angeht

Für die Züchter ist die bisherige Untätigkeit der EPA unverständlich. Denn es gäbe gute Gründe, sich Sorgen zu machen – nicht nur für die Bestäubungsindustrie. Für Adees Kunden, die kalifornischen Farmer, wird jedes Jahr zur Zitterpartie: Ohne Bienen gibt es keine Mandelernte, kein Obst und kein Gemüse.

Von den 100 Pflanzenarten, die 90 Prozent der Welternährung ausmachen, hängen 71 von der Bestäubung durch Bienen ab. In Kalifornien «fragen wir uns zu dieser Jahreszeit immer, ob wir noch genügend Bienen haben», erklärte Bob Curtis, Direktor des «Almond Board», einer Vereinigung von Mandeln-Pflanzern. Noch ist es in Kalifornien nicht so weit wie in einigen Regionen Chinas, wo billige Arbeitskräfte die Bäume von Hand bestäuben müssen.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Diesen Beitrag hat Daniela Gschweng aufgrund eines Artikels der«New York Times» produziert.

Weiterführende Informationen

«A Bee Mogul Confronts the Crisis in His Field», New York Times

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4 Meinungen

Es scheint, dass in einigen Weltgegenden die Eskalationsstufe 2 erreicht worden ist: Zuerst wurden wegen Pestizideinsatz und Monokulturen die natürlichen Bestäuber-Insekten dezimiert; jetzt kommen auch die künstlich gezüchteten und zu den Plantagen gekarrten Honigbienen dran. What is next?
Ruedi Jörg's-Fromm
Ruedi Jörg-Fromm, am 05. März 2017 um 11:32 Uhr
Bestäubungsindustrie... macht deutlich wie völlig Irr unsere Wege sind.

http://wildbieneundpartner.ch/wildbienen/

hier kann man nachlesen was es so auf sich hat mit unserem Lebensraum und dem der Tiere.

Die Mehrheit der Bevölkerung denkt bei Bienen in erster Linie an Honig und damit zwangsweise an die seit Jahrhunderten domestizierte Honigbiene. Selbst wenn von Wildbienen gesprochen wird, wird meist angenommen, dass damit verwilderte Honigbienen gemeint sind. Dass es aber nebst der Honigbiene alleine in der Schweiz noch über 600 andere Bienenarten gibt, die keinen Honig produzieren, war bis vor Kurzem nur eingefleischten Insektenfreunden bekannt. Dies überrascht umso mehr, wenn man in Betracht zieht, dass diese unermüdlich arbeitenden Tiere für einen Grossteil der Bestäubung unserer Kultur- und Wildpflanzen verantwortlich sind.
Uwe Borck, am 05. März 2017 um 15:29 Uhr
Die «chemische Keule» war und ist die Weiterführung der Chemiewaffen des zweiten Weltkriegs im Zivilleben. Der «Krieg» wird heute gegen Krankheiten und «Schädlinge» geführt, auf den Äckern und Plantagen. Da die Nützlinge mit ausgerottet werden, sowie ihre Nahrungsgrundlagen, werden wir die Nahrungspflanzen bald selber bestäuben müssen.
Und gegen unsere Krankheiten gibt es ja auch wieder Chemie ...

Dabei wäre die Natur in der Lage, durch die Artenvielfalt in kurzer Zeit immer wieder ein Gleichgewicht herbeizuführen. Doch unsere Agro- und Chemie-Industrien lassen ihr keinen Raum mehr. Wo sind die Wiesenblumen geblieben, die Schmetterlinge u.a.m.?
Daniel Nägeli, am 06. März 2017 um 16:19 Uhr
Die ganze Problematik hat Markus Imhoof schon 2012 in seinem fantstischen Film «More Than Honey» aufgezeigt.
5 Jahre sind vergangen, nichts wurde umgesetzt. Nein, im Gegenteil es werden immer mehr Pestizide versprüht.
Wie wollte Harald Lesch doch eines seiner Bücher zum Umgang der Menschen mit der Natur doch betiteln? «Die Erde hat Mensch». Es heisst nun halt: «Die Menschheit schafft sich ab.»
Für diejenigen welche nun nich gerade ein Buch lesen wollen genügt es auch nur mal «Harald Lesch hat genug» zu googeln und sich die 10 Minuten Zeit zu nehmen ihm zuzuhören.
René Werner, am 07. März 2017 um 12:34 Uhr

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