AKWFessemheim

Das französische AKW Fessenheim in der Nähe von Basel © WDR

AKW Fessenheim: Atom-Unfall vertuscht

Red. /  Nach Recherchen von WDR und «Süddeutscher Zeitung» könnte es 2014 einer der dramatischsten AKW-Unfälle in Westeuropa gewesen sein.

Red. Das AKW Fessenheim befindet sich nur 60 Kilometer nördlich von Basel. Kleinere Pannen sind in diesem alten AKW schon häufiger aufgetreten. Der grösste Fast-Unfall aus dem Jahr 2014 haben die Franzosen und die an Fessenheim mit je 5 Prozent beteiligten Schweizer Energiekonzerne Alpiq, Axpo und BKW bisher verschwiegen. Im Folgenden die neusten Enthüllungen des TV-Senders WDR und der «Süddeutschen Zeitung».
Der Reaktorkern betroffen

Am 9. April 2014 um 17 Uhr gehen gleich mehrere Alarmsignale auf der Leitwarte des Reaktorblocks 1 in Fessenheim ein: Wassereinbruch auf mehreren Ebenen, Defekte an elektrischen Isolierungen, Ausfall eines der beiden Systeme zur Reaktorschnellabschaltung. Der Versuch, den Reaktor ordnungsgemäss herunterzufahren scheitert – die Steuerstäbe lassen sich nicht bewegen.
«Es betrifft hier den Reaktorkern, also die Seele, die Zentrale der Anlage», sagt Manfred Mertins, der seit Jahrzehnten als Sachverständiger für Reaktorsicherheit tätig ist. Er war lange Mitarbeiter der Gesellschaft für Reaktor- und Anlagensicherheit, GRS, die im Auftrag der Bundesregierung die Sicherheit von Atomkraftwerken beurteilt. «Wenn ich hier unterstelle, dass ein System schon ausgefallen war, muss ich sagen: Damit war die Abschaltung nicht mehr in dem vorgesehenen Umfang sichergestellt», so Mertins. «Also insofern ein sehr ernstes Ereignis.»
Temperatur aus dem Ruder gelaufen
Die französische Atomaufsicht schrieb wenige Tage nach dem Unfall an die Leitung des Kraftwerks einen Brief. Der Inhalt ist auch für Mertens erschreckend. «Es gibt eine Information, dass für etwa drei Minuten die Temperatur im Reaktorkern aus dem Ruder gelaufen ist. Das ist sicherlich darauf zurückzuführen, dass man keine Informationen mehr über die Regelung im Kern hatte.» Die Mannschaft habe in diesem Moment den Reaktor quasi blind gefahren, sagt Mertins.

Originalbericht des WDR vom 4.3.2016 hier.

Eine dramatische Situation, so sah es damals wohl auch der Kraftwerksbetreiber. Eiligst richtete er einen Krisenstab ein. Der entschied sich für eine ungewöhnliche Massnahme: Um den Reaktor herunterzufahren, wird Bor in den Reaktorbehälter gegeben. Man zieht sozusagen die Notbremse, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Ein in Westeuropa einmaliger Vorgang, sagt Mertins.

«Es hätte kein Wasser eindringen dürfen»
Aber nicht nur die Folgen, auch die Ursachen des Unfalls erschrecken den Experten. Denn offenbar sind die diversen Steuersysteme ausgefallen, weil Wasser durch die Ummantelung von Elektrokabeln in verschiedene Räume und in sicherheitsrelevante Schaltkästen gelangen konnte. «Es hätte kein Wasser eindringen dürfen, insbesondere in die Leittechnikschränke des Reaktorschutzes. Dass ein Strang komplett ausgefallen ist, das geht gar nicht!»
Sowohl die französische Atomaufsichtsbehörde ASN als auch die Betreiberfirma EDF haben seinerzeit die ganze Dramatik der Ereignisse vom 9. April 2014 der Öffentlichkeit vorenthalten. Der Ausfall der Steuerstäbe und die so genannte «Notborierung» wurden nicht einmal der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien mitgeteilt.
«Dieser Schrottreaktor gehört abgeschaltet»
Für die Vorsitzende der Grünen, Simone Peter ist das AKW Fessenheim nicht nur wegen dieses Vorfalls eine tickende Zeitbombe. «Ein Betreiber, der wie ein Hasardeur agiert, eine Aufsicht, die beide Augen zudrückt, und ein AKW, das aus dem letzten Loch pfeift. Das ist nicht hinnehmbar», sagt sie. «Das ist eine akute Gefährdung für die Bevölkerung auch in Deutschland. Dieser Schrottreaktor gehört abgeschaltet.»
Die Grünen-Vorsitzende fordert wegen der Häufung von Zwischenfällen in grenznahen Atomkraftwerken nun eine Neubewertung der Atomkraft in Europa und schlägt einen europäischen Atomgipfel vor.
Präsident François Hollande hatte im Wahlkampf zugesichert, das alte Kernkraftwerk Fessenheim Ende 2016 stillzulegen. Letzte Woche gab er bekannt, das AKW noch bis Ende 2019 laufen zu lassen – aus wirtschaftlichen Gründen.


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2 Meinungen

  • am 5.03.2016 um 13:16 Uhr
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    Müssen wir unbedingt zuerst einen Supergau erleben, bevor wir auf AKWs verzichten? Und wohin mit dem Abfall? Nach wie vor ungelöst. Ausstieg sehr kostspieleig. Wir stecken hier in etwas drin, das wir schon jetzt nicht mehr rückgängig machen können. Sch….e!

    0
  • am 7.03.2016 um 08:47 Uhr
    Permalink

    Die NZZ schafft es über die ganze Zeit hinweg keine einzige Silbe zum fast-Gau in Fessenheim in ihrem Blatt zu schreiben! Wes Brot ich ess, dessen Verschweigen liefere ich täglich! Da macht es Sinn auf die 1’000e Mahnwache vor dem Schweizer ENSI hinzuweisen, das ebenflass komplizenhaft zu «Fessenheim» schweigt. Die Infos zur Mahnwache am Donnerstag, 10. März 2016, 16:30 Ort: Industriestrasse 19 und Campusplatz Windisch, 5200 Brugg:
    5 Jahre Fukushima, 30 Jahre Tschernobyl
    1000. Mahnwache vor dem ENSI, am Donnerstag, 10. März 2016

    Ab 16.30 Uhr vor dem ENSI, Industriestrasse 19, Brugg und anschliessend auf dem Campusplatz Windisch, 200 Meter weiter östlich. Beides direkt beim Bahnhof Brugg.

    Die Hauptforderungen:
    Keine Wiederinbetriebnahme des 47-jährigen AKW Beznau 1; aus diesen Gründen:
    – gegen 1000 Unregelmässigkeiten im Druckreaktorgefäss,
    – wegen den grossen Hochwasserrisiken mitten auf der Aareinsel Beznau,
    – wegen der fehlenden Auslegung gegen Flugzeugabstürze und
    – wegen der zurechtgebogenen Erdbebensicherheit.
    Ein geordneter statt ein chaotischer Ausstieg

    RednerInnen mit kurzen Statements:
    Regula Rytz, Nationalrätin und Präsidentin der Grünen Schweiz
    Yayoi Hitomi, Journalistin und Anti-AKW-Aktivistin aus Fukushima
    Bernd Wallaschek, Kreisvorstand der Grünen Waldshut
    Ilias Panchard, Co-président des Jeunes Vert-e-s Suisse
    Mahnwachende: Leo Scherer, Jurist und Kardele Karavus, JUSO
    Alphornklänge und -Improvisationen von Priska Walss u. a.

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