Sperberauge

Nebelspalter: «Einzigartige Publizistik» als politische PR

Pascal Sigg © cm

Pascal Sigg /  Ist das jetzt Satire? Beim Nebelspalter gibt man nichts auf den Presserat – und verkauft das Publikum für blöd.

Dass Nebelspalter-Chef Markus Somm wenig auf journalistische Ethik gibt, ist nichts Neues. In einem Interview mit dem Branchenmagazin «Persönlich» betätigte er sich einmal mehr als Spaltpilz: «Den Presserat nehme ich überhaupt nicht ernst. Es ist eine einseitige, gewerkschaftsnahe linke Organisation, die nichts anderes macht, als alle Medien, die nicht ihrem ideologischen Vorurteil entsprechen, zu bekämpfen. Der Presserat ist überflüssig.»

Dass Somm diese Position vertritt, ist nur konsequent. Sein oberstes Ziel formuliert er nämlich so: «Wir möchten eine einzigartige Publizistik liefern, bei der allen klar wird, dass es die so sonst nicht gibt.» Und zu den Nebelspalter-Videoformaten sagte Somm: «Entscheidend ist, was unsere Leser und die Werbepartner schätzen.»

Dafür braucht es nicht zwingend mittels berufsethische Standards etablierten Journalismus. Wichtiger ist Kundenorientierung.

Die Frage ist bloss: Welche Kunden? Die zahlenden LeserInnen oder die zahlenden Werbekunden?

Aus Lesersicht begibt sich Somm mit seinem Geschäftsmodell der einzigartigen Publizistik ohne berufsethische Schranken nämlich in einen interessanten Spagat. Und darin ist auch die Grenze zur Satire immer nur eine Adduktorenzerrung entfernt.

So empfahl eine Videokolumnistin des Nebelspalters vor zwei Monaten die Massentierhaltungsinitiative mit scharfen Argumenten eloquent zur Ablehnung. Eines davon lautete: «Ich will kein Tubelivolk». Vielmehr wolle sie Bürgerinnen und Bürger die mitdenken, und ihre eigenen Entscheidungen fällen.

Dabei behandelte sie allerdings ihr Publikum wie «Tubeli». Denn sie verschwieg im Beitrag, dass sie zu diesem Zeitpunkt als Verantwortliche für Produkte-PR für Proviande, die Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft arbeitete.

Von Infosperber nach der Abstimmung darauf hingewiesen, antwortete die Nebelspalter-Redaktion: «Das ging leider vergessen. Wird umgehend ergänzt.» Auf der Nebelspalter-Seite steht nun ein Hinweis. Auf Youtube fehlt aber weiterhin jegliche Interessendeklaration.

Vielleicht passt die Veräppelung der eigenen Leserschaft ja auch einfach in ein einzigartiges satirisches Konzept. Im Interview sagte Somm jedenfalls auch: «Wenn ich nochmals neu starten könnte, würde ich sagen: Nebelspalter ist zwar eine unglaublich starke Marke, aber es ist eine Satire-Marke. Der Zug für eine Umbenennung ist mittlerweile jedoch abgefahren.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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2 Meinungen

  • am 30.11.2022 um 12:00 Uhr
    Permalink

    Der Nebelspalter ist Politmarketing für die Schweizer Milliardäre am rechten Rand. Mit Journalismus hat das wenig zu tun, eher mit Geld scheffeln. Ein Geschäftsmodell in der Marktnische der schreienden Sätze. Ungefähr wie die BDSM-Werbung von Balenciaga. Im Übrigen ist der Nebelspalter das Valium für die Abzocker des ganz freien Marktes. Oder für die, die es auch gerne wären.

    2
  • am 30.11.2022 um 13:09 Uhr
    Permalink

    «Dass Nebelspalter-Gründer Markus Somm wenig auf journalistische Ethik gibt, ist nichts Neues» – also lasst doch diesen übellaunigen Zeitgenossen links liegen und macht ihn mit Besprechungen seiner Elaborate nicht ständig wichtiger, als er ist.

    3

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