Interview mit Deutscher Bank: Sie diktierte Fragen

Red. /  Wer das Interview in der «Heute Show» gesehen hat, glaubt es kaum: Doch, es war echt. Selten hat sich eine Bank so entblösst.

Es sei «ausgerechnet Martin Sonneborn gelungen – sagen wir mal – so ‘ne Art Interview zu kriegen», freute sich Moderator Oliver Welke am Freitag im ZDF. Im dreieinhalb-minütigen Beitrag schilderte Sonneborn, dass er die Deutsche Bank um ein Interview gebeten habe zu Macht, Finanzkrise, Hedgefonds und die Millionengehälter der Banker.

Die Bank sagte zu, schickte jedoch die erwünschten Fragen und Antworten gleich zum voraus mit. «Nicht meine Fragen wollten die Banker beantworten, sondern Unverfängliches», sagt Sonneborn im Film. «Ich sollte also für die Bank die Hauptrolle in einem getürkten Interview spielen.»
Dann wurde gefilmt, wie der TV-Mann in der Frankfurter Zentrale der Deutschen Bank ankommt und im Foyer und Konferenzbereich Stefan Georgi interviewt. Dieser wird im Film als «Deutsche-Bank-Kommunikationsexperte» vorgestellt. Nicht erwähnt wurde, dass Georgi ein untergeordneter PR- Mann der Deutschen Bank ist und als Vorsitzender des CDU-Ortsverbands Leipzig-Mitte amtet.
Nach der «Heute Show» vom letzten Freitag kam es im Internet zu vielen spöttischen Reaktionen. Das ZDF hat den Zuschauerinnen und Zuschauern unterdessen bestätigt, dass das ausgestrahlte Interview kein «Fake» sei, sondern in Realität so stattgefunden habe.
Sonneborn stellt Georgi und die Deutsche Bank damit bloss, dass er im Gespräch die Antworten auf die Fragen teilweise vorwegnimmt (er hatte sie ja vorher schriftlich zugestellt erhalten) und der Deutsche-Bank-PR-Mitarbeiter die Antworten ergänzt – so wie sie im Manuskript vorgeben waren. «Nicht um Eier oder Äpfel wie auf dem Wochenmarkt, sondern um Aktien und Rohstoffe» werde an der Börse gefeilscht, sagt Georgi. Regelmässig gibt Sonneborn zu erkennen, das er bereits weiss, was Georgi als nächste Antwort sagen wird.
Doch dann drückt sich Georgi unbeholfen um eine Antwort zum Thema Hedgefonds. Diese Frage war nicht im vorgegebenen Manuskript der Deuschen Bank.
Der Interviewer Martin Sonneborn war früher Chefredakteur des Satire-Magazins Titanic und ist seit Jahren als Reporter für die vielfach prämierte ZDF-Sendung «Heute Show» im Einsatz.

Das Interview zeigt auch in erschreckender Weise, dass es Grossbanken und andere Konzerne offensichtlich als völlig normal ansehen und es ihnen gar nicht auffällt, wenn Journalisten vorgegebene Fragen und Antworten blind übernehmen und nachplappern.

NACHTRAG 13.11.2013
Nachdem die Deutsche Bank zuerst geschwiegen hat, brachte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» einige Details: Die Bank wusste nicht, dass das Interview in der «Heute Show» ausgestrahlt werden sollte. Um ein Gespräch habe die Filmproduktionsgesellschaft «Smac Film» nachgefragt für eine Reportage mit dem Ziel, einem jüngeren Publikum die Welt der Banken zu erklären. «Smac Film» habe Fragen gestellt wie «Warum haben wir weltweit gerade so viele Probleme mit dem internationalen Finanzsystem?». Die Deutsche Bank hielt solche Fragen für «zu komplex» für Jugendliche. Deshalb habe sie selber eine Reihe von Fragen und Antworten vorgeschlagen.
Die Bank glaubte, es habe sich um ein Bankenprojekt «zur Förderung der Finanzbildung an Schulen» gehandelt. Offensichtlich schreiben Banken das Material für den Schulunterricht meist gleich selber. Der interviewte Bankmann und CDU-Politiker sei für dieses Schulunterricht-Projekt verantwortlich, aber kein Kommunikations-Experte.


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