WHO-Richtlinien: Händewaschen benötigt 20 Sekunden (mit Alkohol) bis 60 Sekunden (mit Seife) © WHO
WHO-Richtlinien: Händewaschen in mehreren Schritten benötigt 20 Sekunden (mit Alkohol) bis 60 Sekunden (mit Seife) © WHO

Fragwürdige Fehlerkultur im Berner «Beau-Site»

Urs P. Gasche / 22. Jul 2016 - Ein falsches Medikament, Mängel bei Hygiene und mangelnde Aufklärung: Eine Patientin kommt zu Schaden. Hirslanden redet sich raus.

Heidi Lauber* verbrachte sechs Wochen in der Berner Klinik Beau-Site, die zur Hirslanden-Gruppe gehört. Mit Erfolg hatte ihr Belegarzt Robert Stein ein isoliertes Karzinom im rechten, untern Lungenlappen entfernt. «Meine Frau verdankt diesem Chirurgen wahrscheinlich ihr weiteres Leben», sagt ihr Mann Werner Lauber*. Doch während seiner täglichen Besuche im «Beau-Site» bemerkte er «Dinge, die dringend verbessert werden müssen». Diese teilte er der Klinik in einem 5-seitigen Schreiben mit.

Er erwähnte seine jahrelange «Erfahrung im Umgang mit Qualitätssicherung» als Medizin-Physiker in mehreren Spitälern. Das Sprichwort «durch Schäden wird man klug» gelte nur, «wenn man diese Schäden oder Fehler auch anspricht». Doch die Berner Klinik «Beau-Site» zeigte sich gegenüber Werner Lauber nicht sehr lernbereit.

Mängel bei Hygiene

Nachdem Heidi Lauber ein Lungenlappen erfolgreich entfernt wurde, war die Freude gross: Keine weiteren Tumorspuren, keine Chemotherapie nötig. Doch drei Tage nach dem Eingriff litt die Patientin an Atemnot. Ein CT-Scan zeigte, dass es sich weder um eine Lungenembolie noch um eine grossflächige Lungenentzündung handelte. Man fand eine grössere Zahl sehr kleiner Entzündungsherde, die mit hochdosiertem Antibiotikum bekämpft wurden. «Wir haben nie erfahren, was wohl die Ursache dieser Entzündungen waren – vielleicht ein Spitalkäfer?», fragte Werner Lauber. Doch er bekam keine Antwort.

Auch wenn sich Heidi Lauber während der Operation nicht infiziert haben sollte: Während seiner praktisch täglichen Besuche im «Beau-Site» war Werner Lauber aufgefallen, dass nicht nur die Korridore der Abteilung, sondern sogar die Treppen und der Korridor zur Intensivstation mit Bodenteppichen belegt waren: «Ich konnte sie als Besucher sogar ohne weiteres mit meinen schmutzigen Schuhen begehen», erklärte er Infosperber. Eine solche Praxis habe er bei seinen vielen beruflichen Besuchen in Spitälern des In- und Auslands «nirgends gesehen». Dem «Beau-Site» schrieb Lauber: «Man muss wirklich kein Hygiene-Freak sein, um zu sehen, dass diese Teppiche Dreckfänger sind». Lauber erinnerte die Klinik daran, dass nach Angaben des Bundesamts für Gesundheit jedes Jahr 2000 Patientinnen und Patienten an den Folgen von Spitalinfektionen sterben.

Der Teppichboden «entspricht den heutigen Anforderungen der Spitalhygiene», antwortete Direktor Christoph Egger. Anderer Ansicht ist Marco Rossi, Chefarzt am Luzerner Kantonsspital und Experte für Spitalhygiene: «Die Böden müssen zu reinigen und zu desinfizieren sein, zudem widerstandsfähig gegenüber unserem Desinfektionsmittel für Hände. Teppiche gibt es nirgends im Spital.»

Desinfizieren in zehn Sekunden

Schockiert zeigte sich Werner Lauber über die mangelhafte Desinfektion der Hände: «Während der vielen Tage, die ich in der Intensivstation am Bett meiner Frau verbrachte, konnte ich das Desinfektionsverhalten des Personals ausgiebig ‹studieren›: Kaum eine Desinfektion dauerte länger als zehn Sekunden.»

Hygiene-Spezialist Rossi verweist auf Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2006, die «weltweit» gelten würden. Diese WHO-Richtlinien sehen für das Desinfizieren der Hände mehrere Schritte vor, die bei Verwenden einer Alkohollösung «20 bis 30 Sekunden» und mit Seife «40-60 Sekunden» dauern.

Hygiene-Richtlinie der Weltgesundheitsorganisation, gültig seit 2006

Auf die konkret beanstandete mangelhafte Desinfektion der Hände im «Beau-Site» ging Direktor Egger in seiner Antwort an Laubers nicht ein. Er schrieb lediglich, eine Fachexpertin würde «das Personal regelmässig sensibilisieren». Und: «Wir sind stolz, dass wir bezüglich Infektrate und Auftreten von hochresistenten Keimen auch im internationalen Vergleich gut abschneiden.»

Allerdings beruht das Abschneiden des «Beau-Site» auf Selbstdeklaration. Es gibt in der Schweiz keine unabhängige Stelle, welche die Angaben der Spitäler überprüft und falsche Angaben sanktioniert. Jedes Spital will gut dastehen, wenn es mit andern verglichen wird.

Krankengeschichte mit Papierberg erfasst

Bei den Besuchen seiner Frau in der Intensivstation (IPS) fiel Lauber auf, dass die Ärzte «kolossale Krankengeschichten herumtrugen», in denen es «so viele Zeilen und Spalten gab, dass jeweils ein langes Lineal notwendig war, um im richtigen Feld ein Kreuz zu machen». Offensichtlich fehlte ein System zur elektronischen Erfassung der Patientendaten. Mit einer solchen könnten «Ärzte wesentlich entlastet werden und vermehrt ihrer Kernaufgabe nachgehen, der Betreuung ihrer Patienten», schrieb Lauber.

In seiner Antwort räumte «Beau-Site»-Direktor Christoph Egger ein, dass das Klinik-Informationssystem «derzeit noch nicht alle klinischen Funktionen abdeckt». Deshalb könne das medizinische Fachpersonal «noch nicht auf die physische Dokumentation auf Papier verzichten». Die gesamte Krankheitsgeschichte von Heidi Lauber wurde auf Papier erfasst.

Falsches Medikament mit Folgen

Schon seit zwanzig Jahren nahm Heidi Lauber den Beta-Blocker «Concor 5 mg», den sie sehr gut vertrug. «Ohne ersichtlichen Grund» habe die Klinik dieses Medikament durch ein anderes ersetzt, beanstandete Lauber: «In der Folge wurde meine Frau von verschieden Hautausschlägen am ganzen Körper befallen».

«Beau-Site-Direkter Egger verteidigte den Wechsel des Medikaments. «Concor» sei «wegen der Leberzirrhose ungeeignet» gewesen. Deshalb habe man den Beta-Blocker «Carvedilol 12.5 mg» verschrieben. In der Folge sei es tatsächlich zu einem akuten Hautausschlag gekommen, der «nach sorgfältiger Prüfung am ehesten vom Carvedilol ausgelöst» worden sei. Also eine Unverträglichkeit, die vorkommen kann. Der Klinikdirektor ergänzte, dass sich daraus für die Patientin «überhaupt kein Nachteil ergeben» habe.

Diese Version der Hirslanden-Klinik steht im Widerpruch zur offiziellen Fachinformation: Diese bezeichnet «Carvedilol» für Patienten als ungeeignet, die an «klinisch manifester Leberinsuffizienz» oder an «Cor pulmonale» (Lungenherz) leiden (sogenannte «Kontraindikationen»). Eine solche Überbelastung des rechten Herzens wegen der Lunge lag bei der Patientin gemäss Röntgenbericht vor, und an einer Leberinsuffizienz litt die Frau ohnehin. Entgegen den Aussagen von Klinik-Direktor Egger enthält die Fachinformation für «Concor» keine solche Kontraindikation bei Leberproblemen und zudem auch keine bei einem «Cor pulmonale».

Bei der extremen Reaktion von Frau Lauber handelte es sich also nicht, «wie man uns glauben machte», um eine Unverträglichkeit, sondern um eine «kontrainduzierte Abgabe von Carvedilol», schrieb Werner Lauber dem Spitaldirektor zurück. Dieser blieb Lauber eine Antwort schuldig. Gegenüber Infosperber betonte das «Beau-Site» den von niemandem bestrittenen Nutzen von Cavedilol, bestätigte aber die Kontraindikation bei «klinisch manifester Leberinsuffizienz».

Christoph Egger, Direktor des Beau-Site: «Überhaupt kein Nachteil» (Bild: Homepage Beau-Site)

Die saloppe Bemerkung des Klinik-Direktors, Frau Lauber sei «überhaupt kein Nachteil» entstanden, stiess Werner sauer auf: «Meine Frau litt schrecklich unter diesem den ganzen Körper befallenen Hautausschlag. Die Haut an Händen und Füssen löste sich. Meine Frau konnte zwei Wochen nicht gehen, verlor ganze Zehennägel. Die Fingernägel wurden brüchig. Und alles begleitet von einem irritierenden Juckreiz.»

Der Medikamenten-Fehler wäre wohl nicht passiert, würde die Klinik «Beau-Site» die Daten der Patienten nicht auf Papier, sondern elektronisch erfassen. Denn ein elektronisches Programm schlüge automatisch Alarm, wenn es bei einer Patientin gleichzeitig Leberschäden und das Medikement «Carvedilol» erfasst.

Einweisung in eine «Reha-Klinik»

Nach sechs Wochen Akutbehandlung im Spital stand für Heidi Lauber eine Rehabilitation bevor. Ihr Mann hätte die Reha-Klinik in Montana bevorzugt, weil die Familie im Wallis wohnt, doch das «Beau-Site» zog eine Überweisung in die Siloah Klinik in Gümligen vor. Sowohl mündlich wie schriftlich war von Seiten des «Beau-Site» stets von einem Reha-Aufenthalt die Rede. Erst auf der Abrechnung der Siloah-Klinik stellten Laubers fest, dass keine Reha-Tagespauschalen verrechnet wurden, sondern die Tarife für einen Akut-Aufenthalt. Die Klinik «Beau-Site» bestätigte, dass sie Frau Lauber in die Akut-Abteilung der Siloah-Klinik verlegt hatte. «Das ist nur ein formaler Unterschied», erklärte eine Sprecherin des «Beau-Site». Frau Lauber habe dort die bestmögliche Behandlung erhalten.

Nach so vielen Ungereimtheiten verlangten Laubers vom «Beau-Site» eine Kopie der ganzen Krankheitsgeschichte. Die Hirslanden-Klinik schickte diese zu, allerdings ohne die ausdrücklich verlangte Bestätigung, dass sie vollständig und richtig ist.

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*Richtige Namen der Redaktion bekannt

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Dieser Beitrag erschien auch in der «Berner Zeitung» vom 20. Juli 2016

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2 Meinungen

Dieses Beispiel zeigt leider die immer noch viel zu häufig verbreitete Arroganz im Gesundheitswesen. Es wird zwar viel über Fehlerkultur geredet aber eben nur geredet und nicht gehandelt.....
Peter Hirzel, am 22. Juli 2016 um 11:57 Uhr
Zuviel aufs mal ist da passiert. Empörend ist das Abwiegeln und Schönreden. Kontraindizierte Medikamente und falsche Dosierungen habe ich auch in kantonsspitälern erlebt. Deshalb prüfe ich nach in compendium.ch und die Tabletten will ich im Blister bekommen.
Jürg Schmid, am 01. August 2016 um 09:09 Uhr

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