kontertext: Ein Abschiedsgruss aus den Ruinen

Bernhard Bonjour © cc
Bernhard Bonjour / 30. Nov 2016 - Nach den Basler Wahlen: Der Va-t-en-guerre auf dem Rückzug? Von grosser Wirrnis und neuen Hoffnungen bei Markus Somm.

Was ist in den Basler Wahlen geschehen? Man darf feststellen: Nichts. Die Machtteilung zwischen linker Mitte (SP und Grüne) und traditioneller Rechten (Liberale, CVP, FDP) ist bestätigt worden. Fast wäre es, als Reaktion auf die wilden Kampagnen der «Basler Zeitung», noch zur Wahl einer Linken in die Regierung gekommen. Aber eben nur fast.

Was bedeutet das für den Versuch von Christoph Blocher, mit der «Basler Zeitung» die politischen Kräfteverhältnisse in Basel auf den Kopf zu stellen, indem die traditionelle Rechte auf den Kurs der radikalen Rechten (SVP) verpflichtet wird («bürgerliche Zusammenarbeit»)? Der General (oder war es doch nur ein Feldweibel?), der für diesen Feldzug abkommandiert wurde, gesteht die Niederlage unumwunden ein: Majestät, wir haben den Krieg verloren.

Entschuldigen Sie den militärischen Jargon. Er drängt sich auf, wenn man den Kommentar von Markus Somm in der BaZ liest, diesmal schon am Tag nach den Wahlen. «In diesen Stunden der Niederlage», hebt er an. Damit gesteht Somm zum ersten Mal offen ein, was er sonst immer weit von sich wies: Dass er mit der Zeitung, die ihm Blocher zur Verfügung stellte, einen politischen Auftrag zu erfüllen hatte. Der SP-Regierungsrat Hans-Peter Wessels habe «eine monatelange Kampagne der BaZ gegen sich überlebt.» Ziel war die Zerstörung Wessels, gibt Somm in ungewohnter Offenheit zu, die wohl der Bitterkeit der aktuellen Stunde geschuldet ist: Wessels sei offenbar «unzerstörbar», klagt er.

«Kampagne» heisst ursprünglich Feldzug. Der Kommentar trieft auch sonst von kriegerischem Vokabular. Man habe «der Linken» das Regierungspräsidium «entreissen» wollen und sei gescheitert, trotz «Schulterschluss» (man denkt an den Ursprung dieses Wortes: die Schlachtreihen). Die FDP sei «dezimiert» worden (hier denkt man an Karl den Grossen, der die Reihen aufständischer Heere nach deren Niederlage lichtete). Die SVP «verdurstet in der Wüste der Regierungslosen» (man denkt an den Feldzug der deutschen Kolonialtruppen gegen die Hereros, der einübte, was später vom Nationalsozialismus in Europa weitergeführt wurde). Kritisiert werden die Regierungsräte der traditionellen Rechten, er nennt sie die «jungen Schwiegersöhne aus bürgerlichem Hause», die nur «der Linken» dazu dienten, «ihre Alleinherrschaft zu bemänteln.» Somm sagt, was sie stattdessen hätten tun sollen: «Bürgerlichen Widerstand» hätten sie leisten müssen, die «liberalen Prinzipien (...) bis zum letzten Blutstropfen» verteidigen, «um dann ehrenvoll massakriert zu werden.»

Tief unten in der Seele Somms scheint etwas Unbewältigtes zu rumoren, das mit Kriegssehnsucht und militärischer Karriere zu tun hat. Es kam schon in früheren Kommentaren an die Oberfläche, etwa mit der Aufforderung an Israel, endlich Krieg zu führen gegen den Iran (BaZ 19.11.2011), mit der «Sehnsucht nach dem Kaiser» (BaZ 25.8.2012) oder mit der Behauptung, dass der Erste Weltkrieg nicht zur Katastrophe geworden wäre, wenn nur die Briten nicht gegen die Deutschen eingegriffen hätten, besser wäre es gewesen, wenn man die kaiserlichen Deutschen hätte siegen lassen (BaZ 10.5.2014). Dazu kam dann noch der Versuch einer Ehrenrettung für Hermann Göring, die Nummer Zwei des Nationalsozialismus: im Grunde sei er nicht so böse gewesen.

Die seelischen Abgründe von Somm brauchen uns aber weiter nicht zu interessieren. Spannender ist: Er bestätigt implizit die Prognose von Alfred Schlienger im «kontertext» vom 26. Oktober, dass seine Zeit in der BaZ ausgelaufen sei. Des Chefredaktors und Mitbesitzers Kommentar zu den Basler Wahlen endet mit: «Wir wünschen viel Glück.» Das tönt wie ein schon aus der Ferne gesandter Abschiedsgruss an Basel.

Auch aus der Redaktion sind vorsichtige Zeichen wahrzunehmen, dass man sich für den Wechsel vorsieht. Somm hatte seinen euphorisierten Kommentar über die Wahl Trumps mit der schamlosen Schlagzeile gekrönt «Friede den Hütten, Krieg den Palästen» (ungenau zitiert aus Büchner, ursprünglich eine Parole der französischen Revolutionstruppen – wieder eine Kriegsreferenz!), Christine Richard wagte im Kultur-Teil eine schmale Widerrede unter dem Titel «Friede den Hütten, Krieg den Trump-Towers» (BaZ 11.9.2016, nicht im Netz). Man will, wenn alles vorbei ist, sich rechtfertigen können, man habe nicht alles mitgemacht, man habe sogar widersprochen. Andere allerdings pflegen den BaZ-typischen Diffamierungs-Stil treu weiter. Alessandra Paone über die neugewählte Regierungspräsidentin: «Neben Mück wirkt Elisabeth Ackermann geradezu wie ein strahlender Weihnachtsbaum. Mit diesem Ausdruck der Glückseligkeit, der seit dem Wahlerfolg am 23. Oktober ihr Gesicht prägt, als hätte sie ihn sich tätowieren lassen, nimmt sie die Gratulationen entgegen.» (BaZ 28.11.2016)

Man kann also befriedigt feststellen: Somm hat in Basel – ausser Stillosigkeit – nichts bewirkt. Man kann sogar soweit gehen, sich zu fragen, ob die Befürchtungen bei der Übernahme der BaZ nicht übertrieben waren. Letztlich ist das Scheitern Somms aber der Widerstandskraft der Baslerinnen und Basler zu verdanken und nicht dem fehlenden Zerstörungswillen.

Man kann aber auch weiter beunruhigt sein. Nicht aus Sorge vor Somms weiterer Karriere (er scheint ein General «sans fortune» zu sein), sondern vor einer Entwicklung, die er schon spürt, auch wenn er sie nicht analytisch bewältigen kann. Die beunruhigende Wirkung der Blocher-Somm'schen Kampagne in der Basler Medienlandschaft besteht darin, das Vertrauen in die Funktion der Medien für die Gesellschaft und die Demokratie zerstört zu haben. Die zwei verschulden das nicht alleine, aber sie haben den Funktionsverlust der traditionellen Medien in der Basler Ecke weit vorangetrieben. Die traditionellen Medien werden jetzt abgelöst vom argumentationsfreien Twitter, von der über sogenannte soziale Medien weitergeleiteten Lüge. Das zerstört Demokratie.

Folgerichtig ist Somm seit der Wahl Trumps in Euphorie geraten. Aus dem erwähnten «Hütten – Paläste»-Kommentar: «Es ist eine Revolution, die vor unseren Augen stattgefunden hat – und mit Goethe, dem grossen Dichter, können wir sagen: Wir sind dabei gewesen.» (Nebenbei verrät er, und das ist sein Pech, weil er seine Artikel offenbar nicht gegenlesen lässt, was er von seinen Leserinnen und Lesern hält, wenn er meint, ihnen Goethe erklären zu müssen: der grosse Dichter.) «Die Mehrheit der Leute», meinte er damals noch, habe Trump gewählt, und zwar «der einfachen, normalen Leute». «Das Volk entscheidet, nicht die Elite. Es ist die grösste Ohrfeige aller Zeiten.» Man müsse weit zurückgehen, um Ähnliches zu finden – wobei er, der sich doch so gerne als Historiker bezeichnet, seine historische Perspektive «aller Zeiten» im Blick zurück dann doch schon bei 1989 enden lässt.

Woher diese Verwirrung und das Durcheinander aller Begriffe? Wenn Somm (wie sein Geldgeber) gegen die «Elite» schimpft, meint er damit eben nicht die Reichen, die Mächtigen und die Privilegierten, sondern er meint diejenigen, die versuchen, den Anstand zu definieren, eine Ethik in der politischen Auseinandersetzung, in der Sprache, im Journalismus aufrechtzuerhalten. Von dieser aufgeklärten Bürgerlichkeit will er nichts wissen, wenn er den bürgerlichen Schulterschluss fordert. Nicht Zivilisation ist sein Ding (pfui, Elite), sondern Krieg, Zerstörung. Es geht um einen Kulturkampf.

Aus der Entwicklung in den USA scheint er Hoffnung zu schöpfen: Endlich ist Schluss mit dem mühsamen Anspruch auf Faktentreue, Begriffsklarheit, Logik und Ehrlichkeit in der Argumentation – Schluss mit der Forderung nach Anstand. Man kann jetzt gewinnen mit blossen Sprüchen und flotter Aggressivität und ohne Anstand. Nicht dass er das mit der BaZ nicht schon lange so praktizierte. An der Wahl Trumps fasziniert ihn, dass er sich darin gerechtfertigt sieht: Der Sieger hat immer recht, und mit ihm bekommt recht, wer sich der gleichen Methoden bedient.

Stillosigkeit ist eben nicht Nebensache, sie kann Wirkung entfalten. Das ist es, was uns Somm in Basel zurücklässt. Die Leserinnen und Leser sind vertrieben, die Lust auf Zeitungslesen und das Bewusstsein, dass es sinnvoll ist, wenn die Demokratie funktionieren soll, sind weg, und das fatalerweise vor allem bei den jüngeren Generationen. Seinen Kommentar zu den Basler Wahlen überschrieb Somm mit dem surrealen Titel «In den Ruinen des bürgerlichen Basel». Ich bin nicht sicher, ob man nach Blocher-Somm aus den Ruinen der Basler Medienlandschaft wieder etwas Sinnvolles wird bauen können.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Matthias Knauer, Guy Krneta, Corina Lanfranci, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

  • Bernhard Bonjour war 1979-81 Mitglied des Redaktionskollektivs der Basler AZ, 1982-2015 Geschichtslehrer des Gymnasiums Muttenz, heute Stiftungsrat und Lehrer der Alternativschule SOL - Schule für Offenes Lernen in Liestal, Einwohnerrat für die SP Liestal, Gewerkschafter (VPOD), im Team von «RettetBasel!»

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2 Meinungen

Ich stelle tief befriedigt fest, dass die Sommsche/Blochersche «Angriffswellen» verschiedentlich dazu führen, Texte genauer zu untersuchen und Argumente aus dieser Analyse zu gewinnen. So geschehen jetzt im Beitrag von Bernhard Bonjour, so seit einiger Zeit geübt in «Geschichten der Gegenwart» oder im «Journal21». Da behaupte noch einer, Geisteswissenschaften dienten nur dem Geschäft von l'art pour l'art.
Max Haas, am 30. November 2016 um 12:40 Uhr
Soso, unter der linksbürgerlichen Basler Hegemonialkultur vor Blocher war alles in Ordnung? Und dann hat Blocher «das Vertrauen in die Funktion der Medien für die Gesellschaft und die Demokratie zerstört"?
Tja, wenn man meint, dass «die Funktion der Medien» darin besteht, eine Hegemonie aufrechtzuerhalten - und dass Dissidenz «die Gesellschaft und die Demokratie zerstört» - dann muss man wohl zu dieser Auffassung kommen.
Rainer Möller, am 30. November 2016 um 23:25 Uhr

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