Medien und Informatik sind Teil des Lehrplans 21 © cc Tomasz Mikolajczyk

Medien und Informatik sind Teil des Lehrplans 21

Eile mit Weile für «Medien und Informatik»

Heinz Moser / 01. Jan 2017 - Mit dem Lehrplan 21 findet eine kleine Revolution statt: Medien und Informatik werden offizieller Teil des Volksschulunterrichts.

Seit den 80er Jahren tut sich die öffentliche Schule mit den Medien schwer. Immer wieder wurden zum Beispiel im Kanton Zürich Anläufe zur Weiterbildung der Lehrpersonen in Medienbildung genommen, und es wurde reichlich Geld in die Ausstattung mit Computern investiert. Trotz aller Anstrengungen blieb die Nutzung der Computer im Unterricht auf einem bescheidenen Niveau. Verbessert hat sich dagegen, dass Lehrerinnen und Lehrer den PC häufiger zur Vor- und Nachbereitung einsetzen, weniger dagegen in der direkten Arbeit mit den Lernenden. Mit dem Lehrplan 21 wird nun «Medien und Informatik» offiziell und verpflichtend als Thema im Unterricht eingeführt.

In einer Gesellschaft, wo fast jeder im Alltag und am Arbeitsplatz eine Vielzahl von Medien nutzt, ist dies auch notwendig. Wenn die Volksschule auf das heutige Leben vorbereiten will, kann sie kein medienfreier Raum sein. Das Fach «Medien und Informatik» soll dafür neuen Rückenwind geben. Dass dies rund 40 Jahre nach der Erfindung des PC noch keine Selbstverständlichkeit ist, stellt an sich schon ein bedenkliches Zeichen dar. Der Autor dieses Artikels schrieb schon 1986 ein Buch mit dem Titel «Der Computer vor der Schultür». Und da steht er in manchen Schulen heute noch. Immerhin geht jetzt der Kanton Zürich mit dem guten Beispiel voran: Dank dem Lehrplan 21 soll in der 5.–7. und 9. Klasse voraussichtlich neu eine Wochenlektion «Medien und Informatik» unterrichtet werden.

Bilanz der Medienintegration in den Schulen

Die Einführung eines solchen Faches wird jedoch für die Schulen kein Spaziergang sein. Walter Scheuble, Dozent in Medienbildung an der PH Zürich, hat die Entwicklung seit vielen Jahren verfolgt: «Früher war es für Lehrerinnen und Lehrer oft schwierig mit Medien zu arbeiten, da die mangelnde Ausrüstung mit Computern enge Grenzen setzte. Ich stelle allerdings fest, dass dies heute viel besser geworden ist. Trotzdem gibt es in manchen Schulen Widerstände gegen die neuen Medien – oder sogar eine Polarisierung.»

Scheuble beobachtet, dass es neben Lehrern, die mit ihren Schülerinnen und Schülern kaum mit Computern, Tablets oder Handys arbeiten, auch jüngere Lehrpersonen gibt, die alle diese Geräte häufig in ihrem Unterricht beiziehen. Für sie ist die Arbeit mit Medien im Schulalltag selbstverständlich geworden. Scheuble: «Das vor einigen Jahren eingeführte Fach Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule hat hier etwas gebracht. In den Praktikas sehen wir, wie angehende Lehrerinnen und Lehrer Computer mit Erfolg in ihren Unterricht integrieren. Allerdings ist zu vermuten, dass der Medieneinsatz nach der Ausbildung wieder stärker in den Hintergrund rückt. Man beschränkt sich wieder auf das Altbewährte, weil der normale Schulalltag an sich schon belastend ist.» Das Fazit von Scheuble: «Was sich immer stärker durchgesetzt hat, ist die Arbeit mit Beamer oder elektronischer Wandtafel als Präsentationsmedien, die den Hellraumprojektor ersetzen. In vielen Klassenzimmern geht aber der Medieneinsatz immer noch kaum darüber hinaus.»

Und nun noch die Informatik…

Eine ganz besondere Knacknuss wird die Vermittlung erster Informatikkenntnisse in der Volksschule sein. Denn neben einer eher anwendungsorientierten Thematisierung der Medien kommt die Informatik im Lehrplan 21 ebenfalls auf die Schule zu. Gerade im Berufsbereich sind Informatikkenntnisse immer stärker gefragt. So wurde in wirtschaftsnahen Kreisen in den letzten Jahren die Förderung der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) immer wieder mit Nachdruck gefordert. Die «Hasler-Stiftung» sieht zum Beispiel darin einen wichtigen Beitrag zum Wohl und Nutzen des Denk- und Werkplatzes Schweiz.

Allerdings fehlt es noch an fast allem, wenn man die Informatik auf der Volkschulebene realisieren will. Eine Ausbildung von Dozenten der Informatik fehlt ebenso wie Lehrmittel oder einführende Veranstaltungen an den Pädagogischen Hochschulen. Die aktuellen Jahrgänge der Lehrpersonen, die ihre Ausbildung abschliessen, sind noch in keiner Weise darauf vorbereitet, dass die Informatik in Zukunft Teil des Unterrichts sein wird.

Man wird aber den Schalter nicht einfach umlegen können, wenn das neue Fach im Lehrplan 21 realisiert werden soll. Sowohl die Weiterbildung wie die Ausbildung muss hier erst neu entwickelt werden. Das wird teuer, wenn alle Schweizer Schulen es ernst mit dieser neuen Aufgabe meinen. Jedenfalls ist es mit Schnellbleichen nicht getan, da Lehrerpersonen über ein solides Grundwissen in Medienpädagogik und Informatik verfügen sollten, um diesen Unterricht zu erteilen.

Und es wird Jahre gehen, bis alle notwendigen Lehrkräfte ausgebildet sind. So bedarf es mindestens weiterer 10-15 Jahre, bis ein solches Fach flächendeckend in den schweizerischen Schulen greift. Es ist wohl eher die Schneckenpost als ein Schnellzug, mit welcher das digitale Zeitalter für die Schülerinnen und Schüler in den Schulen Einzug hält – und das ein halbes Jahrhundert seit den ersten Diskussionen um Computer und Schule.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor war bis zu seiner Pensionierung (2013) an der PH Zürich im Bereich der Medienpädagogik tätig.

Eine Meinung

Die radikale Lehrplan 21-Reform wird das Informatik-Problem verschärfen, weil mit der Umstellung vom bewährten Klassenunterricht auf das weniger effiziente «selbstgesteuerte Lernen» der «OECD-Kompetenzorientierung» (nach Weinert) mehr als die Hälfte des bisherigen Grundwissens nicht mehr gelernt wird. Das „selbstgesteuerte Lernen“ und die konstruktivistischen Lehrmittel drängen den «Lernbegleiter» förmlich aus dem Lernprozess hinaus, Lehrmittelzwang wird zum Methodenzwang. Auswendig Lernen ist beim Lehrplan 21 verpönt, Wissen anhäufen sei nicht mehr notwendig, weil man ja «googeln» könne und alles im Internet finde. Unsere Kinder werden mit dem Lehrplan 21 fundierte Information nicht von völligen Falschmeldungen unterscheiden können, wenn sie nicht über dieses verlässliche Grundwissen verfügen. Von 1200 Aargauer Primar- bis Mittelschullehrer lehnen rund 70% das «selbstgesteuerte Lernen», ab.
Peter Aebersold, am 02. Januar 2017 um 10:27 Uhr

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