Céline hat die Schweiz aufgewühlt. Warum verschreiben Ärzte weiterhin die risikoreichere Pille? © srf

Céline hat die Schweiz aufgewühlt. Warum verschreiben Ärzte weiterhin die risikoreichere Pille?

Yasmin & Co: 1,8 Mrd Dollar für 8900 Klägerinnen

Urs P. Gasche / 22. Jan 2015 - Der Pharmakonzern Bayer entschädigt in den USA Frauen, die mit neuen Verhütungspillen Schaden nahmen.

Im juristischen Streit in den USA um Gesundheitsrisiken der Antibabypillen Yaz, Yasmin, Yasminelle hat sich der Konzern am 9. Juli ohne Haftungsanerkennung mit etwa 8900 Klägerinnen in den USA für 1,8 Milliarden Dollar verglichen. Das teilte Bayer am 30. Juli 2014 mit.

Die Antibabypillen zählen zu den umsatzstärksten Arzneien der Bayer-Pharmasparte. Weltweit kam Bayer 2013 mit Yaz, Yasmin und Yasminelle nach eigenen Angaben auf Einnahmen von 853 Millionen Euro.

Die neue Generation Verhütungspillen führt zu mehr zuweilen gefährlichen Thrombosen als die ältere Generation Pillen. Das absolute Risiko ist allerdings klein. Warum aber sollen Frauen ein zwar selten auftretendes Risiko eingehen, wenn das Risiko mit andern Pillen kleiner ist?

In der Schweiz forderte Célines Familie vom Pharmakonzern Bayer Schadenersatz. Jetzt wurde ihre Klage vom Bundesgericht abgewiesen.

Infosperber hatte berichtet

Wenn Frauen zum ersten Mal oder nach einem Unterbruch eine Verhütungspille einnehmen möchten, sollten sie keine der neuen, viel teureren Pillen wählen. Das empfiehlt die Aufsichtsbehörde Swissmedic bereits seit 2011, weil das Thrombose-Risiko bei den neueren Pillen doppelt so gross sei wie das bei den älteren. Das erhöhte Risiko der Pillen der neueren Generation ist bereits seit Jahren bekannt.

Doch trotz der Empfehlung der Behörden verschreiben Schweizer Ärztinnen und Ärzte fast nur die risikoreicheren, neuen und teureren Verhütungspillen. 80 Prozent der Frauen erhalten Pillen der neuen Generation. Siehe «Stichprobe Verkäufe im April 2013» (unten).

Selber verkaufende Ärzte sowie Apotheken profitieren von einer höheren Marge, wenn sie die neue Generation Pillen verkaufen.

Zu den Pillen der neueren Generation gehören Yasmin, Yasminelle, Yaz, Cerazette, Yira oder auch der Ring NuvaRing. Das Risiko einer Frau, wegen solcher Pillen ein Schicksal wie «Céline» zu erleiden, ist doppelt so gross ist wie mit Pillen der früheren Generation. Allerdings kommt es zu einer Thromboseembolie äusserst selten: Mit den neueren Pillen sind im Laufe eines Jahres statt nur 5 etwa 10 von 10'000 Frauen betroffen. Doch warum fünf Lungenembolien und darunter Fälle wie «Céline» zusätzlich in Kauf nehmen, wenn die älteren Pillen ihren Zweck ebenso gut erfüllen, hat sich Swissmedic gesagt und empfiehlt deshalb allen Neu- und Wiedereinsteigerinnen ältere Pillen mit dem Wirkstoff Levonorgestrel, die bezüglich des Risikos einer Thromboseembolie «die sicherste Alternative» seien. Das unabhängige deutsche Arzneimittel-Telegramm hält es für «überfällig, endlich die risikoärmeren Kombinationen als Mittel erster Wahl einzustufen».

Doppelte Kosten

Die risikoärmeren Pillen wie Elyfem, Ologyn Micro oder Estinette haben für Frauen den zusätzliche Vorteil, dass nur halb so viel kosten wie Yasmin, Yasminelle oder Yaz. Als Nationalrätin Bea Heim wie in Frankreich ein Verbot von neueren Pillen verlangte, meinten Ärzte und Apotheker, die zahlreichen Medienberichte über wirkliche oder vermeintliche Opfer habe die neuere Generation Pillen schon weitgehend zum Verschwinden gebracht.

Doch eine Auswertung der Statistik von «IMS-Health» zeigt, dass die neueren, risikoreicheren Pillen den Markt weiterhin beherrschen. Zwar wurden im Monat April 2013 – dem zurzeit letzten statistisch erhältlichen Monat – 12'000 Packungen Yasmin- und Yasminette oder fast vierzig Prozent weniger verkauft als ein Jahr zuvor. Doch der Pharmakonzern Bayer hat Yasmin rechtzeitig unter dem Namen «Yira» lanciert, um vom lädierten Namen Yasmin wegzukommen. Yira ist ein reiner Klone von Yasmin mit den identischen Wirk- und Zusatzstoffen. Und tatsächlich verschrieben Ärzte im Vergleichsjahr neu über 7’000 Packungen Yira. Diese sind etwa 10 Prozent günstiger als Yasmin, jedoch immer noch fast 80 Prozent teurer als die ältere Verhütungspille Elyfem, die den von der Swissmedic und dem Arzneimittel-Telegramm empfohlenen Wirkstoff Levonorgestrel enthält.

Die deutlichen Einbussen der umsatzstarken Marken Yasmin und Yasminelle wurden nicht nur durch Verschreibungen des Klons Yira zu einem grossen Teil kompensiert, sondern auch durch andere Pillen der neueren Generation, insbesondere durch den NuvaRing, dessen Absatz innert des genannten Jahres um fast 50 Prozent zunahm. Der Ring enthält Etonogestrel, dessen Risiko ebenfalls doppelt so hoch ist wie das der Pillen der älteren Generation. Insgesamt blieben die Umsätze der risikoreicheren Pillen sowohl mengen- wie frankenkmässig fast konstant bei über 80 Prozent (Stand April 2013, siehe Tabelle unten).

«Wir verkaufen, was Ärzte verschreiben»

Beim Verkauf von Pillen der neueren Generation lässt sich je nach gewährten Rabatten doppelt bis dreimal so viel verdienen als mit dem günstigen und risikoärmeren Elyfem, weil die Margen in Franken um so viel höher sind. Die Frage, ob der unverändert hohe Verkaufsanteil der risikoreicheren Pillen auch etwas damit zu tun haben könnte, dass Apotheken und selbstdispensierende Ärzte mehr daran verdienen, mochten weder die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie SGGG noch der Apothekerverband Pharmasuisse schriftlich beantworten.

Bei der Verschreibungspraxis der Ärzte könne das «raffinierte Marketing der Industrie» eine Rolle spielen, meint der Winterthurer Medix-Arzt Christian Marti. Ein neuer Prospekt der Firma Merck Sharp & Dohme MSD mit dem Titel «Für jede Frau das passende Präparat von MSD» empfiehlt unter elf Hormonprodukten keine einziges der älteren Generation.

Der Berner Apotheker Silvio Ballinari kritisiert das geschaffene «Lifestyle-Image» von Yasmin, das für eine reine Haut sorgen soll. Ein anderer Apotheker meint, er müsse verkaufen, was die Ärzte verschreiben.

Tatsächlich muss sich ein Apotheker daran halten, wenn ein Arzt eine risikoreichere Pille verschreibt. Aber das Gesetz erlaubt ihm immerhin, seinen Kundinnen günstigere Generika oder erst recht Klone eines Originals vorzuschlagen und zu verkaufen. Aber das schmälert seinen Verdienst.

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Verkäufe im April 2013

Umsätze* ältere Generation_____505'438

Umsätze neuere Generation____3'837'497

Packungen** ältere Generation____31'887

Packungen** neuere Generation__146'201

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*Grossistenpreise. Die Preise in Apotheken sind 25 bis 100 Prozent höher.

**Die IMS-Statistik unterscheidet nicht zwischen Packungsgrössen.

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Folgende Verhütungspillen sind völlig identisch (Klons), ohne dass dies auf den Verpackungen ersichtlich ist:

Ältere Generation:

Elyfem_____= Miranova

Neuere Generation mit erhöhtem Risiko:

Meliane____= Meoden

Myvlar_____= Gynera

Yira 20/30__= Yasmin/Yasminelle

Eloine______= Yaz

(Quelle: Comarketing-Liste der Swissmedic. Zusammenstellung Josef Hunkeler)

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Siehe auch:

USA: Anklagen wegen falscher Anpreisung des Nutzens

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Dieser Artikel erschien am 1.12.2013 in der Sonntags-Zeitung (ohne die Tabellen am Schluss).

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor vertritt Prämienzahlende und Patienten in der Eidgenössischen Arzneimittelkommission.

Weiterführende Informationen

Empfehlung der Swissmedic: Neu- und Wiedereinsteigerinnen sollen Pillen der älteren Generation nehmen.

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9 Meinungen

Herrn Gasche ist bei diesem Artikel leider ein sicherheitsrelevanter Fehler bei der Verordnung und Abgabe der Antibabypille unterlaufen. Im Gegensatz zu Yasmin, Yasminelle, Yaz, Yira oder dem Nuva Ring handelt es sich bei Cerazette ‚nur’ um ein Monopräparat (reines Gestagenpräparat) und nicht um ein kombiniertes hormonelles Kombinationspräparat. Aus dem von Ihm angegebenen Referenzen (Links zu arznei-telegramm, swissmedic) ist ersichtlich, das die Minipille Cerazette als Desogestrel-allein Verhütungsmittel wie die Hormonspiralen aufgrund der aktuellen Datenlage nicht zu einer erhöhten Inzidenz an venösen thromboembolischen Erkrankungen führt (Expertenbrief No 35), wie er dies im Artikel fälschlicherweise mit einem doppelten Risiko aufführt. Bevor eine Anwenderin nun ihre Minipille vorzeitig aufgrund dieses Fehlers absetzt, sollte sie sich bei Ihrer Frauenärztin oder ihrem Frauenarzt zu dieser Problematik informieren (eventuell mit Zweitmeinung). Denn nach wie vor gilt, dass jede Schwangerschaft höhere gesundheitliche Risiken aufweist als eine saubere, nach medizinischen Kriterien erfolgte individuelle Verordnung eines hormonellen Verhütungsmittels! Zurecht kritisiert er aber die verordnungs- und sicherheitsbeeinflussenden ‚finanziellen Anreize’ bei der Verordnung und Abgabe der Kombinationspräparate, die eben dazu führen kann, dass eine Frau nicht das für Sie optimalste Präparat zur Schwangerschaftsverhütung erhält.
Andreas Keusch, am 08. Dezember 2013 um 14:44 Uhr
Das «optimalste» Präparat gehört, wie bei infosperber durch eine Kritikerin festgestellt, zu den schlimmsten sprachlichen Schnitzern.
Pirmin Meier, am 31. Juli 2014 um 18:00 Uhr
@Meier: Danke für die leider nicht themenbezogene Kritik, welche wichtiger zu sein scheint, als das Wohl unserer Patienten und Versicherten der OKP, auch wenn hormonelle Kontrazeptiva nicht kassenpflichtig sind. Vielleicht gerade deswegen?!

P.S.: Rein formal gesehen, ist an dem 'optimalsten Präparat' nichts auszusetzen. Optimal ist ein Adjektiv und eine typische Eigenschaft von Adjektiven ist, dass sie steigerbar sind, d. h. sie verfügen neben dem Positiv (der ungesteigerten Form) auch noch über die beiden Vergleichsformen Komparativ und Superlativ.
Andreas Keusch, am 02. August 2014 um 18:28 Uhr
In ihrem P.S. liegt ein gravierendes sprachliches Bildungsproblem vor, was seit ein paar Jahren häufig ist.

bonus heisst gut
melius melior heisst besser
optimum heisst am besten, das kann man nicht mehr steigern. Darum schrieb eine Dame letzthin bei «infosperber", am «optimalsten» finde sie einen der schlimmsten
sprachlichen Fehler.

Immerhin kritisierte schon Paracelsus, dass bei gewissen Medizinern ihre sprachliche und philologische Ausbildung besser sei als ihr wirkliches Fachwissen. Aber es stimmt, dass vor ein paar Generationen Bildung eine unabdingbare Voraussetzung von Medizinalpersonen war.

Äussern Sie sich besser nicht mehr zu sprachlichen Fragen.

P. Meier
Pirmin Meier, am 02. August 2014 um 18:45 Uhr
Zu «am optimalsten» siehe Marianne Biedermann in der Kolumne von Daniel Goldstein vom 26. Juli bei Infosperber. Die Wendung gehört zu den «Wörtern, die es nicht gibt".
Pirmin Meier, am 02. August 2014 um 20:36 Uhr
Anscheinend ist eine Diskussion um Sprachprobleme wichtiger als der
Medizinbereich, die Gesundheit von Frauen und die Kosten..
Ganz allgemein zur Verschreibungs- und Verkaufspraxis sollte man unter
Folgendem nachlesen und fragen, warum Mezis in der Schweiz nicht etabliert ist:
Zitat » MEZIS = mein Essen zahle ich selbt oder nofreelunch.org
Gemeinsam werden wir es schaffen.
Wir sind Teil der internationalen «No free lunch» Bewegung. Die Gruppen haben in vielen Ländern das gemeinsame Ziel, sich nicht von der Pharmaindustrie durch Essenseinladungen und Geschenke bestechen zu lassen.
Unter weitere Links finden Sie weitere bundesweite und internationale Gruppen, die sich zum Ziel gesetzt haben, fragwürdiges Pharmamarketing zu erkennen und für ein besseres und transparenteres Gesundheitssystem zu arbeiten. Zitat Ende
Ein Journalist sagte mir mal: «Dafür bekomme ich keinen Platz in der Zeitung"
Viel Spass beim googlen
Elisabeth Schmidlin, am 04. August 2014 um 20:48 Uhr
Danke, Frau Schmidlin, es ist wichtig, dass die Sache selber diskutiert wird, darauf bestand schon Paracelsus, dem man schlechtes Latein vorwarf. Immerhin gibt es, nach einem Arzt benannt, den Sigmund-Freud-Preis für gute wissenschaftliche Prosa.
Pirmin Meier, am 04. August 2014 um 21:00 Uhr
Ja Herr Meier aber die Sache selber ist hier Gesundheit und dass wegen höherem Einkommen grösseres Risiko eingegangen wird.
Elisabeth Schmidlin, am 04. August 2014 um 21:27 Uhr
Christian Marti spricht von raffiniertem Marketing der Pharma?! Dann sollte er und mediX einmal vor der eigenen Haustüre kehren! Netzwerke wie mediX verordnen sogenannte Vorzugspräparate. Dabei entscheidet nicht Fachwissen über Auswahl des Präparates sondern der im Hintergrund geflossene Grossrabatt in der Höhe von 70%, welche geheimvertraglich zwischen Krankenversicherer und Netzwerk hälftig aufgeteilt werden. So kann man sich in einem Netzwerk nie sicher sein, dass man das für sich optimale Präparat erhält. Zuerst verordnet man das Lukrativste. Wenn medizinische 'Probleme' auftreten' wechselt man dann halt eben. Dabei vertrauen die Netzwerke ebenfalls auf die marketinggesteuerten Daten der Pharmaindustrie, da in der Schweiz weder eine unabhängige Kontrolle des Patientennutzens im breiten Verordnungsalltag (Indikations- & Outcomequalität) dieser Daten generell noch ein Beleg der Qualität der Billigstmedizin von mediX Netzwerken über Versorgungs- , resp. Begleitforschung betrieben wird.

Solange also weder Leistungserbringer noch Dienstleister die Zweckmässigkeit (med. Notwendigkeit, Patientennutzen) belegen müssen, solange ist man als Patient auf Treu und Glaube seinem Arzt oder Netzwerk leider ausgeliefert. Solange können 'geldwerte Vorteile' die Arzneimittelsicherheit und die eigene Gesundheit leider gefährden. Denn ohne Einforderung und Förderung der Indikationsqualität kann ein Patient bei finanziellen Fehlanreizen nie allfällige Verordnungsfehler beweisen!
Andreas Keusch, am 23. Januar 2015 um 12:54 Uhr

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