Sprachlust: Gut, gibt’s mehr als eine Grammatik!

Daniel Goldstein © Valérie Chételat
Daniel Goldstein / 09. Aug 2014 - Es ist nicht alles falsch, was auffällt. Das gilt sogar für die deutsche Grammatik. Jetzt werden regionale Varianten erforscht.

«Gut, gibt’s die Schweizer Bauern» – dieser Slogan ist auch sprachlich bodenständig, denn die Konstruktion mit einleitendem Adjektiv ist nur in der Schweiz gebräuchlich. Begrüsst man seine deutsche oder österreichische Angebetete mit «schön, bist du hier», so riskiert man die empörte Rückfrage: «Bin ich denn anderswo nicht schön?» Also wird man das nächste Mal unmissverständlich ausrufen: «Es ist so schön, dass du hier bist!»

Bedeutet das nun, dass der Werbespruch die Regeln der deutschen Grammatik verletzt? Nicht unbedingt: Zum einen ist die Grammatik weniger verbindlich geregelt als die Rechtschreibung, und zum andern gibt es in der deutschen Sprache unterschiedliche Varianten, die gleichermassen Gültigkeit beanspruchen können. Was den Wortschatz betrifft, hat sich diese Einsicht in der Sprachwissenschaft durchgesetzt. Davon zeugt das «Variantenwörterbuch des Deutschen» (Verlag De Gruyter, 2004).

Zum Grillieren pedalen

Nun sind Fachleute der Universitäten Graz, Salzburg und Zürich daran, ein ähnliches Nachschlagewerk für die Grammatik zu erarbeiten. Es soll ab nächstem Jahr im Internet veröffentlicht werden. Da auch die Wortbildung zur Grammatik zählt, werden manche Unterschiede im Wortschatz ebenfalls erfasst. Dazu gehören die bekannten Beispiele, dass man in der Schweiz parkiert und grilliert, anderswo aber parkt und grillt. Es gibt selten auch den umgekehrten Fall: Sind wir mit dem Velo unterwegs, müssen wir (wie manche Süddeutschen) pedalen, während andere das Fahrrad nehmen und pedalieren.

Im Projekt «Variantengrammatik» geht es nicht darum, was richtig oder falsch sei. Ermittelt wird, was je nach Region als «standardsprachlich» gelten kann; Dialektvarianten sind also nicht gemeint. Als Massstab dient die Verwendung in Zeitungen, denn dort stehen, wie die Projektverantwortlichen annehmen, «Texte, deren Verfasser oder Verfasserinnen beim Schreiben beabsichtigten, Standardsprache zu produzieren». Im ganzen deutschen Sprachraum, von Ostbelgien bis Südtirol, sind Zeitungstexte im Umfang von fast 600 Millionen Wörtern in einer Datenbank (Korpus) vereint. Sie werden nun mit den Methoden der Korpuslinguistik analysiert, einer recht jungen Disziplin.

Zeitungen in der Pflicht

Wer in die Zeitung schreibt, sieht sich also ungefragt mit einer schweren Bürde befrachtet: Wenn sich die Fehler summieren, die man dabei macht, könnten sie zum regionalen Standard avancieren. Ein Satz wie «die neue Variantengrammatik stellt ein grosser Fortschritt dar» würde somit Schule machen, denn solche Fallfehler sind leider in der (Schweizer) Presse nicht selten. Da kann man nur hoffen, dass sich die Wissenschaft getraut, grundlegende Fehler als solche einzustufen und von der Beförderung zum Standard auszuschliessen.

Was aber meinen die Korpusforscher zum Satz «gut, gibt’s die Schweizer Bauern», der zwar verkürzt, aber nicht flagrant regelwidrig ist? Bei der ausführlichen Präsentation des Projekts im August-Heft der Zeitschrift «Sprachspiegel» schreibt eine beteiligte Linguistin, derartige «konzeptionell mündliche Satzgefüge» fänden sich nur in der Schweiz und so selten, dass sie «(noch) nicht in den Gebrauchsstandard der Schweizer Zeitungen eingegangen» seien. Aber das könne noch kommen, und es wäre kein «Zeugnis für einen ‹Sprachzerfall›, sondern im Gegenteil eine weitere Bereicherung der deutschen Standardsprache(n)». Die Autorin schliesst, und «Sprachlust» schliesst sich ihr an: «Gut, gibt’s grammatische Variation!»

--- Zum Infosperber-Dossier «Sprachlust»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

Weiterführende Informationen

Zum Projekt Variantengrammatik
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4 Meinungen

Interessanter Beitrag. Hoffentlich liest ihn auch die verknöcherte Duden-Redaktion, welche seit Jahrzehnten ein grösseres Problem im Umgang mit der deutschen Sprache ausserhalb Deutschlands hat. Sog. Helvetismen werden nur äusserst zurückhaltend und widerwillig aufgenommen, zudem oft noch falsch. Ein grösseres Problem hat die Duden-Redaktion auch mit der sog. Eindeutschung von Fremdwörtern aus der französischen Sprache, in der Schweiz sehr häufig. Wir schreiben z.B. Portemonnaie für Geldbeutel, bei Duden wird das zum unakzeptablen Portmonee. Oder Communiqué als Pressemitteilung. Bei Duden: Kommunikee. Nicht nachvollziehbarer Sprachimperialismus der Duden-Redaktion. Als Korrektor in der Schweiz weigere ich mich standhaft, diesem Imperativ zu folgen. Wir praktizieren, die Empfehlungen der Schweizerischen Orthografischen Konferenz, sok.ch, und praktisch alle Verlage diesen Empfehlungen, die sich wesentlich vom Imperativ der Duden-Redaktion unterscheiden.
Alois Amrein, am 09. August 2014 um 23:41 Uhr
Der Duden ist besser als sein hier verbreiteter Ruf: Seine Redaktion ist durchaus belehrbar, gerade auch was Helvetismen betrifft, siehe http://www.infosperber.ch/Artikel/Gesellschaft/Helvetismen-im-Duden. «Portemonnaie» ist nie aus dem Duden verschwunden; seit er von meherern Schreibweisen eine empfiehlt, ist es sogar diese. «Kommunikee» empfiehlt er nicht, allerdings die unschöne Mischform «Kommuniqué». Aber auch «Communiqué» stand stets im Duden; der Hinweis «alte Schreibung» ist wieder verschwunden. Noch mehr Helvetismen als im «gewöhnlichen» Duden sind im kleinen Spezialband «Schweizerhochdeutsch» zu finden.
Wo die amtliche Rechtschreibung Varianten zulässt und einem die Empfehlungen des Duden nicht passen, kann man sich frei entscheiden oder aber an jene der SOK halten. Verwirrend wird es, wo die SOK von der amtlichen Regelung abweicht. Das Bekenntnis mancher Verlage zu den SOK-Empfehlungen scheint, soweit es sich um Zeitungsverlage handelt, eher ein Lippenbekenntnis zu sein: Bei Reformschreibungen, welche die SOK bekämpft, liest man seltener die alte Orthographie als vielmehr eine übertriebene, falsche Version der neuen, etwa mit unsinnigen «getrennt Schreibungen».
Daniel Goldstein, am 10. August 2014 um 11:46 Uhr
Die «Reform» der deutschen Rechtschreibung ist gescheitert. Eine nicht unwesentliche Schuld daran hat die Duden-Redaktion, mit unzähligen neuen Duden-Ausgaben und immer neuen Rechtschreiberegeln und deren Rücknahme in der folgenden Ausgabe. Praktisch alle Zeitungsverlage in der Deutschschweiz halten sich heute an die Schreibempfehlungen der SOK, und das ist auch völlig richtig so. Ich selber arbeite hauptsächlich für die Werbung und halte mich auch an SOK-Richtlinien. Es fehlen nur noch die Lehrer, die sich an den Schweizer Schülerduden halten, doch der ist laut SOK «unbrauchbar», wörtlich. Dem stimme ich voll zu. Die Schweizerische Erziehungsdirektorenkonferenz sollte endlich den Tatsachen ins Auge schauen und dieses «unbrauchbare» «Lehrmittel» aus dem Unterrichtsprogramm streichen, um weitere Verwirrung der Lernenden zu verhindern. Dazu braucht es eben die Einsicht, dass die Reform der deutschen Rechtschreibung nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Deutschschweiz gescheitert ist.
Alois Amrein, am 10. August 2014 um 13:11 Uhr
Die Reform von 1996 und deren Revision von 2006 sind nicht das Werk der Duden-Redaktion; zuständig ist jetzt der Rat für deutsche Rechtschreibung. Gerade durch die Reform verlor der Duden seine Sonderstellung gegenüber andern Wörterbüchern. An die Änderungen wurde er jeweils angepasst.
Daniel Goldstein, am 10. August 2014 um 16:02 Uhr

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