Konzern-Ideologien und Realitäten

Markus Mugglin ©

Markus Mugglin /  Ein Lehrstück über die Kluft zwischen Behauptungen und Realitäten bot verdienstvoller Weise die NZZ am Sonntag.

Auf Seite 19 ein «externer Standpunkt» gegen die Konzernverantwortungsinitiative, auf Seite 20 eine Reportage über eine Tochtergesellschaft von LafargeHolcim im Libanon, die vorurteilsfrei die Wirklichkeit im Kontext der Konzernverantwortungsinitiative wahrnimmt und beschreibt. Die beiden in der «NZZ am Sonntag» publizierten Artikel standen aber nicht nur unvermittelt nacheinander. Zusammen gelesen legen sie offen, wie die Wirklichkeit ist.
Im «Standpunkt» verfährt der mehrfache Verwaltungsrat Markus Neuhaus nach der Methode, die Unternehmen sind gut, die Konzernverantwortungsinitiative ist schlecht. Unter der Überschrift «Die Unternehmen sind längst auf dem Weg zur Nachhaltigkeit» lässt er kaum einen Punkt aus dem gegnerischen Behauptungs-Katalog aus und verrennt sich dabei gleich mehrfach.
Neuhaus behauptet z.B., KMU hätten eine «umfassende Garantie der Einhaltung aller Menschenrechte und Umweltstandards für all seine Zulieferer» zu erbringen. Was kümmert es ihn, dass selbst umfassende Sorgfaltsprüfungen nicht mit Garantien gleichzusetzen sind. Er hält der Initiative auch die Losung entgegen «das passiert nicht über Nacht, aber über Zeit», auch jetzt noch, da der auf Freiwilligkeit basierende UNO-Global Compact für die Respektierung der Menschenrechte und der internationalen Umweltstandards sein 20 Jahr-Jubiläum begeht und in seinem soeben publizierten Jubiläums-Report einen krassen Misserfolg vermelden muss (Seite 14). Nur gerade knapp ein Fünftel der Mitgliedunternehmen klärt ab, wie sich ihre Aktivitäten bezüglich Menschenrechte auswirken.
Grosses Lob zollt Neuhaus dann ausgerechnet dem Zementproduzenten LafargeHolcim, der sich in der auf Seite 20 folgenden Reportage von Meret Michel mit Verlautbarungen zitieren lässt, die Zweifel an den Geschäftspraktiken erst recht nähren:
«Holcim Liban respektiert die nationalen Emissionsgrenzen, die das libanesische Gesetz vorschreibt», teilte das Unternehmen der Reporterin Meret Michel mit. Zur Betreibung der Steinbrüche antwortete es, man halte sich an das lokale Gesetz. Als Unterzeichnerin des Global Compact sollte sich LafargeHolcim aber längst an international vereinbarten Standards statt nur lokalen Gesetzen messen. Das müsste auch für die Emissionswerte im nahen Umfeld der Fabrik und des Steinbruchs gelten. Sind sie krebsfördernd, wie Kritikerinnen und Kritiker in der Reportage der freischaffenden Auslandkorrespondentin Meret Michel meinen? Der Verweis, nationale Gesetze einzuhalten, genügt als Argument jedenfalls nicht.
«Ist das ein Fall für Schweizer Richter?», ist die Leitfrage, mit der die Reporterin unvoreingenommen die Praktiken der LafargeHolcim-Niederlassung im Libanon beschreibt. Sie lässt verschiedene und zum Teil sich widersprechende Personen zu Wort kommen. Eine Antwort gibt sie nicht, doch die Redaktion reichte die Frage an Gegner und Befürworter der Initiative weiter. So interessant deren Antworten auch sind, die wohl wichtigste Frage hat die NZZa.S. allerdings «vergessen» zu stellen – nämlich: Würde ein Ja zur Konzernverantwortung auch ohne Klagen Wirkung zeigen? Sie würde es mit Sicherheit – auch bei LafargeHolcim. Das Unternehmen könnte sich nicht mehr mit der Einhaltung lokaler Gesetze herausreden. Es müsste seine Sorgfaltsprüfungen an international anerkannten Standards für Menschenrechte und Umweltschutz messen und darüber öffentlich Rechenschaft ablegen. Der Konzern bekäme die Chance, Klagen vorzubeugen. Die Menschen im Umfeld erhielten schneller Schutz, als wenn sie klagen würden.


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Keine

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