Zur Doppelmoral der USA

Christian Müller © aw
Christian Müller / 15. Jan 2017 - Zum Glück gibt es das «Echo der Zeit»: Ein Gespräch mit einem US-amerikanischen Historiker lässt aufhorchen!

Schon fast seit Wochen dominiert EIN Thema die Schlagzeilen der westlichen Welt: die vermutete oder tatsächliche Einmischung Russlands in die Präsidentschaftswahlen der USA.

Vor ein paar Tagen nun hat Marc Trachtenberg, Historiker und Professor für Politologie an der Kalifornischen Universität in Los Angeles, in der Zeitschrift Foreign Policy eine Kolumne veröffentlicht, in der er darauf aufmerksam macht, dass sich die USA selbst schon immer in die Wahlen in anderen Ländern und in deren Politik eingemischt haben. Und er nannte prominente Beispiele. Zu den Betroffenen Staaten gehört zum Beispiel auch Deutschland.

Marc Trachtenberg macht darauf aufmerksam, dass die Aufregung über eine mögliche Einmischung Russlands nichts anderes ist als Ausdruck einer üblen Doppelmoral: Wenn die USA sich in die Politik anderer Länder einmischen, dann ist das ganz normal, wenn aber andere Länder sich in die Politik der USA einmischen, dann ist das absolut inakzeptabel.

Jetzt hat das Echo der Zeit auf Radio SRF mit diesem Professor ein Gespräch geführt. Siebeneinhalb Minuten, absolut hörenswert! (Und wie so oft ein Beleg dafür, wie unentbehrlich die SRG als unabhängige Informationsquelle ist. Welche Zeitung in privatem Besitz, welche private TV- oder Radio-Station erweist sich in der Berichterstattung wirklich als unabhängig, zum Beispiel auch angemessen kritisch gegenüber den USA?)

Wer lieber gleich den Originalartikel von Marc Trachtenberg liest (in englischer Sprache), kann ihn unten einsehen und/oder downloaden.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

US-amerikanische Propaganda faktentreu? (auf Infosperber)
Wie Du mir so ich Dir (auf Infosperber)
Marc Trachtenberg zur Doppelmoral der USA (in englisch)

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7 Meinungen

Treffende Kolumne von Christian Müller mit Ausnahme des Begriffs «Doppelmoral». Ich gehe davon aus, dass die Politik von Donald Trump, was immer sie sonst sein wird, im Vergleich zur Politik in den Vereinigten Staaten in den vergangenen 80 Jahren in hohem Grade moralfrei sein wird. Das könnte sogar das einzige wirklich berechenbare Moment in der neuen amerikanischen Politik sein. Paradoxerweise und sogar aus historischer Erfahrung muss eine moralfreie Politik im Einzelfall nicht gefährlicher sein als eine moralistische, weil Moral nicht erst seit den Analysen von Nietzsche als sublimierte Aggression denunziert werden kann, was im übrigen auch in die etwas tantenhaft geratenen Ethik-Lektionen von Frau Sutter, für die sich hier bedauerlicherweise kaum jemand interessiert, hätte Eingang finden können. Anregend und zu den Ausführungen von Christian Müller indirekt passend finde ich die Infosperber-Diskussion um den Artikel von Erich Gysling um die Neuauflage des Kalten Krieges. Gysling, diesmal ziemlich umstritten, müsste sich vor einem amerikanischen Professor in Sachen Analysefähigkeit im Prinzip nicht verstecken, wiewohl man schon Überzeugenderes von ihm gelesen hat. Mit der NZZ kann er noch alleweil Schritt halten. Das ist es vielleicht gerade, was einigen nicht passt.
Pirmin Meier, am 15. Januar 2017 um 12:41 Uhr
Vielen Dank für diesen Hinweis, Herr Müller

Schön zu sehen, dass es innerhalb der SRF noch Journalisten gibt, die sich getrauen USA kritisch zu sein.
(Im SRF TV sind die praktisch ausgestorben.)

Ich habe mir das Interview gerade via Internet angehört; «absolut hörenswert», finde ich auch.
Christoph Meier, am 15. Januar 2017 um 12:42 Uhr
@Pirmin Meier

Warum stört Sie die «Doppelmoral» im vorliegende Kontext?
Trachtenberg hat das doch gut erklärt. (Ich habe das Interview gehört; die Kolumne habe ich noch nicht gelesen.)

Ich verstehe auch nicht, warum Sie Donald Trump ins Spiel bringen. Der wurde von Trachtenberg auch nicht erwähnt, und unabhängig davon, sehe ich keinen Zusammenhang.

Scheint so, dass ihre Analysefähigkeit meine Aufnahmefähigkeit weit übersteigt ;-)
Christoph Meier, am 15. Januar 2017 um 12:49 Uhr
@Christoph M. Es geht um das Vorwärtsschauen. Auf was ich verweisen wollte: den ethischen Unterschied zwischen Doppelmoral und Immoralismus. Vielleicht verhalte ich mich da als ehemaliger Ehtiklehrer etwas «onkelhaft», so wie ich Frau Sutter etwas antifeministisch klingend leider «tantenhaft» nannte. Inhaltlich erklärte ich mich ja sonst mit Christian Müller einverstanden, möchte da zumal die uralte US-Gewohnheit des Einmischens in Wahlen nennen. Es mag auch richtig sein, dass in der bisherigen Politik der Vereinigten Staaten Doppelmoral häufig eine charakteristische Rolle spielte. Hierzu noch eine Schlussbemerkung des Ethiklehrers: Doppelmoral ist vielfach eine Folge von Hypermoral. Je moralischer wir sind, zum Beispiel auf dem Gebiet der Sexualität oder der Politik oder der Wirtschaft; umso wichtiger ist es, wie die Jesuiten es ausdrückten, «geheime Vorbehalte» einzubringen, weil zu viel Moral im Geschäftsleben, in der Wirtschaft und in der Politik, nicht zuletzt auch in der Sexualität, einen handlungsunfähig machen kann. So erzeugt der Moralismus, d.h. ein intensivierter moralischer Standpunkt, oft und sogar regelmässig Doppelmoral. Unter den vielen Vorwürfen, die man Trump und übrigens auch Putin machen kann, steht starke Orientierung nach Moral selten im Vordergrund. Man verwechselt die beiden schon nicht gleich mit Papst Franziskus, der seinerseits bis anhin keinen widerspruchsfreien Pontifikat hingelegt hat. Moralisten werden regelmässig bei Doppelmoral ertappt.
Pirmin Meier, am 15. Januar 2017 um 13:14 Uhr
Herr Müller, können Sie mir bitte die Quelle genau nennen? An welchem Tag wurde diese Sendung ausgestrahlt? Ich konnte leider den Beitrag nicht finden...

Kann ich natürlich: am Samstag, 14. Januar 2017, auf SRF 1 um 18 Uhr. Sie können aber auch einfach auf den Link in meinem Beitrag klicken, dann hören Sie die Sendung. cm

Marc Blume, am 16. Januar 2017 um 23:05 Uhr
Besten Dank für den Hinweis. Bin froh, dass das Echo der Zeit seine Aufgabe ernst nimmt. Genau so wünsche ich mir die Berichterstattung der öffentlich rechtlichen Medien. Nur so ist eine „Zwangsgebühr“ zurechtfertiget.
Guido Besmer, am 17. Januar 2017 um 11:32 Uhr
Ich frage mich, für Wen, diese SRF unentbehrlich ist?
Andy Byland, am 17. Januar 2017 um 17:57 Uhr

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