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Ausschnitt aus einem Stich der Dampfmaschine von Thomas Savery nach der Patentschrift von 1698 © aus: John Farey, A Treatise on the Steam Engine, London 1828, Reproduziert von der ETH-Bibliothek

300 Jahre billige Energie: Für Wachstum und Macht

Marcel Hänggi /  Die Dampfmaschine setzte den Grundstein für den Klimawandel und für den wunderlichen Glauben an das ewige Wachstum.

Die Menschheit könnte heuer einen runden Geburtstag feiern – wäre ihr denn drum. Vor 300 Jahren wurde dem menschgemachten Klimawandel der Grundstein gelegt. Auch die Erwartung auf immerwährendes Wirtschaftswachstum fusst auf dem, was vor 300 Jahren in einem Kohlebergwerk in Staffordshire in England begann.
1712 nahm die erste Maschine ihren Betrieb auf, die Wärme in Arbeit umwandeln konnte. Die Dampfpumpe verbrannte Kohle und diente dazu, Kohle zu fördern: Indem sie Bergwerksstollen vom eindringenden Grundwasser leerpumpte, ermöglichte sie erst die Nutzung der Kohle im großen Stil. Das Zeitalter der fossilen Energien nahm seinen Anfang.
Kohle machen mit Kohle: Die Dampfpumpe nahm gewissermaßen das Geschäftsmodell der Finanzbranche vorweg. Und das ist mehr als ein Wortspiel. Denn das Geschäftsmodell funktioniert nur, wenn die allgemeine Erwartung lautet, dass es immer mehr Kohle gibt: dass die Wirtschaft wächst. Gegen diese Erwartung spricht aber ein fundamentales Prinzip allen Wirtschaftens: Jedes Wachstum schmälert die Aussicht auf weiteres Wachstum. Am Beispiel der Kohleförderung zeigt sich das schön: Kohle wurde in England schon lange abgebaut, im 17. Jahrhundert gab es einen Boom, aber ohne Dampfpumpe wäre der Boom bald zu Ende gewesen. Denn die oberflächennahen Vorräte gingen zur Neige. Je tiefer aber man grub, desto mehr Grundwasser drang in die Stollen ein. Irgendwann war der Punkt erreicht, wo der Aufwand des Auspumpens größer gewesen wäre als der Ertrag.

Skalenökonomie: Kohle aus Kohle

Doch dann kam die Dampfmaschine – und kehrte das Grundprinzip in sein Gegenteil: Je mehr Kohle man hatte, desto mehr Stollen konnte man leer pumpen, um noch mehr Kohle zu fördern. Die Ökonomie nennt das das Skalenprinzip. Es ist die Grundlage langfristigen Wirtschaftswachstums. Irgendwann im 19. Jahrhundert begann das Skalenprinzip so normal zu werden, dass die Ökonomen vergaßen, dass Skalenökonomien Grenzen nicht abschaffen, sondern lediglich hinausschieben.
Das Zeitalter, das damals begann und mit Erdöl und Erdgas noch bekräftigt wurde, war das Zeitalter extrem billiger Energie. Heute befinden wir uns in seiner Spätphase. Natürlich gibt es Ersatz: Wind, Sonne, Erdwärme. Aber die Eigenschaften, die die fossilen Energieträger so ideal machten und die unsere Gesellschaft geprägt haben, haben nur sie: Sie liegen hoch konzentriert vor und lassen sich leicht gewinnen, lagern und transportieren.
Den Klimawandel haben wir nun davon – und einen präzedenzlosen materiellen Wohlstand. Wie fällt die Bilanz des Zeitalter aus?

Durchzogene Bilanz

Eines, was ihr oft zugeschrieben wird, hat die Dampfmaschine nicht getan: Die industrielle Revolution ausgelöst. Diese nahm zwar um 1760 ebenfalls in England ihren Anfang – aber nicht mit Dampf-, sondern mit menschlicher Arbeits- und Wasserkraft.
1784 erfand James Watt die Dampfmaschine neu und machte sie fabriktauglich. Hat sie die Industrialisierung nicht ausgelöst, so hat sie ihr aber doch schon bald ihren Stempel aufgedrückt. In Verbindung mit der Dampfmaschine auf Rädern, der Lokomotive, entfaltete die Kohle ihr volles Potenzial: Energie ließ sich nun leicht über große Strecken transportieren. Während in der Schweiz, die sich ebenfalls sehr früh industrialisierte, die Fabriken den energiespendenden Flüssen entlang in Glarus, im Zürcher Oberland oder in der Ostschweiz entstanden, kam es in England zu Industrieballungen. Die Kohle hat die Energieproduktion von der Energienutzung räumlich entkoppelt.
Die Frühzeit der Industrialisierung war die Zeit, in der sich die wichtigsten Errungenschaften der Moderne – langsam wie die neuen Energieformen – durchzusetzen begannen: Demokratie, Menschenrechte, Liberalismus, Egalitarismus. Alles dank der neuen Energie, die die Menschheit von der Geißel schwerer Arbeit befreite? So einfach liegen die Dinge selten in der Geschichte.

Kohle und Sklaven

Die Dampfmaschine trug erst einmal dazu bei, die Massensklaverei auf ihren grausamen Höhepunkt zu treiben. Wie das? Europas Industrie verarbeitete Baumwolle immer schneller. Gewonnen aber wurde diese auf Plantagen in Übersee mit der archaischsten aller Energien: Sklavenarbeit. Ein Effekt, der häufig ist in der Geschichte der Technik: Statt die alten Techniken zu ersetzen, gesellen sich die neuen zu ihnen hinzu. So hat auch die Zahl der Transportpferde trotz – oder eben wegen – der Eisenbahn stark zugenommen, in England bis etwa 1930; am meisten Pferde besaßen Eisenbahngesellschaften. Denn je mehr mit der Eisenbahn über lange Strecken transportiert wurde, desto mehr wuchs auch der Zubringerverkehr auf den kurzen Strecken.
Die Industrialisierung war zunächst nur für die, die über die neuen Maschinen verfügten, ein Segen. Bis etwa 1850 «nahm die Lebenserwartung in England ab und entfernte sich von dem hohen Niveau, das England schon einmal zur Zeit Shakespeares erreicht hatte», schreibt der Universalhistoriker Jürgen Osterhammel. In Deutschland kam mit der Industrie der Begriff des «Pauperismus», der Massenarmut, auf.
Nicht die Dampfmaschine hat die Sklaven befreit, sondern die Politik: Sklaverei wurde verboten. Und doch hatten die billigen Energien ihren Anteil. Denn je wohlhabender die wurden, die von der neuen Energie profitierten, und je mehr die Vorstellung, es gebe genug für alle, um sich griff, desto obszöner erschien es, Sklaven für sich schuften zu lassen. Die Sklaverei war, schreibt Osterhammel, «in jenem Moment dem Untergang geweiht, als mit jedem Löffelgriff in die Zuckerdose das Seufzen der fernen und unsichtbaren Sklaven zu ertönen schien.» Fossile Energie, Industrialisierung und Wirtschaftswachstum verhalfen den Werten der Moderne nicht automatisch zum Durchbruch. Aber sie erleichterten ihren Siegeszug.

Energie ist Macht

Dieser Fortschritt hatte aber auch damit zu tun, dass die Mächtigen jetzt friedlich erreichen konnten, wozu sie zuvor Gewalt gebraucht hatten: noch mächtiger zu werden. Die neue Energie brachte mit den räumlichen Ballungszentren auch Machtballungen. Skaleneffekt bedeutet auch: Wer über mehr Energie verfügt, kann mehr Energie einsetzen, um seine Macht weiter auszubauen. Nie zuvor gab es so große Konzentrationen ökonomischer Macht wie jetzt in den Händen derer, die die modernen Energieströme kontrollieren. Und nicht zufällig entfaltete der Energiesektor die größte Tendenz zum Monopolkapitalismus. Das Kartellrecht wurde in den USA am Ende des 19. Jahrhunderts gegen einen Energieunternehmer entwickelt: gegen den Erdölmagnaten John Rockefeller. Heute sind sieben der zehn umsatzstärksten Konzerne der Welt Energieunternehmen.
Im 19. Jahrhundert gab es das Schimpfwort des «Dampfmaschinenkapitalismus». Und es gab den Traum, diesen durch neue Energie zu überwinden: 1882 nahm das erste Kraftwerk (natürlich dampfgetrieben) seinen Betrieb auf. Der neue Energieträger Strom stand für das Leichte (mit Strom gewinnt man das Leichtmetall Aluminium, mit Kohle den schweren Stahl), das Helle (künstliches Licht ohne Rauch war etwas Neues), das Saubere (wir machen uns heute keinen Begriff, wie schlecht die Luft in den damaligen Industriestädten war). Tatsächlich hatte der Strom (und hat es heute noch) das Zeug zur dezentralen Nutzung. Doch die Strukturen, die mit der Kohle gewachsen waren, waren schon so verfestigt, dass auch die Stromnutzung ihnen folgte – zentralisiert statt dezentral, mit großen Kraftwerken und Energietransporten über weite Strecken. Heute sind Atomkraftwerke dampfmaschinenkapitalistischer als die Dampfmaschine, und die größten Bauwerke der Menschheit sind Wasserkraftwerke.
Wie geht es weiter? Heute ist Krisenzeit – wie schon vor 300 Jahren: Die verfügbare Nahrungsmenge pro Kopf nahm in Europa ab, die Wälder als Energieressource kamen unter Druck. In dieser Zeit erschloss sich Europa eine neue, billige Energiequelle. Man kann das kaum überschätzen. Rolf Peter Sieferle, Umwelthistoriker an der Universität St. Gallen, spricht vom Anbruch eines neuen «Energieregimes», vergleichbar mit der Erfindung der Landwirtschaft. Wären die Grenzen des damaligen, vor-fossilen Energieregimes nicht gesprengt worden, so «hätte man», schreibt Sieferle, «mit einem langwierigen Tauziehen um Macht und Ressourcen rechnen können, wie sie sich wohl erst gegen Ende des fossilen Energiesystems in einer überbevölkerten Welt einstellen wird.» 
Also demnächst.

Zentral, dezentral

Das ist düster. Doch vielleicht gelingt es, die Errungenschaften in das Zeitalter nach den fossilen Energien hinüberzuretten und gleich auch noch die mit diesen Energien verbundenen Machtkonzentrationen zu überwinden. Zahlreiche Cleantech-Propheten sind überzeugt davon; der amerikanische Bestseller-Soziologe Jeremy Rifkin sieht schon eine Wirtschaft ohne Hierarchien dämmern. Tatsächlich bieten die erneuerbaren Energien alle Chancen für eine völlig neuartige, dezentrale Energieversorgung, denn die erneuerbaren Energien liegen nicht hoch konzentriert an relativ wenigen Stellen vor, sondern in geringer Konzentration fast überall. Doch die Vorstellung, die auf Kohle, Öl und Gas gebaute Industrie würde von alleine verschwinden, sobald genug Windräder und Solarpanels aufgestellt sind, dürfte sich als trügerisch erweisen. Die Sklavenhalter hätten auch noch lange mit Profit weiter gemacht, hätten sie die Abnehmer ihrer Produkte nicht zum Aufhören gezwungen. Und wenn sich die Energiewende in den bekannten Strukturen vollzieht, mit Offshore-Windparks und riesigen Solaranlagen in der Wüste, so wird sie den Dampfmaschinenkapitalismus genauso fortführen wie weiland der elektrische Strom.
Bloß den Schalter umlegen von fossil auf erneuerbar: So leicht wird man mit einem 300-jährigen Geist nicht fertig.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Artikel erschien zuerst in der Tageswoche. Marcel Hänggi recherchierte zum Thema für sein Buch «Ausgepowert», das von der Schweizerischen Energie-Stiftung herausgegeben wurde.

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Eine Meinung zu

  • am 9.03.2012 um 09:12 Uhr
    Permalink

    Die Vorstellung, mit neuer, dezentraler Energiegewinnung würden zugleich auch soziale Problem mit gelöst wird sich ja vermutlich in die Reihe der seit Jahrhunderten ebenfalls immer wieder auftauchenden gefährlichen Illusionen einreihen! Ausserdem ist rein dezentrale Stromerzeugung auch nicht die Lösung aller technischen Probleme: Grosse Industrieanlagen brauchen z.B. grosse Mengen Elektrizität an einem Ort, und auch «verteilte Grossanlagen» wie z.B. ein Eisenbahnnetz ist so noch lange nicht zu betreiben. Und überhaupt werden die notwendigen Netze im Zweifelsfall sicher in hohem Masse eine Ressource sein über die sich Machtstrukturen aufbauen lassen! «Machtfrei» wird also nicht passieren.

    Schlussfolgerung: Auch wenn weder «Linke» noch «Rechte» oder «Bürgerliche» daran glauben – ohne «Handeln aus Einsicht» wird’s auch in Zukunft nicht gehen! 😉

    Und besonders eine Einsicht schliesst sich an den Artikel für mich ganz zwanglos an: Nicht nur ein Trend zu mehr Dezentralisierung ist mit den erneuerbaren Energien «von Natur aus» verbunden, sondern auch die Tatsache, dass sie immer begrenzt sein werden! Sicher scheint die Sonne reichlich, aber eben doch nicht unendlich. Der oben so schön erläuterte «Skaleneffekt» spielt also grundsätzlich nicht!

    In gewisser Weise war die Atomenergie ja die Krönung des Traums von der unendlichen Energiequelle ohne «irdische Zwänge", also «unendlich viel Energie» aus «fast keinem Brennstoff". Nur dass es eben immer klarer wird dass eine Technik ohne Bezug zu ihrer Umgebung zwar ausgedacht werden kann, dass sie aber unter realen Bedingungen eben garnicht machbar ist!

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