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Sepp Blatter beauftragt Strafrechtsprofessor Mark Pieth mit einer Analyse der Fifa. © fifa

«Die Medien müssen Druck auf die Fifa aufbauen»

Urs Zurlinden /  Für Strafrechtsprofessor Mark Pieth ist die Fifa heute ein Konzern wie Nestlé, arbeitet aber in Strukturen eines Gentlemen's Club.

(Red.) Mark Pieth war von 1989 bis 1993 Chef der Sektion Wirtschaftskriminalität, Geldwäscherei und Organisierte Kriminalität im Bundesamt für Justiz. Seither ist er Professor für Strafrecht und Kriminologie an der Uni Basel. Er leitet das Basler «Institute on Governance». Als anerkannter Kämpfer gegen die Korruption steht er auch dem «Independent Governance Committee» vor, das den Weltfussballverband (Fifa) auf dem Weg zu neuen Strukturen überwachen soll.
INTERVIEW

Der FC Sion spielte mit gesperrten Spielern – bisher ohne jegliche Konsequenzen?
Es geht im weitesten Sinn darum, ob Sport über dem staatlichen Recht steht. Das ist für mich das übergeordnete Thema.
Ist der Eindruck falsch, dass mit dem Fall Sion nun an der Schweiz ein Exempel statuiert werden soll?
Möglicherweise will man jetzt eine Konsequenz zeigen, die man vorher vermissen liess.
Sie bezeichneten die Fifa auch schon als «Gentlemen’s Club». Gegenüber der Schweiz sind die Gentlemen wenig generös!
Ich wollte damit den Übergang aus der Vergangenheit beschreiben: Die Fifa war früher ein Gentlemen’s Club, der die Spiele organisiert hat, auf die Spielregeln konzentriert war und nur mit Ach und Krach diese Weltmeisterschaften hingekriegt hatte. In der ersten Hälfte ihres Bestehens war immer unsicher, ob sie finanziell über die Runden kommen.
Das hat sich dramatisch verändert, als das Fernsehen und die anderen neuen Medien auftraten. Ab dann ist die Fifa zu einem multinationalen Unternehmen geworden. Und da fangen unsere Probleme an: Die Fifa hat eine Struktur, die auf diesen Gentlemen’s Club passt, aber eigentlich ist sie ein multinationales Unternehmen wie Nestlé.
Die Fifa bewegt sich seit Jahren im Dunstkreis von Korruption, Schmiergeld und Absprachen. Was ist wahr an diesen Vorwürfen?
Die Schwierigkeit der Fifa ist, dass sie sich – wenn überhaupt – nur am Rande des Rechts befindet: Über der Fifa ist nur noch der Himmel. Es gibt keine staatliche Behörde oder internationale Organisation, welche die Fifa reguliert. Die Verantwortlichen sind gewohnt, selbstherrlich Entscheide zu fällen.
Eigentlich wäre die Fifa – anders als das IOC – demokratisch organisiert mit einer Struktur von unten nach oben. In der Praxis aber hat die Spitze ein unheimliches Gewicht. Das wird dadurch noch akzentuiert, indem die letzten Fifa-Präsidenten sehr geschickt über Freunde und Beziehungen regiert haben. Das sind die Themen, mit denen wir zu tun haben.
Noch einmal: Was stimmt an all den Vorwürfen?
Ich würde nicht sagen, die Fifa selber sei korrupt. Aber: Es gibt zu viele korrupte Einzelpersonen in dieser Struktur – und die Struktur lässt es zu, dass Leute in die eigene Tasche wirtschaften.
Im Brennpunkt stehen die WM-Vergabe für 2022 an Katar und Schmiergeldzahlungen der früheren Sportrechteagentur ISL. Gibt es noch mehr Leichen im Fifa-Keller?
Ja, es gibt eine ganze Reihe von Leuten, die im Ruch stehen, Gelder genommen zu haben, zum Teil Millionensummen. Dann gibt es Leute, die sich aufs Glatteis führen liessen und bereit waren, bei der Vergabe von Austragungsorten ihre Stimme zu verkaufen. Es gibt zahlreiche ungute Entwicklungen in der Vergangenheit, was zu den diversen Abgängen von Exekutivmitgliedern führte. Aktuell haben wir Probleme mit einem argentinischen Mitglied des Exekutivkomitees. Die vielen angeschlagenen Leute, die neben ihrer Funktion im Exekutivkomitee auch noch private Geschäfte gemacht haben, sind ein Riesenproblem.
Wie stark ist denn die ganze Fifa-Führung mit den 24 Mitgliedern des Exekutivrates verseucht?
So generell kann man das noch nicht sagen. Im Übrigen hat das Recht Mühe, Korruption zu erfassen: Anfangs Jahr habe ich den Vorschlag gemacht, das schweizerische Korruptionsrecht auf Mitglieder von Sportdachverbänden auszudehnen. Das Problem ist: Wir wissen nur wenig, weil die meisten Fälle gar nicht von der Justiz aufgearbeitet werden können. Die Justiz ist nur in gewissen Bereichen aktiv. So ist das US-FBI daran, gewisse Vorkommnisse in der Karibik aufzuarbeiten. Es fehlt eine systematische Aufarbeitung.
Fifa-Präsident Sepp Blatter versucht immer wieder, die Probleme klein zu reden. Was will er verbergen?
Ob er die Probleme klein redet, ist nicht mein Thema. Meine Ausrichtung ist: Viele von denen, die heute im Exekutivkomitee sitzen, werden nicht mehr lange dort sein. Sie werden zurücktreten, weil sie in Skandale verwickelt sind oder weil ihre Amtszeit abläuft. Entscheidend für mich ist: Das Ethikkomitee muss systematisch sämtliche neu gewählten Vertreter auf deren Integrität hin überprüfen können. Und falls Vorwürfe gegen sie mehr als nur Gerüchte sind, müssen sie umgehend suspendiert werden. Das ist eine der wichtigsten Forderungen in meinem Untersuchungsbericht.
Hat Sepp Blatter Sie kontaktiert für den Job des Fifa-Beraters?
Ja, er hat mich für die Analyse kontaktiert – und zwar nachdem ich ihm ziemlich an den Karren gefahren bin.

In Ihrem ersten Bericht schreiben Sie viel von Strukturschwächen. Geht es nicht vielmehr um Köpfe?
Es geht sicher auch um Köpfe. Aber wenn die Strukturen stimmen, kommen solche Leute gar nicht ans Ruder.
Sie leiten eine unabhängige Kommission für Gouvernanz. Was ist darunter zu verstehen?
Der Begriff steht für die ethische und rechtlich korrekte Organisation einer Institution: Wie kann man Unternehmen oder Staaten so organisieren, dass das Risiko von Korruption, Betrug usw. minimiert wird.
Haben Sie die Kommissions-Mitglieder inzwischen zusammen?
Fast. Wir haben ein starke Gruppe von Gouvernanz-Experten, darunter den ehemaligen Justizminister und obersten Staatsanwalt von England, aber auch NGO-Vertreter. Daneben gibt es eine Gruppe von Stakeholder, die wissen, was Fussball heisst. Das sind Spielervertreter, Vertreter von Clubs, von Ligen – und auch eine Vertreterin des Damenfussballs. Dazu kommt jetzt neu der Präsident von Hyundai als Sponsor. Noch fehlt ein Vertreter der Fernsehanstalten. Dann ist mir wichtig: Die Türe bleibt offen – beispielsweise für einen Vertreter der Fans.
Bereits im März will das Gremium seine Vorschläge vorlegen – in nur drei Monaten?
Tja, man wird sehen, ob das geht.
Entscheiden über allfällige Reformen wird letztlich die Fifa. Das könnte in Frust enden?
Das ist wahr. Das ist das Risiko, das ich sehenden Auges eingegangen bin. Ich werde mich bemühen und ich brauche die Hilfe der Zivilgesellschaft und der Medien, um genügend Druck aufzubauen.
Was unterscheidet denn die Fifa von den 60 anderen internationalen Sportverbänden in der Schweiz?
Die Grösse und Bedeutung des Fussballes. Und die Strukturen: Die meisten Sportverbände sind zwar Vereine, aber beispielsweise das IOC ist nicht derart basisdemokratisch organisiert.
Wo platzt der nächste Skandal?
Das kann ich nicht sagen. Dass es ohne Skandal abgeht, würde mich erstaunen.
Ist denn die Schweiz ein besonders guter Nährboden für korrupte Sportverbände?
Die Schweiz hat sich exponiert, weil sie bewusst solche Sportverbände angezogen hat und es zulässt, dass sie unterreguliert sind.
Was wäre zu tun?
Das Bundesamt für Sport hat seine Hausaufgaben zu machen. Die sind auch dran und überlegen sich, gewisse Rahmenbedingungen und Leitplanken zu setzen.
Was versprechen Sie sich für das kommende Jahr?
Dass man uns jetzt bei der Fifa machen lässt, dass wir die Reformen durchziehen können und dass die Gängster nicht im Windschatten der Kritiker an den Reformern entwischen.
—-
Dieses (hier gekürzte) Interview erschien am 25.12.2011 in der Südostschweiz


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