Die ärztliche Kunst entscheidet über Gesundheit, Krankheit und Tod © cc Symbol

Spitäler und Mediziner nehmen Fehler nicht ernst

Urs P. Gasche / 15. Nov 2014 - Die Einheitskasse und damit die staatliche Medizin ist vom Tisch. Doch einen privaten Qualitäts-Wettbewerb will man auch nicht.

In der deutschen Schweiz gab es im Jahr 2012 (neuste Zahlen) immer noch 19 Spitäler, welche das komplizierte und komplikationsreiche Entfernen der Bauchspeicheldrüse weniger als zehnmal im ganzen Jahr durchführten. Die Folgen der fehlenden Übung und Erfahrung mit dieser Operation und auftretender Komplikationen gehen zu Lasten der Patientinnen und Patienten.

Weitere 38 Spitäler entfernten eine Schilddrüse ebenfalls weniger als zehnmal während des ganzen Jahres. Mangelnde Erfahrung führt zu viel mehr Verletzungen eines Stimmbandes mit lebenslangen Folgen.

In den Niederlanden müssen Krankenkassen Operationen nicht zahlen, wenn ein Spital zu wenig Übung und Erfahrung damit hat.

Anders in der Schweiz: Wegen des Vertragszwangs sind alle Krankenkassen gezwungen, alle Behandlungen zu zahlen. Doch die bürgerlichen Politiker, welche die Einheitskasse als Schritt Richtung Staatsmedizin bekämpft hatten, wollen den Krankenkassen auch nur den Anfang einer Vertragsfreiheit weiterhin verweigern. Sie verhindern damit einen Wettbewerb um die beste Qualität. In Holland verfügen die Kassen überall dort über die Vertragsfreiheit, wo Behandlungsresultate gemessen werden können und auch gemessen werden. Eine staatliche Qualitätsbehörde regelt die Qualitätsvergleiche.

Als Folge davon gibt es in den Niederlanden viel weniger Überbehandlungen und unnötige Operationen, die nur zwecks Umsatzbolzen und Existenzsicherung von Spitälern durchgeführt werden.

In Zahlen: Im Verhältnis zur Bevölkerung gibt es in den Niederlanden nur ein Viertel so viele Akutspitäler wie in der Schweiz. Ebenfalls im Verhältnis zur Bevölkerung gibt es in den Niederlanden nur ein Viertel so viele Spitäler, welche Herzoperationen durchführen. Entsprechend mehr Übung und Erfahrung haben in diesen grösseren Spitälern Kardiologen und Herzchirurgen und ihre Spitalteams. In der Schweiz wird seit Jahren kritisiert, dass Herzeingriffe viel zu zerstreut vorgenommen werden, quasi als «Prestige-Abteilung» von Spitälern. Doch geschehen ist wenig. Das Jekami geht weiter – mit gesundheitlichen Folgen für viele Patientinnen und Patienten.

Die Hälfte aller Spitalschäden wäre vermeidbar

Nach Angaben des Bundesamts für Gesundheit BAG erleidet jeder Zehnte und jede Zehnte, die ins Spital muss, im Spital einen gesundheitlichen Schaden: Von langfristigen Schmerzen über eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten bis zum vorzeitigen Tod. Die Hälfte dieser Schäden könnten Spitäler vermeiden, wenn so sorgfältig gearbeitet würde wie im Flugverkehr.

Das BAG schätzt, dass in Schweizer Spitälern jedes Jahr 2'000 bis 3'000 Todesfälle und über 60'000 gesundheitliche Schadensfälle vermieden werden könnten. Das wäre die Hälfte aller unerwünschten Zwischenfälle.

Die letzte Erhebung von Swissnoso, einer Gruppe von leitenden Hygiene- und Infektionsspezialisten, ergab, dass es bei Darmoperationen zu fast 400 Infektionen weniger käme, wenn die Behandlungsqualität in der Schweiz so gut wäre wie in Deutschland, und zu fast 500 weniger, wenn die Qualität auf dem Niveau französischer Spitäler wäre. Das sei eine «robuste statistische Aussage» (Siehe «Ungenügende Noten für Schweizer Spitäler» vom 28.10.2013).

Doch weiter wird der Öffentlichkeit vorgegaukelt, wir hätten in der Schweiz zwar die teuerste Gesundheitsversorgung Euopas, doch dafür auch die beste. Nicht nur Ärzte, Spitäler und mit ihnen verbandelte Gesundheitspolitiker behaupten das, sondern auch der Präsident des Krankenkassenverbands «Santésuisse». SVP-Mann Christoffel Brändli wörtlich: «Die Schweiz verfügt über das beste Gesundheitswesen der Welt».

Ganz anderes Handeln im Flugverkehr

Spitäler sind der Ort, wo man gerettet wird nach einem Unfall. Wo man ein Implantat bekommt, dank dem man viele Jahre wieder beschwerdefrei laufen kann.

Spitäler sind heute aber auch durchorganisierte Industriebetriebe, in denen es ebenso viele operationelle und Management-Fehler gibt wie in andern Grossbetrieben.

Nur haben Fehler in Spitälern häufig schwerwiegendere Folgen: Vermeidbare Todesfälle oder vermeidbare gesundheitliche Schäden.

Nehmen wir an, ein seltener Absturz einer Swiss-Maschine fordere 100 Tote. Oder in einem grossen Alters- und Pflegeheime würden sich die Legionellose ausbreiten und es käme innert Tagen zu 50 Todesfällen. In beiden Fällen würden sich die Schlagzeilen überbieten. Politiker würden für Alters- und Pflegeheime neue Vorschriften verlangen und regelmässige unabhängige Kontrollen. Die Flugüberwachung würde den Ursachen akribisch nachgehen, einen Flugzeugtyp eine Zeitlang grounden und neue Sicherheitsmassnahmen vorschreiben.

Das hat damit zu tun, dass eine hohe Anzahl Tote auf einen Schlag und mit Namen identifiziert zu Unrecht als viel grösseres Risiko wahrgenommen werden als anzahlmässig viel mehr vermeidbare Todesfälle, die im Laufe der Zeit verursacht werden und vermeidbar wären.

Deshalb kann mit den Schadensfällen in Spitälern leichtfertig umgegangen werden, ohne dass es zu einem Aufschrei der Medien kommt.

Das fängt schon damit an, dass Zwischenfälle in Spitälern mangelhaft erfasst werden, besonders auch unerwünschte Folgen nach Spitalaustritt. Und die Zwischenfälle und Folgen werden nicht nach gleichen Kritierien und deshalb häufig nicht vergleichbar erfasst.

Assistenzärzte und Pflegepersonal müssen vermutete Behandlungsfehler, mangelnde Hygiene im Operationssaal oder Zwischenfälle nicht obligatorisch melden. Im Flugverkehr wird das Personal sanktioniert, welches Ungereimtes nicht meldet.

Man will offensichtlich nicht so schnell und systematisch von Spital-Zwischenfällen lernen wie das im Luftverkehr selbstverständlich ist. Der Nationale Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern ANQ und Swissnoso machen im gesetzlichen Rahmen, was sie können, aber es ist zu wenig.

Ein Wettbewerb um die beste Qualität wird verhindert, weil viel zu wenig Transparenz geschaffen wird.

Qualitätswettbewerb würde heissen, dass die besten Spitäler finanziell belohnt und die mangelhaften finanziell bestraft würden. Qualitätswettbewerb würde heissen, dass wir Behandlungsresultate in der Schweiz mit denen in guten Vergleichsländern wie Holland, Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland vergleichen könnten und würden.

Vielleicht wollen das Spitäler, Ärzte und Politiker nicht, weil sie sonst nicht mehr behaupten könnten, wir hätten die beste Gesundheitsversorgung der Welt.

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Keine

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Eine Meinung

Wir haben doch das beste Gesundheitswesen der Welt? Das bestverdienende auf jeden Fall.
Jürg Schmid, am 17. November 2014 um 15:55 Uhr

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