Bei Popcorn & Spaghetti

Gina Bucher © cc
Gina Bucher / 06. Jan 2017 - Menschen aus unterschiedlichen Welten treffen sich an einem Zürcher Tisch bei italienischer Kost

Unsere Söhne sind im gleichen Spital zur Welt gekommen, jetzt spielen sie zusammen unter unserem Sofa mit Autos. Doch zwischen uns liegen Welten, die gegensätzlicher nicht sein könnten.

Unsere Welt ist für hiesige Verhältnisse durchschnittlich. Wir, die Schweizer Familie, die mal mit mehr, mal mit weniger Budget über die Runden kommt – weil wir uns für ein freiheitliches Leben als selbständig Arbeitende entschieden haben. In einer günstigen Wohnung mit Möbeln aus diversen Brockis – weil uns das gefällt. Mit drei Schweizer Pässen, die EU-Grenzer höchstens fröhlich durchwinken, wenn wir sie denn überhaupt zeigen müssen – weil wir hier geboren sind.

Wenn die Spaghetti kalt werden

Die Welt unserer Gäste kennen wir nicht. Sie, die junge Familie aus Eritrea, die getrennt zig Länder durchquert hat, um hier in einer Einzimmerwohnung zusammenzufinden. Sie kam schwanger über den Landweg von Eritrea über die Türkei in die Schweiz; er floh über das Mittelmeer mit einem Flüchtlingsboot, wie wir es nur aus den Medien kennen. Vor zehn Monaten erst, immerhin pünktlich zum zweiten Geburtstag seines Sohnes, hat der Vater sein Kind zum ersten Mal umarmt. Seine Flucht, erzählt er uns beim Abendessen, hätte ein Monat gedauert. Ein Monat, sagt sie leise, während dem sie nicht wusste, wo er ist, wie es ihm geht, ob er überhaupt noch lebt. Niemand von uns isst in diesem Moment von den Spaghetti, die vor uns auf den Tellern liegen. Und niemand von uns, weiss etwas zu sagen. Die beiden Eritreer nicht, weil ihnen vielleicht die Worte in der fremden Sprache fehlen. Wir beide nicht, weil uns die Worte für solche Dimensionen fehlen. Unsere Gäste, sie haben eine Seite der Schweiz kennengelernt, die uns komplett fremd ist. Die aus Beratern, Gutscheinen und 200 Franken pro Monat besteht. In der Worte wie Arbeit, Lohn, Hunger und Wohnung eine andere Bedeutung haben als für uns.

Das fremde Italienisch

Dass sie uns von ihrer Welt erzählt haben, an jenem Abend, das hat uns gefreut. Wir wissen jetzt, dass man sich in Eritrea mit Italienisch ganz gut durchschlagen kann, weil Tigrinya forchetta, bicchiere und auto-scuola aus der Kolonialzeit übernommen hat – mündlich, schriftlich hätten wir keine Chance. Doch was haben unsere Gäste wohl über uns gedacht? Dass die Welt verdammt ungerecht ist, wenn man auf der falschen Seite geboren wurde?

Wir müssen uns nochmals treffen, unbedingt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Gina Bucher studierte Publizistik, arbeitet als Redakteurin und freie Journalistin, unter anderem für die «taz». Sie ist Herausgeberin verschiedener Bücher im Kunstbereich.

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