Vom Zika-Virus geschädigte Kinder © cc

Vom Zika-Virus geschädigte Kinder

Hunderte Behinderte wegen Abtreibungsgegnern

Red. / 27. Jan 2017 - Die WHO und die US-Regierung haben Zika-bedrohten Frauen Informationen vorenthalten - aus Angst vor Abtreibungsgegnern.

Weil die Weltgesundheitsorganisation WHO und die renommierten «Centers for Disease Control» in den USA Informationen über Schwangerschaftsverhütung und Abtreibung unterschlagen haben, werden wegen Infektionen durch den Zika-Virus «wahrscheinlich zehntausende» behinderter Kinder geboren, schreibt die «New York Times».

Die von der Angst vor militanten Abtreibungsgegnern in den USA diktierte Zurückhaltung wird nun Washingtons offizielle Politik. Der neue US-Präsident Trump hat als eine seiner ersten Amtshandlungen einen Hilfsgeld-Stopp wiederbelebt, der seit den achtziger Jahren von republikanischen Präsidenten aktiviert und von demokratischen aufgehoben wird. Ausländische Hilfsorganisationen müssen der «Abtreibung als Methode der Familienplanung» abschwören («weder durchführen noch aktiv propagieren»), um in den Genuss von Hilfsgeldern aus dem amerikanischen Steuersäckel zu gelangen – auch dann, wenn die verfemten Aktivitäten nicht mit US-Geld finanziert werden. Trump hat die Regel noch verschärft. Ging es bislang nur um amerikanische Unterstützung von «Familienplanung», werden neu alle Programme im Bereich der Gesundheits-Entwicklungshilfe erfasst – so insbesondere auch alles, was HIV/AIDS, Seuchenbekämpfung und Kleinkindergesundheit betrifft. Ob internationale Organisationen mit betroffen sind, bleibt unklar. Sollte die Trump-Regierung auch Institutionen mit offizieller Schweizer Mitgliedschaft – so beispielsweise die Weltgesundheitsorganisation WHO – den grossen amerikanischen Geldhahn zudrehen, wäre der Bundesrat in der Pflicht, offenen Widerstand zu leisten und sich für die Durchsetzung geltender schweizerischer Auffassungen auf multinationaler Ebene einzusetzen.

Zika-Kampagne liess Slums links liegen

Welche Folgen die Politisierung des internationalen Gesundheitswesens haben kann, zeigt ein Rückblick auf die Kampagne gegen die Ausbreitung des Zika-Virus. So wurden während der Olympischen Spiele in Brasilien schwangere Touristinnen gewarnt, von Mücken heimgesuchte Gegenden zu meiden. Gleichzeitig liess man Dutzende Millionen EinwohnerInnen, meist in Armenvierteln, links liegen. Das sei «das grösste Versagen gewesen», zitiert die New York Times eine Reihe von Experten. Für Amir Attaran, Professor für Recht und Medizin an der Universität in Ottawa, nannte die Diskrepanz in der Haltung der WHO und der «Centers for Disease Control and Prevention» (Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention CDC) eine «grässliche rassistische Heuchelei».

Kein Wort über Abtreibung

Die WHO (eine UNO-Organisation) und die CDC (eine US-Behörde) gehören zu den grössten und bedeutendsten Institutionen im internationalen Gesundheitswesen. Gemäss der Recherche der New York Times haben es beide unterlassen, armen Frauen in Lateinamerika und auf der Karibik zu empfehlen, während der Zika-Insektenplage zu verhüten oder abzutreiben – auch in Ländern, in denen Abtreibung legal ist.

Eine informierte Entscheidung war vielen betroffenen Frauen so nicht möglich. Wenn etliche Gynäkologen betroffenen Patientinnen im Alleingang und in aller Stille die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs anboten, taten sie es ohne Unterstützung der WHO und der CDC.

«Die Empfehlung, eine Schwangerschaft zu verschieben, hätte im Mittelpunkt der Kampagne stehen sollen – von Anfang an», zitiert die New York Times Michael T. Osterholm, Professor für Infektionskrankheiten an der Universität Minnesota. Das heisst: zumindest über Verhütung hätte gesprochen werden sollen.

Angst vor der Pro-Life-Lobby

Verschiedene Behördenvertreter rechtfertigten ihre Zurückhaltung im zitierten Bericht mit den Argumenten «weibliche Selbstbestimmung», Furcht vor «religiös Konservativen», Angst vor «Frauenrechtsgruppen» und vor Abtreibungsgegnern. Hätten die Behörden den Frauen klar empfohlen zu verhüten oder abzutreiben, wäre die Finanzierung der Zika-Abwehr im US-Kongress gefährdet gewesen (ein Umstand, der durch den neuen Trump-Befehl zum geltenden Recht gemacht wird). Um diese Finanzierung wurde monatelang geschachert, erklärte Professor Osterholm. «Das CDC hat immer Ärger im Kongress, wenn es um Schusswaffen oder um Verhütung geht», sagte er. Abtreibung dort auch nur zu erwähnen, sei ein Tabu.

Auch von der Möglichkeit, dass sich Zika auch durch sexuelle Übertragung verbreitet, wurde in den USA wenig gesprochen. Selbst in der Informationskampagne in der liberalen Stadt New York fiel kein Wort über die mögliche Ansteckung beim Geschlechtsverkehr. Dafür wurden die U-Bahnen mit Affichen von Moskitos gepflastert, obwohl keine einzige der tausend bis Ende 2016 registrierten Zika-Ansteckungen in New York durch den Stich einer einheimischen Mücke zustande kam.

Ein Zika-Ausbruch kann sich wiederholen

Wie viele Kinder von der Epidemie betroffen sein werden, ist noch unbekannt. Bis Ende 2016 hat die WHO 2‘500 Fälle von Mikrozephalie registriert, die durch Zika-Viren verursacht wurden. Schlussendlich, vermutet die New York Times, werde die Epidemie «über die ganze Hemisphäre zehntausende von behinderten Kindern» hinterlassen. Studien lassen vermuten, dass Mikrozephalie – ein unüblich kleiner Kopf bei einem Baby - nur einen Teil der Schädigungen ausmacht. Kinder von Zika-Infizierten werden auch blind, taub oder mit gelähmten Gliedmassen geboren. Wahrscheinlich werden manche Kinder Lernprobleme oder psychische Problem haben.

Am 1. Februar 2016 hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO wegen der drohenden Zika-Epidemie den Notstand ausgerufen. Eine Entscheidung, für die die Organisation uneingeschränkt gelobt wird. Mit weltweiter Unterstützung wurden Tests auf Zika-Infektionen entwickelt, an mehreren Impfstoffen wird gearbeitet. Mittlerweile ist die Epidemie abgeflaut. Doch ein Zika-Ausbruch kann sich nach Meinung von Fachleuten wiederholen. Zudem gebe es einige Gebiete wie die Millionenstadt Sao Paulo oder Teile von Puerto Rico, in denen Zika noch gar nicht aufgetreten sei, was einen Ausbruch wahrscheinlicher mache, sagt Scott C. Weaver, ein Virologe der Universität Texas. Die Menschen hätten noch keine Abwehrkräfte entwickelt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Dieser Text beruht auf einer Recherche der «New York Times».

Weiterführende Informationen

«How the Response to Zika Failed Millions», New York Times
Trumps Anti-Abtreibungspolitik führt zu mehr Toten in Afrika (BBC)

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4 Meinungen

Bedenklich, dass INFOsperber einen Artikel mit einem solchen Titel einfach teIquel übernimmt. Ich dachte, wir seien über das Zeitalter hinaus, wo man von «Krüppeln» und «Missgebildeten» spricht. Diese Kinder sind Menschen und haben eine Menschenwürde. Es sind Menschen mit Behinderungen und mit besonderen Bedürfnissen. Ich hoffe sehr, sie und ihre Familien bekommen die nötige Unterstützung. Und ich hoffe sehr, dass INFOsperber in Zukunft etwas mehr Achtsamkeit und Sensibilität an den Tag legt, wenn es um Menschen mit Behinderungen geht.
Marie-Thérèse Weber-Gobet, am 27. Januar 2017 um 13:40 Uhr
Danke für den Hinweis. Das Wort «Krüppel» stammt allerdings von Ihnen. Wir haben diesen Ausdruck nicht verwendet. Im Titel und im Text haben wir auf Ihre berechtigte Anregung hin das Wort «Missgebildete» durch das Wort «Behinderte» ersetzt.
Urs P. Gasche, am 27. Januar 2017 um 15:29 Uhr
MERCI, dass Sie den Text redaktionell angepasst haben. Erlaube Sie mir noch einen Hinweis: Die Fachstelle «Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern“ hat 2014 einen „Sprachleitfaden Behinderung“ herausgebracht. Er zeigt auf, wie Menschen mit Behinderungen dargestellt werden möchten und auf welche Formulierungen zu verzichten ist. Auszug aus dem Leitfaden:
<Der Terminus „der Behinderte“ oder „die Behinderte“ sollte nicht benutzt werden. Er reduziert den Menschen auf seine Einschränkung.
Der Terminus „behinderte Menschen“ sollte nicht benutzt werden. Er impliziert eine Behinderung des Menschseins.>
Korrekt wäre, wie es die UNO-Behindertenrechtskonvention macht, von „Menschen mit Behinderungen“ zu sprechen.

Link Leitfaden Bern: http://www.bern.ch/politik-und-verwaltung/stadtverwaltung/bss/alters-und-versicherungsamt/fachstelle-gleichstellung-von-menschen-mit/merkblatter-und-leitfaden/downloads/AVA_Flyer_Sprachleitfaden_A5_2016_web.pdf/

Weiterführende Links zum Sprachgebrauch:
http://leidmedien.de/ (unter «Journalistische Tipps»)
Beate Firlinger: Buch der Begriffe. Sprache, Behinderung, Integration: http://bidok.uibk.ac.at/library/firlinger-begriffe.html?use_altcss=true

Den Begriff „Krüppel“ habe ich erwähnt (in Anführungs- und Schlusszeichen), weil er aus der gleiche Kategorie von pejorativen Bezeichnungen für Menschen mit Behinderungen stammt wie „Missgebildete“ und leider auch immer wieder auftaucht.
Marie-Thérèse Weber-Gobet, am 27. Januar 2017 um 17:09 Uhr
Frau Weber, es sind 2 paar ganz verschiedene Stiefel.
Das eine ist die Wertschätzung von Personen mit irgend einer Behinderung. Das andere ist, wenn man die Informationen vorenthält, die verhindern könnten, dass jemand mit einer Behinderung leben muss. Ob die Informationen angenommen werden, ist der
Entscheid einzelner. Aber der Vorenthalt der Information ist unethisch bis kriminell.
Elisabeth Schmidlin, am 27. Januar 2017 um 17:10 Uhr

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