Landschaftsschützer Hans Weiss: «Wenn nötig per Referendum» © hw

Landschaftsschützer Hans Weiss: «Wenn nötig per Referendum»

«Der schleichende Verlust geht ungebremst weiter»

Kurt Marti / 28. Okt 2014 - Die Landschaften von nationaler Bedeutung (BLN) stehen immer stärker unter Druck, warnt der Landschaftsschützer Hans Weiss*.

Infosperber: Was macht eine schöne und intakte Landschaft aus?

Hans Weiss: Zum Glück gibt es keine wissenschaftliche Skala, mit der man die Schönheit einer Landschaft messen kann. Das Matterhorn ist zwar einzigartig, aber nicht schöner als stille Weidwaldungen im Jura oder das Neeracherried im Zürcher Unterland. Intakte Landschaften sind eine Art Speicher, welche uns die Natur und den Umgang der Menschen, die vor uns lebten, erleben lassen.

Weshalb brauchen schöne Landschaften einen besonderen Schutz?

Weil sie ohne Schutz die spekulative Verwertung anziehen, gerade wie Kuhmist die Fliegen. Ohne einen vom Parlament 1973 erlassenen Bundesbeschluss über dringliche Massnahmen der Raumplanung wären viele sehr schöne Landschaften, mit denen heute Schweiz Tourismus Werbung macht, auch noch dem Mammon geopfert worden.

Sind BLN-Gebiete ein taugliches Mittel zum Schutz von Landschaften?

Das BLN ist eine wertvolle Ergänzung. Mit solchen Landschaften kann beispielhaft gezeigt werden, wie ein nachhaltiger Umgang mit unvermehrbaren und nicht ersetzbaren Umwelt- und Kulturgütern in die Praxis umgesetzt werden kann. Übrigens gilt die Pflicht zur Berücksichtigung des Landschaftsschutzes überall, unabhängig davon, ob ein Objekt im BLN-Inventar aufgeführt ist oder nicht.

Wo sehen Sie aktuell die grösste Gefahr für den BLN-Schutz?

In erster Linie muss – wenn nötig per Referendum – verhindert werden, dass die von Sonderinteressen unabhängige Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission ihr faktisches Vetorecht bei der Beurteilung von geplanten Eingriffen verliert und dass – wie es Vorstösse im Parlament wollen – die Erstellung von neuen Kleinwasserkraftwerken und Windturbinen als nationales Interesse erklärt wird. Unter dem verfänglichen Titel der umweltfreundlichen Energie und angeheizt von der kostendeckenden Einspeisevergütung droht nun ein eigentlicher Ausverkauf letzter frei fliessender Gewässer, auch wenn sich damit energetisch nicht einmal ein Linsengericht gewinnen liesse. Damit würde das BLN-Inventar definitiv zum Etikettenschwindel.

Letzten Frühling hat eine Koalition aus Berggebiets- und Wirtschaftsverbänden vor «einem einseitigen Landschaftsschutz ohne Rücksicht auf die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Bergbevölkerung» gewarnt. Verhindert der BLN-Schutz die Entwicklung der Berggebiete?

Das Gegenteil ist der Fall. Ich kenne kein einziges BLN-Gebiet, wo der Schutz eine nachhaltige Nutzung verhindert hätte! (Wer das bestreitet, nenne mir eines!) Unverdorbene Landschaften und eine intakte Umwelt sind der wichtigste Trumpf für einen nachhaltigen Tourismus und auch für die Ansiedlung von innovativen Unternehmen.

Gibt es überhaupt BLN-Gebiete, die vorbildlich geschützt sind?

Es gibt sicher Massnahmen, die vorbildlich sind. Ich denke dabei an die Schaffung und das Management von älteren oder neueren Naturreservaten, wie etwa den Nationalpark oder den Aletschwald, die schon lange vor dem BLN bestanden. Seit einiger Zeit gehören dazu auch die Renaturierung von Gewässern oder die teilweise erfolgreichen Bestrebungen zur Wiederansiedlung bedrohter Tierarten. Aber dass ein grösseres BLN-Gebiet als ganzes vorbildlich erhalten worden wäre, ist mir nicht bekannt. Im Gegenteil, die «Erosion» in Form eines schleichenden Verlustes an Naturwerten und Ursprünglichkeit ging in den letzten drei oder vier Jahrzehnten auch in BLN-Gebieten beinahe ungebremst weiter.

Wenn Sie auf Ihre jahrzehntelange Karriere als Landschaftsschützer zurückblicken, welches waren Ihre grössten Erfolge?

Ein grosser Erfolg war die Rettung der Greina. Nicht etwa infolge des Landschaftsrappens – der kam erst später –, sondern weil die Stiftung Landschaftsschutz den Verwaltungsrat der damaligen Nordostschweizerischen Kraftwerke NOK 1986 zum Verzicht auf die Verlängerung der rechtsgültigen Konzession bewegen konnte. Erfolgreich waren wir auch, als es anfangs der 1970er Jahre um die Rettung der Oberengadiner Seenlandschaft ging. Oder in den 1980er Jahren um das Baltschiedertal und das Laggintal im Wallis, wo Wasserkraftwerke geplant waren (beide Täler gehören heute zum BLN) oder etwa der grossartigen Flussauenlandschaft am Hinterrhein in Graubünden, wo der Kanton eine vierspurige Autobahn projektiert hatte. Ich betone aber, dass solche Erfolge immer auch dem Zusammenwirken von gelungenen Allianzen und nicht selten dem Bundesgericht zu verdanken sind.

Gab es auch schmerzliche Niederlagen?

Weitgehend erfolglos war mein Einsatz gegen künstliche Skipisten, gegen die immer weitergehende Asphaltierung von Güter- , Flur- und Alpwegen und allgemein gegen die kaum gebremste strassenmässige Erschliessung und die damit einhergehende Förderung der Zersiedelung weiter Landeseile. Ich tröste mich jeweils mit dem Gedanken, dass all das ohne die gemeinsamen Anstrengungen noch viel schlimmer wäre.

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*Hans Weiss war Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) (1970 – 1991) und anschliessend des Fonds Landschaft Schweiz (FLS).

Dieser Artikel ist erstmals im Pro Natura Magazin/Oktober 2014 erschienen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Kurt Marti war früher Beirat (bis Januar 2012), Geschäftsleiter (bis 1996) und Redaktor (bis 2003) der Schweizerischen Energie-Stiftung SES

Weiterführende Informationen

Der BLN-Schutz ist löchrig wie ein Sieb
Dossier: Schutz der Natur und der Landschaft

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Eine Meinung

So geht es eben leider, wenn man es der Wirtschaft und den Internationalisten überlässt, beliebig viele Leute in unser kleines Land zu holen. Auch die SVP hat das Stimmvolk da hintergangen.
All die Appelle für «Masshalten», die man heute wieder verstärkt hört, sind scheinheilig und wohl nur für den Abstimmungskampf.
Keiner einzigen Partei kann man da noch trauen, alle Parlamentarier haben nur ihre Eigeninteressen im Blick, leider. Wes Brot ich ess ...
Daniel Nägeli, am 29. Oktober 2014 um 10:04 Uhr

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