Und woher kommt das Geld?

Christian Müller © aw

Christian Müller /  »Die Schweiz am Sonntag» hat ein klares Erfolgsrezept: Primeur und Provokation. Auch «vergessen» ist erlaubt.

Die «Sonntagszeitung» zehrt vom alten (guten) Image. Die «NZZ am Sonntag» dreht in Richtung Sonntags-Kaffeetisch-Magazin. Der «SoBli» klempert gekonnt das traditionelle Boulevard-Klavier. Doch die «Schweiz am Sonntag», das jüngste Kind der Sonntagsfamilie, prescht – und punktet. Jeweils ein Thema wird gekonnt im redaktionellen Steamer auf hohe Temperaturen geheizt, nicht zum Schutz der Vitamine allerdings, sondern weil heisse Geschichten eben lieber gegessen werden als kalt gewordene Hot Dogs.

Die heutige Ausgabe (27. Oktober 2013) schenkt ihr Augenmerk beziehungsweise ihre Frontpage und die vollen Seiten 2 und 3 den Bankern und wie sie für einmal zur Schlacht-Bank geführt werden. Die Visualisierung der Story auf Seite 3 ist phänomenal (obwohl da, bezeichnenderweise, ein Print-Produkt der Eye Catcher ist…).

Von besonderem Interesse allerdings ist eine andere Seite: die Seite 21, Rubriktitel «Medien». Eine Geschichte über ein Projekt aus dem eigenen Hause, sozusagen. Da wird nämlich der Papier-Leserin, dem Papier-Leser am Wochenende die digitale Alltagswelt der Zukunft vorgestellt – oder doch schon mal ein Blick gewährt in die Werkstatt, wo an ihr gebastelt wird. Es geht um Watson, eine künftige Konkurrenz-Plattform zu 20min-online. Wörtlich: «Eine digitale Plattform, die Journalismus auf Smartphone-Bildschirmgrösse optimiert und damit um Aufmerksamkeit der ‹Wisch und weg›-Touchscreen-Generation buhlen soll, der nachgesagt wird, die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern zu haben, die ihr Ritalin nicht schlucken.» Aber auch dass da, im Arbeitsraum in Zürich-West, die Kaffeemaschine in Dauerbetrieb ist, kann man da lesen.

»Das 20-Millionen-Franken-Experiment», heisst es da fünfspaltig in (geschätzt) 72-Punkt-Lettern. Und, als Untertitel: «Finanziert von Verleger Peter Wanner soll das Online-Portal ‹Watson› den Journalismus für das mobile Zeitalter neu erfinden». Schön, wenn man sich das leisten kann, ist man geneigt zu denken. Aber stopp, das ist keine karitative Geste, das ist ein Investment in die Zukunft, soll also wieder zu Einnahmen führen, zu Geld!

Und wer zahlt die Journalisten? Vergessen.

Woher aber soll dieses Geld dereinst kommen? Darüber steht in dem Artikel nichts. Vergessen. Vielleicht bleibt es aber auch unerwähnt, weil es zu selbstverständlich ist: aus der Werbung natürlich.

Journalismus, auf Smartphone-Bildschirmgrösse «optimiert», und rein werbefinanziert? Ob ich das wirklich will?

Nein, die Smartphone-Bildschirmgrösse ist nicht mein Problem. Obwohl ich, als durchaus mobiler Mensch (die letzten zehn Tage zum Beispiel gerade in Brüssel, Prag und München), jeweils lieber die Realität beobachte als deren digital verzerrte Abbildung im Zigaretten-Schachtel-Format. Aber die hundertprozentige Werbefinanzierung!

Gestern Samstag hat anlässlich der Parlamentswahlen in Tschechien der Oligarch, Multi-Milliardär und Medien-Mogul Andrej Babis auf Anhieb am zweitmeisten Stimmen erhalten – ohne erkennbares politisches Programm. Er ist – Grillo lässt grüssen – einfach gegen die Politiker, und – Berlusconi lässt grüssen – er besitzt unter anderem die wichtigste Tageszeitung des Landes: Dnes, «heute». Und eine zweite Tageszeitung. Und eine Fernsehstation. Und eine Radiostation.

Die Macht sitzt schon heute zu nahe beim Geld. Auch, weil Journalismus mehr und mehr – und wohl schon bald rein –werbefinanziert ist.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581

Eine Meinung zu

  • am 27.10.2013 um 17:31 Uhr
    Permalink

    "Die Macht sitzt schon heute zu nahe beim Geld. Auch, weil Journalismus mehr und mehr – und wohl schon bald rein –werbefinanziert ist."
    Ja leider…. Nachrichten und PR fliessen ineinander. «Unsre» SDA hat eine Tochterfirma newsaktuell.ch, sie preist ihre Dienste u.a. so an:
    "Wir veröffentlichen Ihre Medienmitteilung.
    Für Ihre Medienmitteilung stellen wir eine grösstmögliche Öffentlichkeit her. Mit dem Originaltextservice (OTS) verbreiten wir Ihre Meldungen in einem Schritt an alle massgeblichen Redaktionen, Nachrichtenportale und Social Media-Netzwerke. Mit unseren E-Mail-Verteilern erreichen Sie zielgenau die passenden Fach- und Regionalmedien."
    Es wird auch für «Undumme» zunehmend schwierig, zu echten Nachrichten zu kommen, und diese von PR zu unterscheiden. – jetzt schon….

    0

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...